Autor Thema: "Einlochgucker"  (Gelesen 23664 mal)

Eckhard F. H. Nowack

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Re: "Einlochgucker"
« Antwort #45 am: März 29, 2012, 22:27:02 Nachmittag »
Zitat
Stellt Euch einmal einen aktuellen, vermeintlich komplett deutschen, anglizismenfreien Text vor. Und dann stellt Euch vor, was Walter von der Volgelweide empfinden würde, wenn er ihn noch lesen könnte.

Daß auch die Sprache sich dem Lauf der Zeit unterwirft, ist unstrittig und überdies nötig. Es ist der zeitliche Rahmen dafür, der nicht paßt.
Gruß - EFH

Gunther Chmela

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Re: "Einlochgucker"
« Antwort #46 am: März 29, 2012, 22:41:39 Nachmittag »
...gewöhnt wie daran, daß man "etwas erinnert", statt aich "an etwas zu erinnern".

Lieber Peter V.,

na ja. So etwas empfinden wir im Süden, wenn wir ein Gefühl für unsere Sprache haben, nicht als Evolution der Sprache, sondern als eine Art Kolonisierungsversuch seitens des Duden. Die transitive Form "etwas erinnern" wird in der süddeutschen Hochsprache als fremder empfunden als so mancher Anglizismus.

Und so etwas lese ich ausgerechnet zusammen mit dem Text Walthers von der Vogelweide, der ja südliches Mittelhochdeutsch geschrieben hat!

Nichts für ungut!

Beste Grüße
Gunther

Peter V.

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Re: "Einlochgucker"
« Antwort #47 am: März 29, 2012, 22:47:42 Nachmittag »
Lieber Herr Chmela,

glauben Sie mir, dieses "Ich erinnere" wird mir sicher in den nächsten zwanzig Jahre nicht über die Lippen kommen, so fremd empfinde ich es persönlich. Nur habe ich mich eben zwangsläufig daran gewöhnt, es häufiger lesen und hören zu müssen und die nächsten Generationen werden die Formulierung - sollte sie nicht zufälligerweise wieder verschwinden - als völlig normal empfinden.

Herzliche Grüße
Peter Voigt


"...und das ist so trotzdem es Mindestlöhne gibt"
Gerade vor einer Minute von einer Spitzenpolitikerin einer großen deutschen Volkspartei bei "Beckmann" so wörtlich geäußert  ;)
« Letzte Änderung: März 29, 2012, 23:00:46 Nachmittag von Peter V. »
Bzgl. Netiquette: Heinrich Lübke, Bundespräsident 1959 - 1969: You can say you to me!
"Die Natur kennt keinen rechten Winkel" (Herbert Knebel)

Gunther Chmela

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Re: "Einlochgucker"
« Antwort #48 am: März 29, 2012, 23:05:20 Nachmittag »
und die nächsten Generationen werden die Formulierung - sollte sie nicht zufälligerweise wieder verschwinden - als völlig normal empfinden.

Lieber Herr Voigt,

sag ich doch: Kolonisierung. Im übrigen, der Alleinvertretungsanspruch des Duden existiert längst nicht mehr. Wenn es interessiert, es gibt auch Wörterbücher wie z.B. ICKLER, "Normale deutsche Rechtschreibung" und MACKENSEN, "Deutsches Wörterbuch". (Nein, ich bekomme keine Provision.)

Lächelnde Grüße!
Gunther Chmela

Gunther Chmela

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Re: "Einlochgucker"
« Antwort #49 am: März 29, 2012, 23:15:13 Nachmittag »
"...und das ist so trotzdem es Mindestlöhne gibt"
Gerade vor einer Minute von einer Spitzenpolitikerin einer großen deutschen Volkspartei bei "Beckmann" so wörtlich geäußert  ;)

Ja, da muß ich ja sofort noch einmal in die Tasten greifen! Was erwarten Sie denn sprachlich von Spitzenpolitikern? Zu Papa Heuss' Zeiten konnte man das vielleicht noch... etwas erwarten, meine ich.

Jetzt nicht mehr lächelnd - eher abwinkend.

Gunther Chmela

TPL

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Re: "Einlochgucker"
« Antwort #50 am: März 29, 2012, 23:56:04 Nachmittag »
Lieber Timm,
es war ein langer Tag und ich habe kaum lesen können, was inzwischen alles in diesem Beitrag hinzugekommen ist. Mein Eindruck ist, dass zu diesem Thema v.a. diejenigen schreiben, denen zumindest meine Kritik / Sorge / Verärgerung gar nicht gilt: Menschen nämlich, denen ihre Sprache keineswegs egal ist!

Zitat
Ein Tonnentierchen darf man Coleps nennen, rückenseitig selbstverständlich dorsal. Aber E-Mail ist ein Problem!
Nicht für mich. Für mich liegt das Problem nicht in diesem Wort, dass ich nahezu täglich verwende, sondern in der fehlenden Bereitschaft derjenigen, die es zum richtigen Zeitpunkt (vor rund 30 Jahren) in unsere Sprache hätten übertagen können. Das schaffen jetzt weder Du, noch ich, noch das gesamte Mikroforum (mal angenommen, es wollte), und das ist jetzt auch nur ein Ausdruck meines "Problems". Der Zug isch naus - die Kapp' is scho verschnidde ;)

Zitat
Aus meiner Sicht bemerkenswert ist, dass über den Anglizismus „Sinn machen” praktisch niemand meckert, er tönt halt deutsch, das reicht.
Aber gerne doch: mecker!
Diese Formulierung ist zwar inzwischen weit verbreitet, aber mir dreht sich dabei - wie übrigens auch bei der Wendung „das meint” (auf deutsch: das bedeutet, das heißt) - jedesmal der Magen um. Beides sind "Falsche Freunde", also ähnlich klingende Worte, die aber andere Bedeutungen haben, als in der Sprache, aus der sie übertragen wurden. Das wären in vielen Fällen nur linguistische Spitzfindigkeiten (manche falschen Freunde sind wirklich zum Piepen!), aber hier ist die Sache etwas subtiler: in beiden Fällen („Sinn machen”, „das meint”) wird die Fähigkeit und die Verantwortung zur Deutung vom Menschen auf eine Sache (das Problem, dessen Lösung, ein Produkt, Prozesse, etc.) übertragen.

Irgendetwas "macht" eben keinen Sinn. Es hat, oder es bekommt ihn, weil ich oder jemand anderes ihm diesen Sinn zuweisen. Das ist ein bewusster intellektueller Akt, für den es einen Zuständigen gibt. Ganz im Sinne dessen, was Klaus Wagner hier holzschnittartig vorgeführt hat: wer für nichts verantwortlich sein will, der versucht, die Deutung der Sachen, von denen er spricht, von sich zu weisen - und notfalls sogar den Sachen selbst überzuhelfen. Das macht doch Sinn, oder ???

Fröhlich-meckernde Grüße
Thomas

 
« Letzte Änderung: März 30, 2012, 00:06:57 Vormittag von TPL »

Safari

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Re: "Einlochgucker"
« Antwort #51 am: März 30, 2012, 23:18:17 Nachmittag »
Solche Überlegungen sind schön und theoretisch. Ich denk da einfach an unsere wöchentliche Telefonkonferenz. In der Firma jetzt aktuell mit Rumänien, Singapur (wobei die Abteilung vor einiger Zeit erst von den Manila nach Singapur verlegt wurde) und Deutschland, wobei von den 4 Leuten 2 Deutsche und 2 Chinesen sind. Sprache bei der Konferenz ist natürlich englisch.

Was würde ich mich freuen, hätten wir so geringe Sprachprobleme.

Grüße Safari

Intelligenz ist das am gerechtesten verteilte Gut - jeder glaubt, genügend davon zu besitzen!