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Die Mikrofibel von Klaus Henkel
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Autor Thema: Das Leitz Universalmikroskop nach Scheffer (Mikroskopiker stellen ihr Mikr. vor)  (Gelesen 4366 mal)
ortholux
Member

Beiträge: 948



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« am: August 19, 2013, 16:30:37 »

Das Universalmikroskop nach Scheffer

Im 1914 schlug der Berliner Mediziner Prof. Wilhelm Scheffer das erste modulare Mikroskopsystem vor. Die technische Umsetzung der Ideen Scheffers in einem Versuchsexemplar erfolgte bei Leitz durch den Werkmeister der mineralogischen Abteilung Paul Weilinger, der bei Zeiss in Jena seine Ausbildung absolvierte. Hermann Heine, der später durch den Ultropak und den, nach ihm benannten Kondensor, von sich reden machen sollte, entwickelte dann die Schnittstellen zum Austausch der Komponenten und die Serienreife dieses Instruments. Im Februar 1919 erfolgte die Beschreibung und Vorstellung des Universalmikroskops in der "Zeitschrift für wissenschafliche Mikroskopie und mikroskopische Technik".



Universalmikroskop 1919 und 1926

"Es soll auf Grund aller zugänglichen theoretischen und praktischen Erfahrungen aus den verschiedenen Gebieten der Mikroskopie ein möglichst vollkommenes Universalmikroskop gebaut werden, mit dem alle zur Zeit bekannten Untersuchungsmethoden leicht und bequem ausführbar sind und bei dem die notwendige Auswechslung gewisser Teile rasch und sicher und mit wenigen Handgriffen geschieht. Das Untersuchungsobjekt soll bei all diesen Handgriffen vollkommen unberührt bleiben und sie sollen alle ohne Neigung des Mikroskopes und ohne Berührung des Spiegels in jeder beliebigen Stellung des Instrumentes möglich sein."




Universalmikroskop ca. 1934

Ob jemals ein noch größeres Hufeisenstativ hergestellt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis, das Universalmikroskop ist aber sicher das größte und schwerste Leitz'sche Hufeisenstativ der 30er Jahre. Mit 9,6 Kg Gewicht und 26 cm Schulterhöhe überragt es das große "B"-Stativ deutlich.



Um die oben beschriebene Universalität zu erreichen, waren sämtliche Baugruppen voneinander lösbar und gegen diejenigen, die der jeweiligen Anforderung entsprachen, austauschbar.



Zunächst waren 4 Tuben vorgesehen:
„Ein Tubus für allgemeine Arbeiten einschließlich der meisten Untersuchungen in polarisirtem Licht“
„Als zweiter Tubus kommt das binokulare Mikroskop in Betracht“
(nach Jentzsch)
„Ein weiterer Tubus dient in gleicherweise für gewöhnliche mikroskopische Arbeiten. Er hat die übliche Gestalt des weiten mikrophotographischen Tubus. Seitlich ist an ihm eine Schiene befestigt, an der Spiegel, durchsichtige Planparallelplatten, Beleuchtungslinsen und sonstige Einrichtungen für die Beleuchtung in auffallen dem Lichte bei der Mikrophotographie mit kurzbrennweitigen photographischen Objektiven befestigt werden können.“



„Als vierter Tubus kommt der … des großen Polarisationsmikroskopes CM in Frage.“

Durch die Entwicklung von Panphot und Ortholux standen in den 30er Jahren ungleich mehr Komponenten zur Verfügung.



„Der Mikroskoptubus ist nun nicht, wie das bisher üblich war, fest mit der Zahnstange der Triebbewegung verbunden. Er ist mit Hilfe eines, zwischen die Triebstange und den Tubus eingeschalteten Schwalbenschwanzstückes auswechselbar. Dies Zwischenstück hat eine ungefähr 85 mm lange sehr genau gearbeitete Führung, so daß die Tuben mit einer reichlich genügenden Genauigkeit immer wieder in die richtige Lage kommen.“

Die hier beschriebene Führung sollte sich zusammen mit der Führung der Kondensoraufnahme die nächsten 50 Jahre behaupten. Sie kam zunächst beim Panphot und später beim Ortholux zum Einsatz.



Beim Universalmikroskop der 30er Jahre ist es sogar möglich, den kompletten Triebkasten abzunehmen, um ihn z.B. an ein Galgenstativ zu montieren.



Durch zwei Schwalbenschwänze am Binotubus kann dieser nach vorn oder hinten orientiert eingesetzt werden.



„Die Bereicherung der Wahrnehmung ist eine ganz erhebliche. Jede der möglichen Formen und Zusammenstellungen des Universalmikroskopes ist einem entsprechenden Spezialinstrument mindestens unbedingt gleichwertig, meist erheblich überlegen.“

Nach ca. 20 Jahren Bauzeit in verschiedenen Generationen findet sich das Universalmikroskop im Katalog von 1938 zum letzten Mal. Inzwischen gibt es MBLM (1932), Panphot (1933) und Ortholux (1937), welche eine eingebaute Beleuchtung und noch mehr Standfestigkeit vorzuweisen hatten.

Viele Spaß und viele Grüße
Wolfgang
« Letzte Änderung: August 26, 2013, 16:45:33 von ortholux » Gespeichert

wilfried48
Member

Beiträge: 1975



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« Antworten #1 am: August 19, 2013, 17:47:30 »

Lieber Wolfgang,

ein wunderschönes  Leitz Systemmikroskop wunderbar dargestellt   Smiley Smiley Smiley

viele Grüsse
Wilfried

Gespeichert

vorzugsweise per Du

Hobbymikroskope:
Zeiss Photomikroskop II, AL, DL, HD, Pol, Ph, DIC
Zeiss Inversm. IM35, DL, Ph, Pol, EPI-Fl
Zeiss Stemi 2000 C
Zeiss Reisem. Standard Junior Aufrecht u. Invers, DL, HD, Ph, Pol

Vorst. Wilfried48
http://www.mikroskopie-fo...um.de/index.php?topic=107.
TPL
Member

Beiträge: 2294



« Antworten #2 am: August 19, 2013, 21:03:29 »

Lieber Wolfgang,

danke für Deinen schönen Beitrag zu diesem technischen und ästhetischen Sahnestück! Das ist ein echtes Glanzlicht der Mikroskop-Entwicklung und in seiner Kombination aus "altem" Stativ und neuem Systemgedanken / Modularität sicher etwas ganz Besonderes. Besonders gefreut hat mich natürlich, dass nicht nur an die Pol-Tuben gedacht wurde, sondern sogar ein Auflicht-Opak vorgesehen war.

Die Bauzeit dieses augesprochen gut aussehenden Stativs fiel ja in eine Zeit, in der sich in manchen deutschen Kleinstädten die Nobelpreisträger regelrecht tummelten und auch neben diesen schillernden Koryphäen ein ausgesprochen belebtes geistig-technisch-wissenschaftliches Leben brodelte. Ich möchte sicher nicht ausschließen, dass die andere große deutsche Mikroskop-Firma in dieser Zeit ausgezeichnete Geräte auf den Markt brachte, aber zumindest in dem mir nahe liegenden Bereich der Auflicht-Polarisationsmikroskopie war Leitz – dank der kongenialen Verbindung zwischen Hans Schneiderhöhn und Max Berek – klarer Vorreiter in Sachen instrumenteller Entwicklung und deren wissenschaftlicher Begründung.

"Auflicht-Polarisationsmikroskopie"? Das liest sich (wahrscheinlich damals wie heute) wie ein Orchideenfach. Tatsache ist aber, das diese eher exotische Richtung der Mikroskopie dazu geführt hat, dass mithilfe eben dieser Instrumente einerseits wesentlich zielgerichteter mineralische Rohstoffe aufgesucht werden konnten und andererseits deren Aufbereitung/Veredlung deutlich wirtschaftlicherund auch weniger belastend betrieben werden konnte. In heutiger (Gutmenschen-) Sprache nennt man das "wissensbasierte Förderung einer nachhaltigen Rohstoffwirtschaft" Zwinkernd. Letztlich basieren darauf so selbsverständlich klingende Dinge wie Rohstoffversorgung, Investitionssicherheit und ... Wohlstand.

Was mich noch interessieren würde, wäre der damalige Preis eines einigermaßen vollständig ausgestattetten Mikroskops dieses Typs in Relation zu seinerzeit üblichen anderen Forschungsgeräten, Löhnen und Konsumgütern.

Herzliche Grüße
Thomas
« Letzte Änderung: August 19, 2013, 21:05:04 von TPL » Gespeichert
olaf.med
Member

Beiträge: 1436



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« Antworten #3 am: August 20, 2013, 14:27:23 »

Lieber Wolfgang,

herzlichen Dank für die ausführliche Darstellung dieses sehr beeindruckenden Mikroskops. Natürlich kennen und respektieren wir alle Deine Vorliebe für "Schwarz/Weiß", aber ich möchte hier auch ein Bild des ursprünglichen Scheffer Universalmikroskops in der mineralogischen Variante zeigen. Es handelt sich um das Stativ mit der Nummer 198230; es wurde am 17.04.1923 ausgeliefert. Besonders eindrucksvoll ist der große, schwere Tisch mit dem innenliegenden und dadurch staubgeschützten Kreuztisch.



Herzliche Grüße,

Olaf
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ortholux
Member

Beiträge: 948



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« Antworten #4 am: August 20, 2013, 16:10:44 »

Lieber Olaf,

ich hatte gehofft, daß Du Deins für diesen Beitrag "rausrücken" wirst. Ich war mir nur nicht mehr sicher, ob Du die erste Generation hast.
Das ergänzt den Beitrag hervorragend, zumal meine oberste Abbildung nicht von solch hoher Qualität ist.
Vielen Dank.

Interessant ist, daß dieser Dreh-/Kreuztisch in den 60er Jahren beim MM5 wieder aufgetaucht ist.



Und für Dich lieber Thomas noch was fürs Auge. Ein petrographisch ausgestattetes Universalmikroskop.



Schon beeindruckend, wie handlich der Integrationstisch auf diesem Stativ wirkt.

Im Katalog von 1938 kostete das "unmic" 516 $ (Binotubus, Kreuztisch, Kondensor, keine Objektive)
Poltubus: 176 $
Auflicht-Illuminator: 60 $
Drehtisch: 60 $

http://www.measuringworth.com/ppowerus/ gibt für 516 $ (1938) $8,410.00 (2013, je nach Betrachtungsweise und Maßstab) aus. Also 6263 €.

Viele Grüße
Wolfgang

« Letzte Änderung: August 20, 2013, 17:22:53 von ortholux » Gespeichert

ortholux
Member

Beiträge: 948



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« Antworten #5 am: August 26, 2013, 16:49:52 »

Nachtrag.

Ich habe noch eine Information gefunden, die vielleicht nicht uninteressant ist, nämlich daß Hermann Heine maßgeblich an der Entwicklung des Serienprodukts beteiligt war, und daß der Vorschlag von Prof. Scheffer schon 5 Jahre früher als zunächst angegeben kam.

Den ersten Abschnitt habe ich entsprechend korrigiert.

Viele Grüße
Wolfgang
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Holger Adelmann
Member

Beiträge: 1368



« Antworten #6 am: August 26, 2013, 16:57:13 »

Das ist wieder ein wunderbarer Beitrag von Dir, Wolfgang.
Herzlichen Dank fürs Zeigen & Erläutern!
LG
Holger
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Carl Kellner
Member

Beiträge: 2


« Antworten #7 am: Oktober 22, 2013, 13:45:11 »

Hier ein schöner und fast kompletter Zubehörkasten für das UNMIC, den ich einmal besessen habe:



Grüsse Jochen
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ortholux
Member

Beiträge: 948



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« Antworten #8 am: Oktober 22, 2013, 19:02:04 »

Hi Jochen,

kann es sein, daß dieser Kasten inzwischen in Amerika weilt?
Auch wenn's Messing ist - ganz schön imposant.

Herzlich willkommen, übrigens.

Wolfgang
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Carl Kellner
Member

Beiträge: 2


« Antworten #9 am: Oktober 22, 2013, 21:08:56 »

Hallo Wolfgang,

ja, der Kasten ist jetzt in besten Händen in Amerika und vor allem beim passenden Mikroskop.
Er war für meine Sammlung ja auch deutlich zu modern :-)

Grüsse Jochen
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