Liebe Forengemeinde,
Wenn man sich die Mikroskopangebote bei ebay anschaut, stellt sich sicher Vielen die Frage „Alles Müller oder was?“. Grund genug, einmal die hier schon mehrfach erwähnten „Müller“-Mikroskope - stellvertretend für den Bereich der China-Importmikroskope - unter die Lupe zu nehmen und sich einen Überblick zu verschaffen, was der „China-Markt“ derzeit hergibt und wie es um das Preis-Leistungs-Verhältnis dieser Mikroskope bestellt ist.
Vorweg: Die Firma Müller war so freundlich, mir auf Anfrage drei trinokulare Mikroskope zu Vergleichszwecken zur Verfügung zu stellen: Zwei Mikroskope mit 160 mm- Endlichoptik, das
Biosphere-T für 299 EUR und das Biolab-T für 399 EUR sowie ein MN300-T mit Unendlichoptik für 849 EUR. Geliefert wurden die drei Mikroskope in ungeöffneter Originalverpackung.

Ich möchte meine Testreihe mit dem preislich „mittleren“ Modell, dem Biolab-T für 399,00 beginnen, denn es hat meines Erachtens das beste Preis-Leistungs-Verhältnis.

Lieferumfang und Zusammenbau:
Zum Lieferumfang des Biolab-T gehören neben dem Mikroskop mit Trinotubus
- 4 Achromate 4, 10, 40 und 100
- 1 Okularpaar WF 10 x
- 1 Okularpaar WF 20 x
- 1 Filtersatz blau, grün und gelb
- 1 Flasche Immersionsöl
- 1 Adapter „Eyepiece linker“
- 1 Adapter „ CCD linker“
- 1 Bedienungsanleitung in deutscher Sprache
Für jemanden, der schon einmal ein Mikroskop gesehen hat, gestaltet sich der Zusammenbau der Komponenten problemlos. Die Bedienungsanleitung ist sehr kurz gehalten, Hinweise zum Köhlern bzw. detailliertere Darstellungen zur Einstellung eines Mikroskopes finden sich nicht ( habe ich auch nicht erwartet ). Allerdings ist auch die Frage zu stellen, wie ausführlich eine solche Anleitung überhaupt sein sollte, denn einem Neufahrzeug liegt ja auch keine Beschreibung bei, wie man Auto fährt – das wird vorausgesetzt und das muss man eben in der Fahrschule lernen.
Das Mikroskopstativ:
Aufgrund des mir anfänglich etwas gewöhnungsbedürftig erscheinenden Designs mit dem „herzförmigen“ Gerätefuß sowie den Abbildungen im Internet hatte ich zunächst kein sonderlich „professionelles“ Gerät erwartet ( um es einmal vorsichtig auszudrücken ). Umso überraschter war ich, als nach dem Zusammenbau ein recht solides, „großes“ schweres, absolut standfestes und „wertig“ wirkendes – nahezu vollständig aus Metall gefertigtes – Mikroskop vor mir stand, an dem nichts wackelt und das auch insgesamt durchaus ansehnlich ist. Mit einem Gewicht von satten 6,6 kg ist es exakt so schwer wie ein voll bestücktes Zeiss Standard 16 mit 5-fach-Revolver Optovar! Am Stativ selbst ist lediglich der Geräteboden ( nicht der Fuß! ) aus Kunststoff, dieser Kunststoff ist aber durchaus hochwertig.
Ausgestattet ist das Mikroskop mit einer für die meisten Anwendungen ausreichenden 20 Watt-Halogenbeleuchtung, der Ein/Ausschalter befindet sich auf der Rückseite des Fußes, an der rechten Seite gut erreichbar das Drehpoti für den Dimmer. Im Gerätefuß findet sich eine gut bedienbare Leuchtfeldblende. Die Kondensorführung ist sehr exakt und ganz aus Metall gefertigt und besitzt einen verstellbaren Höhenanschlag, die Höhenverstellung über den großen Triebknopf funktioniert problemlos ohne Spiel. Der Kondensor ist zentrierbar und verfügt über eine gut laufende Aperturblende und einen etwas fragil wirkenden Kunststoff-Filterhalter ( der aber auch bei teureren Mikroskopen oft nicht viel solider ausgelegt ist ).
In geringen Maße findet man auch hier das Phänomen ( das ich aber auch schon bei China-Mikroskopen in der 1000 EUR-Klasse gesehen habe, z.B. bei den VWR-Mikroskopen ), nämlich eine gewisse „Erschütterungsempfindlichkeit“ des Kondensors, sodass das Bild beim Verstellen der Aperturblende leicht „zittert“. Das stört aber auch nur, wenn man eben „Besseres“ gewohnt ist, und für diese Mikroskopklasse ist das „Zittern“ sogar noch recht gering. Es stört aber nicht wirklich und fällt dem unvoreingenommenen Benutzer vermutlich gar nicht störend auf.
Der Kreuztisch lässt sich über die etwas zu „schlank“ geratenen tiefliegenden koaxialen Triebknöpfe gut bewegen und läuft angenehm, ebenso die Objektklammer.
Grob- und Feintrieb funktionieren tadellos, am linken Triebknopf ist eine Tischhöhenarretierung einstellbar, rechts lässt sich die Gängigkeit des Grobtriebes einstellen ( beides auch keine Selbstverständlichkeit in diesem Preissegment ).
Der wertig wirkende 4-fach-Revolver rastet satt ein, hier gibt es nichts auszusetzen.
Insgesamt sind Mechanik und Verarbeitung wirklich gut, lediglich an manchen Stellen merkt man dann doch, dass man sich nicht auf „Zeiss-Niveau“ bewegt. So weisen viele Schrauben in ihren Gewinden Spiel auf ( z.B. Fixierungsschraube für den Bino, Kondensorzentrierung ) und laufen etwas hakelig , ein Zwischenring zwischen dem eigentlichen Kondensor und der Kondensorhalterung – ein Drehteil aus Alu – würde nicht gerade als Meisterstück eines schwäbischen Zerspanungsmechanikers durchgehen. Hier hätte es nicht geschadet, den Drehkörper noch einmal mit einem feinen Schmirgelpapier zu entgraten. Allerdings sind das Mängel, die sich im täglichen Umgang nicht auswirken und mit denen man bei einem Gerät dieser Preisklasse auch leben kann und wohl muß.


Bild1: Größenvergleich mit einem Zeiss KF2 Standard
Das Binokular mit der einseitigen Dioptrienverstellung weist ebenfalls keine Schwächen auf.
Die optische Ausstattung:
Hierzu gehören zwei 10-fach Okulare mit einer SFZ von ungefähr 18 sowie zwei 20-fach Okulare.
Die 4 Achromate liefern ein knackiges, kontrastreiches und annähernd ebenes Bild ( das 100er-Objektiv wurde nicht getestet ).
Das 40er-Objektiv wurde gegen einen „schwarzen“ Achromaten der der letzten Baureihe von Zeiss getestet und kann mit diesem meines Erachtens locker mithalten, mein subjektiver Eindruck ist sogar, dass er ein insgesamt „besseres“, knackigeres Bild liefert als der Zeiss-Achromat! Die Bildfeldebnung weist keinen erkennbaren Unterschied zum Zeiss-Achromaten auf.


Bezüglich der technischen Parameter ( RMS, 160 mm-Tubuslänge ) besteht natürlich volle Kompatibilität zum den entsprechenden Serien der großen Hersteller.
Der Fototubus verfügt über eine umschaltbare Strahlenteilung 100 : 0 und ( wohl ) 30 : 70 , sodass Fotos auch bei gleichzeitiger Boebachtung duuch die Okulare des Binos aufgenommen werden können ( ein ganz großer Vorteil gegenüber den nur alternativ umschaltbaren Tuben ). Der Fotoausgang verfügt über einen Adapter mit Höhenverstellung zur Einstellung der Parfokalität, welche mit meiner Coolpix und dem 10x Periplan auch auf Anhieb gelingt. ( So schnell habe ich noch an keinem Mikroskop das Kamerabild parfokal bekommen! )
Leider gibt es hier ( noch ) einen kleinen Wermutstropfen: Das Sehfeld durch den Fototubus ist merklich kleiner als durch das Binokular und führt mit üblichen Okularkameras oder CCD-Kameras zu einer deutlichen Vignettierung, die sich nur durch erhebliches Zoomen vollständig beseitigen lässt und nur einen Teil des Bildes, das man im Binokular sieht, darstellt. Ursächlich hierfür ist ( glücklicherweise nur ) eine im Durchmesser zu geringe Bohrung des höhenverstellbaren Adapters mit dem Okularanschluß. Der „fehlerhafte“ Adapter lässt sich einfach vom Tubuskopf abschrauben und müsste ggf. in einer Metallwerkstatt aufgebohrt werden ( was in jeder Metallwerkstatt mit Standbohrmaschine technisch eigentlich einfach zu bewerkstelligen ist und nur ein paar EUR kosten dürfte. )
Warum dieses Zwischenstrück so konstruiert wurde, ist mir nicht ganz klar, jedenfalls scheint sie durchaus beabsichtigt als eine Art „Blende“ eingebracht zu sein. Möglicherweise, um bei inhomogener Beleuchtung einfach den Rand auszublenden, nach dem Motto „Was man nicht sieht, ist auch nicht da! ;-) )
Ich habe den Adapter einmal aufbohren lassen und damit das gleiche Sehfeld wie im Bino erreichen können, allerdings zeigt sich dann auch eine deutliche inhomogene Ausleuchtung bei niedrig vergrößerndes Objektiven wie dem 4-fach-Objektiv. Aber solche Probleme kenne ich durchaus auch von älteren Markenmikroskopen wie dem Zeiss KF2.
Das Problem des zu „engen“ Fotoausgangs ist bei Müller bekannt ( auch durch bereits schon erfolgten Hinweis von Wilfried Nisch ) und soll mit der nächsten Serie abgestellt werden. Dieser „Mangel“ sollte allerdings nicht unbedingt ein Kaufhindernis sein, denn er ist grundsätzlich behebbar.

Fotos mit den Achromaten 4, 10 und 40-fach durch den „aufgebohrten“ Fototubus:

4x-Achromat ( hier noch mit deutlich erkennbarer inhomogener Beleuchtung )

10x-Achromat

40x-Achromat
Was noch auffiel:
Nach längerem Betrieb wird der Fuß recht warm ( beim Mikroskopieren im Winter ein sicher angenehmer Nebeneffekt ;-) Das stört aber nicht wirklich.
Seltsamerweise wurde oberhalb der Leuchtfeldblende noch ein Mattfilter angebracht, sodaß der Leuchtfeldblendenrand nicht exakt scharf abgebildet werden kann ( was der reinen Lehre des Köhlerns natürlich widerspricht ), sich aber im praktsichen mikroskopischen Leben nicht negativ auswirkt ( auch mit „Nelson“ kann man hervoragend mikroskopieren, wenn es nicht darum geht, dass Allerletzte aus einen Planapo an der Diatomee herauszuolen ).
Zu klären sind noch Fragen der Aufrüstbarkeit ( ein von Müller derzeit lieferbares Universal-Phasenkontrast-Set war mit Kunstgriffen gerade verwendbar, aber noch nicht „optimal“. )
Zusammenfassung:
Natürlich immer unter Berücksichtigung des Preises: das Müller Biolab-T ist ein gelungenes, auch vom „feeling“ her echtes einfaches Labormikroskop ohne wesentliche Schwächen mit einem für meine Begriffe sehr guten Preis-Leistungs-Verhältnis. Ich habe an dem Mikroskop - abgesehen von dem zu engen Adapter am Fotoausgang - kaum etwas gefunden, was mich wirklich stört und es mangelt an fast nichts. Von der Leistungsfähigekt entspricht es etwa einem Markenmikroskop der Klasse Zeiss KF2. Es eignet sich sowohl für den absoluten Anfänger und dürfte den Hobbymikroskopiker noch eine ganze Weile zufrieden stellen, ebenso ist es für einfach Routineaufgaben im Labor ( z.B. Arztpraxis etc. ) geeignet.
Ich war von diesem Gerät – insbesondere unter Berücksichtigung des Preises – begeistert und kann es durchaus zum Kauf empfehlen. Man bedenke, dass ein Novex-B mit ähnlicher Ausstattung im Schnitt 645 EUR kostet,
Ich jedenfalls würde mir das Biolab-T kaufen, wenn ich ein neues Mikroskop in dieser Preisklasse suchen würde.
Noch etwas:
Zwischen dem nur 100 EUR preiswerteren Biosphere-T und dem Biolab-T liegen Dimensionen! Wer nur ansatzweise mit dem Gedanken spielt, das Biosphere T ( zweifelsohne auch kein schlechtes Mikroskop, Test folgt ) zu erwerben, sollte dennoch lieber weitere 100 EUR sparen und sich das deutlich professionellere Biotab-T zulegen.
Das Modell Biolab gibt es zudem noch in den Versionen M ( Monotubus ), I ( Inversmikroskop ) und DN mit eingebauter Digitalkamera, wobei vermutlich für die Mehrzahl der Mikroskopiker die von mir getestete T-Variante mit Trinotubus die Intressanteste sein dürfte.
Ich denke, dass wir langsam aber sicher davon abkommen müssen, China-Importgeräte generell als „Billigschund“ abzutun. Wie in so vielen Bereichen haben die Chinesen gelernt und produzieren zunehmend auf verschiedenen Sektoren Geräte, die sich dem gewohnten europäischen Standard zumindest nähern, nur erheblich preiswerter. Sie können durchaus eine akzeptable Alternative zu den recht teuren „etablierten“ Marken sein. Sicherhlich hat ein schönes, gebrauchtes Zeiss Standard seine Reize und ist mechanisch einfach sauberer gefertigt, und ob ein China-Mikroskop ein Gerät „für’s Leben“ ist wie beispielsweise ein altes Zeiss, weiss ich nicht. Auch gibt es noch einige leichte konstruktive und mechanische Schwächen – aber: man bedenke immer den Preis!
Wer auf jeden Fall ein Neugerät möchte und nicht mehr investieren kann oder will, ist mit dem von mir vorgestellten Mikroskop sicher nicht schlecht bedient.
Das Mikroskop wurde mir freundlicherweise von Müller zur Verfügung gestellt, es gehört mir nicht. Ich habe es insofern sorgsam behandelt und jedweden „Belastungstest“ unterlassen, sodass ich keine Aussagen über die „Langzeitstabilität“ machen kann. Auch kann ich natürlich nicht sagen, ob es Qualitätsschwankungen innerhalb einer Serie ( z.B. bei der optischen Qualität der Objektive ) gibt. Das nur zu meiner „Entlastung“ falls es doch einmal Klagen gibt ;-)
Allerdings hat man bei einem Internetkauf ja Rückgaberecht und Garantie / Gewährleistung besteht ja ohnehin.
Alle Mikrootos wurden unbearbeitet gepostet ( außer der leider notwendigen deutlichen Verkleinerung und JPG-Kompression, da sonst die Ladezeit unerträglich lang geworden wäre. Keine Änderung des Farben, Tonwerte, Helligkeit/ Kontrast etc. ). Bearbeitet wären sie natürlich "schöner"!
Bitte betrachtet diesen "Test" als das, was er ist: Ein Erfahrungsbericht, kein professioneller Test a la "Stiftung Warentest". Vielleicht ist er dennoch für den Einen oder Anderen interessant.
( Auch, wenn generell die Empfehlung für Hobbymikroskopiker eher zum Kauf gebrauchter Markengeräte geht, gibt es ja doch nicht wenige, die sich explizit nur für ein "neues" Mikroskop interessieren. )
Herzliche Grüße
Peter