hallo zusammen,
Anlässlich der Bemerkung von Regi hier in Angies Beitrag:
https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=15110.0
ZitatWäre ja irre wenn die bei den Minusgraden so aktiv sind.
eine kleine Randnotiz dazu:
seit ca. 14 Tagen untersuche ich einige Proben aus der Antarktis auf Rädertiere. Als Beifang finde in einer der Proben jede Menge Bärtierchen, wobei ich keine Ahnung von diesen Viechern habe.
hier zwei Aufnahmen vom selben Tier in versch. Fokusebenen:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/116534_29407249.jpg)
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/116534_64846530.jpg)
Die Proben werden bei Temperaturen um den Gefrierpunkt gelagert, was bei den aktuellen klimatischen Verhältnissen kein Problem ist, indem ich sie einfach draußen im Schnee lagere. Selbst wenn in der Flüssigkeit der Probe Eisstückchen sind, ist die Bewegungsaktivität der Viecher sehr hoch. Ich bin mir ziemlich sicher, dass man einheimische Bärtierchen auch jetzt in Moosproben innerhalb von Stunden aus ihrer Kryobiose "aufwecken" kann.
Obwohl diese Viecher genau wie einheimische Tardigraden mit Stilett und Saugpharynx zum Aussaugen von Algenzellen ausgestattett sind, ist mir nicht klar, was sie eigentlich fressen: in der Probe gibt es nämlich keine Algen.
beste Grüße Michael Plewka
Hallo estmal,
meine Güte! Das ist Auflösung auf höchsten Niveau.
Das Tierchen ist ja total nackt! Man sieht ALLES :-)
Gruß
Wolfgang
"Mein Güte" ist wohl der richtige Ausruf des Erstaunens.
zum eine ob der Bilderqualität - zum anderen, wie kommt ein Normalsterblicher zu solchen Proben aus der Ant-Arktis ???? ??? ???
edit: ausgebessert auf Antarktis
Hallo,
fantastische Bilder von einem faszinierenden Tierchen.
Das die solche Überlebenskünstler sind und sogar in der Arktis heimisch sind, kann man fast nicht glauben, wenn sie sich so unbeholfen unter dem Mikroskop bewegen.
ZitatObwohl diese Viecher genau wie einheimische Tardigraden mit Stilett und Saugpharynx zum Aussaugen von Algenzellen ausgestattett sind, ist mir nich klar, was sie eigentlich fressen: in der Probe gibt es nämlich keine Algen.
Könnte es nicht sein, dass sie mit dem selben Werkzeug z.B. deine Rädertierchen aussaugen ? ???
Viele Grüße,
Johannes
Hallo Herr Plewka,
auch ich bin fasziniert: sowohl von der Qualität der Bilder, als auch von der faszinierenden Fauna der Antarktis. Offen bleibt die Charaktrisierung:
Zitateinige Proben aus der Antarktis
Das ist ja nicht so spezifisch. Die Antarktis ist ein Kontinent mit einer riesigen Ausdehnung und v.a einer enormen Vielfalt an (teilweise exotischen, teilweise eher banalen) Biotopen. Woher also?
Interessiert,
Thomas (TPL)
hallo zusammen,
vielen Dank für das Interesse und die sich daraus ergebenden interessanten Fragen, die ich leider nur zum Teil beantworten kann.
Da ich mich schon seit einiger Zeit mit Rädertieren befasse, ergeben sich auch Kontakte zu denjenigen, die sich professionell mit den Viechern beschäftigen. So passiert es hin und wieder, dass Anfragen kommen, ob ich denn das eine oder andere Rädertier bereits fotografiert habe oder aber aus Proben fotografieren könne. So kam es auch in diesem Fall zu dem Auftrag aus Russland, wobei, seit ich die Proben bekommen habe, der Kontakt leider abgerissen ist (Wetter?) Somit stehe ich, was den Fundort angeht, auch vor einem Rätsel. Sobald ich mehr weiß, werde ich die Info weitergeben.
Entscheidend für diesen Beitrag hier ist jedoch, dass, obwohl die Antarktis groß ist,
1. z.Zt. dort Sommer ist, was für die Probenentnahme entscheidend ist.
2.im antarktischen Winter in jeder Region Temperaturen unter dem Gefrierpunkt herrschen, was für die Kryobiose der Tardigraden den Ausschlag gibt.
(in einer Moosprobe, die ich hier vorgestern von einer Buche genommen und aufgetaut habe, tummeln sich mittlerweile auch einige Tardigraden)
Eine solche Kryobiose ist übrigens für Rädertiere ebenfalls nachgewiesen. Ich selbst hatte dazu mal vor längerer Zeit ein Beispiel gezeigt.
http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=317.0
Ob die Tardigraden in diesem (antarktischen) Biotop Rotatorien fressen, kann ich weder widerlegen noch bestätigen.
Fakt ist, dass die Besiedlungsdichte der Tardigraden in der Probe deutlich höher ist als die der Rotatorien (Zahlenverhältnis: "gefühlte" 5:1)
Hierbei muss man sich die absolute Besiedlungsdichte der Organismen in den Proben vor Augen halten: Ein Präparat ist hier wahrscheinlich wie die Antarktis selbst: eine biologische Wüste: außer den Feinsedimenten der Proben (im Wasserkörper befindet sich nichts) findet man in der üblichen Portion für ein Deckglas von 20x20mm mit etwas Glück in zwei Präparaten 1 Rädertier. Die Suche danach dauert dann schon mal eine halbe Stunde (eine Durchmusterung größerer Wassermengen in einer Petri- oder Uhrglasschale scheitert an der Schichtdicke und der Tatsache, dass sich die Rädertiere an den Sedimentpartikeln regelrecht "verstecken"). Ein extrem mühseliges und langweiliges Geschäft. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass ich gefragt worden bin, das zu machen....
Die Wahrscheinlichkeit für eine Begegnung von Rädertier und Bärtier ist also statistisch gesehen extrem gering.
Noch was zum Zweck der Untersuchung:
Bei den Bewohnern der Antarktis als einem komplett von Wasser umgebenen Lebensraum stellt sich natürlich immer die Frage nach endemischen Arten. Wegen der asexuellen Fortpflanzung der bdelloiden Rädertiere machen "klassische" Art-Definitionen (wie z.B. "potentiell größte Fortpflanzungsgemeinschaft") jedoch keinen Sinn. Aufgrund genetischer Untersuchungen vermutet man bei den Rädertieren jede Menge "kryptischer Arten", die sich morphologisch kaum voneinander unterscheiden lassen. Ein klassisches Beispiel hierfür ist die Gattung Adineta, die bisher auch morphologisch nur sehr ungenau untersucht worden ist. In den mir zur Verfügung gestellten Proben konnte ich bisher 5 Rädertier-Arten, darunter auch eine Adineta finden, die in meiner Literatur nicht beschrieben sind. Es bleibt also spannend...
beste Grüße Michael Plewka