Liebe FlechtenliebhaberInnen,
gestern fiel mir eine Anleitung zur einfachen (aber auch brachialen) Herstellung eines Flechtensäuren-Präparates in die Hand. Natürlich holte ich mir dann heute sofort eine typische ,,Allerweltsflechte" von einem Baum am Straßenrand: Xanthoria parietina, die Gewöhnliche Gelbflechte.
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/119447_22045985.jpg)
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/119447_31470190.jpg)
Mit dem 40x/0,65 aufgenommen.
Die "brachiale" Gewinnung der Flechtensäuren ist denkbar einfach: Ein paar Schnipsel der Flechte in ein Blockschälchen geben. Darüber träufelt man einige Tropfen Aceton, deckt das Ganze ab und wartet ca. 15 Minuten. Danach nimmt man mit einer Pipette etwas von der Lösung und tropft sie auf einen Objektträger. Das Aceton verdunstet sehr schnell und die Kristalle bleiben zurück.
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/119447_15209381.jpg)
Nur der Vollständigkeit halber noch ein Bild des "Beifangs", schnell durch das Präparateglas hindurch fotografiert.
Die Präparationsmethode stammt von der Berliner Mikroskopischen Gesellschaft e. V.
Ein weiterer "Beifang" war dieses hübsche kleine Moospölsterchen, das in unmittelbarer Nachbarschaft zur Flechte wächst:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/119459_45139721.jpg)
Aufnahmemaßstab 1 : 1.
Hallo Bernd,
das erste Foto, das die Flechte in Nahaufnahme zeigt, finde ich sehr gelungen. Bei der doch recht großen 3 dimensionalen Ausdehnung, die so ein Flechtenlager haben kann, ist es gar so einfach alle wichtigen Merkmale in einem Bild festzuhalten. Hier aber sehr gelungen.
Das Pol-Bild zeigt dann das kristalliserte Parietin, ein Anthrachinonderivat. Das Parietin ist verantwortlich dafür, dass X. parietina, wenn man sie mit 15% KOH betupft, eine knallerote Verfärbung zeigt. Dieser Versuch ist unbedingt empfehlenswert, weil er sehr eindrucksvoll die Farbreaktionen der Flechten auf verschiedene Reagenzien zeigt und bei X. P. immer gelingt.
Vielleicht sagt uns Bernhard K. noch welches Moos da von dir gezeigt wird.
Lieber Bernd,
eine tatsächlich einfache Metholde um an die Flechtensäure zu gelangen. Beim Pol-Bild stören mich aber die "Heiligenscheine" einzelner Kristalle. Hast Du hier einige Bilder gestapelt?
Die Spinne hat dafür brav still gehalten - toller Schnappschuß. Welche ist's?
Lieber Ralf,
bekommt man 15% iges KOH in der Apotheke? Ich habe eben mal bei WIKI nachgelesen, KOH ist gesundheitsschädigend, wird aber in der Lebensmittelindustrie als Säureregulator eingesetzt (E 525). Was wir so alles zu futtern bekommen!?
Herzliche Grüße
Regi
Liebe Regi,
ZitatKOH ist gesundheitsschädigend
HCl ebenfalls - andererseits braucht man sie zur Verdauung - sie ist im Magen zu ca 1% enthalten - alles eine Frage der Konzentration. :D
15%ige KOH in der Apotheke? Wenn man den Apotheker gut kennt vielleicht - allerdings "reguliert" die 15%ige schon sehr heftig die Säure, deshalb könnte er zögern.
Wenn sonst keine Lösung in Sicht fragt man den Chemiker seines Vertrauens, der hat immer eine parat! ;)
Lieber Klaus,
oh, danke für das Angebot. Aber die Gelbflechte kann ich auch ohne KOH gut erkennen ;). Bin nicht so scharf auf heftige Chemikalien.
Aber (jetzt OT) was ist mit Dir passiert. Du kommst so völlig blaß rüber!? Erschreckend :o.
Herzliche Grüße
Regi
ZitatAber (jetzt OT) was ist mit Dir passiert. Du kommst so völlig blaß rüber!? Erschreckend .
Das täuscht liebe Regi! Schau dir auf der 2. Seite meiner Vorstellung das Original an. Mein Sohn macht gerade Eingangslisten der Bestellungen von Leuten, die auch so ein Portrait wollen! Irgendwie muss er seine Semesterferien doch sinnvoll nutzen! :D
I get in the queue ;D
Best regards, Francisco.
Zitat von: Ralf in Februar 23, 2013, 21:01:26 NACHMITTAGS
Hallo Bernd,
das erste Foto, das die Flechte in Nahaufnahme zeigt, finde ich sehr gelungen. Bei der doch recht großen 3 dimensionalen Ausdehnung, die so ein Flechtenlager haben kann, ist es gar so einfach alle wichtigen Merkmale in einem Bild festzuhalten. Hier aber sehr gelungen.
Hallo Ralf,
vielen Dank für Dein Lob und den Tipp mit dem KOH! Das werde ich ausprobieren. Material gibt es ja bei dieser Flechte ausreichend fast überall.
ZitatVielleicht sagt uns Bernhard K. noch welches Moos da von dir gezeigt wird.
Ja, das würde mich auch sehr freuen. Aber Moose sind auch nicht gerade leicht zu bestimmen.
Zitat von: rekuwi in Februar 23, 2013, 21:20:15 NACHMITTAGS
eine tatsächlich einfache Metholde um an die Flechtensäure zu gelangen. Beim Pol-Bild stören mich aber die "Heiligenscheine" einzelner Kristalle. Hast Du hier einige Bilder gestapelt?
Liebe Regi,
das stört mich auch, war aber zumindest bei diesem Präparat leider nicht zu vermeiden. Es ist nicht gestapelt (weder hoch noch tief ;D ). Das Präparat ist insgesamt nicht sehr sauber. Deshalb kam vermutlich bei der Entnahme der Tropfen zu viel anderes Zeug neben den Kristallen mit ins Präparat und verursacht diesen Halo-Effekt. Ich werde es noch einmal in Ruhe probieren.
ZitatDie Spinne hat dafür brav still gehalten - toller Schnappschuß. Welche ist's?
Ich spinne zwar auch nicht gerade selten, wie meine Frau gelegentlich behauptet, aber mit Spinnen kenne ich mich leider trotzdem nicht aus.
Lieber Bernd,
vielen Dank für Deinen interessanten Beitrag zu dieser häufigen und sehr schönen Flechte!
Aber auch das Makro (?) von der Spinne finde ich sehr gelungen.
Herzliche Grüße
Jörg
Zitat von: Fahrenheit in Februar 24, 2013, 09:38:36 VORMITTAG
vielen Dank für Deinen interessanten Beitrag zu dieser häufigen und sehr schönen Flechte!
Aber auch das Makro (?) von der Spinne finde ich sehr gelungen.
Lieber Jörg,
vielen Dank für Dein Lob! Das Makro der Spinne ist ein Schnellschuss und wäre ohne das Glas des Präparategläschens dazwischen wesentlich besser zu machen.
Um den Beitrag noch etwas abzurunden, hier noch ein Bild der Algenpartner dieser Flechte:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/119540_63745557.jpg)
Vielleicht blutet den Flechtenliebhabern ja das Herz ;) aber zu diesem Bild kam ich nur durch brutales Zupfen, Zerreißen und Quetschen. Die Algen sind
Trebouxia sp.
Hallo, guten Tag,
das Moos könnte Orthotrichum affine sein. Bin mir keinesfalls sicher. Waren die Pölsterchen kugelförmig?
Freundliche Grüße
Bernhard Kaiser
Zitat von: Bernhard Kaiser in Februar 24, 2013, 11:50:05 VORMITTAG
das Moos könnte Orthotrichum affine sein. Bin mir keinesfalls sicher. Waren die Pölsterchen kugelförmig?
Hallo Herr Kaiser,
herzlichen Dank für Ihre vorläufige Bestimmung! Vielleicht sehen Sie auf diesem Bild die Form etwas besser. Zum Größenvergleich eine Lanzettnadel.
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/119547_58710167.jpg)
Hallo Herr Kaufmann.
Orthotrichum affine stimmt.
Freundliche Grüße
Bernhard Kaiser
Hallo Herr Kaiser,
wunderbar, nochmals vielen Dank!
Dann wäre ja außer der Spinne alles einsortiert. Vielleicht findet sich zu deren Bestimmung auch noch jemand.
Guten Morgen Herr Kaufmann,
Orthotrichum affine ist inzwischen zur häufigsten, epiphytischen Orthotrichum-Art geworden.
Es wächst gerne am schwarzen Holunder (Sambucus nigra) und ist an den im Winter entlaubten Büschen, durch die kugelige Wuchsform gut zu sehen.
Die Gattung Orthotrichum war in den 60-70 Jahren des 20. Jahrhunderts fast ausgestorben. Durch die Entschwefelung des Benzins hat sie sich wieder weitgehend regeneriert.
Eine starke Verminderung hat die Gattung 100 Jahre vorher schon durch die Einführung der Kohleheizung erfahren.
Zum Größenvergleich ist übrigens ein 1-Centstück gut geeignet.
Eine schöne Woche wünscht
Bernhard Kaiser
Guten Morgen, lieber Herr Kaiser,
vielen Dank für diese weiteren interessanten Informationen. Mein Exemplar ist dann ein gutes Beispiel, denn es wuchs an einem Baum, der genau zwischen einer Bahnlinie und einer vielbefahrenen Straße steht.
Zitat
Zum Größenvergleich ist übrigens ein 1-Centstück gut geeignet.
Danke für diese diplomatische, leise Kritik, die durchaus berechtigt ist. In dem Fall passte aus bildtechnischen Gründen die Lanzettnadel besser und ich kann sicher davon ausgehen, dass unter Mikroskopikern auch so buchstäblich naheliegendes Werkzeug zum Größenvergleich taugt.
Auch Ihnen eine schöne Woche!
Wir Flechtenleute, quetschen auch unsere Präparate :D
Als Symbiose Partner kommt meistens bei Xanthoria paritina
Trebouxia irregularis
Trebouxia arboricola
Trebouxia decolorans
vor. Sehr schön sieht man auch etliche Sporen in deinem Bild.
Zitat von: Bernd Kaufmann in Februar 24, 2013, 11:32:38 VORMITTAG
Vielleicht blutet den Flechtenliebhabern ja das Herz ;) aber zu diesem Bild kam ich nur durch brutales Zupfen, Zerreißen und Quetschen. Die Algen sind Trebouxia sp.
Hallo Bernd,
ich kann ebenfalls bestätigen, dass ein Quetschpräparat die übliche Methode zur Isolierung von Algen, Sporen und Asci ist. Üblicherweise führt man das in einem Tropfen 15% iger KOH durch. Dies hellt die Sporen und Asci etwas auf und führt zu vergleichbaren Ergebnissen, auch bei verschiedenen Präparaten der gleichen Flechte oder bei unterschiedlichen Präparatoren.
Ralf hat recht, das man das Quetschen in KOH üblicherweise macht. Zum einen hat Ralf ja geschrieben warum. Hinzufügen kann ich nur, weil die Asci mit den Paraphysen verklebt sind und man diese nur gut mit KOH lösen kann.
Hallo Ralf, hallo Mike,
danke für Eure hilfreichen Tipps! Über Cyanobakterien und Algen kam zwangsläufig mein Interesse auch immer wieder zu den Flechten. Bisher aber nicht so intensiv wie jetzt. Und es macht Spaß. Also werde ich mir jetzt erst mal das mehrfach empfohlene KOH beschaffen.
Eine Frage (mindestens) habe ich dazu aber noch an Euch: Werden die Algen durch KOH nicht entfärbt oder ganz zerstört? Ihnen gilt, zumindest noch, mein Hauptinteresse.
ZitatEine Frage (mindestens) habe ich dazu aber noch an Euch: Werden die Algen durch KOH nicht entfärbt oder ganz zerstört? Ihnen gilt, zumindest noch, mein Hauptinteresse.
Nein. Das Problem was du nur haben wirst, wie alle Lichenologen, ist die genaue Bestimmung. Durch die Symbiose zwischen Paraphyse und Alge, wird die Alge Morphologisch verändert.
Sie sieht leider nicht mehr so aus, wie in der Natur.
Euch allen noch einmal vielen Dank für die zahlreichen Kommentare und Hilfen!
Den Spinnen-Interessenten kann ich dank der Hilfe im Spinnen-Forum nun auch wenigstens die Gattung meines Spinnen-Beifangs nennen: Es handelt sich um eine Laufspinne, Gattung Philodromus. Ich lehne mich mal ganz weit aus dem Fenster und vermute ein junges Weibchen der Art Phildromus aureolus.