Liebes Forum,
ich möchte heute über die Schalenamöbe Microchlamys patella berichten, die ich schon vor einigen Jahren gefunden habe. Damals war ich der festen Überzeugung hier eine Arcella vor mir zu haben, da die Schale ,,rund und braun" war. Bei genauerer Betrachung der Schalenoberfläche fiel mir zwar eine porige Struktur auf, jedoch konnte ich nicht die typische Wabenstruktur erkennen, wie sie für Arcella typisch ist. Mit Hilfe von
De Saedeleer, H. (1934): Beitrag zur Kenntnis der Rhizopoden: morphologische und systematische Untersuchungen und ein Klassifikationsversuch Verh. Koninkl. nat. Mus. Belge, 60, 1-112.
habe ich dann herausgefunden, dass es sich um Microchlamys handeln muss. Diese Testacee wurde auch schon von Eckhard hier im Forum vorgestellt: https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=14204.0. Außerdem habe ich die ,,arcella.nl" page von Ferry konsultiert, wo er eine schöne Beschreibung von Microchlamys gibt (http://www.arcella.nl/microchlamys-patella). Da Microchlamys nicht so häufig gefunden und beschrieben wird, möchte ich hier meine Funde dieser Schalenamöbe vorstellen.
Wesentliches Merkmal von Microchlamys ist eine weiche, flexible Schale, die jedoch auf der ventralen (mundseitigen) Seite, in eine flexible Membran übergeht. Das kann man sich wie eine Schüssel vorstellen, welche mit einer Folie abgedeckt wurde. Es soll ein Zellkern vorhanden sein und mehrere kontraktile Vakuolen.
Der ventrale Blick auf ein Exemplar zeigt diese Membran, welche eine typische, radial verlaufende Faltenbildung zeigt. In der Mitte ist eine ca. 10 – 15 µm große Mundöffnung mit unregelmäßigem Rand zu erkennen:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures004/144850_57180079.jpg)
Mo = Mundöffnung
Fa = Falten
KV = kontraktile Vakuole
Bei einem zweiten Exemplar sah man ansatzweise die Lobopodien aus der Mundöffnung heraustreten:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures004/144850_35288161.jpg)
Fokussiert man auf den Zellkörper, erkennt man gleichmäßig verteilt, mehrere kontraktile Vakuolen. Auf dem Bild unten, sind 7 zu erkennen:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures004/144850_30593561.jpg)
KV = kontraktile Vakuole
Bei einem weiteren Exemplar, gelang es mir aus dorsaler Sicht den Zellkern zu sehen. Microchlamys besitzt nur einen Zellkern:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures004/144850_58219963.jpg)
ZK = Zellkern
Um die Anordnung von ventraler Membran und dorsaler Schale zu erfassen, benötigt man eine laterale Ansicht. Dies habe ich durch vorsichtiges hin- und herschieben des Deckglases erreicht. Einmal hat es geklappt und ich konnte die Amöbe lateral erwischen, bevor sie wieder zurück kippte:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures004/144850_6655007.jpg)
ZK = Zellkern
S = Schale
Mb= Membran
Auf diesem (oberen) Bild erkennt man deutlich, wie sich die Schale am Rand in die Membran übergeht. Die Schale verjüngt sich zum Schalenrand sukzessive und geht dann ventral in eine dünne, flexible Membran über. Genau diesen Aufbau kann man auch rasterelektronenmikroskopisch erkennen. Die folgende Aufnahme habe ich einem Artikel von A. Kudryaavtsev und K. Hausmann (2007) entnommen, den auch Eckhard in seinem Beitrag erwähnt und der mir freundlicher Weise von Ralf Meisterfeld geschickt wurde.
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures004/144850_44908678.jpg)
Interessant auf dieser TEM-Aufnahme ist auch der Aufbau der "Deckschale". Sie ist nämlich keineswegs perforiert (wie bei Arcella) sondern besitzt eine schaumige, wabenartige Struktur. Dadurch ergibt sich auch die lichtmikroskopische Aufnahme der Schalenoberfläche, die keine durchgehenden Poren erkennen lässt:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures004/144850_51008350.jpg)
Die von mir beobachteten Exemplare (alle aus dem Simmelried) hatten einen Schalendurchmesser zwischen 42 – 64 µm, wobei die ,,>60 µm" – Exemplare evtl. durch den Deckglasdruck leicht vergrößert waren. Ferry gibt für den Schalendurchmesser von Microchlamys patella eine Spanne von 35 – 55 µm an. Daher glaube ich, dass die Bilder oben Microchlamys patella zeigen, da auch alle anderen Merkmale zutreffen.
In seinem Beitrag ,,Microchlamys/Spumochlamys" vom Nov. 2012 hier in diesem Forum, geht Eckhard auch auf die Neubeschreibung der Gattung Spumochlamys durch Kudryavtsev & Hausmann (2007) ein, welche eine Microchlamys ähnliche Amöbe elektronenmikroskopisch untersucht haben, der die Membran auf der Dorsalseite fehlt (also auf der Schalenseite). Dieses Merkmal halte ich persönlich lichtmikroskopisch nicht für überprüfbar. Man kann zwar auf der Aufnahme in lateraler Ansicht (drittes Bild von unten) scheinbar die Membran zwischen Plasmakörper und Schale erkennen (besonders an der rechten Seite, wo sie etwas abgelöst erscheint), jedoch wäre mir das als Bestimmungsmerkmal etwas zu dünn, da nicht immer so zu erkennen. Daher hat Ferry auf seiner ,,arcella.nl" page auch erwähnt, dass er nicht einschätzen kann, ob seine Bilder eine Spumochlamys-Art zeigen oder Microchlamys patella. Das gleiche gilt dann auch für die von mir gezeigten Bilder, obwohl sonst alle Merkmale für Microchlamys patella sprechen.
Allen einen schönen Abend!
Martin Kreutz
Hallo Martin,
wieder sehr schöne Aufnahmen und interessanter Beitrag.
Bemerkung zu TEM gelöscht, wg Fehlinterpretation
Gruß
Kambiz
Lieber Martin,
Danke für die schöne Dokumentation!
Leider können wir diese Amöben lichtmikroskopisch nicht weiter bestimmen >:( Aber sie sind doch schön zu beobachten. Und wenn sie in eine Probe anwesend sind, bekommt man schnell viele Individuen in eine feuchte Kammer.
Herzliche Grüße,
Ferry
Hallo Martin,
Sehr schöne Bilder einer interessanten Amöbe. Microchlamys/Spumochlamys Arten sind tatsächlich sehr häufig zu finden. Die Schale ist sehr weich. Ich hatte neulich eine unter dem REM, aber während ich noch den Strahl eingestellt habe ist sie zusammengefallen :(
Es gibt übrigens zwei weitere Spumochlamys Arten, die kürzlich entdeckt wurden. Ich schicke Dir gerne Details.
Toll, dass Dir die Lateralsicht gelungen ist. So habe ich sie noch nicht gesehen.
Herzliche Grüße
Eckhard