hallo zusammen,
zielich genau vor vier Jahren bekam ich zum ersten Mal die Gelegenheit, einige Proben aus einer Antarktis-,,Expedition" bezüglich der Rädertiere zu untersuchen. Dafür an dieser Stelle nochmals ganz herzlichen Dank an Dr. N. Iakovenko (Kiew) und Dr. K. Janko (Ostrava) für die Überlassung des Materials.
Mittlerweile sind eine Vielzahl von Arbeiten aus diesem Biodiversitäts-Projekt publiziert; eine davon beschäftigt sich mit den bdelloiden Rädertieren: Iakovenko et al.: ,,Antarctic bdelloid rotifers: diversity, endemism and evolution" (Hydrobiologia 2015).
In dieser Arbeit werden eine ganze Reihe neuer Rädertier-Arten beschrieben, wobei genetische Analysen zeigen, dass ein überproportional großer Anteil der Arten endemisch ist, d.h. nur in der Antarktis vorkommen.
Ich habe nunmehr die Erlaubnis bekommen, als Ergänzung zu dieser Arbeit weitere Bilder der dort beschriebenen Arten auf der plingfactory-website zu veröffentlichen:
http://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/E-TL/Antarctic%20rotifers.html
Stellvertretend für die dort vorgestellten Arten möchte ich an dieser Stelle eine neu gefundene Adineta-Art vorstellen: Adineta editae
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures005/207003_35024502.jpg)
Die Gattung Adineta gehört zu den bdelloiden Rädertieren. In Deutschland lassen praktisch in jeder Moosprobe, u.a. von Hausdächern, Tiere aus dieser Gattung finden.
Das bringt auch schon zum Ausdruck, was einen Großteil der bdelloiden Rädertiere auszeichnet und dazu prädestiniert, in der Antarktis zu (über)leben: Austrocknung oder tiefe Temperaturen schaden ihnen nicht, ganz im Gegenteil: Experimente zeigen, dass gelegentliche Trockenheit und Kälte ihre ,,Gesundheit" eher noch steigern. Nirgends auf der Welt gibt es so trockene und kalte Gebiete wie in der Antarktis, und trotzdem bzw. gerade deswegen können dort Rädertiere wie Adineta leben, da sie -ähnlich wie die Tardigraden- spezielle Proteine und besondere molekulare Mechanismen als Anpassung an diesen Lebensraum besitzen.
Adineta unterscheidet sich von den anderen bdelloiden Rädertieren (mit zwei bewimperten Räderscheiben) durch ein homogen mit Cilien besetztes ventrales Wimpernfeld am Kopf, welches der charakteristischen gleitenden Fortbewegung (im Gegensatz zu der egelartig kriechenden Bewegung der anderen Bdelloiden) und der Nahrungsaufnahme dient. Am bauchwärtigen Ende dieser Wimperfläche befindet sich der einzigartige Harkenapparat, mit dem Adineta das Substrat wie mit einem Hobel abschabt. Dieser Harkenapparat ist paarig ausgelegt und besteht bei den meisten Arten aus je einem Rechen, an dem mehrere ( bisher gezählt: 3-9) Zähne inserieren.
Hier ein Bild von Adineta vaga, das dieses illustriert (habe ich hier schon einmal gezeigt):
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures005/207003_26718455.jpg)
Ein anders aufgebauter Harkenapparat findet sich bei der Art Adineta gracilis, die in Deutschland vorzugsweise in Sphagnum anzutreffen ist. Hier besteht der Harkenapparat vereinfacht dargestellt aus einer paarigen V-förmigen Spange.
http://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Adineta%20gracilis.html
Einen solchermaßen aufgebauten Harkenapparat findet man nun auch bei Adineta editae aus der Antarktis, wobei die Proportionen des Kopfs und die Anzahl der Kerne im Dotterstock (A. gracilis: 4; A. editae: min.6) sowie genetische Befunde zeigen, dass es sich um unterschiedliche Arten handelt. Links: Harkenapparat; rechts/ unten: Fokusebene auf der halbkreisförmigen Rostrallamelle:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures005/207003_21714870.jpg)(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures005/207003_17894441.jpg)
Selten kriegt man von diesen Tieren eine Seitenansicht hin; deshalb hier ein solches Bild:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures005/207003_62583476.jpg)
Es bedeuten: Br: Gehirn; CF: Wimpernfeld; DA: Dorsaltaster; Eg: Ei; Hy: Hypodermiszellen; MG: Mastaxganglion; Mx: Mastax; RA: Harkenapparat; RG: Ganglion in der Rostrallamelle; SS: Mastaxsyncytium.
Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand der Foristen in die Verlegenheit kommt, die Mikrofauna der Antarktis zu bestimmen, ist wohl eher gering einzustufen. Vielmehr soll dieser Beitrag darauf aufmerksam machen, dass -neben den ,,Stars" der üblichen Fernsehbeiträge über die Polarregionen wie Seelöwen oder Pinguinen- diese gegenüber menschlichem Einfluss hochsensiblen Lebensräume eher auf den Mitgliedern der Mikrofauna basieren, deren Leben und Interaktionen die Wissenschaftler(innen) erst langsam zu verstehen lernen.
beste Grüße, verbunden mit Wunsch, dass 2017 ein Gutes Jahr für die Forist(inn)en werde
Michael Plewka
Vielen Dank, lieber Michael für diesen hochinteressanten Beitrag!!
Auch Dir einen guten Rutsch und ein gesundes und erfolgreiches Jahr 2017!!
Viele Mikrogrüße
Bernhard
Lieber Michael,
es ist dir ein sehr interessanter Beitrag gelungen.
So was sieht man nicht alle Tage.
Ich wünsche dir und auch Bernhard einen guten Rutsch und ein erfolgreiches neues Jahr.
Liebe Grüße
Jochen