Guten Abend!
Bei der Betrachtung des Längsschliffes der Passionesaite von Pirastro (Cello-Saite zum Ersten) waren ja noch Fragen offen geblieben:
Um was handelt es sich bei den seltsamen "bolligen" Strukturen rund um die (rote) Darmsaite? Ich versprach einen Querschliff anzufertigen und hier einzustellen. Da eine Saite senkrecht nicht freiwillig so lange stehen bleibt bis die Einbettung erstarrt ist, habe ich mit vom Plastikanteil befreiten Lüsterklemmen nachgeholfen.
Hier also Bilder in aufsteigender Vergrößerung. Zunächt eine Übersicht mit in Lüsterklemmen eingespannten Saiten. Die Schraube erscheint leicht konisch, weil sie schräg angeschnitten ist. Sie reicht auch scheinbar nicht bis zu den Saiten, weil sie zu weit über ihrer Mitte geschliffen ist um dies erkennen zu können:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures005/207242_31584737.jpg)
Hier eine Übersicht mit erklärenden Beschriftungen:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures005/207242_27784591.jpg)
Mit 10-Fach Objektiv ist die Umspinnung sehr gut auszumachen:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures005/207242_21396922.jpg)
Mit dem 50-fach Obj. sieht man sehr deutlich, dass aus dieser Richtung betrachtet, die "Bollen" auch wieder länglich sind, ganz ähnlich wie beim Längsschliff (Cello-Saite zum Ersten):
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures005/207242_53488633.jpg)
Leider war ich danach auch nicht viel schlauer geworden und habe deshalb noch einen Schrägschliff in 30° angefertigt. Und siehe da, im nächsten Bild ist sehr gut erkennbar, wie die ovalen "Bollen" plötzlich kreisrund (Pfeil) werden. Dies müssen also runde Fäden sein, welche mit einer Steigung von ca. 30° um den Darm gewickelt sind:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures005/207242_32922370.jpg)
Hier letztendlich sind beim Schleifen losgerissene Fäden (Pfeil) sichtbar, was den Befund erhärtet.
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures005/207242_10168146.jpg)
Es gibt noch einen Nebenbefund: Die Schraube der Lüsterklemme ist wohl verzinkt oder vernickelt. Die als heller Streifen sichtbare Schicht hebt sich deutlich gegen das Metall der Schraube (unten heller) ab:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures005/207242_40677086.jpg)
@Klaus: Nein, ich weigere mich besser zu polieren als für die Befundung notwendig ist.
Viel Vergnügen beim Betrachten und Grüße aus Aalen
Georg Abele
Hallo Georg,
Faszinierende Schliffe. Bei der Umspinnung des Darmkerns mit einem Metalldraht handelt es sich offenbar um eine ziemlich alte Methode:
ZitatUm 1650 begann man, auch umsponnende Saiten herzustellen: um den Kern ("Seele") herum wird spiralförmig ein Mantel aus dünnem Draht gewickelt. Umsponnene Saiten weisen gegenüber vergleichbaren blanken Saiten eine geringere Steifigkeit auf. Durch die Umspinnung erhöht sich die schwingende Masse einer Saite, ohne die Elastizität zu beeinträchtigen. Dünnere Saitendurchmesser und kürzere Mensuren werden somit möglich.
Bevor die Umspinnung erfolgt, wird der Kern oft mit Seiden- oder Kunststoff-Fäden unflochten. Das dient sowohl dem festen Sitz der Umspinnung, als auch der Dämfung der Saite. Beim gestrichenem Spiel eleminiert diese Dämpfung unerwünschte Schwingungen, und sorgt so für eine gute Ansprache. Gleichzeitig mindert sie aber auch die Klangdauer der Saite, was wiederum das Pizzicato-Spiel beeinträchtigt.
Auch sonst findet sich in dem Text, aus dem ich zitiere, einiges Interessante:
http://www.barockvioline.com/Darmsaite.html
Die Produktion einer guten Saite ist alles andere als trivial. Man merkts am Preis: Diese Saite liegt bei fast 100 Euro.
Schöne Grüße
Jürgen
Hallo Georg,
vielen Dank fürs Zeigen! Die Feinheit des Schliffs hast Du passend gewählt, man sieht alles und wird nicht zu sehr abgelenkt. Es ist ja auch beruhigend zu sehen, dass Du noch andere Dinge im Leben hast, als noch ne Körnung und noch ne Körnung zu schleifen.
Viele Grüße,
Bob
Hallo Georg,
absolut tolle Arbeit und schön dokumentiert. Zum Thema Polieren: das ist ja kein metallographischer Schliff, bei dem nach der sauberen Politur geätzt wird um das Gefüge sichtbar zu machen, sondern die Aufklärung eines Aufbaus von Materialverbünden, da reicht natürlich ein Feinschliff.
Trotzdem die Frage: kann man denn mit deiner Maschine auch Spiegelglanz-Politur erzielen, was für Erzanschliffe schon auch nötig ist?
Hallo Klaus,
selbstverständlich. Die Oberflächengüte ist lediglich eine Frage der verwendeten Schleif- bzw. Polierscheiben und Poliermittel. Außerdem natürlich der Vermeidung von Kornverschleppung und von Zeit. Da ich noch an der Patentschrift für den Anschliff-Aufsatz meiner Dünnschliffmaschine bastle, kann ich noch keine Bilder einstellen.
Grüße aus Aalen
Georg Abele
ZitatAußerdem natürlich der Vermeidung von Kornverschleppung...
Hallo Georg,
wenn ich mir alte Filme über den Vorgang der Politur von Linsen ansehe, da graust es mir ob der ´Kornverschleppung´. Ich bekomme mit so einer Verfahrensweise nie eine vergleichbare Politur hin.
Kopfkratzender Gruß
EFH
Lieber Georg,
ZitatTrotzdem die Frage: kann man denn mit deiner Maschine auch Spiegelglanz-Politur erzielen, was für Erzanschliffe schon auch nötig ist?
... und dann noch möglichst Relief-frei, damit man mit dem Produkt auch an der Elektronenstrahl-Mikrosonde messen kann ??? Wenn ja, wär's perfekt!
Herzliche Grüße,
Olaf