Mikro-Forum

Foren => Mikroskopie-Forum => Thema gestartet von: JanC in März 01, 2017, 18:21:05 NACHMITTAGS

Titel: Uralte Mikroben in Höhlenkristallen
Beitrag von: JanC in März 01, 2017, 18:21:05 NACHMITTAGS
Guten Abend Zusammen,

Hier ein interessanter Artikel aus der NNZ:

https://www.nzz.ch/wissenschaft/suche-nach-leben-uralte-mikroben-ueberleben-in-hoehlenkristallen-ld.148182

Gruessli,

Jan
Titel: Re: Uralte Mikroben in Höhlenkristallen
Beitrag von: HDD in März 01, 2017, 19:03:10 NACHMITTAGS
Hallo Jan

Herzlichen Dank für den Link. Das ist ein hochinteressantes Thema.

Viele Grüße   Horst-Dieter
Titel: Re: Uralte Mikroben in Höhlenkristallen
Beitrag von: Dünnschliffbohrer in März 01, 2017, 22:09:07 NACHMITTAGS
Wer´s glaubt, wird selig. Es steht ja in dem Artikel drin, dass die Bakterien lithotroph sind (offenbar Sulfatreduzierer). Wenn sie anorganische Substanzen verstoffwechseln, ist es wahrscheinlich dass sie sich dabei gleichzeitig in die Gips-Kristalle hineinfressen, bzw an Korngrenzen in die Tiefe vordringen können.

Ich selbst habe schon innen in einem dichten unterkarbonischen Kalkstein nach dem Auflösen in Monochloressigsäure innen drin reichlich Pilzhyphen gefiunden. Die waren aber nicht seit dem Unterkarbon darin, sondern hatten sich durch von ihnen selbst produzierten Säuren in jüngster Gegenwart dort hinein gebohrt, bzw. besser geätzt.

In den 60er Jahren machten mal - angeblich fossile, jahrmillionen alte - Bakterien aus Steinsalzkristallen, die ebenfalls im Labor "wiederbelebt" wurden "Furore". Später hörte man davon nichts mehr, außer dass das Ganze angezweifelt und für eine Kontamination gehalten wurde.

Aber der Hinweis auf "außerirdisches Leben" ist entlarvend genug. Damit bekommt man in Amiland am ehesten neue Forschungsgelder, bzw. sichert sich seine Stelle. Für mich wieder einmal ein Beispiel, zu welchen Auswüchsen es im Wissenschaftsbetrieb kommt, wenn er nach real-kapitalistischen Prinzipien mit exzessiv vorangetriebenem Wettbewerb organisiert wird. Dieser künstlich angestachelte Wettbewerb wurde im Übrigen seinerzeit in den Turbulenzen nach den ganzen Plagiats- und Fehlverhaltensaffären u.a. von der DFG als tiefere Ursache der Skandale ausgemacht - nur geändert hat sich nichts.

Es geht mir keinesfalls um pauschale Wissenschaftskritik, aber eine gesunde Skepsis ist das wichtigste, was man sich hier bewahren sollte. Ich könnte hier gleich eine lange Reihe anderer vermeintlicher Sensationsmeldungen aus der Wissenschaft auflisten, die in die gleiche Kategorie wie diese Entdeckung fallen - leider gerade aus den Geowissenschaften. Heute ist es ja schon normal, wenn nur zwar richtige, aber ansonsten völlig belanglose Forschungsergebnisse für die kritiklose Öffentlichkeit "aufgeprotscht" werden, um den Folgeantrag zur Forschungsförderung durchzukriegen.
Titel: Re: Uralte Mikroben in Höhlenkristallen
Beitrag von: Michael L. in März 02, 2017, 10:37:02 VORMITTAG
Hallo Dünnschliffbohrer,

das ist jetzt aber keine fundierte, wissenschaftliche Kritik sondern pauschale Polemik. Zumindest sollte man die Originalpublikation lesen und sich den Methoden- und Diskussionteil ansehen bevor man die sekundären Quellen wörtlich nimmt.

Viele Grüße,

Michael
Titel: Re: Uralte Mikroben in Höhlenkristallen
Beitrag von: reblaus in März 02, 2017, 13:08:36 NACHMITTAGS
Hallo -

Michael hat natürlich recht - eigentlich müsste man immer die Quelle analysieren.

Aber in einem Forum darf Polemik sein und hier muss ich Dünnschliffbohrer überwiegend zustimmen, da ich den Wandel im Antragswesen bei Forschungsgeldern im Laufe von 43 Jahren aus nächster Nähe passiv und aktiv mitbekommen habe.
Während 1967 ein Jungforscher von einer bekannten Unterstützungsorganisation noch Gelder als Vorschuss für die Durchführung seiner Idee bekommen konnte, war es 40 Jahre später schon am besten, sich einer Herde von vielen Projektköchen, geführt von einem etablierten Chefkoch anzuschließen der darauf achtet, welche Sau gerade in der Wisssenschafts- oder Gesundheitspolitik durchs Dorf getrieben wird.

Warum gerade in den USA neben nobelpreiswürdigen Ergebnissen so viele publiziert werden, die gerade eben den Abschlussbericht für den Geldgeber überdauern, liegt u.a. daran, dass viele derartige Arbeiten von Jungforschern in einer prekären Stellensituation während der unterrichtsfreien Zeit von 4 Wochen durchgeführt werden müssen und dass dann - um überhaupt dafür Geld zu erhalten - viele Ergebnisse versprochen werden müssen, an die der Antragsteller selbst nicht glaubt.
Es ist nun tatsächlich auch so, dass die Aussagen von Journalisten über diese Ergebnisse wesentlich konkreter sind, als das was in der Originalpublikation steht. Aber selbst wenn der Jungforscher in einem Anfall von selbstzerstörerischer wissenschaftlichen Korrektheit protestieren würde: "Halt - das habe ich so gar nicht geschrieben!" würde das kaum mehr zur Kenntnis genommen.

Viele Grüße

Rolf

Titel: Re: Uralte Mikroben in Höhlenkristallen
Beitrag von: Peter V. in März 02, 2017, 14:43:26 NACHMITTAGS
Hallo Michael,

ZitatHallo Dünnschliffbohrer,

das ist jetzt aber keine fundierte, wissenschaftliche Kritik sondern pauschale Polemik. Zumindest sollte man die Originalpublikation lesen und sich den Methoden- und Diskussionteil ansehen bevor man die sekundären Quellen wörtlich nimmt.

Viele Grüße,

Michael

wohl wahr. Nur: Wo? Interessanterweise gibt es hier schon viel Tamtam, bevor überhaupt eine Originalpublikation erschienen ist!

Zitat:

ZitatDie Funde sind noch nicht in einem Fachmagazin publiziert. Boston stellte sie jüngst auf der weltgrössten Wissenschaftskonferenz AAAS in Boston vor.

Herzliche Grüße
Peter
Titel: Re: Uralte Mikroben in Höhlenkristallen
Beitrag von: Michael L. in März 02, 2017, 14:53:06 NACHMITTAGS
Hallo Peter,

na ja immerhin ist eine Presentation auf einem Science Kongress auch eine Publikation zumal man einen Abstract und ggf. ein Poster präsentiert haben wird, normaler Vorgang in der Science Community.

Gruß,

Michael
Titel: Re: Uralte Mikroben in Höhlenkristallen
Beitrag von: Werner in März 02, 2017, 16:30:55 NACHMITTAGS
Ich bin da auch skeptisch.

Ich kann mich vage an "Superwasser" vor etlichen Jahrzehnten erinnern, da sollten sogar Forschungsinstitute gegründet worden sein.
Siedepunkt über 200 °C. Man erhielt es durch Wasserdampfkondensation in feinen Quarzkapillaren.
Später stellte sich heraus, daß es sich um wässrige Kieselsäure handelte.
Was aus den Forschungsinstituten geworden ist, habe ich nie erfahren.

Presseartikel mit "amerikanische Wissenschaftler haben entdeckt..."( früher) werden heute durch
"Japanische Wissenschaftler haben entdeckt..." ersetzt. Die fallen anscheinend in die selbe Kategorie und machen mich besonders skeptisch.

Gruß   -   Werner
Titel: Re: Uralte Mikroben in Höhlenkristallen
Beitrag von: Michael L. in März 02, 2017, 17:08:21 NACHMITTAGS
Das ändert aber nichts an dem was ich zuvor angemerkt habe, hier wird ja wohl die sekundäre Berichterstattung kritisiert und pauschal mit anderen Aspekten in einen Topf geworfen. Klar gibt es viel Humbug aber unsachliche Kritik machts auch nicht besser.

Gruß,

Michael
Titel: Re: Uralte Mikroben in Höhlenkristallen
Beitrag von: Heribert Cypionka in März 02, 2017, 17:51:24 NACHMITTAGS
Vielleicht ein paar Kommentare von einem, der seit 20 Jahren regelmäßig Millionen Jahre alte marine Sedimente mikrobiologisch untersucht.

- Tiefe Biosphäre: Es gibt Lebensräume, die seit extrem langen Zeiträumen mikrobiell besiedelt sind, obwohl sie vom Nachschub der photosynthese-abhängigen Primärproduktion abgeschnitten sind. Populationen können also sehr alt sein. Wie alt eine einzelne Zelle ist, kann man nicht sicher sagen. Sporen können mindestens einige hundert Jahre überleben.

- Die Bakterien haben an solchen Standorten ein Energieproblem. Sulfat aus den genannten Kristallen kann sicher als Elektronenakzeptor dienen. Was aber dann sind die benötigten Elektronendonatoren? Wir verstehen da vieles noch nicht, auch wenn wir hunderte von Kulturen aus der tiefen Biosphäre haben.

- Überleben über Millionen Jahre in flüssigen Kristall-Einschlüssen wurde - wie von Dünnschliffbohrer schon gesagt - bereits vor längerer Zeit berichtet und kritisch bewertet.

- Berichte auf Tagungen werden nicht wie Artikel in anerkannten wissenschaftlichen Zeitschriften (anonym von kompetenten Kolleg*innen, 'peer review') begutachtet.

Hier einmal ein frei zugänglicher Artikel über Viren (Bakteriophagen), die offenbar Bakterien der tiefen Biosphäre befallen. Die hohe und mit der Tiefe relativ ansteigende Anzahl beweist, dass dort unten aktive Zellen sind. Denn tote Bakterien können keine Viren mehr produzieren.
http://www.nature.com/ismej/journal/v8/n7/full/ismej2013245a.html (http://www.nature.com/ismej/journal/v8/n7/full/ismej2013245a.html)

Mit besten Grüßen

Heribert Cypionka