Hallo zusammen,
von Thorben Hülsewig, dem Pilz-Spezialisten aus der Naturwissenschaftlichen Vereinigung Hagen, erhielt ich am Wochenende eine Moos-Probe (besten Dank nochmal an dieser Stelle!), in welcher sich auffallend viele bdelloide Rädertierchen befanden, allerdings zunächst im Stadium der Trockenstarre (Anabiose). Nach vorsichtiger Wässerung des Materials stellte sich heraus, dass die vielen Viecher ausschließlich einer Art angehören, was man an der Rüssellamelle, die überaus auffällig zweigeteilt ist, erkennen konnte (Pfeilspitzen im 1. Bild). Zunächst hielten sich die Viecher mit dem Rädern zurück, was die Bestimmung nicht erleichterte. Es zeigte sich allerdings, das die Art nur zwei Zehen hat, was ebenfalls bei Bdelloiden recht selten ist. Hier das Bild eines kriechenden Tiers:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures009/222482_49385318.jpg)
Als dann eins der Tiere endlich mal räderte, war klar, dass es sich um Ceratotrocha cornigera handelt. Ich habe diese Art nun zum ersten Mal unterm Mikroskop gehabt. C. cornigera ist ein sehr spezielles Rädertier. Die Besonderheit der ganzen Gattung besteht darin, dass die Tiere keine Rüsselscheiben haben, so wie sie jeder Tümpler von der Gattung Rotaria oder Philodina kennt. Stattdessen haben die Viecher zwei ,,Lappen", die beim Rädern nach unten gehalten werden. Deutlich kann man das in dieser Frontalansicht sehen. Von vorn erinnert das Aussehen dieser Lappen an die Mundflossen von Manta-Rochen.
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures009/222482_7746814.jpg)
Hier noch ein Bild eines anderen Tieres von der Seite bzw. von schräg unten. Bei dieser Art sind die Loben sichelförmig. Zwischen den beiden Lappen befinden sich Cilien, welche Nahrung herbeistrudeln. Die Tiere scheinen nicht zu schwimmen, sondern sich nur kriechend zu bewegen:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures009/222482_13062350.jpg)
Mir stellt sich natürlich die Frage nach der Funktion dieser Lappen bzw. der Andersgestaltung des Räderorgans bei dieser Gattung. Dazu scheint aber nichts bekannt zu sein.
Obwohl Ceratotrocha cornigera in Erdproben wohl gar nicht so selten ist, ergibt eine google-Suche nach Fotos bisher kein Ergebnis. Vielleicht sind die hier gezeigten ja die ersten Fotos dieser Art im www.
Weitere Bilder hier:
http://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Ceratotrocha%20cornigera.html (http://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Ceratotrocha%20cornigera.html)
Viel Spaß beim Anschauen & beste Grüße
Michael Plewka
Guten Abend Michael,
schönen Dank dafür, dass Du wieder mal mit einem Deinen perfekt abgelichteten Rädertierportraits erfreust 8)
Die beiden Zehen hätte ich doch glatt als Sporen angesprochen, haben die denn keine Sporen?
Von welcher Moosart stammt denn die Probe?
Ich denke mal, dass dieser Typus eines Räderorgans besonders gut an die "Strömungsverhältnisse" dieser Moose angepasst ist, um die Nahrungsressourcen effektiv auszubeuten. Damit ließe sich auch diese "Monokultur" zwanglos erklären.
Eine gute Nacht wünscht
Heinrich
Hallo Heinrich,
vielen Dank für Deinen Kommentar! Du hast natürlich völlig Recht: auf dem Übersichtsfoto des kriechenden Tiers sind die ,,Spitzen" links natürlich die Sporen. Eine Abbildung der Zehen findest Du auf der Seite unter dem im 1. Beitrag angegeben link:
http://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Ceratotrocha%20cornigera.html (http://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Ceratotrocha%20cornigera.html)
Da ich die Probe nicht selber gesammelt habe, ist noch nicht klar, um welches Moos es sich handelt. Thorben hat mir zunächst ein Bild geschickt,; ich hoffe , ich darf es hier zeigen. Die Probe selbst enthält kein aussagefähiges Material, aber: wir arbeiten dran....
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures009/222528_59109011.jpg)
Deine Vermutung bezüglich der ,,Strömungsverhältnisse" leuchtet mir noch nicht so richtig ein: was soll das denn bei Moosen sein? In der Literatur wird angegeben, dass die Art häufig in Erde gefunden wurde, nicht in Moosen. Die Beobachtungen unter dem Mikroskop zeigen, dass die Viecher dieser Probe diejenigen Stellen auf dem Objektträger bevorzugen, wo Detritus o.ä. vorkommt. Dort ,,rädern" sie zwischen den Detritusflocken genauso so wie andere bdelloide Rädertiere auch, das ist also kein Alleinstellungsmerkmal. Dass durch die ,,Hörner" irgendwelche herbeigestrudelten großen Brocken abgewehrt werden, konnte ich nicht beobachten, wäre aber möglich.
Beste Grüße
Michael Plewka
Hallo zusammen
@Michael:
ZitatThorben hat mir zunächst ein Bild geschickt,; ich hoffe , ich darf es hier zeigen.
Natürlich darfst du es zeigen und ich habe da nichts gegen.
@Heinrich:
ZitatVon welcher Moosart stammt denn die Probe?
Da musst du dich noch etwas gedulden, weil ich erst am Wochenende eine Moosprobe von dem Fundort einsammeln kann.
Ich denke mal, dass man dann auch mehr zu der Moosart sagen kann.
Viele Grüße
Thorben