Hallo zusammen,
nach einigen Auslandsaufenthalten melde ich mich mal zurück mit einer Aufnahme von einem Rädertier, das ich in einer Felspfütze an der Küste der Bretagne gefunden habe.
Dieses Habitat ist dadurch charakterisiert, dass diese Pfützen durch Regen gespeist werden, aber auch, insbesondere bei der Hitze in diesem und dem letzten Jahr, auch immer wieder austrocknen und somit bei sonnigem Wetter sehr heiß werden, was durch den dunklen Belag aus Staub und Pflanzenresten noch begünstigt wird.
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures010/255703_56200037.jpg)
In diesem Habitat habe ich neben einer interessanten Adineta-Form (siehe hier: https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=35003.0 (https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=35003.0))
das bdelloide Rädertier Philodina vorax gefunden, das ich bereits an anderen Orten, wo zeitweise sehr trockene Bedingungen herrschen (z.B. Moose auf Mauern und in Gebirgen) vorgefunden habe. Hier eine Frontalansicht:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures010/255703_36038289.jpg)
P. vorax kann man ziemlich gut an dem charakteristischen Fuß mit den zwei Sporen erkennen. Mehr dazu hier:
http://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Philodina%20vorax.html (http://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Philodina%20vorax.html)
Vom Erstbeschreiber Janson (1893) als "echte Moos-Philodinee" bezeichnet, gibt Donner als Lebensraum Humusboden, Moos, auch in Fließgewässern an. In dem von mir untersuchten Habitat war von Moos keine Spur; wahrscheinlich ernährt sich P. vorax dort von Bakterien.
Beste Grüße
Michael Plewka
Guten Abend Michael,
Moos ist ja nicht gleich Moos. Da gibt es welche die rascher austrocknen als andere, ein Umstand der bei Rädertieren wie auch Bärtierchen über Leben und Tod entscheidet, denn allzu schnell darf der dünne Flüssigkeitsfilm nicht verdunsten, wenn rechtzeitig Tönnchen gebildet werden müssen. Insofern ist der Begriff "echte Moosphilodinee" wohl übertrieben, auch wenn dort die Überlebenswahrscheinlichkeit bei Austrocknung erheblich höher sin dürfte.
Beste Grüße von
Heinrich
Hallo Michael,
spektakuläres Foto!
Hast Du das mit Blitz aufgenommen?
Das Habitat ist ja wirklich bescheiden, interessant, dass sich doch Leben darin findet.
Viele Grüße,
Bob
Spitzen Portrait Michael :)
Liebe Grüße
Gerhard
Hallo zusammen,
@ Bob, Gerhard, Heinrich:
vielen Dank für eure Rückmeldungen, über die ich mich sehr gefreut habe!
Ja, ich hatte das Glück, das Viech in dieser Position zu erwischen, das kommt nicht so häufig vor; und ja: die Aufnahme ist geblitzt.
Bob, Du bringst es auf den Punkt: ein bescheidenes Biotop.
Und das, lieber Heinrich, ist auch der Grund, weshalb ich diesen Beitrag überhaupt gepostet habe.
Vieles, was man über bdelloide Rädertiere lesen kann bzw. weiß, basiert auf Beobachtungen aus dem 19. bzw. letzten Jahrhundert und bedarf dringend einer Revision bzw. Erweiterung. Wie auch bei Adineta sind die Beschreibungen der "Arten" teilweise extrem ungenau und basieren auf der Annahme einer (potentiellen) sexuellen Vermehrung der Bdelloiden und folglich der Existenz von "Variationen" einer Art. Die mittlerweile gesicherte Erkenntnis jedoch, dass bdelloide Rädertiere sich ausschließlich parthenogenetisch fortpflanzen, hat die Konsequenz, dass die bisher beschriebenen "Variationen" wahrscheinlich "Arten" sind.
Vor diesem Hintergrund geht und ging es mir also weniger um die Moose (die ja in diesem Lebensraum gar nicht vorhanden sind), sondern um den Hinweis auf einen Lebensraum (oder anders ausgedrückt: um die besondere Anpassungsfähigkeit dieser Philodina-Form), der in der Literatur für diese Art noch nicht beschrieben wurde.
Beste Grüße
Michael Plewka
Zitat von: Michael Plewka in September 08, 2019, 09:29:15 VORMITTAGVieles, was man über bdelloide Rädertiere lesen kann bzw. weiß, basiert auf Beobachtungen aus dem 19. bzw. letzten Jahrhundert und bedarf dringend einer Revision bzw. Erweiterung.
Hallo Michael,
ich gewinne zunehmend den Eindruck, dass das ein typischer Zustand ist: Das Wissen über die Tiere und Pflanzen ist stark lückenhaft und die Lücken werden größer, je kleiner die Lebewesen sind. Gleichzeitig gehen wir ziemlich rabiat mit der uns nur lückenhaft bekannten Natur um und bemerken nicht, ob da was hopps geht. Kein allzu beruhigender Gedanke!
Viele Grüße,
Bob
Hallo Bob,
vielen Dank für deinen Kommentar! Interessant, dass dich dieser Beitrag zu diesem "philosophischen" Statement inspiriert hat.
Allerdings bin ich da in Teilen anderer Meinung. Zwar kann ich nicht sagen, ob der wissenschaftliche Kenntnisstand etwas mit der Größe der Organismen zu tun hat, aber noch nie war das Gesamtwissen über Organismen so groß wie heute. Und noch nie hatten soviele Menschen in dem hohen Maße die Möglichkeit, Informationen über die Natur zu bekommen, wie es heute durch das www ermöglicht wird.
Und gerade darin liegt ja die auch große Chance dieses Forums: nämlich neue Informationen über die Natur an andere Menschen, letztlich in aller Welt, weiterzugeben und sich über diese Informationen auszutauschen.
Beste Grüße
Michael Plewka
Hallo Michael,
vielen Dank für die Dokumentation. Es ist immer wieder erstaunlich - wo Wasser ist, ist auch Leben zu finden!
Zitat von: Michael Plewka in September 08, 2019, 09:29:15 VORMITTAG
Wie auch bei Adineta sind die Beschreibungen der "Arten" teilweise extrem ungenau und basieren auf der Annahme einer (potentiellen) sexuellen Vermehrung der Bdelloiden und folglich der Existenz von "Variationen" einer Art. Die mittlerweile gesicherte Erkenntnis jedoch, dass bdelloide Rädertiere sich ausschließlich parthenogenetisch fortpflanzen, hat die Konsequenz, dass die bisher beschriebenen "Variationen" wahrscheinlich "Arten" sind.
Bei parthenogenetischen Tierarten greift der klassische Artbegriff nicht mehr. Hast Du Informationen, wann man in einem solchen Fall von einer Art bzw. von einer Variation spricht? Ich bin da immer etwas verwirrt. Vielleicht sollte man nur von einem "Formenkreis" sprechen?
Viele Grüße
Michael
Hallo Michael,
Deine Frage wirft neue Fragen auf: "klassischer Artbegriff"? Welchen Fall meinst Du?
Ich kann mich nur auf die Rädertiere beziehen, von anderen Organismen habe ich keine Ahnung; im Fall der Bdelloiden spricht man weiterhin von einer Art, z.B. "Rotaria rotatoria". Glaubt man, eine neue Form gefunden zu haben, die von den bisherigen Beschreibungen abweicht, so kann man diese als Morphotyp beschreiben und aussagekräftige Belegexemplare in z.B. Museen hinterlegen. Ob eine solche Morphospecies heute noch von der Wissenschaft anerkannt wird, hängt dann sicherlich auch vom wissenschaftlichen Status des Entdeckers ab. Heutzutage ist eine molekulargenetische Analyse bzw. Bestätigung für die Etablierung einer neuen Art quasi obligatorisch.
Beste Grüße
Michael Plewka