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Foren => Mikroskopie-Forum => Thema gestartet von: Diana1982 in Juni 22, 2021, 11:39:16 VORMITTAG

Titel: Heute gibt es Bratplänchen, ein Orthoplan im Backofen
Beitrag von: Diana1982 in Juni 22, 2021, 11:39:16 VORMITTAG
Hallo Zusammen,

Ein Orthoplanstativ, das ich aktuell zur Überholung da habe, hat Probleme gemacht.
Vielleicht ist der Lösungsweg auch für andere interessant, deshalb möchte ich ihn trotz einer gewissen "nicht ganz professionellen Anmutung" gerne kurz zeigen!

Der Trieb des Orthoplans ist verharzt und musste daher für eine Wartung ausgebaut werden. Das geschieht zunächst über den Abbau des Tischschlittenkastens, der einmal oben mit zwei Inbusschrauben von hinten am Stativ befestigt ist (an diese gelangt man, indem man den rechteckigen Deckel auf der Stativrückseite abschraubt) und unten mit zwei tieferliegenden Inbusschrauben von vorne - sie sind über entsprechende Löcher der langen Abdeckplatten des Kastens zugänglich. Eine der letztgenannten Schrauben saß zu fest um sie auf einfachem Weg zu lösen.

Der Schlittenkasten selbst muss, sofern der Schlitten noch gut läuft, eigentlich nicht geöffnet werden. Um besser an die festsitzende Schraube zu kommen und ggf. einen größeren Hebel ansetzen zu können, habe ich das hier dennoch getan.

Kriechöl kam ohnehin von Anfang an zum Einsatz, aber auch dieses versagte trotz längerer Einwirkzeit für sich alleine, ebenso ein zusätzliches Erhitzen der entsprechenden Stelle mit dem Fön sowie kurze mittelprächtige Schläge senkrecht auf die Schraube. Punktuelles Erhitzen der Schraube oder des Stativs an der Stelle des Innengewindes mit einem Lötgerät führte ebenso wenig zum Erfolg, die Hitze wird viel zu schnell abgeleitet.

Nach vielen Versuchen mit diversen Schlüsseln drohte der Innensechskant im Schraubenkopf langsam rund zu werden und ich sah mich das Stativ schon als letzte Möglichkeit nach Witten zum Ausbohren der Schraube zu schicken. Jedoch fluchte der potentielle Profi-Ausbohrer schon in der Art: "Erinnert an St****ns besch. Zeiss Phako-Kondensor...Mann, wegen einer sch*** Schraube..."  :D :D :D Es wäre wohl doch nicht so einfach gewesen wie von mir gedacht. Er hätte wohl einen Bohrer durch Hartlöten verlängern müssen um an die ungünstig gelegene Schraube zu kommen.

Mir kam letztendlich aber doch noch eine Idee und aufgegeben wird ja nicht  ;) ...warum nicht das ganze Stativ in den Backofen stellen und dann die Schraube gezielt herunterkühlen? Das Handauflagenteil hatte ich ohnehin schon entfernt, ebenso war die Leuchtfeldblende mit dem Spiegel ausgebaut. Eigentlich aus anderen Gründen. Vermutlich hätten auch diese diese Teile die Behandlung im Ofen überlebt. (Das Abbauen der Handauflagen spart jedoch Platz und beim aufgeklebten Spiegel wäre ich mir eben wegen des Klebers doch nicht 100%-ig sicher.) 45 min bei 80°C.

Das Werkzeug hatte ich derweilen in die Gefriertruhe getan, mein Gedanke: Je kälter, desto schneller wird die Schraube abgekühlt, während der Rest noch schön heiß ist - möglichst viel Spannung in die richtige Richtung zwischen Schraube und Stativ erzeugen!

Und, was soll ich sagen: Versuch gelungen  :D :D :D Mit dem Winkelschlüssel plus angesetztem Ringschlüssel als Hebel hat es geklappt.

Was die Schraube aber so dermaßen festsitzen ließ, bleibt mir ein Rätsel. Sie ist nun - zumindest gefühlt - auf Platz 1 aller festsitzenden Schrauben, die ich je hatte. Die Gewinde (Schraube und Innengewinde) sind sehr gut beieinander. Korrodiert ist auch nichts und ich kann keine Reste von Sicherungslack o.ä. erkennen  ???. Ebenso ließ sich der Schlittenkasten nach dem Lösen der drei anderen Schrauben relativ leicht verdrehen. Naja, das Stativ wurde zuvor min. 1x gewartet, wer weiß, was da passiert ist. Mögliche Erklärungen Eurerseits interessieren mich sehr!

Für die Zukunft habe ich mir nun verschiedene hochwertige längere Hex-3-Bits bestellt. Vielleicht wär es mit diesen und einer Ratsche wenigstens etwas besser gegangen. Mit den normal-kurzen Bits hat man leider keine Chance an diese Schraube zu kommen.

Viele Grüße
Diana
Titel: Re: Heute gibt es Bratplänchen, ein Orthoplan im Backofen
Beitrag von: Aurum in Juni 22, 2021, 12:25:28 NACHMITTAGS
Wenn zwei verschiedene Metalle miteinander in Kontakt kommen, entsteht eine "Batterie". Durch die jahrelange Reaktion der beiden Metalle - wobei das eine oxidiert und das andere reduziert - bildet sich eine kleine Oxidpatina, die die Reibung zwischen den beiden Teilen erhöht: Dies könnte erklären, warum die Schraube sehr fest sitzt. Diese Art von Batterie kann sogar existieren, wenn es nur eine Art von Metall gibt, denn alle Metalle sind Legierungen: Sie sind inhomogene Verbindungen, sodass die Batterie zwischen den kleinen Kristallen gebildet wird, aus denen das Metall besteht.

:)

LG Franz
Titel: Re: Heute gibt es Bratplänchen, ein Orthoplan im Backofen
Beitrag von: Werner in Juni 22, 2021, 13:58:36 NACHMITTAGS
...theoretisch möglich, aber nur wenn Wasser genau an diese Stelle kommt und die Normalpotentiale weit genug auseinander liegen.
In der Praxis ist die Schraube von einem Kraftmenschen fest angezogen worden. Das geht auch ohne Lokalelementbildung.
Für Schrauben am Auto, wo wirklich Korrosion beteiligt ist, gibt es kräftige Schlagschrauber und Schweißbrenner.

Gruß - Werner
Titel: Re: Heute gibt es Bratplänchen, ein Orthoplan im Backofen
Beitrag von: Peter V. in Juni 22, 2021, 14:08:20 NACHMITTAGS
Liebe Diana,

das OP-Besteck (in diesem Falle sogar doppeldeutig) im Gefrierfach und das Orthoplan in der Backröhre - darauf muss man erst mal kommen! Aber schön, dass die Aktion von Erfolg gekrönt war. In Witten wird man jedenfalls aufatmen  ;)

Herzliche Grüße
Peter


Titel: Re: Heute gibt es Bratplänchen, ein Orthoplan im Backofen
Beitrag von: olaf.med in Juni 22, 2021, 15:41:54 NACHMITTAGS
ZitatIn Witten wird man jedenfalls aufatmen

OK, dann kann man sich ja dort entspannt wieder den wirklichen Anforderungen des täglichen Lebens widmen, z.B. der Reparatur medizinischen Geräts, der Anpassung von Kondensoren, der Fertigung von Adaptern etc. etc. .... ;D ;D ;D

Herzliche Grüße,

Olaf
Titel: Re: Heute gibt es Bratplänchen, ein Orthoplan im Backofen
Beitrag von: ortholux in Juni 22, 2021, 16:24:20 NACHMITTAGS
Liebe Diana,

ist der Stab, mit dem Du  die Schraube rausgefischt hast, eins der Fischstäbchen, deren Verpackung im dritten Bild zu sehen ist?

Interessantes Werkzeug. Wo gibt es das?

Wolfgang
Titel: Re: Heute gibt es Bratplänchen, ein Orthoplan im Backofen
Beitrag von: Stephan Hiller in Juni 22, 2021, 16:33:19 NACHMITTAGS
Zitat von: Diana1982 in Juni 22, 2021, 11:39:16 VORMITTAG
Jedoch fluchte der potentielle Profi-Ausbohrer schon in der Art: "Erinnert an St****ns besch. Zeiss Phako-Kondensor...Mann, wegen einer sch*** Schraube..."  :D :D :D

Oh weh. das wird mir sicher ewig anhängen und ich wollte Olaf eigentlich mit Chemie das Leben etwas erleichtern. Aber das war damals wirklich ein "Schuss in den Ofen" (https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=37015.msg271995#msg271995) . Olaf hatte ja einen anderen Weg vorgeschlagen, den er dann letztendlich auch mit Erfolg eingeschlagen hat. Man soll den Mechanikern eben nicht reinreden.

Diana, falls du flüssigen Stickstoff oder noch einfacher Kältespray gehabt hättest wäre es vielleicht sogar ohne den Backofen gegangen.
Ich vermute aber wie Werner schon sagt dass da ein Grobmotoriker am Werk war. Ich hab auch schon solche Schrauben gehabt - nur haben sich die bisher immer mit einem gezielten wohldosierten Schlag auf den Kopf lösen lassen - und man fragt sich wirklich wie es Leute schaffen Schauben bis ganz kurz vor Abbrechen des Kopfes festzuknallen so dass sie faktisch nicht mehr gelöst werden können. Wozu? Eine Steigerung solchen Übels sind dann nur noch Schraubensicherungslacke oder wie oben zitiert 2-Komponentenkleber in Verschraubungen (besonders hässlich in diesem Fall in einem Feingewinde mit großem Durchmesser).
Letzteres hat sich der Chemischen Keule wiedersetzt aber ist dann mit  Olafs Künsten aufgesprengt worden (im wahrsten Sinne des Wortes)! Und Olaf hat - was ich mir bis dahin überhaupt nicht vorstellen konnte - das aufgesprengte Teil perfekt nachgedreht. Wie sagen die Schwaben: "der isch halt a Käpsele". Das Resultat dieser Arbeit kann man hier (https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=37015.msg271927#msg271927) bewundern.
Grüße
Stephan Hiller
Titel: Re: Heute gibt es Bratplänchen, ein Orthoplan im Backofen
Beitrag von: Aurum in Juni 22, 2021, 18:46:27 NACHMITTAGS
Zitat von: Werner in Juni 22, 2021, 13:58:36 NACHMITTAGS
...theoretisch möglich, aber nur wenn Wasser genau an diese Stelle kommt und die Normalpotentiale weit genug auseinander liegen.
In der Praxis ist die Schraube von einem Kraftmenschen fest angezogen worden. Das geht auch ohne Lokalelementbildung.
Für Schrauben am Auto, wo wirklich Korrosion beteiligt ist, gibt es kräftige Schlagschrauber und Schweißbrenner.

Gruß - Werner

Das ist richtig, es kann sein, dass es mit einem Industrie-Schlagschrauber - oder wie auch immer es heißt - festgezogen wurde und Sie sie damit lösen können sollten. Ich denke, das Metall ist kalt genug, damit sich Kondenswasser bilden kann (besonders in Deutschland!), Schrauben haben generell recht große Toleranzen. Es bleibt jedoch nur eine Theorie, die aber möglicherweise einen kleinen Beitrag geleistet hat. Wenn die Schrauben nicht entfernt werden können, können Sie immer bohren und einen Abzieher verwenden - dies sollte jedoch vermieden werden!

LG Franz
Titel: Re: Heute gibt es Bratplänchen, ein Orthoplan im Backofen
Beitrag von: Nordlicht in Juni 22, 2021, 20:41:10 NACHMITTAGS
Hallo Diana,

ein sehr nützlicher Helfer in solchen Fällen ist der "Schrauben Doktor"
Es handelt sich dabei um eine klebrige Paste mit "Diamant" Splittern.
Bei runden Schraubenköpfen (Inbuss, Kreuzschlitz, ... ) ein wenig auftragen und erneut probieren.
Es funktioniert.
Die Splitter verklemmen sich zwischen Werkzeug und Schraube und erlauben so einen neuen Kraftschluß.
Ich benutze es seit vielen Jahren und möchte es nicht missen.

Einfach mal im Internet nach "Schrauben Doktor" gucken.
(gibt es auch im gut sortiertem Kfz-Zubehörhandel)

Grüße  Matthias
Titel: Re: Heute gibt es Bratplänchen, ein Orthoplan im Backofen
Beitrag von: mhaardt in Juni 22, 2021, 23:22:32 NACHMITTAGS
Schrauben zu fest anzuziehen ist ganz einfach: Das Gleitmoment ist kleiner als das Losbrechmoment, d.h. man muss die Schraube nur in einer fließenden Bewegung ausreichend anziehen und schon kriegt man sie viel schwerer los. :)

Das ist der Trick von Schlagschraubern: Hemmungsloses Drehmoment für einen kurzen Moment.  Die Chancen die Schraube damit abzureißen sind kleiner, als wenn man sie ganz langsam mit immer mehr Gewalt lösen will.  Die Idee mit dem Backofen gefällt mir aber auch!

Michael
Titel: Re: Heute gibt es Bratplänchen, ein Orthoplan im Backofen
Beitrag von: Wutsdorff Peter in Juni 23, 2021, 11:31:18 VORMITTAG
Hallo  Diana,
welches Kriechöl benutzt  Du?
Ich habe mit "Caramba" gute Erfahrung gemacht.
Ich sprühe etwas in einen alten Eierbecher, dann mit einer kleinen Pipette einen Tropfen unter den Schraubenkopf. Dann Schauen, ob das Caramba einzieht. Ggf. 1/2 h warten.
Wenn Car. eingezogen ist, Nachträufeln. Mehrmals diese Prozedur wiederholen.
Dann Lösungsversuche.
Wenn Car. beim ersten Mal partout nicht einzieht, dann hilft das auch nicht mehr.
Gruß Peter
Titel: Re: Heute gibt es Bratplänchen, ein Orthoplan im Backofen
Beitrag von: Diana1982 in Juni 23, 2021, 12:08:15 NACHMITTAGS
Hallo Zusammen,

Dass die Schraube nur zu fest angezogen wurde, war natürlich auch mein erster Gedanke. Das Gewinde ist völlig i.O. und sie sah ja auch nicht korrodiert aus und auch sonst ist an dem Mikroskop kein Rost etc. zu finden.
Dagegen spricht doch aber, dass ich nach dem Lösen der 3 anderen Befestigungsschrauben, den Schlittenkasten relativ einfach verdrehen konnte, ohne dass sich die Schraube mitgedreht hat. Aber vielleicht habe ich da auch einen Denkfehler.


Hallo Stephan, hallo Matthias,

ZitatDiana, falls du flüssigen Stickstoff oder noch einfacher Kältespray gehabt hättest wäre es vielleicht sogar ohne den Backofen gegangen.
Zitatein sehr nützlicher Helfer in solchen Fällen ist der "Schrauben Doktor"

Danke Euch, wird beides für die Zukunft geordert!


Hallo Peter,

Zitatwelches Kriechöl benutzt  Du?
Hier Caramba, hab aber auch WD40.

LG Diana
Titel: Re: Heute gibt es Bratplänchen, ein Orthoplan im Backofen
Beitrag von: olaf.med in Juni 23, 2021, 12:43:04 NACHMITTAGS
Liebe Diana,

ZitatDagegen spricht doch aber, dass ich nach dem Lösen der 3 anderen Befestigungsschrauben, den Schlittenkasten relativ einfach verdrehen konnte, ohne dass sich die Schraube mitgedreht hat. Aber vielleicht habe ich da auch einen Denkfehler.

Dann kann sie ja eigentlich nur zu lang gewesen sein und stieß dadurch im Sackloch unten an.

Herzliche Grüße,

Olaf
Titel: Re: Heute gibt es Bratplänchen, ein Orthoplan im Backofen
Beitrag von: derda in Juni 23, 2021, 14:43:50 NACHMITTAGS
Hallo Diana, Hallo Olaf,

bei größeren Einschraublängen gibt es manchmal auch Probleme mit dem Steigungsversatz zwischen Innen und Aussengewinde. Die Steigung ist nämlich nicht direkt toleriert. Ein hohes Einschraubmoment suggeriert dann eine ausreichende Vorspannkraft ;-), in Wirklichkeit blockieren sich die Gewinde gegenseitig.

Viele Grüße,

Erik
Titel: Re: Heute gibt es Bratplänchen, ein Orthoplan im Backofen
Beitrag von: Wutsdorff Peter in Juni 23, 2021, 18:05:50 NACHMITTAGS
Hallo Diana,
Caramba ist OK;
WD40 auf keinen Fall:
Zuerst scheint es zu schmieren, dann aber verklebt es!!
Mach mal ein Experiment: Nimm eine Metalloberfläche, besprühe sie mit WD40,
Die Fingerprobe ergibt zuerst eine gute Gleitfähigkeit.
Dann laß´ das alles 5h stehen und gehe dann mit dem Finger drüber.
Dann klebt es. WD40 benutze ich zum Konservieren von Metalloberflächen, z.B. das Bett meiner Drehbank
Gruß vom Inschenör  Peter