Die Gruppe der
Weißtäublinge enthält in Deutschland nur wenige Arten. Ihnen allen ist gemein, dass alle Teile ihres
Fruchtkörpers im frischen, jungen Zustand weißlich bis creme gefärbt sind. Sie ähneln in vielen Merkmalen den
weißen Milchlingen, d.h. dem Pfeffermilchling und den beiden Wolligen Milchlingsarten. Der markante Unterschied liegt eigentlich nur darin, dass die Weißtäublinge bei Verletzung
keine Milch ausscheiden.
Den hier vorzustellenden Gemeinen Weißtäubling fand ich in zwei Metern Abstand von der Gruppe des Verblassenden Täublings, der in dieser Dokumentationsreihe bereits als
Nr. 19 (https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=41596.msg306596#msg306596) beschrieben wurde.
Eckdaten:
- Pilzart: Russula delica Fr.
- Fundort: birkenbestandene Wiese bei Keltern-Ellmendingen in Baden-Württemberg
- Lebensweise: er geht hier eine Mykorrhiza mit der Hängebirke Betula pendula ein
- Funddatum 12.07.2021
- Belegnummer: div21007,ellw
Makroskopische Merkmale:Der Gemeine Weißtäubling ist recht
häufig. Man findet ihn in Laub- Misch- und Nadelwälder, aber auch gerne
an Waldrändern oder außerhalb des Waldes, auch auf Lichtungen oder Parks, wo er eine
Mykorrhiza vorzugsweise mit Laubbäumen, ausmahmsweise mit Nadelbäumen, eingeht.
Der
Fruchtkörper ist im jungen Zustand weißlich bis cremefarben, verfärbt sich aber im Alter in Richtung gelbbräunlicher Töne. Es handelt sich um einen groß werdenden Pilz.
Hutdurchmesser von gut 20 cm sind keine Seltenheit. Der anfangs bereits ausgebreitete Hut vertieft sich im Verlauf des Wachstums trichterartig.
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/307187_36849274.jpg)
Bild 1 - Gruppe des Gemeinen Weißtäublings, in unmitterlbarer Nähe einer großen Birke. Die Fruchtkörper sind fast überreif.
Die
Hutoberfläche ist, zumindest anfangs, flaumig-schorfig-filzig. Man kann diese dickfleischige Art - ebenso wie den Wolligen Milchling und den Rosascheckigen Milchling - durchaus als "
Erdschieber" bezeichnen. Im folgenden Bild ist deutlich zu sehen, was der Hut beim Herauskommen aus der Erde alles mitnimmt:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/307187_63208015.jpg)
Bild 2 - Die weißfilzige, bräunende Hutoberfläche eines reifen Exemplars.
Die
Lamellen sind dicklich, breit und recht entfernt stehend. Will man die Häufigkeit von Gabelungen untersuchen, schaut man sich die Situation in Stielnähe an:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/307187_32001227.jpg)
Bild 3 - In der Nähe der Lamellenanwuchsstelle am Stiel gibt es einige wenige Gabelungen.
Bei den Weißtäublingen zählt man die Lamellen pro cm in 1 cm Abstand vom Hutrand. Somit entfallen die sehr zahlreichen, besonders kurzen Lamelletten:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/307187_19575591.jpg)
Bild 4 - Die Lamellen sind in Randnähe stark mit Lamelletten untermischt. Bei diesem Fruchtkörper ergeben sich in 1 cm Abstand vom Hutrand gemessen: 5-6 Lamellen pro lfd. cm.
Der
Stiel ist beim Gemeinen Weißtäubling kurz und gedrungen.
Als makrochemische Farbreaktion ist bei Täublingen
Eisensulfat FeSO
4 Pflicht. Hier ergibt sich eine sehr
schach rosa Reaktion:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/307187_41962596.jpg)
Bild 5 - Der kurze, stämmige Stiel. Mit Eisensulfat FeSO4 reagieren Stielfleisch und Stieloberfläche scwach rosa.
Der
Geschmack ist etwas scharf und der
Geruch deutlich fischig.
.
Mikroskopische Merkmale:Der Aufbau der
Epikutis ist bei der Täublingsbestimmung von entscheidender Bedeutung. Im Allgemeinen zieht man winzige Fetzen von der Huthaut ab und macht daraus mehrere Quetschpräparate, die man mit unterschiedlichen Reagenzien einfärbt.
Bei scharf schmeckenden Täublingen reichen zwei Präparate aus: Das eine wird mit
Sulfovanillin gefärbt, um
Pileozystiden zu finden, das andere färbt man mit
Kongorot, um das Aussehen der "
Haare" zu begutachten. In diesem Fall waren in Sulfovanillin keine Zystiden auffindbar. In SDS-Kongorot zeigten sich recht banal strukturierte Haare: Die Terminalglieder waren 40-100 µm lang und gestreckt und etwa 2 µm dick, am äußersten Ende auch keulig oder kopfig. Sehr interessant: Es gab zahlreiche Hyphen-Verdickungen, die inkrustiert und bis 10 µm dick waren. Derartige Verdickungen findet man auch in ROMAGNESI (1985) bei
Russula delica var.
puta auf Seite 225, Fig. 48.
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/307189_42119052.jpg)
Bild 6 - Präparat der obersten Huthautschicht, der Epikutis. Bei den lang ausgezogenen Hyphenenden handelt es sich um die sogen. "Haare". Interessant sind die angeschwollenen, inkrustierten Hyphenabschnitte. 20 µm dickes Präparat in SDS-Kongorot.
Wenn man bei einem Täubling oder Milchling ein dünnes Präparat der Hut- oder Lamellentrama anfertigt, werden kugelförmige Nester sichtbar, die aus einer Ansammlung von
Sphaerozysten bestehen:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/307189_43527150.jpg)
Bild 7 - Dieser Schnitt durch eine tiefer liegende Schicht zeigt die sogen. "Sphaerozystennester". Man erkennt auch die dünnen Hyphen, die die Nester umgeben. 20 µm dickes Präparat in SDS-Kongorot.
Das frisch ausgefallende
Sporenpulver war weißlich bis hellcreme, Ib-IIa nach der Farbtafel in MARXMÜLLER (2014).
Die Sporen sind ellipsoid, warzig-gratig mit einigen isolierten Warzen, aber auch vielen durch feine Linien oder kurze Grate verbundenen Warzen. Außerdem sind ganz schwach einige Teilnetze zu sehen. Die Ornamenthöhe liegt bei bis zu 0,8 µm, einige wenige bis max. 1,1µm. Die Ornamente sind stark amyloid; der Hilarfleck nur am Rande stark amyloid.
Messwerte, und zwar die mit 95-prozentigem Vertrauensintervall hochgerechneten Mittelwerte von 33 repräsentativen Sporen:
Lav x Bav = 9,4-9,9 x 7,4-7,8 µm; Qav = 1,24-1,30; Vav = 275-315 µm
3(Länge L; Breite B; Schlankheitsgrad Q = L/B; Volumen V; Index av = Mittelwert (average)).
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/307189_56200037.jpg)
Bild 8 - Kollage aus sechs
Sporenoberflächen, und zwar sind die dem Mikroskopiker zugewandten Sporenhälften abgebildet. Wie man bei der Spore ganz unten in der Mitte erkennen kann, ist der Hilarfleck nur am Rande schwarz = stark amyloid. Präparat in Melzers Reagenz.
Hier noch zwei REM-Aufnahmen der Sporen, für die ich Stefan Diller herzlich danke!
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/307189_63208015.jpg)
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/307189_32001227.jpg)
Ähnliche Arten:
- Der Schmalblättrige Weißtäubling Russula chloroides (Krombh.) Bres. ist sehr ähnlich. Er besitzt aber folgende Merkmale, die ihn vom Gemeinen Weißtäublig unterscheiden:
Er wächst eher im Waldesinneren; sein Hut bleibt meist etwas kleiner, die Lamellen sind weniger breit und weniger dick und stehen mit 8-14 Lamellen pro cm auch gedrängter. Was auch immer mal wieder auffällt. Der Schmalblättrigen Weißtäubling zeigt oben am Stiel gerne eine deutliche, blaugrüne Ringzone. Schließlich besitzen seine Sporen ein deutlich höheres Ornament. - Der Ockerblättrige Weißtäubling Russula pallidospora J. Blum ex Romagn. wird nur sehr selten gefunden. Von den beiden anderen genannten Weißtäublingsarten unterscheidet sich R. pallidospora wie folgt: er riecht nicht fischig, sondern deutlich obstartig; er schmeckt nicht scharf, sondern etwas bitterlich; sein Sporenpulver ist nicht weißlich, sondern dunkel cremefarben; die Ornamenthöhe der Sporen ist noch geringer als beim Gemeinen Weißtäubling.
- Bei den drei weißen Milchlingsarten (siehe 1. Abschnitt weiter oben) quillt bei Verletzung weiße Milch hervor, was bei unserem Täubling natürlich nicht der Fall ist.
Viel Vergnügen beim Anschauen!
Bernd
Weiterführende Literatur:
- EINHELLINGER, A. (1985): Die Gattung Russula in Bayern. - Hoppea, Denkschr. der Regensburgischen Bot. Ges. Bd. 43
- MARXMÜLLER, H. (2014): Russularum Icones: 340-343. - Anatis-Verlag
- MICHAEL, E., HENNIG, B. KREISEL, H. (1983): Handbuch für Pilzfreunde Band V: Nr. 67a
- ROMAGNESI, H. (Reprint 1985): Les Russules d'Europe et d'Afrique du Nord
- SCHWÖBEL, H. (1974):Die Täublinge. Beiträge zu ihrer Kenntnis und Verbreitung II. Z. Pilzk. 39:175-189
https://fundkorb.de/pilze/russula-delica-gemeiner-wei%C3%9Ft%C3%A4ubling
Fachausdrücke, Abkürzungen: https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=41611.msg306729#msg306729
Alle Fundberichte in der Übersicht: https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=42360.msg312080#msg312080
Hallo Bernd,
deine Dokumentationen sind immer wieder eine grosse Bereicherung! Verständlich, klar und präzise.
Gruss Arnold
Hallo Arnold,
danke für das Lob!
Für diejenigen, die sich für die molekularbiologische Identifizierung von Pilzen interessieren:
Wenn man die sogen. "ITS-Sequenz" der DNA zur Unterscheidung der Täublings- und Milchlingsarten zugrunde legt, zeigt sich, dass die beiden Weißtäublingsarten Russula delica und R. chloroides mit den Milchlingen enger verwandt sind als mit den restlichen Täublingsarten. Die bei den Russulaceae üblicherweise herangezogene ITS-Sequenz besteht aus ca. 600 Basenpaaren und beinhaltet das 5,8S rRNA-Gen sowie die beiden angrenzenden Bereiche ITS1 und ITS2 (ITS = Internal Transcribed Spacer).
Viele Grüße
Bernd
Hallo Bernd,
wie immer, eine spannende und sehr detailliert aufbereitete Dokumentation. Kannst Du noch sagen, wie due die 20µm-Schnitte hergestellt hast?
LG
Jürgen
Hallo Jürgen,
die Schnitte habe ich mit einem älteren Schlittenmikrotom gemacht. Dazu das zu scheidende Pilzfragment erst mal über Nacht in 10-20-prozentige wässrige PEG-Lösung eingelegt, danach eintrocknen lassen, so dass sich ein schneidbares Blöckchen ergibt und dieses unter Erhitzen seitlich auf ein Holzstäbchen geklebt (PEG klebt hervorragend), schließlich geschnitten. Die Schnitte in Wasser gegeben, um das PEG wieder herauszulösen, dann eingefärbt und mikroskopiert. Ging eigentlich ganz flott.
Viele Grüße
Bernd
Hallo Bernd,
danke für die schnelle Antwort! Bei mir im Garten stekcen gerade die ersten Hutpilze ihre Köpfe nach oben, da werde ich Deine Vorgangsweise im anstehenden Urlaub demnächst ausprobieren.
LG
Jürgen
Hallo,
oben habe ich noch zwei REM-Aufnahmen der Sporen angefügt.
Viele Grüße - Bernd