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Foren => Mikrofoto-Forum => Thema gestartet von: Bernd Miggel in Juli 23, 2021, 17:22:31 NACHMITTAGS

Titel: Interessante Pilzfunde 21 - Gemeiner Weißtäubling
Beitrag von: Bernd Miggel in Juli 23, 2021, 17:22:31 NACHMITTAGS
Die Gruppe der Weißtäublinge enthält in Deutschland nur wenige Arten. Ihnen allen ist gemein, dass alle Teile ihres Fruchtkörpers im frischen, jungen Zustand weißlich bis creme gefärbt sind. Sie ähneln in vielen Merkmalen den weißen Milchlingen, d.h. dem Pfeffermilchling und den beiden Wolligen Milchlingsarten. Der markante Unterschied liegt eigentlich nur darin, dass die Weißtäublinge bei Verletzung keine Milch ausscheiden.
Den hier vorzustellenden Gemeinen Weißtäubling fand ich in zwei Metern Abstand von der Gruppe des Verblassenden Täublings, der in dieser Dokumentationsreihe bereits als  Nr. 19 (https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=41596.msg306596#msg306596) beschrieben wurde.

Eckdaten:


Makroskopische Merkmale:

Der Gemeine Weißtäubling ist recht häufig. Man findet ihn in Laub- Misch- und Nadelwälder, aber auch gerne an Waldrändern oder außerhalb des Waldes, auch auf Lichtungen oder Parks, wo er eine Mykorrhiza vorzugsweise mit Laubbäumen, ausmahmsweise mit Nadelbäumen, eingeht.
Der Fruchtkörper ist im jungen Zustand weißlich bis cremefarben, verfärbt sich aber im Alter in Richtung gelbbräunlicher Töne. Es handelt sich um einen groß werdenden Pilz. Hutdurchmesser von gut 20 cm sind keine Seltenheit. Der anfangs bereits ausgebreitete Hut vertieft sich im Verlauf des Wachstums trichterartig.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/307187_36849274.jpg)
Bild 1 - Gruppe des Gemeinen Weißtäublings, in unmitterlbarer Nähe einer großen Birke. Die Fruchtkörper sind fast überreif.


Die Hutoberfläche ist, zumindest anfangs, flaumig-schorfig-filzig. Man kann diese dickfleischige Art - ebenso wie den Wolligen Milchling und den Rosascheckigen Milchling - durchaus als "Erdschieber" bezeichnen.  Im folgenden Bild ist deutlich zu sehen, was der Hut beim Herauskommen aus der Erde alles mitnimmt:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/307187_63208015.jpg)
Bild 2
- Die weißfilzige, bräunende Hutoberfläche eines reifen Exemplars.


Die Lamellen sind dicklich, breit und recht entfernt stehend. Will man die Häufigkeit von Gabelungen untersuchen, schaut man sich die Situation in Stielnähe an:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/307187_32001227.jpg)
Bild 3 - In der Nähe der Lamellenanwuchsstelle am Stiel gibt es einige wenige Gabelungen.


Bei den Weißtäublingen zählt man die Lamellen pro cm in 1 cm Abstand vom Hutrand. Somit entfallen die sehr zahlreichen, besonders kurzen Lamelletten:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/307187_19575591.jpg)
Bild 4 - Die Lamellen sind in Randnähe stark mit Lamelletten untermischt. Bei diesem Fruchtkörper ergeben sich in 1 cm Abstand vom Hutrand gemessen: 5-6 Lamellen pro lfd. cm.


Der Stiel ist beim Gemeinen Weißtäubling kurz und gedrungen.
Als makrochemische Farbreaktion ist bei Täublingen Eisensulfat FeSO4 Pflicht. Hier ergibt sich eine sehr schach rosa Reaktion:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/307187_41962596.jpg)
Bild 5 - Der kurze, stämmige Stiel. Mit Eisensulfat FeSO4 reagieren Stielfleisch und Stieloberfläche scwach rosa.


Der Geschmack ist etwas scharf und der Geruch deutlich fischig.


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Titel: Re: Interessante Pilzfunde 21 - Gemeiner Weißtäubling
Beitrag von: Bernd Miggel in Juli 23, 2021, 17:35:04 NACHMITTAGS
Mikroskopische Merkmale:


Der Aufbau der Epikutis ist bei der Täublingsbestimmung von entscheidender Bedeutung. Im Allgemeinen zieht man winzige Fetzen von der Huthaut ab und macht daraus mehrere Quetschpräparate, die man mit unterschiedlichen Reagenzien einfärbt.
Bei scharf schmeckenden Täublingen reichen zwei Präparate aus: Das eine wird mit Sulfovanillin gefärbt, um Pileozystiden zu finden, das andere färbt man mit Kongorot, um das Aussehen der "Haare" zu begutachten. In diesem Fall waren in Sulfovanillin keine Zystiden auffindbar. In SDS-Kongorot zeigten sich recht banal strukturierte Haare: Die Terminalglieder waren 40-100 µm lang und gestreckt und etwa 2 µm dick, am äußersten Ende auch keulig oder kopfig. Sehr interessant: Es gab zahlreiche Hyphen-Verdickungen, die inkrustiert und bis 10 µm dick waren. Derartige Verdickungen findet man auch in ROMAGNESI (1985) bei Russula delica var. puta auf Seite 225, Fig. 48.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/307189_42119052.jpg)
Bild 6 - Präparat der obersten Huthautschicht, der Epikutis. Bei den lang ausgezogenen Hyphenenden handelt es sich um die sogen. "Haare". Interessant sind die angeschwollenen, inkrustierten Hyphenabschnitte. 20 µm dickes Präparat in SDS-Kongorot.


Wenn man bei einem Täubling oder Milchling ein dünnes Präparat der Hut- oder Lamellentrama anfertigt, werden kugelförmige Nester sichtbar, die aus einer Ansammlung von Sphaerozysten bestehen:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/307189_43527150.jpg)
Bild 7 - Dieser Schnitt durch eine tiefer liegende Schicht zeigt die sogen. "Sphaerozystennester". Man erkennt auch die dünnen Hyphen, die die Nester umgeben. 20 µm dickes Präparat in SDS-Kongorot.


Das frisch ausgefallende Sporenpulver war weißlich bis hellcreme, Ib-IIa nach der Farbtafel in MARXMÜLLER (2014).

Die Sporen sind ellipsoid, warzig-gratig mit einigen isolierten Warzen, aber auch vielen durch feine Linien oder kurze Grate verbundenen Warzen. Außerdem sind ganz schwach einige Teilnetze zu sehen. Die Ornamenthöhe liegt bei bis zu 0,8 µm, einige wenige bis max. 1,1µm. Die Ornamente sind stark amyloid; der Hilarfleck nur am Rande stark amyloid.

Messwerte, und zwar die mit 95-prozentigem Vertrauensintervall hochgerechneten Mittelwerte von 33 repräsentativen Sporen:

Lav x Bav = 9,4-9,9 x 7,4-7,8 µm; Qav = 1,24-1,30; Vav = 275-315 µm3

(Länge L; Breite B; Schlankheitsgrad Q = L/B; Volumen V; Index av = Mittelwert (average)).

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/307189_56200037.jpg)
Bild 8 - Kollage aus sechs Sporenoberflächen, und zwar sind die dem Mikroskopiker zugewandten Sporenhälften abgebildet. Wie man bei der Spore ganz unten in der Mitte erkennen kann, ist der Hilarfleck nur am Rande schwarz = stark amyloid. Präparat in Melzers Reagenz.


Hier noch zwei REM-Aufnahmen der Sporen, für die ich Stefan Diller herzlich danke!

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/307189_63208015.jpg)

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/307189_32001227.jpg)




Ähnliche Arten:



Viel Vergnügen beim Anschauen!

Bernd



Weiterführende Literatur:
https://fundkorb.de/pilze/russula-delica-gemeiner-wei%C3%9Ft%C3%A4ubling


Fachausdrücke, Abkürzungen:
https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=41611.msg306729#msg306729


Alle Fundberichte in der Übersicht: https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=42360.msg312080#msg312080

Titel: Re: Interessante Pilzfunde 21 - Gemeiner Weißtäubling
Beitrag von: A. Büschlen in Juli 24, 2021, 16:32:36 NACHMITTAGS
Hallo Bernd,

deine Dokumentationen sind immer wieder eine grosse Bereicherung! Verständlich, klar und präzise.

Gruss Arnold
Titel: Re: Interessante Pilzfunde 21 - Gemeiner Weißtäubling
Beitrag von: Bernd Miggel in Juli 24, 2021, 17:30:28 NACHMITTAGS
Hallo Arnold,

danke für das Lob!

Für diejenigen, die sich für die molekularbiologische Identifizierung von Pilzen interessieren:
Wenn man  die sogen.  "ITS-Sequenz" der DNA zur Unterscheidung der Täublings- und Milchlingsarten zugrunde legt, zeigt sich, dass die beiden Weißtäublingsarten Russula delica und R. chloroides mit den Milchlingen enger verwandt sind als mit den restlichen Täublingsarten. Die bei den Russulaceae üblicherweise herangezogene ITS-Sequenz besteht aus ca. 600 Basenpaaren und beinhaltet das 5,8S rRNA-Gen sowie die beiden angrenzenden Bereiche ITS1 und ITS2 (ITS = Internal Transcribed Spacer).

Viele Grüße

Bernd
Titel: Re: Interessante Pilzfunde 21 - Gemeiner Weißtäubling
Beitrag von: jcs in Juli 24, 2021, 18:46:41 NACHMITTAGS
Hallo Bernd,

wie immer, eine spannende und sehr detailliert aufbereitete Dokumentation. Kannst Du noch sagen, wie due die 20µm-Schnitte hergestellt hast?

LG

Jürgen
Titel: Re: Interessante Pilzfunde 21 - Gemeiner Weißtäubling
Beitrag von: Bernd Miggel in Juli 24, 2021, 19:28:43 NACHMITTAGS
Hallo Jürgen,

die Schnitte habe ich mit einem älteren Schlittenmikrotom gemacht. Dazu das zu scheidende Pilzfragment erst mal über Nacht in 10-20-prozentige wässrige PEG-Lösung eingelegt, danach eintrocknen lassen, so dass sich ein schneidbares Blöckchen ergibt und dieses unter Erhitzen seitlich auf ein Holzstäbchen geklebt (PEG klebt hervorragend), schließlich geschnitten. Die Schnitte in Wasser gegeben, um das PEG wieder herauszulösen, dann eingefärbt und mikroskopiert. Ging eigentlich ganz flott.

Viele Grüße

Bernd
Titel: Re: Interessante Pilzfunde 21 - Gemeiner Weißtäubling
Beitrag von: jcs in Juli 24, 2021, 21:30:56 NACHMITTAGS
Hallo Bernd,

danke für die schnelle Antwort! Bei mir im Garten stekcen gerade die ersten Hutpilze ihre Köpfe nach oben, da werde ich Deine Vorgangsweise im anstehenden Urlaub demnächst ausprobieren.

LG

Jürgen
Titel: Re: Interessante Pilzfunde 21 - Gemeiner Weißtäubling
Beitrag von: Bernd Miggel in August 31, 2021, 19:10:32 NACHMITTAGS
Hallo,

oben habe ich noch zwei REM-Aufnahmen der Sporen angefügt.

Viele Grüße - Bernd