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Foren => Mikroskopie-Forum => Thema gestartet von: Gerd Schmahl in März 04, 2022, 08:40:26 VORMITTAG

Titel: Kristalle im Zunder
Beitrag von: Gerd Schmahl in März 04, 2022, 08:40:26 VORMITTAG
Hallo,
nach einem Rezept aus dem Internet habe ich versucht meinen Zunder, den ich aus dem Zunderschwamm (Fomes fomentarius) gewonnen habe, nochmal etwas leichter entzündlich zu machen. Dazu wurde der Zunder ca. 3Wochen in eine Holzaschenlauge gelegt. Die Lauge war sehr konzentriert (Holzasche-Wasser ca. 1:1 nach Volumen gemischt). Gestern habe ich den Zunder wieder heraus genommen und schon beim Abspülen gespürt, dass er sich "sandig" anfühlt. Nach dem der Zunder auf der Heizung getrocknet wurde, fiel mir auf, dass er glitzerte. Unter dem Stereomikroskop sah ich die ganze Oberfläche mit Kristallen bedeckt. Bei der Verbrennung des Zunder bleiben die Kristalle erhalten. Das erste Bild zeigt den Übergang vom verbrennenden um unverbrannten Zunder (keine Angst: Die Frontlinse meines MBS-10 war geschützt)
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/321470_42119052.jpg) (https://abload.de/image.php?img=mbs-10-verbrennungmas0ykfs.jpg)

Im Durchlichtmikroskop erscheinen die Kristalle "deckig" sie haben Kohlenstoff und andere Partikel der Aschesuspension eingeschlossen. Sie lassen sich nicht vollständig von den Pilzhyphen trennen und sind, wie nicht anders zu erwarten, kaum wasserlöslich.
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/321470_43527150.jpg) (https://abload.de/image.php?img=04hf-spalapo10-800pixtskbk.jpg)

Unter gekreuzten Polarisatoren zeigen die Kristalle starke Doppelbrechung:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/321470_56200037.jpg) (https://abload.de/image.php?img=05hf-x-pol-spalapo10-kwkir.jpg)

Hier noch ein weiteres Bildpaar: X-Pol und X-Pol mit Rot1
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/321470_36038289.jpg) (https://abload.de/image.php?img=06hf-x-pol-spalapo10-4rknu.jpg)
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/321470_55909147.jpg) (https://abload.de/image.php?img=07hf-x-pol-rot1-spalat1jy7.jpg)
Am zentralen Kristall sieht man links oben sehr schön die extreme Doppelbrechung, die je nach Dicke des Kristalls an seiner Kante, zahlreiche Ordnungen durchläuft.

Das sieht alles sehr nach Kalzit (Ca[CO3]) aus und tatsächlich schäumt es heftig, wenn man einen Tropfen Salzsäure darauf gibt.

Der Zunder nimmt den Funken tatsächlich besser an, als der unbehandelte. Die Kalzitkristalle haben damit sicher nichts zu tun. Ich führe das eher auf die sehr feinen Holzkohlepartikel und vielleicht auf die Anwesenheit von Kalium zurück. Es gibt ja auch einen sehr klassischen Versuch: Würfelzucker kann man nicht einfach in der Flamme entzünden. Er schmilzt, karamelisiert und tropft ab, brennt aber nicht. Krümelt man aber etwas Holzasche darauf, brennt er mit bläulicher Flamme. Die Holzasche wirkt als Katalysator. (Vorsicht, wenn man das ausprobiert: Die abtropfende Zuckerschmelze ist sehr heiß und führt unweigerlich zu einer Brandblase, wenn sie auf die Haut tropft!)

Beste Grüße
Gerd
Titel: Re: Kristalle im Zunder
Beitrag von: Carsten Wieczorrek in März 04, 2022, 08:52:13 VORMITTAG
Hallo Gerd,
da vermute ich eher Kalium-Karbonat.
Potasche halt, da kommt ja der Name von Kalium her: Potassium.

Carsten
Titel: Re: Kristalle im Zunder
Beitrag von: Gerd Schmahl in März 04, 2022, 09:00:06 VORMITTAG
Hallo Carsten,
im Gegensatz zur Kalziumkarbonat ist Kaliumkarbonat aber sehr gut wasserlöslich (1120 g/l).
LG Gerd
Titel: Re: Kristalle im Zunder
Beitrag von: reblaus in März 04, 2022, 09:59:16 VORMITTAG
Hallo Carsten -

Deine experimentelle Geschichtskunde gefällt mir sehr!
Sehr gut wasserlöslich ist für Pottasche sogar noch untertrieben. Sie ist derart hygroskopisch, dass sie bei normaler Luftfeuchtigkeit zerläuft, wenn man sie offen  rumstehen lässt.

Viele Grüße

Rolf
Titel: Re: Kristalle im Zunder
Beitrag von: Florian D. in März 04, 2022, 10:31:48 VORMITTAG
Würde auch auf CaCO3 tippen, die hohen Interferenzfarben sprechen doch sehr dafür, zusammen mit der Unlöslichkeit und des Schäumens mit HCl.
Gruss
Florian
Titel: Re: Kristalle im Zunder
Beitrag von: reblaus in März 04, 2022, 11:47:04 VORMITTAG
Hallo -

habe grade mitgekriegt, dass ja Gerd der Urheber des Zunder-threads war - also vielmehr ihm mein volles Lob für seine experimentelle Archäologie gebührt.
In der Hoffnung, dass nicht unsere Nachkommen ihr Feuer wieder mit Zunder anstecken müssen ...

Viele Grüße

Rolf
Titel: Re: Kristalle im Zunder
Beitrag von: Dünnschliffbohrer in März 04, 2022, 17:08:45 NACHMITTAGS
Hallo Gerd,

hatte man den Zunder damals nicht mit Kaliumnitratlösung als Oxidationsmittel getränkt, um ihm leichter entflammbar zu machen? Genau wie Lunten, und wohl auch Zigarettentabak? Die Funken wurden m.W. durch Schlagen von Feuerstein(Flint) gegen Pyrit erzeugt.
Titel: Re: Kristalle im Zunder
Beitrag von: beamish in März 04, 2022, 17:20:06 NACHMITTAGS
Zitat von: Dünnschliffbohrer in März 04, 2022, 17:08:45 NACHMITTAGShatte man den Zunder damals nicht mit Kaliumnitratlösung als Oxidationsmittel getränkt, um ihm leichter entflammbar zu machen?

Deshalb hat man wohl die Zunderläppchen ursprünglich in Urin eingelegt. Kaliumnitrat= Salpeter: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaliumnitrat

Grüße
Martin
Titel: Re: Kristalle im Zunder
Beitrag von: Gerd Schmahl in März 06, 2022, 13:28:48 NACHMITTAGS
Hallo,
die Verarbeitung von Zunder aus dem Zunderschwamm (es gibt noch einige andere Zunder) und auch die zur Funkenerzeugung verwendeten Materialien haben natürlich einen langen geschichtlichen Entwicklungsprozess durchlaufen.
Man kann das Trama des Zunderschwammes, wenn er zur richtigen Zeit geerntet wird, sehr schön auseinander ziehen. Aus einem Faustgroßen Zunderschwamm kann man ein mehr oder weniger rundes Stück Zunder von etwas 20cm Durchmesser erhalten, der dann wie ein Fensterleder aussieht und sich auch sehr ähnlich flauschig anfühlt. Das sieht dann so aus (das stark glänzende Objekt ist ein 1-€-Münze):
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/321571_6444509.jpg) (https://abload.de/image.php?img=feuerschlger5ajij.jpg)
Wenn der getrocknet ist (wegen der großen Oberfläche schon nach wenigen Stunden), kann man ihn schon verwenden und er fängt auch schon gut Funken, besonders, wenn man ihn vor der Verwendung nochmals gut aufraut (mit Messerklinge darüber schaben). Der wichtigste Faktor ist wirklich die große Oberfläche mit viel Luft zwischen den Fasern (Pilzhyphen). Solchen Zunderschwamm hatte schon Ötzi dabei und dazu eine Pyrit oder Markasitknolle (beides FeS) sowie ein Stück Feuerstein.
Mit diesen ursprünglichsten Hilfsmitten habe ich auch schon Feuer geschlagen, aber das ist Schwerstarbeit.
Seit der Eisenzeit sind Pyrit und Markasit sehr bald aus den Feuerbestecken verschwunden. Sie wurden von Funkenschlägern aus Eisen verdrängt, die viel zuverlässiger auch heißere Funken abgeben. So ein traditioneller Funkenschläger ist ebenfalls im ersten Bild zu sehen. Es braucht also immer Eisen. Am besten eignen sich kohlenstoffreiche Stähle. Ein guter Ersatz ist ein Stück einer gut gehärteten Stahlfeile.
Der Feuerstein ist noch bis zu den Steinschlossgewehren beibehalten worden, aber es geht eigentlich jedes andere Material, das hart genug ist, einen Eisenspan heraus zu reißen, der dann durch die Reibungsenergie erhitzt, verglüht. Ich möchte in diesem Zusammenhang auch an die Schmelperlenversuche (https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=33125.msg244096#msg244096) erinnern, die ich hier im Forum gezeigt habe.

Der Zunder lässt sich auf unterschiedliche Weise verbessern. Eine Nitifikation zumal mit Urin ist nicht nur geruchsintensiv. Das ist auch etwas, zu dem viel Erfahrung gehört, die ich nicht habe. Das Einlegen in Holzasche ist durch dieses Video (https://www.youtube.com/watch?v=vQmVVZtDFxo) inspiriert, und geht auf ein Rezept zurück, dass im Hannoverschen Magazin von 1809 veröffentlicht wurde. Der so behandelte Zunder fängt den Funken um einiges besser, als der unbehandelte.

Mein Lieblingszunder zum Feuerschlagen ist aber verkohltes Baumwoll- oder Leinengewebe: Man reißt sich Streifen von 4...5cm Breite aus einem alten Einkaufsbeutel oder einer Jeans und rollt diese auf. Mehrere solcher Rollen kommen in eine Blechbüchse (z.B. eine Teedose), in deren Deckel man ein 3..4 Löcher geschlagen hat und legt das in eine offenes Feuer. Die entstehenden Rauchgase entweichen durch die Löcher, wo sie verbrennen. Wenn keine Flammen mehr aus den Löchern schlagen, ist der Zunder fertig. Man lässt die Dose gut abkühlen und findet ein Kohlenstoffgewebe vor, von dem man sich kleine Stücke abbrechen und zum Feuerschlagen verwenden kann. Damit habe ich i.d.R. nach dem 1. Schlag, spätestens nach dem 3. Glut.
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/321571_58000584.jpg) (https://abload.de/image.php?img=schlagtechnik3vjqb.jpg)
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/321571_52243212.jpg) (https://abload.de/image.php?img=glhenderbaumwollzundeedkl4.jpg)

Das Verhohlen geht auch mit dem Zunderschwamm, der aber zuvor schon gut aufgeraut sein muss. Das Aufrauen lässt sich auch noch sehr viel weiter treiben: Es gibt auch Leute, die den Zunder in die Mulinette stecken, um darin eine Zunderwatte zu erzeugen.

Soviel von meiner Seite zur Zunderschwammverarbeitung. Wie bei jedem traditionellen Handwerk gibt es dazu immer sehr viele verschieden Variationen, Meinungen und auch Mythen. Schließlich ist Feuer ja ein Geschenk der Götter ;)

Beste Grüße
Gerd