Hallo zusammen,
ein sehr exponiertes Mitglied dieses Forums hat in verschiedenen Beiträgen der letzten Jahre wiederholt zum Ausdruck gebracht, dass das Ruhrgebiet aus mikroskopischer Sicht "ein ziemliches Brachland" sei.
Solche Aussagen wecken natürlich Assoziationen zu den Klisches, die manche Leute heutzutage immer noch über den Ruhrpott als einem dreckigen und umweltverseuchten (Schwer-)Industriestandort, so wie es vor 60 Jahren sicher zutreffend war, haben mögen.
Mittlerweile haben aber die Restrukturierungs- und Renaturierungsmaßnahmen wie z.B. an der Emscher sich dahingehend ausgewirkt, dass überall im Ruhrgebiet neue Lebensräume entstanden sind, die eine natürliche Sukzession von somit auch neuen Arten ermöglichen, die gerade für Tümpler/innen, auch im mikroskopischen Bereich, Beschäftigungsmöglichkeiten für Jahrzehnte bieten. Man muss nur suchen! Ich selbst habe bisher in dieser Gegend (BO, DO, E, EN, HER, WIT) mehrere hundert mikroskopische Arten dokumentieren können.
Auch der Henrichsteich ist ein solches "neues" solches Biotop; knapp 200m von der ehemaligen Henrichshütte entfernt, einem Stahlwerk, das über mehr als ein Jahrhundert das Leben der Stadt Hattingen geprägt hat. Hier ein Bild dieses Gewässers mit dem Gerüst des Hochofens im Hintergrund:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/331380_36849274.jpg)
Früher ein Seitenarm der Ruhr ist der Henrichsteich nun ein mesotrophes Stillgewässer mit einem teilweise dichten Pflanzenbewuchs am Ufer und für jedermann/-frau/-etc. frei zugänglich.
Dort lassen sich sehr interessante Organismen finden, Zoothamnium arbuscula ist einer davon. Von Foissner (1996) als "sehr außergewöhnliche, jedoch seltene Art" bezeichnet, zeichnet sich diese Art dadurch aus, dass -im Gegensatz zu anderen Süßwasser-Peritrichen- die Verbreitung durch sog. Makrozooide erfolgt, die deutlich größer sind als die Mikrozooide der Kolonien. Hier mal ein Bild:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures012/331380_63208015.jpg)
Googelt man diesen Artnamen, so stellt man fest, dass -im Gegensatz zu den ganzen Cosmariums, Micrasteriassen und Hämatococcussen- ziemlich genau kein einziges lichtmikroskopisches Foto von diesen Makrozoiden im www. zu finden ist.
Weitere Bilder/Infos hier:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenProtista/01e-protista/e-Ciliata/e-source/Zoothamnium%20arbuscula.html (https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenProtista/01e-protista/e-Ciliata/e-source/Zoothamnium%20arbuscula.html)
Das nur mal so als Beispiel zum Thema: "Brachland Ruhrgebiet"
Beste Grüße
Michael Plewka
Hallo Michael,
finde ich toll, dass du mal eine Mikro-Lanze für das Ruhrgebiet brichst.
Ich denke, bei gründlicher Exploration findet man noch an vielen Stellen eine reichhaltige Mikrowelt,
umweltverseuchte Gewässer und Ackerböden mal ausgenommen.
LG Klaus
Hallo Michael,
zunächst einmal beglückwünsche ich Dich zu diesem interessanten Fund. Und natürlich erkenne ich mich schuldig im Sinne der Anklage ;) Meine gelegentlich etwas lästerlichen Bemerkungen sind natürlich nur bedingt ernst zu nehmen. "Hardcore"-Tümpler wie Du werden - wie man ja immer wieder sieht - überall fündig. Tatsächlich ist es aber doch so, dass sich für den eher gelegentlichen Augenergötzungs-Tümpler, der sich primär an der Schönheit der Mikrowelt (z.B. speziell auch der Algen und dort wiederum der Desmidiaceen) erfreuen möchte, die Vielfalt im Ruhrgebiet nicht so einfach präsentiert wie an manchen anderen Orten. Es ist wohl ein wenig wie in der Fotografie: Der Street-Art-Fotograf wird hier eher fündig als derjenige, der vordergründig schöne Sonnenuntergänge und Postkartenmotive sucht.
Biotope mit einer so vergleichsweise einfach zugänglichen und diversen (Algen)Vielfalt, wie sie beispielsweise Kurt, Gerd und Siegfried "vor der Haustür" haben, sind mir zumindest hier in der Umgebung nicht bekannt.
Mit der Mikrowelt im Ruhrgebiet ist es eben wie im "Makroskopischen" auch: Es gibt sie auch hier, die attraktiven und interessanten Orte und Mikro-Bewohner, aber sie erschließen sich nicht so leicht wie in anderen Regionen. Ich gelobe aber auf jeden Fall jetzt Besserung, was derartige Pauschalaussagen meinerseits betrifft! ;)
Hezrliche Grüße
Peter
Lieber Michael,
herzlichen Dank für diese tolle Doku. Immer wieder bin ich von der Qualität Deiner Aufnahmen beeindruckt !
Hallo Michael
Ich möchte mich den Vorrednern anschließen,
wieder ein hervorragender Bericht mit klasse Bildern.
Und nun noch ein scherzhafter Spruch zu Peter's Aussage.
(wie sie beispielsweise Kurt, Gerd und Siegfried "vor der Haustür" haben)
Peter..-- Im Osten geht die PlanktonSonne auf. ;)
Gruß von Siegfried
und für Fossiliensammler sind die Abraumhalden auch nicht ohne Reiz :-)
(jedenfalls die von Friedrich-Heinrich in Lintfort hatte reichlich)
Grüße
Wolfgang
Hallo zusammen,
vielen Dank für die netten Kommentare!
@ Siegfried: da halte ich gegen: "....Tief im Westen, ..." (frei nach H. Grönemeyer) ...geht die PlanktonSonne unter.... auch ein Sonnenuntergang kann sehr schön sein! ;-))
@ Peter:
ZitatTatsächlich ist es aber doch so, dass sich für den eher gelegentlichen Augenergötzungs-Tümpler, der sich primär an der Schönheit der Mikrowelt (z.B. speziell auch der Algen und dort wiederum der Desmidiaceen) erfreuen möchte, .....
Damit hast Du sehr treffend eine (kleine) Zielgruppe angesprochen, die in diesem Forum auch sehr dominant auftritt.
Aus ziemlich langjähriger Erfahrung weiß ich aber , dass Du mit einem solchen Schönheits-Kriterium beispielsweise Kinder oder Jugendliche kaum nicht erreichen kannst. Da geht es dann viel mehr um Bewegung , Action, Prozesse, Zusammenhänge, die im Mikroskop und nur im Mikroskop sichtbar werden. Mit so etwas kann dann letztere Zielgruppe angesprochen werden, und die ist dann auch bereit, sich intensiv mit Organismen auseinanderzusetzen. Und auch solche Organismen wollen gefunden werden.
Es wäre z.B. schön, wenn es eine Liste von (zugänglichen) Biotopen gäbe, die für Mikroskopiker aus verschieden "Lagern" interessant sind.
(Und ja: man könnte auch einen weiteren "Zeigt her..." Thread aufmachen mit Bildern der Fundorte...)
Ich fang einfach mal an:
Plankton:
Hammerteich Witten, Henrichsteich Hattingen; Ümminger See, Harpener Teiche, Bochum
alle "Seen" an der Ruhr (Hengstey, Harkort, Kemnader, Baldeney)
Alle diese Gewässer haben auch einen Uferbewuchs aus Algen und Pflanzen, die ebenfalls interessante Organismen enthalten.
Beste Grüße
Michael Plewka
Hallo Michael,
ZitatDamit hast Du sehr treffend eine (kleine) Zielgruppe angesprochen, die in diesem Forum auch sehr dominant auftritt.
nun, das liegt aber einfach daran, dass sich die "wissenschaftliche" Fraktion hier auch eher zurückhält, wofür aber das Forum nichts kann. Wir bieten das Forum für alle an und das Spektrum des Hobbys Mikroskopie reicht nun einmal von denen, die sich sehr wissenschafltich mit den Organismen auseinandersetzen über die diejenigen, die sich eher an der Ästhetik erfreuen, die "künstlerischen" Mikrofotografen, Auflicht-/Makroskopiker, Schnippler, Sammler und Techniker und Bastler. Inwieweit die jeweilige "Gruppe" das Forum mit Beiträgen füllt, liegt nur an ihr. Wir können hier nur den Raum dafür bieten. Auch die ernsthaften Sammler sind hier eher gering im Forum vertreten, Beiträge, wie Sie uns gelegentlich Olaf Medenbach serviert, wären in höherer Zahl ebenfalls wünschenswert.
Ich habe ja nun schon oft genug geschrieben, wie sehr ich die ausführlichen Beiträge von zum Beispiel Dir, Martin Kreutz und Ole Riemann schätze. Andere haben sich leider in ein eingenes und eher gering frequentiertes und auf diese Thematik spezialisiertes Forum komlett zurückgezogen, was ich schade finde.
Herzliche Grüße
Peter
Hallo Peter,
ich kann deinem Beitrag nur beipflichten.
Prinzipiell finde ich es gut, dass das Forum für alle Facetten des Mikroskopierens offen steht.
Ich freue mich sehr an ästhetisch gelungenen Mikrobildern. Aus meiner Sicht ist aber leider die Gruppe der biologisch - ich will gar nicht sagen wissenschaftlich - orientierten Mikroskopiker sehr überschaubar und zudem nicht immer recht aktiv.
Dagegen sind die Sammler und "Bastler" eindeutig in der Überzahl.
Man sieht das immer in der Frequentierung der Antworten.
Bei einer Bestimmungsanfrage muss man schon froh sein, überhaupt eine Reaktion zu erhalten.
Geht es dagegen um ein altes Sammlerstück oder eine technische Frage überschlagen sich förmlich die Antworten.
Nun, so ist es halt mal!
Liebe Grüße
KlausZ
Zitat von: KayZed in Oktober 10, 2022, 08:53:31 VORMITTAG
Ich freue mich sehr an ästhetisch gelungenen Mikrobildern. Aus meiner Sicht ist aber leider die Gruppe der biologisch - ich will gar nicht sagen wissenschaftlich - orientierten Mikroskopiker sehr überschaubar und zudem nicht immer recht aktiv.
Dagegen sind die Sammler und "Bastler" eindeutig in der Überzahl.
Hallo Klaus,
also wenn jetzt schon ihr Biologen anfangt, über mangelnde Masse zu jammern, was sollen da erst wir Schleifer sagen?
Nach dem Motto "Oh wie schön ist Panama" sind wir halt immer am falschen Ort. Während im Ruhrgebiet absolut traumhafte Bedingungen für die petrographische Mikroskopie bestehen, sitze ich hier am Nordrand der öden Münchener Schotterebene. Andererseits gäbe es hier Dachauer Moos sicher wunderschöne Miasmen zum Mikroskopieren, die jedes Biologenherz höher schlagen liessen.
Viele Grüsse
Florian
Hallo Florian,
als Schleifer liegst du da sicher richtig.
Schleifst du Mikropräparate oder auch allgemein Steine?
LG KlausZ
Hallo Klaus,
ich fertige Dünnschiffe von Gesteinen, also Mikropräparate.
Viele Grüsse
Florian