Hallo Mikrofreunde,
heute möchte euch einen kleinen, aber feinen Gehäuse-Flagellaten vorstellen, der im Forum bisher noch nicht ausreichend gewürdigt wurde.
Ich fand lediglich eine recht gelungene Aufnahme:
https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=31500.msg233511#msg233511
Es handelt sich um Bicosoeca lacustris. Im "Wassertropfen" kommt zwar die Art "socialis" vor, scheint aber eine etwas andere, freischwimmende Lebensweise zu haben.
Über B. lacustris findet man nicht viele Informationen. Martin Kreutz zeigt ihn in seinem Simmelried-Buch (S. 51) Ein etwas genauere morphologische Beschreibung findet sich hier (S. 519):
http://mail.izan.kiev.ua/vz-pdf/2008/6/04_Tikhonenkov.pdf (1)
Die einzige eingehendere Behandlung mit aufschlussreichen licht- und elektronenmikroskopischen Aunahmen fand ich zu der verwandten Art Bicosoeca kenaiensis, die wohl eine sehr ähnliche Morphologie und Lebensweise aufweist (S.4-5):
https://www3.botany.ubc.ca/bleander/images/MAST.pdf (2)
Meine B. lacustris-Exemplare befanden sich in einer einige Tage alten, schwimmenden Deckglas-Kultur eines eutrophen Weihers kurz vor dem Zufrieren.
Die Zellkörper meiner Flagellaten waren ca. 7-8 µm groß. Sie sitzen in einem spitzkelchartigen Gehäuse und halten sich ungewöhnlicherweise mit der hinteren Geißel am Boden der Lorica fest. Diese Geißel kann den Zellkörper im Gehäuse leicht hin- und herbewegen. Die Lorica selbst ist mit einem starren Stiel am Substrat festgeheftet.
Im Zellkörper sind die proximale Kontraktile Vakuole und der zentrale Makronukleus nur phasenweise zu erkennen. Die Nahrungsvakuolen sind relativ kräftig ausgeprägt.
Am auffälligsten ist am vorderen Ende eine zeitweise abstehende Lippe, die in der Literatur als "feeding lip" bezeichnet wird. Sie hat wohl die Funktion, die an die Gehäuseöffnung gestrudelte bakterielle Nahrung in den Zellkörper zu befördern. Diesen Vorgang konnte ich bislang nicht beobachten.
Der eindrucksvollste Teil von B. lacustris ist allerdings die vordere Geißel. Im Ruhezustand ist sie an der Gehäuseöffnung wie eine Feder spiralig eingerollt. Zum Nahrungsfang wird die Geißel ähnlich der Zunge eines Chamäleons ruckartig ausgefahren bzw. ausgerollt bis sie in einer vielfachen Länge des Zellkörpers durch wellenartige Bewegungen einen Wasserstrom Richtung Gehäuse erzeugt. Bei Störung rollt sich die Fang-Geißel blitzartig ein. Es ist auch festzustellen, dass beide Geißeln nicht an den Zellenden entspringen, sondern scheinbar seitlich. In der Quelle (2) ist an einem Foto erkennbar, dass beide Geißeln in einer rückseitigen Rinne entspringen, die etwas außermittig liegt.
Zur Veranschaulichung möchte ich zunächst eine beschriftete Aufnahme im DIK 100 zeigen.
(https://i.postimg.cc/JncpzMcK/Bicosoeca-02-conica-Geh-use-Flag-Beschriftung-DIK-100.jpg) (https://postimg.cc/HcnwSGN7)
Etwas eindrücklicher ist in einer kurzen Videosequenz (DIK 100) die vordere Geißelbewegung zu sehen. Ich habe dabei bewusst auf eine weitere Beschriftung verzichtet.
https://youtu.be/irsF4lCecrA
Liebe Grüße
KlausZ
PS: Nach dem Hinweis von pschmidt handelt es sich wohl eher um Bicosoeca conica.
Hallo Klaus,
in der Tat interessante Geselle, wie auch die Kragengeißler. Nur kurz, evtl. wenn ich wieder zu Hause bin mehr.
Wegen langem Stiel und kegelförmigen Gehäuse halte ich die gezeigten Bicosoeca eher für B. conica als B. lacustris.
Ich gehe dabei von der Süßwasserflora Band 1 aus.
Aber Achtung ! Leider ist da im binären Bestimmungsschlüssel (in Ausgabe 1985) ein Fehler, die Nr. 15 wurde übersprungen, man muss also, wenn man nicht fündig wird noch mal gezielt bei der 15 mit der Bestimmung neu starten. Für die beiden Arten spielt das aber keine Rolle, auf die gelangt maqn schon über 4a bzw. 5b.
LG
pschmidt
Hallo pschmidt,
es freut mich, dass es doch jemand gibt, der auf diesen speziellen Flagellaten reagiert und noch dazu wohl kompetenter als es mein Versuch darstellt.
Den Bd. 1 der Süßwasserflora besitze ich leider nicht. Ich finde auch keine Quelle zu einem antiquarischen Erwerb.
Im Netz gibt es weder Beschreibungen noch Bilder/Zeichnungen zu Bicosoeca conica, obwohl die Art in einigen Listen vorkommt.
In meinen beiden Quellen (1) und (2) werden zwar wenige Bicosoeca-Arten beschrieben, aber nicht conica.
Meine Beobachtungen fanden mit lacustris die meisten Übereinstimmungen. Aber du hast recht, das lacustris-Gehäuse ist eiförmiger und hat einen kürzeren Stil.
Vielleicht kannst du mir mal bei Gelegenheit einen Auszug aus deiner Quelle zukommen lassen.
Nichtsdestotrotz, ich finde diese Gattung hochinteressant. Zudem lässt sie sich bei hoher Vergrößerung gut beobachten, weil sie sich unter dem Deckglas ansiedeln.
Viel Grüße
KlausZ
Wie gesagt, später, bin unterwegs,
recherchiere mal "Süßwasserflora von Mitteleuropa" Band 1 Gustav Fischer Verlag Jena 1985
mehr weis ich nicht aus dem Kopf, ISBN Nummer o.ä. müsste ich nachsehen, oder jemand hier der mitliest kann helfen
Hallo!
Hier ein Link zum Buch:
https://www.abebooks.com/S%C3%BC%C3%9Fwasserflora-Mitteleuropa-Chrysophyceae-Haptophyceae-Band-1/31363170882/bd
Leider ist es nicht ganz so einfach es zu bekommen und in der Regel ist es auch teuer.
Die Bicosoeciden wurden früher fälschlicherweise zu den Chrysophyceae geordnet, was molekular nicht bestätigt wurde.
Bezüglich der Art muss man stark aufpassen. Wie für die Chrysophyceae gilt auch hier, dass vieles eigentlich nur durch Genanalyses bestimmt werden kann. Die Morphologie ist in der Regel nicht ausreichend, aber das nur am Rande.
Mehr kann ich zur Zeit leider auch nicht beitragen, aber ein schöner und gut dokumentierter Fund :)
Grüße,
Tobias
Hallo Tobias,
danke für den link.
Das Buch ist aber dort zur Zeit nicht verfügbar.
Ich habe nun auch eine Möglichkeit gefunden:
https://www.booklooker.de/app/detail.php?id=A02pe5dC01ZZk&pid=76312&t=a29m7x4kx3wcsrfm
Für 100 € nicht gerade billig. Vielleicht gibt es noch eine günstigere Gelegenheit. Oder jemand verkauft es im Forum?
LG KlausZ
Das Bucht bzw. der Link sollte auch nur als Referenz gelten ;)
Ja, 100 € ist leider üblich... Angebote zwischen 100-250 € findest du eigentlich immer. Alles unter 100 € ist leider Glückssache und eher selten...
Grüße,
Tobias
Hallo Klaus,
na mit dem Zeit haben wird es doch etwas knapp, erst mal kurz eine weitere Art
Bicosoeca stellata, gefunden im Plankton eines Teiches von etwa 30 m x 40 m x 2 m, mit Fischbesatz, zeitiges Frühjahr. Sie scheinen tatsächlich die kühleren Jahreszeiten zu bevorzugen.
Obwohl durchaus ganzjährig zu finden. Ich nehme an, zu der Zeit ist auch das Angebot an Nahrung für sie gut. Nach dem Winter sind vermutlich durch Abbauprozesse mehr organische Substanzen im Wasser gelöst, und damit auch mehr Bakterien, Viren usw. vorhanden.
VG pschmidt
Hallo pschmidt,
eine interessannte Zeichnung. B. stellata scheint Kolonien zu bilden vergleichbar der Art socialis, während lacustris und conica immer solitär vorkommen.
Deine Beobachtungen kann ich bestätigen.
Bei meinem Teich handelt es sich um einen ehemaligen Löschweiher ähnlicher Größe. Er wurde mal vor einigen Jahren mit Karpfen besetzt, aber nicht mehr weiter bewirtschaftet..
Im Sommer fanden sich bis in den Herbst hinein sehr viele Teich- und Seerosen, die inzwischen verrottet sind. Das höhere Winterangebot an Nahrungssubstanzen ist wohl u. a. auf den Abbau der Seerosenblätter zurückzuführen. Seit Ende November kam es zu einer Massenvermehrung einzelliger Grünalgen (Chlamydomonas sp, Carteria sp), die auf einen stark eutrophen Närstoffgehalt hindeuten. Das Ganze ließ sich auch m. E. in der Petrischale simulieren, wo nach Zugabe eines Seerosenblattstückes nach 1-2 Wochen ähnliche Verhältnisse auftraten.
Ich habe übrigens im gleichen Teich am Rand der winterlichen Eisdecke wahrscheinlich auch B. lacustris gefunden (sehr kurzer Stiel, weniger konisches Gehäuse).
Schöne Feiertage
KlausZ