Hallo,
wer sich auch für die Firmengeschichte unserer (ehem.) Mikroskophersteller interessiert, sei dieser Film auf arte empfohlen: Die Nazis, der Rabbi und die Kamera
https://www.arte.tv/de/videos/108495-000-A/die-nazis-der-rabbi-und-die-kamera/ (https://www.arte.tv/de/videos/108495-000-A/die-nazis-der-rabbi-und-die-kamera/)
Auch wenn hier Mikroskope eine Nebenrolle spielen, wie die Leitzkenner sicher wissen wurde ab 1940 nur noch wenige Mikroskope produziert und wenn, dann die Kriegsversionen als "Feldmikroskop" (geschwärzte Fokusknöpfe, Alu statt Messing).
Beste Grüße
Stefan
Hallo Stefan,
Danke für den Hinweis auf diese interessante und bewegende Dokumentation.
Übrigens waren sich Ernst Leitz II und der ebenfalls in Wetzlar ansässige Hensoldt in tiefer gegenseitiger Ablehnung verbunden, Hensoldt galt als "strammer Nazi".
Das Haus Friedwart (also das Wohnhaus von Ernst Leitz II) ist an nur wenigen Tagen im Jahr in Rahmen von Führungen zu besichtigen. Eine kleine, aber feine Leitz-Mikroskopausstellung befindet sich im ehemaligen Leitz-Verwaltungsgebäude, das jetzt als Rathaus genutzt wird und ist täglich zu den üblichen Rathaus-Öffnungszeiten kostenlos zu besichtigen (man ist dort praktisch immer allein..).
Für Freude der Leica Kameras ist der Besuch des modernen und großen "Leitz Park" ein Muss, auch hier ist der Eintritt in die Ausstellung kostenlos. Auf dem Gelände des Parks befindet sich auch das moderne Ernst-Leitz-Hotel.
Einen Besuch in Wetzlar mit einer netten Altstadt kann ich allen Freunden der Leitz-Mikroskope und Leica-Kameras nur empfehlen.
Hezrliche Grüße
Peter
PS: https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=34496.msg251984#msg251984 Leider sind dort einige Bilder "gecrasht"....
Lieber Peter,
Hier gibt es auch noch etwas zum Firmenmuseum im Neuen Rathaus: https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=10539.msg75785#msg75785 (https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=10539.msg75785#msg75785)
Herzliche Grüße,
Florian
kleine Anekdote
Im letzten Jahr, im Frühsommer hatte ich eine Übernachtung in Wetzlar eingeplant um das Verwaltungsgebäude mit der Mikroskop Sammlung zu besichtigen.
Am Hauteingang der Verwaltung, am Empfang bat mich ein junger Mitarbeiter am Spender eine Nummer zu ziehen und im Wartebereich Platz zu nehmen.
Ich habe ihn aber gleich zu meinem Anliegen befragt und er hatte mich nach kurzer Rücksprache mit einem Kollegen mit dem Aufzug in die 4. Etage geschickt.
Oben angekommen, fand ich keine Ausstellung. Zwei Damen aus der Verwaltung kamen dann aus einem Büro und ich habe sie angesprochen. ,,Nein, die kennen wir nicht"
und sie wünschten mir noch einen schönen Tag.
Leicht bedröppelt bin ich dann zum Treppenhaus um das Gebäude zu verlassen.
Glücklicherweise standen dann die Vitrinen eine Etage tiefer.
Hätte ich den Aufzug genommen, hätte ich die Sammlung wohl nie gesehen.
Also, wenn jemand einen Besuch plant, nicht abwimmeln lassen.
Jürgen
Hallo Stefan
danke für den Hinweis. Ich habe mir die Dokumentation eben auch angeschaut. Sehr interessant. Ich kann heute auch eine Verbindung mit der Fa. Leitz herstellen.
Meine Frau und ich waren heute Nachmittag in Coburg zum Kaffeetrinken. Außer den vielen Burschenschaftsmützen Trägern vom Coburger Convent, welche unterwegs waren, sah ich im Schaufenster des Fotohauses Willemer & Prause eine schöne Leitz Kamera. Hier ein Foto.
Gruß von Siegfried
Hallo Jürgen,
Zitat von: hugojun in Mai 29, 2023, 16:51:08 NACHMITTAGS
kleine Anekdote
Im letzten Jahr, im Frühsommer hatte ich eine Übernachtung in Wetzlar eingeplant um das Verwaltungsgebäude mit der Mikroskop Sammlung zu besichtigen.
Am Hauteingang der Verwaltung, am Empfang bat mich ein junger Mitarbeiter am Spender eine Nummer zu ziehen und im Wartebereich Platz zu nehmen.
Ich habe ihn aber gleich zu meinem Anliegen befragt und er hatte mich nach kurzer Rücksprache mit einem Kollegen mit dem Aufzug in die 4. Etage geschickt.
Oben angekommen, fand ich keine Ausstellung. Zwei Damen aus der Verwaltung kamen dann aus einem Büro und ich habe sie angesprochen. ,,Nein, die kennen wir nicht"
und sie wünschten mir noch einen schönen Tag.
Leicht bedröppelt bin ich dann zum Treppenhaus um das Gebäude zu verlassen.
Glücklicherweise standen dann die Vitrinen eine Etage tiefer.
Hätte ich den Aufzug genommen, hätte ich die Sammlung wohl nie gesehen.
Also, wenn jemand einen Besuch plant, nicht abwimmeln lassen.
Jürgen
das wundert mich überhaupt nicht! Kaum ein jüngerer Arbeitnehmer hat heute noch eine "persönliche" Beziehung zu seinem Arbeitgeber, dem Gebäude und ggf. der Geschichte.
In meiner Assistenzarztzeit in den frühen Neunzigern kannte ich fast jeden Raum unserer Krankenhauses und fast jede/n Mitarbieter/in von den Pförtnerinnen bis zur den Reinigungskräften und Haustechnikern, alle Kollegen/innen sowieso. Heute kann man froh sein, wenn die Ärzte noch mehr als die Eingangstür und den Weg zu ihrer Station kennen.
Alles ist beliebig geworden, für sein Umfeld, mit dem man nicht zwingend zu tun hat, interessiert man sich nicht mehr.
Mich hätte nicht erstaunt, wenn eine Bedienstete des Rathauses nach Aufklärung gesagt hätte: "Ach, dieses komische Zeug da unten in den Glaskästen- das sind Mikroskope? Und hier war mal die Firma drin, die unsere Aktenordner herstellt?"
Ist halt so - machse nix!
Hezrliche Grüße
Peter
Hallo Siegfried,
eine schöne Kamera, es ist eine Leica Ic (1949 - 1952). Solche Kameras ohne eingebauten Entfernungsmesser und ohne Sucher wurden sehr oft an Mikroskopen mit dem sog. MIKAS-Ansatz verwendet. Als Okular wurde ein Periplan 10x verwendet. Das abgebildete 1:3,5/3,5 cm Weitwinkelobjektiv kann sich auch heute noch mit seiner Abbildungsqualität sehen lassen. Damit man damit "normale" Fotos machen kann, ist der Aufstecksucher (wahrscheinlich ein verstellbarer VIDOM Universalsucher) aufgesteckt.
Viele Grüße, Jochen.
Hallo Peter,
ja, Carl Hensoldt war nicht nur ein strammes Mitglied der NSDAP (bereits seit 1931), sondern auch ein arger Antisemit und Denunziant.... Da aber nur wenige Mikroskope dort gebaut wurden (z.B. HENSOLDT ProTaMi), braucht man hier über diesen Mann und diese Firma nicht viel zu schreiben. Wir haben die ja dann nach dem Krieg ganz übernommen, als Produktionsstätte für Ferngläser etc.. Seit 1928 war Carl Zeiss, Jena dort Mehrheitseigner. Und die Jenaer Geschäftsleitung musste da öfters mal eingreifen, auch nach 1933 und diesen Mann maßregeln.
Der schöne Film über Ernst Leitz II ist eigentlich eine völlige Untertreibung, denn die Familie Leitz hat wahrscheinlich mehr jüdischen Menschen das Leben gerettet, als Oskar Schindler. Das hätte aber die Aufmachung des Films gesprengt, der sich ja auf ein belegbares Schicksal beschränken wollte. Ein schöner Film über eine dunkle Zeit. Wenn sich nur mehr Unternehmer damals in Deutschland so verhalten hätten, wie "der rote Leitz".
LG
Michael
Hallo Jochen
danke für deine Worte zu dieser Kamera. Wenn ich wieder mit meiner Frau in Coburg an diesem Schaufenster vorbeilaufe, sage ich, schau hin mein Schatz,
das ist eine Leica IC, Baujahr 1949-1952. ;)
Gruß von Siegfried
Eine unbedingte Empfehlung zum Thema - wer nach Wetzlar kommt, sollte sich als Ergänzung zum Film unbedingt einer solchen Führung zur NS-Zwangsarbeit in Wetzlar anschließen. Man erfährt nicht nur einiges über die Firma LEITZ und die Unternehmerfamilie, sondern auch über andere Menschen aus der Stadt und ihre Lebensumstände. Nicht zuletzt über Moritz Hensoldt, der nicht nur der o.a. beschriebene "stramme Nazi" war sondern wohl auch allgemein ein ziemliches Ekelpaket im persönlichen Umgang mit den Zwangsarbeitern.
https://wetzlar-erinnert.de
In diesem Sinne recht nachdenkliche Grüße, denn meine Führung liegt inzwischen drei Jahre zurück, aber die Worte von Herrn Richter klingen bis heute nach.
Wolfgang
Hallo,
zum Thema kann ich eine kleine persönliche Geschichte beitragen. Mein Großvater hatte bis kurz vor Kriegsende eine kleine Drahtwarenfabrik am rande des Sauerlandes. Diese ging allerdings "pleite", weil er sich weigerte, notwendige Entlassungen der Arbeiter trotz schlimmer wirtschaftlicher Lage vorzunehmen. Ich habe an ihn nur wenig Erinnerung, er versatrb, als ich neun Jahre alt war. Ich wuchs in recht ärmlichen Vehrältnissen auf, in unserer winzigen Wohnung lebten damals bis zu meiner Einschulung 1969 neben meinen Eltern, Großeltern und einer Urogroßmutter noch "Tante Maria". Sie verstarb kurz vor meiner Einschulung. Ich erinnere mich auch an sie nur dunkel, aber immerhin daran, dass sie mir immer Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen hat. Erst, als ich das später auch begreifen konnte, erfuhr ich, dass Tante Maria keine verwandtes Familienmitglied war, sondern eine polnische Zwangsarbeiterin, die dem Betrieb meines Großvaters zugeteilt wurde. Sie wurde aber vollständig in unsere Familie integriert und ist nach Kriegsende dort geblieben und ist nie wieder nach Polen zurückgereist. Nicht in allen Betrieben hat man die Menschlichkeit verloren, ich denke, dass oft im Kleinen und Veborgenen Gutes getan wurde, soweit es die Möglichkeiten zuließen.
Herzliche Grüße
Peter
Lieber Stefan,
auch ich bedanke mich für den Tipp. Ich bin erst vorhin dazu gekommen, mir den Film anzuschauen und konnte erleichtert aufatmen, dass ich mit meinem Leitz Dialux und dem Leica DMRB auf der guten Seite gelandet bin. Carl Zeiss war ein harter Hund, auch was die Arbeitszeit in seinem Unternehmen anging. Ernst Abbe war das Gegenteil und führte wie bei Leitz den Achtstundentag und auch andere soziale Dienste ein. In der Nazi-Zeit bekleckerte sich die Carl-Zeiss-Stiftung nicht mit Ruhm und sponserte Rassenforschung, und die Firma Zeiss, im Besitz der Stiftung, hatte Tausende von Zwangsarbeiter/innen.
Viele Grüße
Stephan
P. S.: Ich habe mir allerdings gerade ein Zeiss Stemi 508 bestellt. Da muss ich durch.
Lieber Stephan (Snok),
ich wollte nur ganz höflich etwas bemerken:
Es war erst Ernst Abbe, der bei ZEISS als erster Unternehmer überhaupt und damit in Deutschland neben der ersten Arbeiterkrankenkasse (Lohnfortzahlung im Krankheitsfall) den 8- Stunden- Tag und eine Pensionskasse einführte. Andere Unternehmer (z.B. Rudolf Winkel oder Ernst Leitz) taten dies zögerlich und erst viel später, nach seinem Vorbild. Abbe ging es dabei nicht um Wohltaten, sondern um verbriefte Rechte der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der optischen Werkstätten Carl Zeiss, Jena.
Beide Firmen haben im Dritten Reich Rüstungsgüter produzieren müssen und daran auch sehr gut verdient. Da ZEISS damals bereits ein Großkonzern war, der auf allen Gebieten der Optik absoluter Marktführer war, die Fa. LEITZ dagegen ein Zwerg im Vergleich, hatten wir auch mehr Zwangsarbeiter. Der wesentliche Unterschied war aber der, dass Ernst Leitz II ein Demokrat und bekennender Feind des Dritten Reichs war (und trotzdem in die NSDAP eintrat) und als Einzelperson/ Privatbesitzer eines mittelständischen Unternehmens hier im Hintergrund ganz anders schalten und walten konnte, als damals der Vorstand eines Konzerns wie ZEISS. Ich will hier nicht versuchen irgendwelches Unrecht zu entschuldigen, sondern nur die Unterschiede zwischen den beiden Firmen aufzeigen.
Der Nachfolger von Ernst Abbe in der Geschäftsleitung von Carl Zeiss und gleichzeitig Bevollmächtigter der Carl-Zeiss-Stiftung in Jena war sein langjähriger Weggefährte, Siegfried Czapski, ein deutscher Jude.
Dass die Fa. ZEISS in Jena im Dritten Reich Rasseforschung "gesponsert" haben soll ist mir neu. Was meinst Du damit? Ansonsten lösche bitte diesen Satz, vielen Dank.
Natürlich wurden von dem Rechtsvorgänger der DFG, der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft, sowie der Kaiser- Wilhelm- Gesellschaft (jetzt Max- Planck- Gesellschaft) auch Mikroskope und Mikrotome gekauft, die sicher auch an Orten eingesetzt wurden, an denen man nicht gewesen sein will. Das ist unbestritten. Und Ferdinand Sauerbruch hat die Forschungsanträge (z.B. von Otmar von Verschuer) genehmigt und Sauerbruch war auch kein Nazi.
Es freut mich sehr, dass Du bei uns STEMI 508 gekauft hast (ich habe das auch gemacht), ist es doch eines der besten Stereomikroskope überhaupt und das seit 1988 :). Hast Du Dir die Apo- Vorsatzobjektive bestellt? Das Apo 2,0x ist Spitze. Damit kann man sich sogar Diatomeen anschauen.
LG
Michael
Nachtrag: Das Apo hat die Vergrößerung 2.0x. Das habe ich oben verbessert, das Apo 2.5x ist nicht in den Handel gekommen, (ich habe es aber als Versuchsmuster).
Lieber Michael,
ich wollte Dir als Zeissianer nicht zu nahe treten und kann Deine Argumente gut nachvollziehen. Hier ein Link in Bezug auf die Rassenforschung:
https://www.deutschlandfunk.de/uni-jena-und-die-ns-zeit-rassenwahn-und-intrigen-100.html
Es war nicht die Firma Zeiss, sondern die Stiftung, aber der gehört offensichtlich die Firma.
Was das Stemi 508 angeht, dachte ich, es gäbe als höchste Vergrößerung die 2,0 Vorsatzlinse. Die hätte ich schon gerne, aber dafür muss man noch mal über 500 Euro berappen. Das war mir bei der Bestellung zu viel, zumal ich die gerne erstmal ausprobieren würde. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.
Grüße
Stephan
P. S.: Ich habe den Text oben etwas geändert, und hoffe, so ist es korrekt.
Lieber Stephan,
auch die Carl-Zeiss-Stiftung hat keine Rasseforschung oder Euthanasie "gesponsert". Dazu gehört nämlich das Mitwissen um solche Dinge oder deren Billigung.
Richtig ist, dass es bis 1945 ein Hauptanliegen der Stiftung war, die Wissenschaften an der Universität Jena zu befördern. Dazu bekam z.B. die Universitätskinderklinik in Jena einen Lehrstuhl von der Stiftung bezahlt, ab 1917. Zum Lehrstuhlinhaber wurde der damals sehr angesehene Kinderarzt, der Deutsch- Ägypter Jussuf Ibrahim berufen, der diesen Lehrstuhl bis 1953 inne hatte. Während der Zeit des Nationalsozialismus gehörten neben den Juristen die Mediziner und Biologen zu den überzeugtesten Anhängern der Rasseideologie und Euthanasie. In der Kinderklinik haben dort vor allem einige Oberärzte Kinder auf die Todeslisten setzen lassen oder umgebracht, der Professor hat versucht zu helfen, war aber trotzdem auch selbst verstrickt.
Die Stiftung hatte jedenfalls zu keiner Zeit davon Kenntnis, da diese Verbrechen ja auch nach den Gesetzen des Dritten Reichs schlichtweg Mord waren und deshalb im Geheimen abliefen. Das MfS wusste das alles später auch, aber die nationalsozialistischen Täter waren da alle schon in der BRD....
In Göttingen gab es den Prof. Gottfried Ewald, einen angesehenen Psychiater, der seine schützende Hand über die ihm anvertrauten Patienten hielt, dort wurde niemand ermordet, auch wenn Ewald nur 1/3 seiner Patienten retten konnte. Es ging also auch anders.
So, damit ist glaube ich alles hierzu gesagt.
LG
Michael
Lieber Michael,
danke für die Erläuterungen. Ich habe den Artikel der Deutschen Welle gelesen, aber natürlich selbst dazu keine Forschung gemacht und kann nicht beurteilen, wer was gewusst oder nicht gewusst hat. Ich gehöre zu der Generation, die mit dem Schweigen der Eltern groß geworden ist, und den vielen Menschen, die von nichts gewusst haben. Das hat mich zu einem vorsichtigen und skeptischen Menschen gemacht.
Viele Grüße
Stephan
Zitat von: Apochromat in Juni 07, 2023, 18:57:44 NACHMITTAGS
Es war erst Ernst Abbe, der bei ZEISS als erster Unternehmer überhaupt und damit in Deutschland neben der ersten Arbeiterkrankenkasse (Lohnfortzahlung im Krankheitsfall) den 8- Stunden- Tag und eine Pensionskasse einführte. Andere Unternehmer (z.B. Rudolf Winkel oder Ernst Leitz) taten dies zögerlich und erst viel später, nach seinem Vorbild. Abbe ging es dabei nicht um Wohltaten, sondern um verbriefte Rechte der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der optischen Werkstätten Carl Zeiss, Jena.
Lieber Michael,
Deine Kenntnis auch der Sozial-Engagements des ZEISS-Konzerns ehrt Dich. Es sei mir jedoch eine kleine Korrektur erlaubt: Bei Zeiss wurde - soweit man den Niederschriften Glauben schenken darf - der Achtstunden-Arbeitstag 1900 eingeführt. Da war dieser für die Arbeiter der DEGUSSA bereits seit 1884 festgeschrieben. Auch Otto Lilienthal führte in seinem Betrieb - übrigens sehr zum Missfallen seiner Konkurrenz - den Achtstundentag ein. Da er 1896 starb, sollte er dies bereits vorher erledigt haben.
Ein Jahr ist eine lange Zeit, das stimmt schon, aber ob man nun die Einführung des Achtstundentages 1906 bei LEITZ wirklich als "viel" später bezeichnen kann? Zu diesem Zeitpunkt waren betriebliche Krankheits- Invaliden- und Waisenkassen bei LEITZ ebenfalls seit einiger Zeit bereits fester Bestandteil des Arbeitsverhältnisses. Dies soll natürlich die ZEISS´schen Errungenschaften und den Einsatz Ernst Abbes für seine Angestellten in keiner Weise schmälern, aber es zeigt doch, dass er - Gottseidank - nicht der einzige Unternehmer mit Weitblick und Herz für seine Arbeiter und Angestellten im Deutschland der vorherigen Jahrhundertwende war.
Freundliche Grüße nach Göttingen
Wolfgang
Lieber Wolfgang,
das wusste ich nicht. Interessant, dass dies schon früher passiert ist. Vielleicht ist aber der wesentliche Unterschied darin zu sehen, dass es sich bei den Abbe´sche Errungenschaften um in einem Statut, das gleichzeitig ab 1896 Unternehmensverfassung war, festgeschriebene RECHTE der Arbeitnehmer handelte und nicht um Wohltaten oder Betriebsvereinbarungen, die man dann bei Bedarf auch wieder hätte rückgängig machen können. Das Stiftungsstatut von Ernst Abbe (1889) in dem auch die Rechte der Arbeiterschaft der optischen Werkstätten Carl Zeiss, Jena genau geregelt waren, ist einer der wesentlichen Beiträge zur deutschen Sozialgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts.
Dass es bei E. LEITZ auch ähnliche Dinge gab, die etwas später als bei ZEISS eingeführt wurden, ist in dem wie ich finde sehr guten Buch über Max Berek schön beschrieben, das der Knut Kühn-Leitz herausgegeben hatte.
Mir ging es um diese Sätze: "Carl Zeiss war ein harter Hund, auch was die Arbeitszeit in seinem Unternehmen anging. Ernst Abbe war das Gegenteil und führte wie bei Leitz den Achtstundentag und auch andere soziale Dienste ein. In der Nazi-Zeit bekleckerte sich die Carl-Zeiss-Stiftung nicht mit Ruhm und sponserte Rassenforschung, und die Firma Zeiss, im Besitz der Stiftung, hatte Tausende von Zwangsarbeiter/innen.", der wie ich empfinde, sachlich und zeitlich so nicht ganz dem entspricht, wie ich es etwas differenzierter schreiben würde. Aber das war ja schon einvernehmlich geklärt worden.
LG
Michael
Nachtrag: Den damaligen Unternehmern (auch Ernst Abbe) wurde rasch klar, dass der 8-Stunden-Tag die Arbeitsproduktivität deutlich steigerte.
Hallo,
dazu ist zu sagen, dass diese betrieblichen Krankenkassen später kamen als die gesetzliche Krankenversicherung, die im Reich 1883, in Bayern schon 1869 eingeführt wurde. Seit 1890 gibt es in Deutschland die gesetzliche Rentenversicherung.
Viele Grüße
Alexander