Guten Abend geschätzte Gemeinschaft!
Ich habe mir ein Labormikroskop bzw. ein relativ einfach gehaltenes Instrument dieses Herstellers gekauft, da der Kaufpreis ausgesprochen günstig, eigentlich bereits eher symbolisch, war und darüber hinaus das Gerät so aussieht, als ob es (wenn überhaupt) gerade mal zwei oder drei Mal benutzt wurde.
Kann mir bitte jemand sagen, wie die Mikroskope dieses Herstellers qualitativ einzustufen wären?
Im Web ist nicht besonders viel zu finden. Ein paar recht schöne, alte Hufeisen-Sockel-Mikroskope, andere optische - teils professionelle astronomische – Geräte, nostalgisches Prospektmaterial.
Je jünger die Suchtreffer (genauer: die beschriebenen Sachen) sind, desto mehr geht es in Richtung militärische Avionik. Ist zumindest mein Eindruck.
Aber: vielleicht wisst Ihr ja etwas zu diesem Hersteller.
Momentan glaube ich eher nicht an einen Fehlkauf, denn zumindest ein passables, einfaches Mikroskop um einen Preis, der ca. 20 % des Neupreises eines Bresser-Biolux beträgt, scheint mir schon durch die RMS-konformen Objektive als sehr wahrscheinlich gegeben.
Über Rückmeldungen, Hinweise, Tipps von Euch würde ich mich freuen.
Dankeschön im Voraus, liebe Grüße
Jakob
Hallo Jakob,
Officine Galileo wurde 1861-1863 aus einer kleinen Gruppe von Technikern und Unternehmern gegründet, um dem Mangel an Präzisionsindustrie in Italien abzuhelfen und Ausrüstung für Schulen, Universitäten und das Militär zu liefern. Zuvor wurden diese Instrumente hauptsächlich in Frankreich gekauft. Neben Originalprodukten wurden auch deutsche und französische Patente genutzt oder teilweise kopiert.
Während des Ersten Weltkriegs entwickelte sich die Produktion von Instrumenten für die Armee auf Hochtouren, die in Deutschland nicht mehr erhältlich waren. 1929 erwarb die Officine Galileo die Mikroskopfabrik Koristka in Mailand. Die Produktion war immer sehr vielfältig und oft militärischen Aufträgen gewidmet. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wurde es wieder aufgebaut und in den 1950er Jahren wurden auch hochwertige Labormikroskope hergestellt, die fast mit denen anderer europäischer Hersteller vergleichbar waren. Nach der Ankunft japanischer Mikroskope geriet das Unternehmen jedoch in eine Krise und stellte die Produktion ein.
Aus Officine Galileo entstand das Unternehmen Selex ES mit zahlreichen Auslandsniederlassungen, das elektronische und optronische Systeme für die Luftverteidigung, die Marine- und Zivilluftfahrt sowie Systeme für den Weltraumsektor und die Planetenerkundung herstellt. Eine ähnliche Geschichte erlebt derzeit die russische Lomo.
Galileo-Mikroskope der 1950er Jahre hatten einen optischen Weg von 170 mm und waren teilweise auch mit Okularrevolvern ausgestattet.
Das Mikroskop auf den Fotos ist eindeutig eines der letzten, vielleicht ein gutes Studentenmikroskop, wie die billigen Bresser, aber eines, das der ausländischen Konkurrenz nicht standgehalten hat.
Ich weiß nicht, ob diese Informationen für Sie nützlich sein können und hoffe, dass ich mich genau erinnert habe.
Viel Spaß mit Ihrem neuen Mikroskop und viele Grüße.
Enzo
Zitat von: 3nzo in Juni 21, 2023, 22:22:34 NACHMITTAGS
Hallo Jakob,
Officine Galileo wurde 1861-1863 aus einer kleinen Gruppe von Technikern und Unternehmern gegründet, um dem Mangel an Präzisionsindustrie in Italien abzuhelfen und Ausrüstung für Schulen, Universitäten und das Militär zu liefern. Zuvor wurden diese Instrumente hauptsächlich in Frankreich gekauft. Neben Originalprodukten wurden auch deutsche und französische Patente genutzt oder teilweise kopiert.
Während des Ersten Weltkriegs entwickelte sich die Produktion von Instrumenten für die Armee auf Hochtouren, die in Deutschland nicht mehr erhältlich waren. 1929 erwarb die Officine Galileo die Mikroskopfabrik Koristka in Mailand. Die Produktion war immer sehr vielfältig und oft militärischen Aufträgen gewidmet. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wurde es wieder aufgebaut und in den 1950er Jahren wurden auch hochwertige Labormikroskope hergestellt, die fast mit denen anderer europäischer Hersteller vergleichbar waren. Nach der Ankunft japanischer Mikroskope geriet das Unternehmen jedoch in eine Krise und stellte die Produktion ein.
Aus Officine Galileo entstand das Unternehmen Selex ES mit zahlreichen Auslandsniederlassungen, das elektronische und optronische Systeme für die Luftverteidigung, die Marine- und Zivilluftfahrt sowie Systeme für den Weltraumsektor und die Planetenerkundung herstellt. Eine ähnliche Geschichte erlebt derzeit die russische Lomo.
Galileo-Mikroskope der 1950er Jahre hatten einen optischen Weg von 170 mm und waren teilweise auch mit Okularrevolvern ausgestattet.
Das Mikroskop auf den Fotos ist eindeutig eines der letzten, vielleicht ein gutes Studentenmikroskop, wie die billigen Bresser, aber eines, das der ausländischen Konkurrenz nicht standgehalten hat.
Ich weiß nicht, ob diese Informationen für Sie nützlich sein können und hoffe, dass ich mich genau erinnert habe.
Viel Spaß mit Ihrem neuen Mikroskop und viele Grüße.
Enzo
Besten Dank, Enzo!
Deine präzise Auskunft ist wirklich interessant. Mal sehen, wie das Mikroskop so ist. Über Erfahrungen werde ich berichten.
Liebe Grüße
Jakob
Hallo zusammen,
interessant wird es mit Officine Galileo wenn man den Namen eines der Gründer betrachtet: https://de.wikipedia.org/wiki/Giovanni_Battista_Amici
Dieser Amici war derjenige der die Methode der Immersion in die Mikroskopoptik einführte und war auch sonst ganz munter mit dabei.
Ich habe ein Instrument dieser Marke, ein hübsches schwarzes Binokulares Modell, leider ohne die Originalobjektive. Es macht einen sehr ordentlich gemachten Eindruck, dürfe aus den 1950er oder 1960er Jahren stammen.
Viele Grüße,
Bob
Zitat von: Bob in Juni 22, 2023, 20:28:24 NACHMITTAGS
Hallo zusammen,
interessant wird es mit Officine Galileo wenn man den Namen eines der Gründer betrachtet: https://de.wikipedia.org/wiki/Giovanni_Battista_Amici
Dieser Amici war derjenige der die Methode der Immersion in die Mikroskopoptik einführte und war auch sonst ganz munter mit dabei.
Ich habe ein Instrument dieser Marke, ein hübsches schwarzes Binokulares Modell, leider ohne die Originalobjektive. Es macht einen sehr ordentlich gemachten Eindruck, dürfe aus den 1950er oder 1960er Jahren stammen.
Viele Grüße,
Bob
Hallo zusammen!
Danke, Bob, diese Bezüge zu durchaus namhaften Forschern sind ein wirklich gehaltvolles Stück der Wissenschaftsgeschichte. In dem von Dir zitierten Wikipedia-Beitrag tauchen die Namen so einiger Berühmtheiten der Physik auf. Amici war mir durch das von ihm entwickelte und nach ihm benannte Umkehrprisma bekannt, das eine Art von Standard in der Astronomie (sehr verbreitet bei Amateurastronomen) darstellt. Amici-Prismen erzeugen auch bei astronomischen Teleskopen ein aufrechtes und seitenrichtiges Bild. So etwas kann beispielsweise bei der visuellen Beobachtung sehr angenehm sein.
Officine Galileo scheint auch bei Kameras und Fotooptiken eine gewisse Bedeutung gehabt zu haben. Zumindest gewinnt man einen solchen Eindruck, wenn man die diversen Angebote älterer Fototechnik dieser Firma im Web betrachtet.
Auffällig dabei sind unter anderem eindeutige Nachbauten der Leica-Typen von seinerzeit. Na ja, die Leicas wurden mehr oder minder unverhohlen von sehr vielen Herstellern kopiert. Ein Sammler der alle historischen Leica-Nachbauten besitzt, dürfte für diese sehr viel Platz benötigen ... ;) :D
Das Thema Nachbauten ist ganz sicher ebenso bei Mikroskopen ein weites Land. Meiner Meinung nach wäre dies für Sammler ein hochinteressantes Gebiet.
Schön dass Du einen Klassiker von Officine Galileo besitzt! Bei den Abbildungen von Mikroskopen dieses Herstellers ist mir aufgefallen, dass das ,,äußere Design" der schwarzen Hufeisen-Modelle wirklich gut gelungen ist. Es sind wirklich schöne Instrumente.
Das von mir gekaufte (es wird morgen geliefert) ist vom Äußeren her allerdings kein Kandidat für einen Designer-Preis. Aber es wirkt zumindest - sieht man sich die Fotos an – ,,gefällig" (auf mich halt :) ).
Was mich doch etwas gewundert hat, ist die etwas roh aussehende äußere Beschaffenheit der Objektive, denen man die Drehbank noch ansieht. So etwas war schon vor 100 Jahren absolut vermeidbar. Man sehe sich bitte dazu die ungemein feine Machart selbst früher Leitz- oder Zeiss-Modelle an.
Danke für Deine wissenswerten Hinweise, Bob, so etwas zu erfahren, ist immer schön!
Liebe Grüße
Jakob
Hallo zusammen!
Das Mikroskop Officine Galileo CR, ein erster Erfahrungsbericht
Feststeckende Teile:
Meine ersten Eindrücke nach dem Auspacken waren gut, aber ich habe nichts weiter ausprobiert, denn der Kondensor in seiner Hülse ließ sich um keinen Millimeterbruchteil nach oben bzw. unten bewegen. Fest wie angelötet.
Ich sprühte etwas Caramba 70 in die Hülse und wartete mal 2 Tage ab. Das Öl wirkte hervorragend gut, der Kondensor ließ sich mühelos verschieben.
Also: Mikroskop aufgestellt, Beleuchtung (230 Volt, 15 Watt) angesteckt, ein Präparat auf den Objekttisch platziert, Ins Okular geblickt.
Überraschung: man sah nur einen winzigen kreisförmigen Bildausschnitt, und dieser war nur sehr stark verzerrt sichtbar.
Die Ursache für dieses Nicht-Bild (ich hatte das Okular nicht näher betrachtet) lag darin, dass jemand die Feldlinse des Okulars abgeschraubt hatte und diese tief und auch noch ausgesprochen fest im Tubus steckte. Mit einer Pinzette und auch einer schmalen Flachzange war nichts zu wollen. Ich entfernte daher den Tubus vom Stativ und musste auch das Prisma ausbauen. Auf diese Weise konnte ich die (bomben)feststeckende Linse vorsichtig mit einem Schraubendreher als Meißel und einem leichten Hammer vorsichtig und dabei nur deren Fassung misshandelnd herausschlagen.
Mir ist es ein Rätsel, wie das Teil dort hingekommen ist, denn immerhin muss man es mit einigen Drehungen abschrauben. Und warum saß es so tief und fest?
Die Bildqualität:
Die Objektive sind absolut nicht schlecht, allerdings ist die nicht regelbare Beleuchtung sehr hell- sie ist übrigens mit einem Blaufilter und einem Diffusor ausgestattet. Nicht ganz klug werde ich aus dem Kondensor, denn der leuchtet das 4-fach objektiv perfekt gleichmäßig aus, während beim 10-fach- und 40-fach-Objektiv Vignettierungen zu sehen sind. Ich muss mich da noch genauer mit der Höhenverstellung beschäftigen.
Durch die ausgeprägt helle Beleuchtung sehen Bilder (trotz zusätzlicher Filter) etwas überstrahlt aus, was auch noch zusätzlich Unschärfe erzeugt.
Resümee: Fotografien sind ohne Bildbearbeitung nicht herzeigbar. Die visuellen Eindrücke hingegen wirken recht gut.
Für Schüler, Studenten (Medizinstudenten könnten allerdings ein zusätzliches 100-fach-Objektiv benötigen) ein solides Mikroskop, gute Mechanik, kein Plastik. Laboreinsätze? Sofern man etwas von wegen passender Beleuchtung macht: möglicherweise. Und: Unwägbarkeiten aufgrund gewisser Eigenschaften des Kondensors. Allerdings muss ich mir das noch genauer ansehen:
Kurz zum Kondensor: Auffällig ist die Frontlinse mit 19 mm Durchmesser, Er ist auch recht schwer (siehe Foto).
Durchmesser: 39,5 mm
Mal sehen
Liebe Grüße
Jakob
(Fotos werden nachgereicht)
Hallo zusammen!
Da vorübergehend ein Engpass an Speicherplatz des Servers unseres Forum gewisse Einschränkungen mit sich bringt, verlinke ich einen Dropbox-Ordner mit Bildmaterial:
https://www.dropbox.com/sh/xxfwotcyiaxxqpt/AABZ0fKAd6faOa87yQC41hApa?dl=0
Selbstverständlich würde ich mich über Kommentare, Reaktionen und dergleichen von Euch freuen.
Liebe Grüße
Jakob
As there is a temporary shortage of storage space on our forum's server, I am linking to a Dropbox folder with images:
https://www.dropbox.com/sh/xxfwotcyiaxxqpt/AABZ0fKAd6faOa87yQC41hApa?dl=0
Of course I would be happy to receive comments, reactions and the like from you.
Kind regards
Jakob