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Foren => Mikrofoto-Forum => Thema gestartet von: Ralf Feller in November 25, 2023, 20:16:51 NACHMITTAGS

Titel: Pleurax aus Holland
Beitrag von: Ralf Feller in November 25, 2023, 20:16:51 NACHMITTAGS
Ich bin eigentlich kein Diatomist,
doch wollte ich das Pleurax aus Holland einmal ausprobieren.
Hier Schnellaufarbeitung von Pelose mir H2O2 30% und Kaliumpermanganat.
Zeiss Fluotar 63pH (160mm),
Original und Stack.
LG Ralf

(https://up.picr.de/46683961dr.jpg)

(https://up.picr.de/46683963lm.jpg)
Titel: Aw: Pleurax aus Holland
Beitrag von: Apochromat in November 25, 2023, 20:27:22 NACHMITTAGS
Hallo Ralf,

obwohl Dein NEOFLUAR 63/1,25 Oil Ph 3 oder NEOFLUAR 63/0,9 Ph 3 wahrscheinlich ein Objektiv für positiven Phasenkontrast ist, erscheinen in der oberen Aufnahme Deine im PLEURAX eingebetteten Kieselalgen im negativen Phasenkontrast. Verursacht durch die Änderung der Brechzahlen zwischen Medium und Objekt, woraus andere Phasenverschiebungswerte zwischen am Objekt gebeugten und dem vom Objekt unbeeinflussten Licht entstehen: Brechzahlumkehr: Lebende Diatomeen im Süßwasser versus in PLEURAX eingebettete Schalen :)

Bei einem Objektiv für negativen Phasenkontrast "Ph -" wäre der Bildhintergrund dunkelbraun, fast schwarz.

Das gab es bei CZO nur unter der Hand, als "Erlkönig". Im Holzkasten. Davon wurde nur eine Handvoll gebaut.

Bei der CARL REICHERT AG, Wien gab es den negativen Phasenkontrast "-A" serienmäßig unter der Bezeichnung "Anoptralkontrast". Die hatten eine ganz große Vielfalt an Objektiven hier. Ich hatte mal einen Achromat 100/ 1,25 -A für das ZETOPAN mit Anoptralkontrast. Das ZETOPAN leider nie. Wir hatten ein silbern Hammerschlag- farbenes ZETOPAN mit Mikroblitz und Fluoreszenz im Institut. Das war eine Zeit lang bei Algenkundlern populär: z.B. bei meinem Freund Hanusz Ettl in der Tschechoslowakei. Oder dem berühmten Cytologen und Botaniker Prof. Lothar Geitler, dem Erforscher der Geschlechtsprozesse bei den Kieselalgen. In den 1980er Jahren waren Hanusz Ettl und ich bei ihm in Wien zu Hause eingeladen, zum gemeinsamen Besuch. Wir haben da auch übernachtet. Ich kam nur im "Schlepptau" von Hanusz, als "jugendlicher protistologisch interessierter Beifang", mit. Da war Prof. Lothar Edler von Geitler schon hochbetagt, aber noch sehr wach im Kopf. Ich fragte ihn über seinen 1931 in Kalifornien verunglückten Freund, den Protozoologen und Cytogenetiker Karl Belar aus, dessen Präparatesammlung ich besitze. Nur so am Rande: Lothar Geitler war nach Auffassung der Nationalsozialisten ein sog. jüdischer "Mischling" und überlebte nur dank seiner stets zu ihm haltenden "arischen" Frau. Während der sehr lebhaften Unterhaltung wurde von Lothar Geitler mindestens eine Schachtel Zigaretten und zwei Kannen Meindl Kaffe "vernichet". Da war aber auch Hanusz Ettl mit beteiligt (der liebte den Wiener Kaffee und alles andere, was im "Ostblock" schwer zu bekommen war). Dann hatte der bekannte Grünalgen- Taxonom Johannes Gerloff in Berlin- Dahlem ein "ZETOPAN, komplett mit Allem" und der britische Eugleniden- Spezialist Gordon Frank Leedale machte den Anoptralkontrast in weiten Zellbiologenkreisen erst bekannt. Der hat auch in Göttingen bei Wulf Koch geforscht, an der Sammlung von Algenkulturen.

Das gesamte ZETOPAN- Zubehör -vom Ultra- Dunkelfeld über den schönen REICHERT- Durchlicht- DIK, die wirklich guten Apochromate  und Glycerin- Immersionen, Durchlicht- Fluoreszenz (!), Polarisationskontrast, verschiedene Kondensoren (u. a. Polyphos) und mehrere voll bestückte Objektivrevolver und noch Vieles mehr- bewohnte einen wirklich riesigen Holzkasten (war der Mahagoni oder Grau lackiert?). Der Kasten hatte eine Kantenlänge von mindestens 60 cm. Das Ganze kam von der Fa. W. PABISCH, Bielefeld. Die waren der Alleinvertrieb für die CARL REICHERT AG, Wien in der Bundesrepuplik (leider). Die CARL REICHERT AG, Wien hatte kein Qualitätsproblem, sondern ein Vertriebsproblem. Daran sind die letztendlich auch zu Grunde gegangen. Am Ende wurden die vom Konglomerat CAMBRIDGE INSTRUMENTS/ LEITZ/ WILD geschluckt und dann so um 1993/ 94 einfach abgewickelt, bis auf die immer noch führende EM- Präparationssparte mit dem tollen ULTRACUT.

Beim "schröcklichen" Heine- Ph von E. LEITZ, Wetzlar gab es den negativen Phasenkontrast auch bei einigen Objektiven. Der Heine- Ph war aber nicht schön. Das lag aber nicht an den sehr guten E. LEITZ- Objektiven "Apo". Die hatten als erstes Fokuserhalt bei "Korr"- Objektiven!

REICHERT war aber der Patentinhaber, nicht ZEISS. Unser negativer Phasenkontrast war dem von CARL REICHERT aber mindestens ebenbürtig und hatte eine stärkere Absorption als der negative Phasenkontrast am JENAVAL contrast.

Erfunden hat das der geniale finnische Physiker A. Wilska 1952. Ich hatte mal vor Jahren einen kurzen und recht interessanten Briefwechsel mit dessen Sohn über die Erfindung seines Vaters.

Im Forum hat einmal ein Forist beschrieben, wie man Phasenringe aus Ruß (Graphit) auf der Drehbank schneiden kann. Habe leider den Link nicht mehr gefunden. Genau so hat es auch Wilska gemacht.

Der negative Phasenkontrast ist perfekt für kleine Flagellaten oder Amöben. Ist aber irgendwie in Vergessenheit geraten, wie so Vieles.

LG
Michael

Frage: Wurde im gestackten Bild auch geschärft?
Titel: Aw: Pleurax aus Holland
Beitrag von: Ralf Feller in November 25, 2023, 21:00:54 NACHMITTAGS
Hallo Michael,
sehr interessant, hätte ich nicht gesehen,
es ist ein NEOFLUAR 63/1,25 Oil Ph 3 ,

ich bin meist histologisch unterwegs, deshalb habe ich schon sehr lange keine Wasserproben mehr im Ph untersucht. Ich fand die Aufnahme von Anne mit dem Zeiss Ph sehr schön, deshalb wollte ich es mit meinem System am Universal auch einmal ausprobieren. Hat mir von der Optik auch gut gefallen.

Das zweite Bild ist mit mit Picolay gestackt, mitPsCs2 freigestellt, geschärft und .
So perfekt wie bei den Diatomisten hier ist es natürlich nicht, aber für einen ersten Versuch.

LG Ralf
Titel: Aw: Pleurax aus Holland
Beitrag von: purkinje in November 26, 2023, 05:29:18 VORMITTAG
Hallo Ralf,
hast Du ein genaueres Protokoll für die Schnellaufarbeitung?
In Ermangelung eines Leitz Phako 63er Objektivs verwende ich immer gerne ein Plan 63 Ph von Zeiss, sind schon sehr schöne Objektive. Sogar mit dem "schröcklich" schmalen Heine Lichtring kann ich es verwenden  ;) 

Hallo Michael,
das mit Wilskas Sohn ist interessant, bin vor Jahren auf Alvar Wilska gestoßen und fand und finde den Mann recht beeindruckend. Von der Physiologie des Richtungshörens (hierzu seine, übrigens deutsch geschriebene Doktorarbeit (http://legacy.spa.aalto.fi/publications/WilskaThesis/Wilska_39_German.pdf)), Entwicklung der ersten vernüftigen Elektrode zur Einzelzellableitung, Stereoskopisches Röntgengerät, optimierter Molotow-Cocktail* (!) als Panzerabwehrwaffe, (beides im finnisch-russischen Winterkrieg), Umbral und Anoptral-Kontrast bis hin zum EM-Tischgerät. Hier (https://feps.org/yuklemeler/famous_european_physiologists/Alvar_Wilska_1911-1987.pdf) findet sich ein guter Abriss seines Schaffens.
* es hält sich übrigens in Finnland das Gerücht dass Wilska, ein recht strenger bekennender Abstinenzler, den Molotow-Cocktail auch deshalb optimierte (Sturmstreichhölzer als Zünder), damit der Branntwein dort Verwendung fand... 
Beste Grüße Stefan 
Titel: Aw: Pleurax aus Holland
Beitrag von: Siegfried in November 26, 2023, 08:56:41 VORMITTAG
Hallo Ralf
Deine Vorgehensweise bei deiner Schnellaufbereitung würde mich auch interessieren.
Vorallem das Zusammenspiel von Peroxid 30% und Kaliumpermanganat
Ich hatte vor (Jahren) auch einmal Pelose untersucht.
https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=34044.msg249343#msg249343
Bei geöffnetem neuen Link bitte nach oben scrollen.

   Gruß von Siegfried
Titel: Aw: Pleurax aus Holland
Beitrag von: Apochromat in November 26, 2023, 10:01:32 VORMITTAG
Hallo Stefan,

ja genau das, was in dem Artikel drin steht, schrieb er mir, natürlich weniger ausführlich. Die Details hatte ich längst vergessen und den Artikel auch schon wieder. Der Sohn schrieb aus Nordamerika. Weil ich bei einer Auktionsplattform eine Anoptralkontrast- Einrichtung anbot und im Angebotstitel der Name Wilska auftauchte. Die wollte damals -Gott sei Dank- keiner kaufen und die habe ich auch noch.

Der Phasenring beim REICHERT- Anoptralkontrast war aber nicht ganz so schmal, wie auf der einen Abbildung. Aber das weiß ich nicht mehr so genau, weil ich das Objektiv verschenkt habe.

LG

Michael
Titel: Aw: Pleurax aus Holland
Beitrag von: Ralf Feller in November 26, 2023, 18:54:43 NACHMITTAGS
@Stefan und Siegfied
Schnellmethode bedeutet für mich: ohne langes kochen mit Säure oder Hypochlorid.
Die Methode wurde schon oft beschrieben.

1.    Pelose in Wasser aufweichen und im Mörser vorsichtig zerreiben.
2.    Mit einem Teesieb habe ich grobe Flocken abgetrennt.
3.    Einige Minuten sedimentieren lassen.
4.    Bodensatz zentrifugieren, dann in 30% H2O2 aufnehmen.
5.    In eine Abdampfschale eine Linsengroße Menge festes Kaliumpermanganat geben.
6.    Spritzschutz über Abdampfschale (nie geschlossenes Gefäß, Explosionsgefahr) anbringen, z.B. Deckel einer Petrischale.
7.    Von der Seite mit einer Pipette H2O2/Diatomeen auf das Permanganat tropfen, es entsteht eine heftige exotherme Reaktion, es spritzt.
8.    Wenn sich die violette Farbe in braun gewandelt hat (Braunstein), mit konz. HCL aufnehmen.
9.    Mehrfach waschen und in Isopropanol überführen.
10.    Pleuraxpräparat anfertigen.
Hat insgesamt 4 Stunden gedauert.
Wäre schön wenn mir Jemand den Namen der Kieselalge nennen Könnte.
Ist Pelose immer aus dem Schollener See?
LG Ralf
Titel: Aw: Pleurax aus Holland
Beitrag von: Jakob_Wittmann in November 27, 2023, 01:07:01 VORMITTAG
Zitat von: Ralf Feller in November 26, 2023, 18:54:43 NACHMITTAGS@Stefan und Siegfied
Schnellmethode bedeutet für mich: ohne langes kochen mit Säure oder Hypochlorid.
Die Methode wurde schon oft beschrieben.

1.    Pelose in Wasser aufweichen und im Mörser vorsichtig zerreiben.
2.    Mit einem Teesieb habe ich grobe Flocken abgetrennt.
3.    Einige Minuten sedimentieren lassen.
4.    Bodensatz zentrifugieren, dann in 30% H2O2 aufnehmen.
5.    In eine Abdampfschale eine Linsengroße Menge festes Kaliumpermanganat geben.
6.    Spritzschutz über Abdampfschale (nie geschlossenes Gefäß, Explosionsgefahr) anbringen, z.B. Deckel einer Petrischale.
7.    Von der Seite mit einer Pipette H2O2/Diatomeen auf das Permanganat tropfen, es entsteht eine heftige exotherme Reaktion, es spritzt.
8.    Wenn sich die violette Farbe in braun gewandelt hat (Braunstein), mit konz. HCL aufnehmen.
9.    Mehrfach waschen und in Isopropanol überführen.
10.    Pleuraxpräparat anfertigen.
Hat insgesamt 4 Stunden gedauert.
Wäre schön wenn mir Jemand den Namen der Kieselalge nennen Könnte.
Ist Pelose immer aus dem Schollener See?
LG Ralf


Hallo Ralf,

möglicherweise Lindavia bodanica:

https://diatoms.org/images/4873

Aber sicher bin ich mir wirklich nicht ...  :-\  :)  :)

liebe Grüße

Jakob

Titel: Aw: Pleurax aus Holland
Beitrag von: Siegfried in November 27, 2023, 08:50:30 VORMITTAG
Danke Ralf für die Beschreibung deiner Vorgehensweise zur Aufbereitung der Polese. So habe ich es noch nicht gekannt.
Zu Pelose habe ich auch nur folgendes gefunden.
https://pelose.de/tradition/
Zur Bestimmung fand ich hier
http://www.mikroskopie-hobby.de/PDF-Dateien/Down_2012/Pr%C3%A4paration%20SafeLine.pdf
Seite 8 Bild 7 Cyclotella comta. evtl. Cyclotella comta glabriuscula
    Gruß von Siegfried
Titel: Aw: Pleurax aus Holland
Beitrag von: Apochromat in November 27, 2023, 17:56:15 NACHMITTAGS
Hallo,

wollte diesen Faden nicht stören, daher geht es mit dem Phasenkontrast woanders weiter. Viel Spaß noch beim Einschluss von Kieselalgen.

LG
Michael