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Foren => Mikrofoto-Forum => Thema gestartet von: Bernd in November 21, 2024, 18:35:25 NACHMITTAGS

Titel: Der Ciliat Tintinnidium semiciliatum
Beitrag von: Bernd in November 21, 2024, 18:35:25 NACHMITTAGS
Liebes Forum,

bis auf die letzten Tage herrschte hier im Taunus im November außerordentlich ruhiges Herbstwetter fast ohne signifikante Niederschläge. Dies führte dazu, daß es in den Bächen und Flüssen zu einer Massenentwicklung von Kieselalegen kam. So war z.B. das Bett der Weil bei Neuweilnau dicht mit bis zu 10 cm langen Fäden der Kieselalge Melosira bewachsen.

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In einer Probe von diesen Melosira-Fäden tummelten sich viele Amöben und Ciliaten. Von letzteren möchte ich hier Tintinnidium semiciliatum vorstellen.

Genau wie der bekanntere T. fluvatile lebt auch T. semiciliatum in einem Gallertgehäuse. Während T. fluvatile aber eine Planktonart ist und mitsamt seinem Gehäuse durch das Wasser schwimmt, ist T. semiciliatum eine Art, die ihr Gehäuse auf dem Substrat verankert.

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Wie viele andere gehäusebewohnende Ciliaten mag es auch T. semiciliatum nicht, wenn das Deckglas zu stark auf seinem Gehäuse drückt. Obwohl er mit einem Stiel am Boden seines Gehäuses verankert ist (siehe unten), löst er diesen bei steigendem Deckglasdruck vom Gehäuseboden, zieht ihn ein und schwimmt davon, wobei er relativ schnell um die Längsachse rotiert.

Tintinnidium semiciliatum_02.jpg

Die nächsten beiden Fotos zeigen den ca. ca. 45 µm x 33 µm großen Ciliaten neben Melosira-Fäden und mit dem Fokus auf eine gefressene Kieselalge.

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Für die Artbestimmung ist die genaue Untersuchung der Bewimperung der Körperoberfläche erforderlich. Auf dem nächsten Foto sind das Ventralorganell (V) und 3 Cilenreihen (Somakineten, Sk) zu sehen. Bei der rechten, links vom Ventralorganell stehenden Somakinetenreihe erkennt man, daß die ersten vier Somakineten aus Dikinetiden (Di, mit 2 Cilien) und die Somakineten 5 – 13 aus Monokinetiden (Mo, mit nur je einer Cilie) bestehen. Dieses Merkmal unterscheidet T. semiciliatum von allen anderen Süßwasser-Tintinniden (Blatter & Foissner, 1990).

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Das nächst Foto zeigt ein weiteres Exemplar von T. semiciliatum in seinem Gehäuse, welches bei der Manipulation vom Substrat abgerissen wurde.

Tintinnidium semiciliatum_06.jpg

Dieses Exemplar hatte im Gehäuse mit Stiel eine Länge von ca. 104 µm und eine Breite von ca. 24 µm und war auch freischwimmend mit einer Größe von ca. 65 µm x 32 µm deutlich größer als das oben gezeigte Tier. Nachdem ich den Ciliaten festgelgt hatte, war der Grund für den Größenunterschied ersichtlich. Der Ciliat hatte mit der Zellteilung begonnen.

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Der Makronukleus weist ein sog. Replikationsband auf (https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=41584.0) und auf der linken Seite ist in der Mitte die Peristomanlage (oral primordium) der Tochterzelle zu erkennen. Die Zellteilung der Tintinniden erfolgt durch eine Art Knospung und unterscheidet somit sich sowohl von der Längsteilung der peritrichen Ciliaten als such von der bei den anderen Ciliaten üblichen Querteilung. Für Details verweise ich auf die Literatur.

Abkürzungen: CV: kontraktile Vakuole; Di: Dikinetiden; Ge: Gehäuse; Ma: Makronukleus; Mh: Mundhöhle; Mo: Monokinetiden; Pa: Peristomanlage (oral primordium); Rb: Replikationsband; Sk: Somakineten; St: Stiel; V: Ventralorganell.

Literatur:
Blatterer, H., Foissner, W. (1990) Beiträge zur Ciliatenfauna (Protozoa: Ciliophora) der Amper (Bayern, Bundesrepublik Deutschland). Arch. Protistenkd. 138, 93-115.
Enzt, G. (1909) Die Süßwasser-Tintinniden. http://aquaparadox.obs-vlfr.fr/html/PFD/Taxonomic%20Monographs/EnztJun1909.pdf
Foissner, W. et al. (1991) Taxonomische und ökologische Revision der Ciliaten des Saprobien-systems - Band I, 172-177.
Song, W. & Wilbert, N. (1989) Taxonomische Untersuchungen an Aufwuchsciliaten im Poppelsdorfer Weiher, Bonn. Lauterbornia 3, 2-221. (Seite 151-152)
Sterki, V. (1879) Tintinnus semiciliatus, eine neue Infusorienart. Zeitschr. f. wiss. Zool. 32, 460-465, Tafel XXVIII.

Viele Grüße
Bernd
Titel: Aw: Der Ciliat Tintinnidium semiciliatum
Beitrag von: Peter T. in November 21, 2024, 19:29:09 NACHMITTAGS
Grandiose Vorstellung mit tollen Fotos! Ganz herzlichen Dank
Titel: Aw: Der Ciliat Tintinnidium semiciliatum
Beitrag von: Peter_le in November 21, 2024, 19:31:00 NACHMITTAGS
Abend Bernd,

Tolle Bilder, ich sehe Kieselalgen sehr gerne auch gefressene.

Wenn ich das gewusst hätte, dass bei Niederschlagspausen zur Massenvermehrung kommt.

Grüße
Peter L.
Titel: Aw: Der Ciliat Tintinnidium semiciliatum
Beitrag von: KayZed in November 21, 2024, 19:42:13 NACHMITTAGS
Hallo Bernd,

ein hochinteressanter Bericht mit aussagekräftigen Fotos.
Die Würze geben deine kompetenten Hinweise zur Morphologie und Biologie des Gehäuseciliaten.
Das ist Tümpeln auf höchstem Niveau, wo man zu eindrucksvollen Bilden noch etwas dazulernt.

Die Replikationsbänder habe ich schon des öfteren u. a. bei Paraurostyla sp. gesehen und sie als Teilungsfurche bezeichnet gefunden. Replikationsband ist wohl biologisch zutreffender.

Herzlichen Dank fürs Zeigen!

LG Klaus
Titel: Aw: Der Ciliat Tintinnidium semiciliatum
Beitrag von: Spectrum in November 21, 2024, 19:56:46 NACHMITTAGS
Hallo Bernd,
Was für ein Einstieg.
Solch fundierte und aufwändig verfasste Beiträge über bestimmte Arten sind immer lesenswert. Wird gleich bei mir angepinnt. Toll auch der Bezug zum Lebensraum durch die Fundortfotos!

Vielen Dank für's Zeigen
Holger
Titel: Aw: Der Ciliat Tintinnidium semiciliatum
Beitrag von: Gerd Schmahl in November 21, 2024, 20:30:17 NACHMITTAGS
Hallo Bernd,
danke für diesen schönen Beitrag in gewohnter "Bernd-Qualität"!
Ich wusste bisher nicht, dass Melosiera sich auch in "normalen" Süßwasser so stark vermehrt. Das kannte ich bisher nur von der Solequelle in Artern.
LG Gerd
Titel: Aw: Der Ciliat Tintinnidium semiciliatum
Beitrag von: Martin Kreutz in November 21, 2024, 22:00:15 NACHMITTAGS
Hallo Bernd,

nach der hervorragenden Dokumentation von Mycterothrix tuamotuensis nun eine weitere, tolle Dokumentation und Analyse von Dir! Ich selbst habe Tintinnidium semiciliatum noch nicht gefunden, wobei ich zugeben muss, dass ich Fließgewässer nur selten beprobe. Jedoch weiß ich, dass die Tintinniden ziemlich zickig im Umgang sind. Umso bemerkenswerter das 7. Foto von oben, wo Du das Ventralorganell und die Doppelkineten zeigst! Damit hast Du die Latte mit Sicherheit etwas höher gelegt.

Ich habe mit die Beschreibung von Foissner et al. jetzt auch mal durchgelesen. Er schreibt, dass die Art festsitzend ist und sogar verzweigte Kolonien bilden kann. Wie hast Du die Exemplare gefunden? Abgelöst oder festsitzend? Und wenn festsitzend, waren sie dann an den Melosirafäden?

Martin
Titel: Aw: Der Ciliat Tintinnidium semiciliatum
Beitrag von: Jürgen Boschert in November 21, 2024, 23:37:51 NACHMITTAGS
Lieber Bernd,

ein sehr informativer, detailliert mit hervorragenden Aufnahmen untermauerter Artikel. Habe viel gelernt, herzlichen Dank dafür!
Titel: Aw: Der Ciliat Tintinnidium semiciliatum
Beitrag von: Bernd in November 22, 2024, 10:22:42 VORMITTAG
Vielen Dank für die positiven Kommentare.

@Peter: Meinen Beobachtungen zufolge kommt es in der kalten Jahreszeit in Fließgewässern mit festen Untergrund immer dann zur Massenvermehrung von Kieselalgen, wenn für einige Tage oder sogar Wochen das Wasser gemächlich fließt. Heftige Regenfälle oder andauernder Regen erzeugen heftige Strömung, welche die meisten Algen einfach wegspült, besonders wenn auch noch das Geröll am Boden in Bewegung kommt.

@Martin: Ich vermute, daß die Viecher an den Melosirafäden festsaßen. Bei der Probennahme habe ich hauptsächlich diese Fäden herauspipettiert. Genauer kann ich es nicht sagen, weil ich die Proben immer mal wieder kräftig durchgeschüttelt habe. Kolonien habe ich nicht gesehen. Die mehrzahl der Viecher unter dem Mikroskop waren freischwimmend.

Vielle Grüße
Bernd