Die Misteln sind eine sehr eigenartige Gattung. Sie leben parasitär bzw. halbparasitär auf Wirtspflanzen. Als so genannte Halbschmarotzer sind sie noch zu Photosynthese in der Lage. Weit verbreitet und am bekanntesten ist die weißbeerige Mistel (Viscum album) mit großer Verbreitung in Europa.
Weniger bekannt ist die rotbeerige Mistel. Sie kommt vor allem im Nahen Osten vor, aber es gibt auch Vorkommen in Italien und Spanien.
Ich habe mir eine Sprossachse und einen Querschnitt des Blattes angeschaut.
Zunächst aber die im Deutschen namensgebenden roten Beeren
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(Quelle: Wikipedia (nbauers) )
Jetzt eine Übersicht über die Sprossachse (10x Obj.). Gefärbt wurde nach Etzold mit FCA.
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Man erkennt hier die ausgeprägten Sklerodermkappen über den Leitbündeln. Interessant ist auch, dass man kaum einen Unterschied zwischen Rindenparenchym und Mark erkennt. Man hat fast den Eindruck, dass es sich hier um wenig differenzierte Zellverbände handelt, die schwammartig die Leitbündel umgeben.
Bereits hier wird deutlich, dass die schmarotzende Lebensweise der Mistel Vereinfachungen im Zellgewebe zulässt. Sie bezieht Wasser und Nährstoffe aus dem Xylem ihres Wirtes. Diese Stoffe werden im Schwammgewebe gespeichert, das für diese Aufgabe nicht differenziert sein muss.
Hier noch einmal ein Überblick über den Ring aus Leitbündeln im ansonsten recht undifferenzierten Zellverbund
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Und hier noch ein Leitbündel
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In der Nahaufnahme erkennt man eine Vielzahl von sekretorischen Zellen in der Epidermis. Sie produzieren Schleimstoffe, harzartige Substanzen und weitere sekundäre Pflanzenstoffe, z.B. Tannine.
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Was für den Spross zutrifft, finden wir auch im Blattquerschnitt
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Hier besteht nicht wie bei vielen anderen Pflanzen eine Differenzierung in Pallisaden- und Schwammparenchym, vielmehr findet sich auch im Querschnitt rund um die Leitbündel des Blattes ein so genanntes homogenes Mesophyll ohne große Differenzierung. Nach meinen Recherchen soll dies ein Hinweis darauf sein, dass die Mistel weniger auf eigene Photosynthese angewiesen ist und deshalb auf ein Pallisadenparenchym verzichten kann. Die dem Wirt entzogenen Nährstoffe (und das auf die selbe Weise aquirierte Wasser) sind gleichmäßig im Blattparenchym verteilt.
Für mich eine faszinierende Ökonomie dieser Pflanze!
Was ebenfalls auffällt, ist das weitgehende Fehlen von Spaltöffnungen (ich konnte in keinem meiner Schnitte welche finden). Das weist darauf hin, dass die Abgabe von Wasser hier nicht auf dem Programm steht. Macht man sich klar, dass die Mistel ja oft unter recht trockenen Bedingungen lebt, so gibt auch diese Besonderheit Sinn.
Leider konnte ich keine Haustorien schneiden, mit denen die Mistel im Wirt verankert ist und mit denen sie ihm vampirisch die Stoffe absaugt. Das steht aber auf jeden Fall auf der Wunschliste ...
Wie immer freue ich mich über Kommentare, Berichtigungen und Ergänzungen.
P.S. Als "Schmankerl" noch eine Aufnahme in polarisiertem Licht
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Morgen Peter,
Seit wieviel Jahrzehnten machst du das jetzt eigentlich schon mit den Pflanzenschnitten und den schönen Beiträgen hier im Forum...
Spaß beiseite, ich selbst bin zwar kein Schnippler aber schaue mir immer wieder gerne eure schönen Beiträge hier an.
Grüße Holger
Hallo Peter,
du gehörst nach so kurzer Zeit schon zu den Profis, sehr schöner Beitrag. Danke dir!
lg Daniel
ps.versuche mal im Pol Bild eine Verzögerungsfolie (transaprentes Plastik: Folie oder so) zusätzlich. Hat wissenschaftlich keine relevanz aber schaut richtig cool aus (durch drehen können farben eingestellt werden)
Hallo Holger und Daniel,
besten Dank für die netten Kommentare. Natürlich spiele ich weiterhin in der Amateurliga, ich erlebe es als einen stetigen Lernprozess. Aber die Begeisterung an den Pflanzen reisst nicht ab, das ist schon toll.
Ich freue mich sehr, wenn es Euch auch gefällt.
@Daniel: Tatsächlich lege ich gelegentlich einen Lambda- oder Lambda/4- Filter ein und staune über die Farben. So richtig traue ich mich das aber (noch) nicht im gleichen Beitrag wie die Schnitte zu zeigen, ist ja doch bissl durchgeknallt.
Hallo Peter,
sehr schöne Schnitte und Färbungen! Falls von Interesse, hier gibt es eine aktuelle Arbeit von Thomas Schröfl mit Bildern und einiges an Texten zur Mistel:
https://www.mgw.or.at/die-mistel-viscum-album/ (https://www.mgw.or.at/die-mistel-viscum-album/)
LG
Jürgen
Hallo Jürgen,
das ist eine grandiose Arbeit über die Weissbeermistel. Und vor allem ist dort das Haustorium zu sehen - wunderbar!
Hallo Peter,
danke für den schönen Beitrag, den ich gerne gelistet habe.
Beste Grüße
Jörg
Lieber Jörg,
herzlichen Dank, ich freue mich über Deinen Kommentar und das Listing!