Hallo zusammen,
hier möchte ich mal nebenbei ein mikroskopisches Thema ansprechen, das zwar für die ,,schöne Bilder-Fraktion" uninteressant ist, aber vor allem für biologisch interessierte Menschen relevant sein könnte.
Ein interessantes biologisches Thema ist, wie ich finde, die Händigkeit (Chiralität) von Organismen. Vor einiger Zeit habe ich das mal am Beispiel der Schraubenalge Spirogyra klar gemacht: die Alge hat ihren Namen ja wegen des schraubenförmigen Chloroplasten. Dabei macht man sich normalerweise keine Gedanken darüber, wie dieser Chloroplast innerhalb der Zelle gewunden ist: links herum oder rechts herum. Bei einer Schraube kennt man ja Rechts- oder Linksgewinde, und und weil die meisten Schrauben nicht durchsichtig sind, kann man auf Anhieb erkennen, welche der beiden Formen vorliegt.
Im mikroskopischen Bild ist das nicht so einfach. Hier noch einmal ein anderes Beispiel:
Das Rädertier Proales decipiens ist laut ,,Wassertropfen" an folgendem Merkmal zu erkennen: ,,rotes Linsenauge nach rechts verschoben".
Wie erkennt man nun an einem Viech unter dem Mikroskop, was links ist und was rechts?
Und weiter: was aber, wenn dieses Räder Tier in einer anderen Stellung auf dem Objektträger liegt. Wie kann man das erkennen"
Während diese Fragen noch recht einfach durch entsprechende Fokussierung zu lösen sind, ist es wesentlich schwieriger, diesen Sachverhalt zweifelsfrei zu dokumentieren. Da reicht ein Foto nicht aus, deshalb nämlich, weil daraus zunächst nicht ersichtlich ist, in welcher Lage sich ein Organismus befindet. Die einzige Möglichkeit besteht darin, eine Referenz zu finden, anhand derer die Lage des Organismus eindeutig erkennbar ist.
Und hier kommt nun das ,,schlechte Deckglas" ins Spiel. Ich habe davon eine ganze Menge. Meine sind unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass irgendwelche kleinen Poren selbst nach gründlicher Reinigung in der Oberfläche sind. Hat man nun ein Präparat mit einer Schichtdicke von circa 100 µm und fokussiert auf die Oberfläche des Objektträgers, so fallen diese Poren im Deckglas nicht weiter auf. Erst wenn man auf die untere Oberfläche des Deckglases fokussiert, werden diese sichtbar. Ist nun von einer Schraubenalge (siehe oben) oder einem Rädertier ein entsprechendes Organ/ Organen ebenfalls im Fokus, kann man davon ausgehen, dass dieses demzufolge der beobachtenden Person am nächsten ist (im aufrechten Mikroskop). Somit hat man dann durch das gemeinsame Auftreten von Körperteil und Störungen im Deckglas in derselben Fokusebene die notwendige Referenz geschaffen, um, davon ausgehend, zweifelsfrei die Position anderer Organe oder Organelle dokumentieren zu können. Für eine solche zweifelsfrei eindeutige Positionsbestimmung sind dann selbstverständlich ungeschnittene Videos prädestiniert.
Eine verwandte Art des oben angesprochenen Rädetiers ist Proales fallaciosa. Zwar ist dieses Rädertier in meiner Ausgabe (10.Auflage) des Wassertropfen nicht erwähnt, tritt aber sehr häufig im Detritus von Gewässern auf. Diese Art unterscheidet sich von Proales decipiens vor allem dadurch, dass am Fuß zwischen den Zehen eine kleine Papille (Pfeil) vorhanden ist, die bei Proales decipiens fehlt:
(https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/Proalidae/im/Proales-fallaciosa_157b-800.jpg)
Die Gattung Proales ist im Wassertropfen durch folgende Aussage charakterisiert: ,,Räderorgan eine bauchwärts verlagerte, schräge, bewimperte Fläche".
Bei oberflächlichee Betrachtung mag diese Aussage richtig erscheinen, eine genaue Beobachtung macht aber deutlich, dass das Räderorgan, so wie bei dem Beispiel von Bryceella (https://www.plingfactory.de) deutlich komplizierter ist.
Es wird deutlich, dass die Wimperfläche aus zwei unterschiedlichen Bereichen besteht, nämlich dem vorderen zirkumapikalen Band und dem weiter nach hinten liegenden Bukkalfeld. Ganz vorne befindet sich zusätzlich ein Wimperkranz, der den Vortrieb beziehungsweise die Fortbewegung bewirkt. Dessen Cilien zeigen eine metachrone Bewegung, die, von der Bauchseite betrachtet, im Uhrzeigersinn verläuft. Allerdings ist, ähnlich wie das beim Walzenschwimmer (Conochilus) (https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Conochilus%20hippocrepis.html) auftritt, der effektive Cilienschlag bauchwärts gerichtet, so dass die metachrone Bewegung als dexioplektisch bezeichnet werden kann.
Mehr dazu hier
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Proales%20fallaciosa.html (https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Proales%20fallaciosa.html)
beziehungsweise in dem YouTube Video hier (https://www.youtube.com/watch?v=XEFdcb70uGQ)
https://www.youtube.com/watch?v=XEFdcb70uGQ
Viel Spaß beim Anschauen & beste Grüße
Michael Plewka