Hallo zusammen,
ich habe bei meinem letzten Ausflug zum ersten Mal das sehr komplexe Rädertier Hexarthra mira gefunden, was für ein Muskelpaket und praktisch nicht in einem Bild darzustellen.
Ich musste ihm auch viel Platz lassen unterm Deckglas.
lG
Anne
Excellent photographs, as always!
Hallo Anne,
eine echt monströse Schöpfung. Die Bilder sind wie immer mega, herrlich lebendig.
Hallo Anne,
ein außergewöhnlicher und wie ich meine, seltener Fund. Danke für die sehr schönen Dokufotos. 8) ::)
lg von Sigi
Hallo Anne,
das ist schon ein tolles "Vieh". ;D
Erinnert mich an Nauplius-Larven mit der quergestreiften Muskulatur. Spannend sowas in der Größe in Rädertieren zu sehen.
Und wirklich schöne DIC-Bilder!
Viele Grüße
Jan
Danke für die Rückmeldungen von allen!
Ich hatte Michael Plewka per PN angeschrieben, eine Frage die mich umtreibt hier nun an alle:
Ich frage mich, warum ich diese Spezies noch nie vorher gesehen habe? Sind sie sehr spezialisiert? Selten? Nur zu bestimmten Jahreszeiten? Sie sind dick mit Eiern bepackt.
Kann jemand was dazu sagen?
lG
anne
Hallo Anne,
in meinen bevorzugten Habitaten kommt dieses auffällige Rädertierchen auch sehr selten vor. Das Bild (der Fund) ist von August 2023, seit dem habe ich es nicht wieder gesehen. Ich glaube auch nicht, das es andere Tümpler regelmäßig in jeder Probe haben.
Hier ein Bild von meinem Fund - viel Spaß beim Anschauen.
Grüße
Kurt
Lieber Kurt,
ja ich hatte Deine Bilder gesehen.
Meine Probe ist aus einem großen Folienteich der schon recht ausgetrocknet ist. Es waren sehr viele Hexarthra zu finden, oft auch dick mit Eiern bepackt. Daneben noch mindestens 4 weitere Rädertierarten in großen Mengen. Das alles zusammen mit einer Blüte von Dinobryon.
Ein wahrlich imponierendes Rädertier, mit seinen dicken Muskelsträngen, die es auch zum Hüpfen braucht.
lG
anne
Hallo Anne, hallo Kurt,
Ein interessanter Fund und von euch beiden sehr schön in Szene gesetzt.
Die mächtigen Muskelstränge leuchten bestimmt auch wunderschön im Durchlicht Pol.
Was ich mich, neben der schon gestellten Frage nach den Lebensraumansprüchen ebenfalls frage, ist welche evolutionäre Vorteile es hat, so große "Sprünge" machen zu können....
Diese Muskelpakete sind ja eine große "Investition" an Biomasse und Energie...
Grüße Holger
*Nachtrag: Hexarthra mira scheint alkalines Wasser zu bevorzugen. Weitere wichtige Standortfaktoren scheinen neben der Wasserchemie (hier v.a. ph und Salinität) die Frequenz und der Zeitpunkt des Austrocknens und Fressfeinde/Nahrungskonkurrenz zu sein.
Hexarthra kann wohl auch sehr großen Fressfeinden wie Glaskrebschen und Fischbrut entkommen. Deshalb der Turboantrieb.
https://www.researchgate.net/publication/226136630_The_development_of_Hexarthra_spp_in_a_shallow_alkaline_lake
Hallo zusammen,
ich hatte Anne vorgeschlagen, ihre Fragen im Forum zu posten, weil ich der Meinung bin, dass dieses Forum die wunderbare Chance bietet, neben dem Zeigen von Mikrofotos (im Sinne von ,,Flickr für Mikrofotografen"), das Wissen um die Biologie und damit die ökologischen Ansprüche von mikroskopischen Organismen durch die Vielzahl der Beobachtungen und Dokumentation auch ihrer Lebensräume zu erweitern.
Gerade für mikroskopische Lebewesen ist da relativ wenig bekannt, ganz einfach deshalb, weil es
1. wenige Menschen gibt, die die Gelegenheit haben, ein Mikroskop zu benutzen (das ist schon ein Privileg!!!)
und
2. weil es bis zur Erfindung des Internets kaum die Möglichkeit gegeben hat, dass sich mikroskopierende Menschen schnell und einfach miteinander austauschen konnten.
Man könnte sich also mal die Frage stellen, wie viele Menschen auf der ganzen Welt haben beispielsweise jemals die Art / Gattung Hexarthra, um die es hier geht, überhaupt (im Mikroskop) gesehen?
Wie viele Menschen auf der ganzen Welt haben diese Beobachtung anderen mikroskopierenden Menschen mitteilen können?
Wenn man vergleichbare Fragen zu Wirbeltieren, zum Beispiel Vögeln und dem Vogelzug, stellt, kann man sich unschwer vorstellen, dass dort die Anzahl von beobachtenden Menschen um Größenordnungen und damit das Wissen über diese Arten deutlich höher ist.
Das bedeutet aber auch, dass die bis jetzt vorliegenden Dokumentationen über Mikroorganismen auf der Beobachtungsgabe von wenigen Menschen ruhen, wobei -leider- nicht immer von einer qualitativ guten Beschreibung auszugehen ist. Vielfach handelt es sich auch um Einzelfunde/-beobachtungen, von denen man nicht weiß, ob diese repräsentativ sind.
Um unser gemeinsames Wissen über die Bio Diversität der Mikroorganismen zu vergrößern, wäre es also sinnvoll, statt solcher Formulierungen wie beispielsweise: ,,in einem Teich habe ich .... gefunden", genauer anzugeben, wie dieser Teich beschaffen ist, soll heißen, welche Organismen sonst noch darin zu finden sind.
Ich persönlich habe aus diesem Grunde vor einigen Jahren angefangen, zu gefundenen Arten auch den Lebensraum, zumindest durch ein paar Handyfotos zu dokumentieren (ist ja mit einem solchen Gerät heutzutage überhaupt kein Problem), so dass diese Information für alle abrufbar ist.
Am Beispiel von Hexarthra:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Hexarthra%20mira.html
wird dann deutlich, dass die in dem zitierten Paper von Herzig und Koste vermuteten ökologischen Parameter zumindest für meine Funde aus den letzten 19 Jahren und deren Fundorte nicht zutreffend sind: beispielsweise hat keins der Gewässer, aus denen meine Funde stammen und die ja sehr unterschiedlich sind, einen pH≥7
Erwähnenswert ist vielleicht auch, dass mein letzter Fund aus einem beschatteten Waldtümpel (siehe link) vom Anfang Juli eine Massenentwicklung von Hexarthra zeigte, also keinesfalls selten (außerdem häufig: Keratella, Filinia, Trichocerca, Polyarthra und Asplanchna, wenige planktische Collotheca (auf letztere war mein eigentlicher Fokus) ); sowie wenige Kleinkrebse (Ruderfuß- und Muschelkrebse). In einer Probe desselben Gewässers vom 18.07. waren dann überhaupt keine Rädertiere zu finden, aber viele Kleinkrebse (nicht näher bestimmt).
Auch diese Populationsentwicklung gibt somit wieder Rätsel auf.
Noch eine Anmerkung zum Thema: große Sprünge. Stimmt das? Ich habe da so meine Zweifel. Zwar habe ich (noch) keine Aufnahmen von den Beobachtungen der Viecher in einer Petrischale unter der Stereo-Lupe, aber Zeitlupen-Video Aufnahmen (mit 300fps) von Hexarthra in einem Mikroaquarium mit genügend Freiraum zum Schwimmen zeigen ein anderes Bild: der Sprung eines solchen Tier bewirkt lediglich eine Veränderung der Lage, aber kaum eine Ortsveränderung. Das ist insofern einleuchtend, weil die sechs Körperanhänge eine Erhöhung des Reibungswiderstands bewirken und dadurch ein Absinken des Rädertiers verhindern. Ein ,,Erschrecken" von potentiellen Fressfeinden (??z.B. Asplanchna??) scheint damit aber möglich zu sein. Vermutlich wird der Fortbestand der Population aber eher durch (Dauer-)Eier geregelt, wie auch Annes Beobachtungen zeigen.
Beste Grüße
Michael Plewka
Hallo Michael,
danke für Deine Antwort.
Der pH Wert ist in meinem Fundort auch kleiner pH 7. Ich habe auch viele Keratella, Filinia, Polyarthra und Asplanchna drin und eine sehr große Art die ich noch nicht als Bild gefunden haben, evtl. gehört sie zu Notholca.
Es kann durchaus auch von einem Massenvorkommen gesprochen werden und die Jahreszeit mit Anfang Juli passt ja auch ganz gut. Kleinkrebse hatte ich auch parallel drin. Bilder des Fundortes habe ich, ich bin regelmäßig dort.
Ich hoffe das ergänzt die Informationen zum Bild.
lG
anne
Hallo Michael,
Dem Gesagten möchte ich mich gerne anschließen.
Nie war es einfacher an Informationen zu gelangen, seien sie auch noch so speziell.
Umgekehrt hat auch der ambitionierte Mikroskopiker durchaus die Möglichkeit mit seinen Beobachtungen sogar einen Beitrag im Bereich der aktuellen Forschung leisten zu können.
Im Bereich der Mikroorganismen vielleicht sogar in besonderen Maßen.
Ok, was die Taxonomie angeht, die hat sicherlich öfters so ihre Tücken. Und da wird in der Forschung heutzutage auch viel mit Gensequenzierung verifiziert, was dem Amateur wohl nicht zur Verfügung steht.
Aber die Beobachtung von Verhalten, Lebensraum, Umweltparametern, Vorkommen (Monat und Fundort) und die Suche nach "seltenen" Arten...
...Na da kann man auch als Amateur noch so manchen Blumentopf gewinnen, denke ich.
Echt spannend.
Um nochmal auf die Muskulatur bei Hexarthra/Polyathra zurückzukommen.
Dazu gibt es tatsächlich auch einen wissenschaftlichen Artikel, der sich genau mit der oben gestellten Frage beschäftigt.
Klingt komisch, ist aber so:
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0044523108000193
LG Holger
Hallo zusammen,
ich füge nun noch eine Beobachtung bei. ich habe das Rädertier heute schon wieder gefunden. In einem anderen See.
pH kleiner 7, Fischereigewässer, voller Blaualgen und Goldalgen sowie Dinoflagellaten.
Also evtl. einfach der richtige Zeitpunkt?
lG
anne
Hallo zusammen,
@ Holger:
danke für den Link; die verlinkte Quelle ist aber nur ein Ausschnitt aus der Original Arbeit (wenn du die brauchst, kann ich sie dir schicken), die ich ganz gut kenne, schließlich basiert die Beschriftung der Hexarthra-Bilder (https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Hexarthra%20mira.html) auf der plingfactory auf dieser Arbeit. Außerdem ist sie ja schon fast 20 Jahre alt; das macht sich insofern bemerkbar, als eine meines Erachtens eine wichtige Informationen fehlt: nämlich die technischen Daten derjenigen Kamera, mit der die Videos erstellt wurden. Das kann nicht die Power Shot Kamera gewesen sein, die unter ,,Material und Methoden" genannt wurde. Demzufolge kann man auch nicht sagen, welche zeitliche Auflösung diese Videos haben (das aber nur am Rande)
Ich hab ich habe deshalb hier noch mal ein kleines Video von einigen ,,Sprüngen" von Hexarthra zusammengestellt.
Leider sind die Aufnahmen (von 2023) nur mit der Panasonic GH5 mit 180 FPS und unbekannter Belichtungszeit (minimal 1/180 sec, was viel zu lang ist) entstanden. Die Konsequenz daraus ist, dass Details der eigentlichen Sprungbewegung zeitlich nicht sinnvoll aufgelöst sind.
Dennoch: Analysiert man diese Sequenzen, stellt man fest, dass eine solche Sprungbewegung in circa 10 Bildern durchgeführt wird, was somit ca 50 ms entspricht. Das ist schneller als ein Wimpernschlag bei Menschen. Das Video zeigt auch, dass die zurückgelegte Wegstrecke maximal einer Körperlänge entspricht. (Wieder übertragen auf den Menschen würde man mit einer solchen Sprungweite sicherlich keine Goldmedaille gewinnen). Alles eine Folge der Viskosität des Wassers und der niedrigen Reynolds-Zahl.
Es kann sich also lediglich um eine Abwehrreaktion gegenüber einem potentiellen Predator handeln, wobei ein solcher bei den gezeigten Videosequenzen gerade gar nicht vorhanden ist. Demzufolge ist die Sprungbewegung ziemlich unspezifisch ausgelöst worden. Möglicherweise hat das Tier das Deckglas berührt (im Mikro Aquarium, Schichtdicke also hoch).
@ Anne, vielen Dank für die weiteren Infos,
auch ich habe gestern noch Hexarthra im Baldeney-See gefunden (in dem Teich mit der Massenentwicklung von Anfang Juli bleiben sie allerdings verschwunden); da sind für das Vorkommen wohl verschiedene Faktoren verantwortlich.
Manchmal wird auch eine Art von einer anderen Art der selben Gattung abgelöst. Das habe ich mal bei der Gattung Ascomorpha erlebt. Im Juni war die Art
A. ecaudis (https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Ascomorpha%20ecaudis.html) vorhanden, die im Juli dann verschwunden war. Dafür war dann
A. ovalis (https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Ascomorpha%20ovalis1.html) vorhanden.
Beste Grüße
Michael Plewka
Hallo Michael,
Vorgestern Nacht hab ich mich an meinem Waldsee einmal mit einer improvisierten Lichtfalle (Taschenlampe+Planktonsieb) versucht. Eigentlich wollte ich damit Raubwasserflöhe anlocken. Das hat zwar nicht geklappt, dafür ging mir aber Hexarthra ins Netz. Deinem Rat folgende hab ich diese dann auch in ein Microaquarium gesetzt (besser gesagt in eine sehr kleine Petrischale).
Schichthöhe 2-3mm, kein Deckglas.
Diese Aufnahmen sind dabei entstanden:
Die Bildqualität ist sicher nicht die beste, aber man erkennt das die Sprünge schon weiter als eine Körpelänge weit sind, denke ich.
Beim vorherigen isolieren aus einer Petrischale konnte ich auch noch größere Strecken beobachten. Hier wurde auch zumindest im völlig freien Wasser kaum spontan gesprungen. Nur bei Berührung durch anderes Plankton oder den Petrischalenrand. Auch auf meine Pipette wurde mit springen reagiert und ich hatte Mühe den "Sack Flöhe" einzufangen.
Mit der Zeit meine ich auch beobachtet zu haben das die Sprungkraft abnimmt. Vielleicht der Stress/Ermüdung?
Die Probe stammt übrigens aus dem Plankton im Uferbereich. Wassertiefe ca 50cm. Zuvor hatte ich die Stelle ca 1Std mit Licht angestrahlt. Es waren unzählige Copepoden, Wasserflöhe, Volvox, Asplanchna, und vereinzelt Hexarthra sowie Filinia longiseta longiseta in dieser Probe.
Letztere Art hat auch (sehr lange) Körperanhänge die aktiv bewegt werden könne, Filinia "springt" aber soweit ich das beobachtet habe, nicht. (Dazu hab ich auch Videoaufnahmen, aber dazu mehr in einem anderen Faden)
LG Holger
P.s.: Vielen lieben Dank für das Angebot mir den kompletten Artikel zuzusenden. Aber den hab ich bereits gelesen. Ich hab lediglich nur den öffentlichen Teil verlinkt (Copyright).
Hallo Holger,
sehr interessanter Bericht und Video. Um Verhaltensweisen zu dokumentieren ist natürlich ein Video einem statischen Bild bei weitem überlegen. 8)
lg von Siegfried
Morgen,
Danke Siegfried. So sieht die Fundstelle tagsüber aus: IMG_20250728_064643.jpg
Die Bäume im Hintergrund bzw über der Fundstelle sind Eiben. Der Gewässergrund ist lehmig mit Erlenzäpfchen und Laub bedeckt und das Wasser bräunlich trüb verfärbt.
LG Holger
hallo Holder,
danke für dein Fundortfoto.
lg von Siegfried
Hallo Holger,
Zitat von: Spectrumsowie Filinia longiseta longiseta in dieser Probe.
Letztere Art hat auch (sehr lange) Körperanhänge die aktiv bewegt werden könne, Filinia "springt" aber soweit ich das beobachtet habe, nicht
Doch macht sie:
Die Sprungbewegung bei planktischen Rädertieren (https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=29086.0)
Manche Rädertiere wie
Polyarthra sp. können sich regelrecht "teleportieren". Aus diesem etwas älteren etwas überbelichteten Film verschwinden immer wieder Rädertiere von einem zum nächsten Frame komplett aus dem Bild, wenn sie einen Zusammenstoß haben.
LG Gerd
Hallo Gerd,
Danke für die Ergänzung.Und danke auch für den Verweis auf Michaels Beitrag hier im Forum, bzw auf seine Seite. Diese Beiträge sind einfach nur umwerfend. In jeder Beziehung.
Auf deinem Video sieht man wohl eine Polyarthra Art, richtig?
Die haben ja richtig "Schmackes", blitzschnell sind die.
Ich stell dann auch gleich die Filinia longiseta longiseta hier ein...
Da sieht man eher eine Rückwärtsbewegung/Richtungsänderung, als einen Sprung.
Moment...
Beste Grüße Holger
Hallo zusammen,
Wow, da ist ja noch ganz schön was an Informationen zusammen gekommen!
@Holger: zunächst einmal vielen Dank für dein supertolles Hexarthra- Video, welches ziemlich eindeutig zeigt, dass Tiere dieser Gattung deutlich weiter springen (können), als das bei ,,meinen" Tieren der Fall gewesen ist. Möglicherweise eine Folge der unterschiedlichen Schichtdicke des Wassers.
Und ebenfalls aus Gerds Video wird ja deutlich, dass auch Räder Tiere der Gattung Polyarthra die Fähigkeit haben, zu ,,teleportieren". Auch bei Letzteren sind ja deutlich quer gestreifte Muskeln zu erkennen.
Es fällt aber in Holgers Video auf, dass Hexarthra (im übrigen genauso wie in meinem Video) die meisten Sprünge in Abwesenheit eines potentiellen Räubers, in diesem Fall Asplanchna vollzieht. Wenn ich richtig gezählt habe, sind insgesamt 10 Sprünge zu sehen, aber lediglich bei einem Kontakt zwischen Asplanchna und Hexarthra tritt eine Sprungbewegung auf, während drei weitere Begegnungen zu keiner Sprungbewegung führen. Allerdings führt unter anderem das schnelle Vorbeischwimmen eines anderen Rädertiers (Polyarthra?) ebenfalls zu einer Sprungbewegung.
Abgesehen von der Frage, welcher Reiz die Sprungreaktion von Hexarthra überhaupt auslöst (wird sicherlich etwas mechanisches sein), wird somit deutlich, dass die Effektivität dieses Verhaltens fragwürdig ist: dieses Sprungverhalten kostet Energie, die vorher mit der Nahrung aufgenommen sein muss. Und in Konsequenz steht diese Energie dann nicht mehr zur Produktion von Eiern zur Verfügung. Ein interessantes Thema der evolutionären Strategien: schließlich gibt es andere Rädertiere wie zum Beispiel Keratella, die zwar einen Panzer, sogar mit Dornen haben, der ihnen aber beim Gefressen-werden durch Asplanchna nichts nützt. Aber dennoch sind diese Rädertiere permanent bzw. in jeder Saison im Plankton zu finden. Geht offenbar auch ohne Fluchtreaktion....
Echt spannend!
Beste Grüße
Michael Plewka
Hallo Michael,
Hallo Gerd,
Dann wollen wir die Sammlung der Hüpfer mal vervollständigen.
Hier ist Filinia longiseta longiseta:
Zumindest das hier gezeigte Exemplar rudert eher rückwärts oder seitwärts anstatt zu teleportieren.
Von Felinia habe ich allerdings auch nur ein Exemplar gefunden. Keine Ahnung ob da nicht schon der Akku etwas leer war...
Die Tiere ermüden meiner Ansicht nach auch deutlich mit der Zeit unter den Aufnahmebedingungen.
So eine Energieverschwendung ist in freier Natur sicherlich nicht von Vorteil. Wohl auch ein Faktor der zur Populationsdynamik beiträgt.
Viele "Fehlalarme" durch harmlose Umweltreize wie Strömung und Kontakt zu harmlosen Artgenossen etc. sind dann wohl eher von Nachteil. Je öfter man aber Fressfeinden erfolgreich ausweichen kann, desto eher ist man stoischen Konkurrenten die ihre Energie lieber in Nachwuchs investieren gegenüber im Vorteil...
Zu den Auslöser des Sprungverhaltens kann ich zu Hexarthra und Filinia noch anfügen, das bereits leichtes klopfen auf den Objektisch die Reaktion auslösen kann. Ich hab deshalb hier auch die original Audiospur mal belassen.
Auch die doch heftige Jagt unter dem Mikroskop und die damit verbundenen Erschütterungen lösen deutlich mehr Sprünge aus als in ruhigem Wasser.
LG Holger
Hallo Holger,
Du musst aber auch bedenken, dass nicht nur die "Aufnahmebedingungen" die Tiere stressen, sondern schon die extreme Anreicherung durch das Planktonnetz. Normalerweise begegnen sie im freien Wasser wohl sehr viel weniger Hindernissen und Fressfeinden. Klar, dass dann irgendwann "der Akku leer ist". Ich beobachte Plankton am liebsten direkt vor Ort nur wenige Minuten nach dem Fang. Schon zwei Stunden später sind trotz kühler Lagerung viele Bewohner tot, wenn man mit der Pipette eine Probe vom Grund des Probenröhrchens holt. Es ist daher wichtig, die frische Probe bei Zeiten mit Standortwasser zu verdünnen und notfalls zu Hause nochmal neu anzureichern. Der Sauerstoff nimmt sicher auch schnell ab, wenn viele Tiere in einem kleinen Wasserkörper gefangen sind.
LG Gerd
Hallo Gerd,
Da hast du sicherlich recht. So mache ich das, wo immer möglich auch mit meinen Planktonproben. Bereits am See darauf achten eine nicht zu hohe Konzentration an Lebewesen in der Probe zu haben. Und dann zu Hause so schnell wie möglich in den Kühlschrank und mikroskopieren. Ein großes Volumen (ich nehme da immer die leergetrunkenen 1,5l Wasserflaschen aus dem Proviant), extra Fundortwasser das mit dem Netz gefiltert wurde, und im Sommer eine Kühltasche oder sogar Thermoskanne, helfen auch. Aber selbst da gibt es Kandidaten die nicht lange durchhalten.
In dem Fall habe ich nun die ganze (Neumond) Nacht am See verbracht. (U.a. mit der Beobachtung von Fledermäusen mit der Wärmebildkamera.)
Da war im Anschluss dann erstmal Ausschlafen angesagt.🥱
Hab ich ja auch dazugeschrieben.
Die Hexarthra hatte aber wohl noch Sprungkraft.
Ebenfalls ein Faktor zumindest bei Filinia könnte sein, dass selbst die 3mm Wasserhöhe noch zu gering sind, um ein Anstoßen der extrem langen Fortsätze am Boden oder der Wasseroberfläche zu verhindern.
Ich schaue am Wochenende gerne nochmal, wie das in taufrisch aussieht, und ergänze falls nötig.
Grüße aus der (diesmal beruflichen) Nachtschicht.
Insgesamt ein wirklich toller Thread.
Womit ich ein Problem habe, ist die Verwendung des Ausdrucks "quergestreifte Muskulatur". Das ist doch ein Fachausdruck für eine Muskulatur, wie sie z.B. unsere Willkürmuskulatur kennzeichnet. Die Querstreifung entsteht durch das Vorhandensein von Sarkomeren mit einer spezifischen Anordnung von Myosin- und Aktinfilamenten. Natürlich ist bei manchen Rädertieren eine Querstreifung erkennbar, das heißt aber nicht, dass es sich um die "quergestreifte Muskulatur" handelt. Querstreifen alleine machen das nicht aus.
Vielleicht sollte man deshalb mit dieser Bezeichnung etwas zurückhaltend sein.
Hallo Peter,
Es handelt sich, zumindest wenn man nach der Fachliteratur (verlinkter Artikel) geht, bei den Paketen, die so schön bei Annes Aufnahmen zu sehen sind, tatsächlich um willkürliche Muskulatur ("somatic musculature").
Gruß Holger
Hallo Holger,
willkürliche Muskulatur mag es sein, aber keine "quergestreifte" (durch Sarkomere gekennzeichnete). Sollten Rädertiere tatsächlich quergestreifte Muskulatur im engeren Sinne haben, würde mich das schon sehr wundern.
Hallo Peter,
wieso sollten die keine quergestreifte Muskulatur mit Sarkomeren haben? Manche Erfindungen der Natur sind sehr alt (und bewährt). Siehe auch: "Bruder Wurm, Schwester Alge (http://www.klaus-henkel.de/schwester-alge.pdf)" vom seeligen Klaus Henkel.
LG Gerd
Hallo Peter,
Bei Rotatorien findet man in der Tat quergestreifte und auch glatte Muskulatur. Schau mal hier auf Seite 22:
http://www.mikroskopfreunde-nordhessen.de/GrueneReihe/Raedertiere-Donner.pdf
Da ist konkret von quergestreifter Muskulatur bei unseren Hüpfern die Rede. Ebenfalls quergestreifte Muskeln finden sich auch in den "Zehen" dieser faszinierenden Tiere:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/RotatorMorphologie/RotatorFoot.html
Ob der Feinaufbau (z.b. die Sarkomere) dabei auch genauso aussieht wie bei Wirbeltieren, würde mich auch interessieren. Sieht aber, wenn ich mir die Bänderung auf Annes Bildern ansehe, auf den ersten Blick ganz so aus.
Wie es sich bei der glatten vegetativen Muskulatur verhält wäre auch interessant.
Ich glaube hier gibt es bei Rädertieren eine Besonderheit, die bei der glatten Muskulatur sonst nicht vorkommt (Stichwort "Syncytium").
Aber vielleicht kann uns Michael dazu noch etwas sagen.
Ich werde jetzt nochmal an den See fahren und schauen ob ich heute auch wieder Filinia finde.
LG Holger
Hallo Holger,
das ist wirklich ein interessanter Aspekt. Mir stellen sich mehrere Fragen:
- ist alles, was "Muskulatur" ist und im LM Querstreifung aufweist "quergestreifte Muskulatur"?
- oder ist für diesen Begriff die Organisation mit Sarkomeren eine conditio sine qua non?
- weist die Muskulatur bei Rotiferen eine zumindest sarkomerartige Organisation auf?
Zur letzten Frage finde ich interessanterweise aktuell keine Quelle. Offensichtlich ist es durchaus Usus, bei Rotiferen von quergestreifter Muskulatur zu sprechen. Was diese Begrifflichkeit ausdrückt (nur quere Streifen im LM oder spezifischere Bedingungen für diese Bezeichnung) ist mir aber weiter nicht klar. Vielleicht taucht ja doch noch eine Quelle auf, die diesen Fragen nachgeht.
Ich will hier nicht zu nerdig sein, aber klar definierte Begrifflichkeiten sind halt doch was Schönes.
Zitat von: Peter T. in August 01, 2025, 15:30:06 NACHMITTAGSHallo Holger,
Ich will hier nicht zu nerdig sein, aber klar definierte Begrifflichkeiten sind halt doch was Schönes.
Da bin ich absolut bei dir, lieber Peter. Genauso isses!
Zitat von: Peter T. in August 01, 2025, 15:30:06 NACHMITTAGS- ist alles, was "Muskulatur" ist und im LM Querstreifung aufweist "quergestreifte Muskulatur"?
- oder ist für diesen Begriff die Organisation mit Sarkomeren eine conditio sine qua non?
Ich denke sowohl als auch.
Der Aufbau des Sarkomers mit seinen verschiedenen stark lichtbrechenden Bereichen führt ja (zwangsläufig) zu der charakteristischen Querstreifung die man dann auch im LM erkennt. Deine beiden Aussagen bedingen sich also grundsätzlich gegenseitig. Das "oder" kann weg. So zumindest mein Verständnis zur Histologie. Aber ich lasse mich da gerne eines besseren belehren, sollte es da Ausnahmen geben. So steht es dann auch als Definition im Netz:
https://flexikon.doccheck.com/de/Quergestreifte_Muskulatur
Zitat von: Peter T. in August 01, 2025, 15:30:06 NACHMITTAGS- weist die Muskulatur bei Rotiferen eine zumindest sarkomerartige Organisation auf?
Zur letzten Frage finde ich interessanterweise aktuell keine Quelle. Offensichtlich ist es durchaus Usus, bei Rotiferen von quergestreifter Muskulatur zu sprechen. Was diese Begrifflichkeit ausdrückt (nur quere Streifen im LM oder spezifischere Bedingungen für diese Bezeichnung) ist mir aber weiter nicht klar. Vielleicht taucht ja doch noch eine Quelle auf, die diesen Fragen nachgeht.
Dazu hab ich trotz eingehender Recherche auch nichts noch expliziteres finden können.
Aber wir können hier die oben beschriebenen
charakteristischen Querstreifen deutlich sehen. Außerdem ist die Funktion (Kontraktion) der "fraglichen" Struktur als Muskulatur auch gegeben. Dann sollten es wohl auch Sarkomere sein, welche mit Ihrem Aufbau aus unterschiedlichen Bereichen (Stichwort "Z-Scheibe") das Streifenmuster ergeben.
https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-94-009-0465-1_32
Zitat von: Spectrum in August 01, 2025, 16:39:43 NACHMITTAGSDann sollten es wohl auch Sarkomere sein
Lieber Holger,
wir bleiben an dieser Frage dran. Fürs erste vielen Dank für Deine Beteiligung an diesem Seiten-Thread.
Will jetzt Annes schönes Muskelmonster hier nicht weiter stören. Wenns was Neues gibt, mach ich zu dem Thema einen eigenen Faden auf.
Lieber Peter und Holger,
ich lese mit viel Interesse die Diskussion, Ihr könnt hier gerne weiter diskutieren.
Wichtig ist ja, dass man das Thema am richtigen Platz wieder finden kann.
Ich kann daher auch gerne den Titel nach Euren Angaben ergänzen.
Alles gut.
lG
anne
Wie schon von Holger vermutet, hat Michael Plewka Licht ins Dunkel der Rotiferenmuskulatur bringen können.
In diesem neuen Thread
https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=52016.0
verweist er auf einen Artikel in Mikrokosmos 100/2 von Eike Wilts, in dem die Immunofluoreszenz-Markierung von Actin im Rotiferenmuskel beschrieben wird. Sonde für den Farbstoff ist interessanterweise Phalloidin, das Toxin aus dem Grünen Knollenblätterpilz.
Parallel dazu konnte ich jetzt folgenden Artikel aufspüren:
C. Clément (1989): ,,The skeletal muscles of rotifers and their innervation" aus dem Springer Verlag. Die Autoren weisen dünne und dicke Myofilamente nach, deren Durchmesser identisch zu den Durchmessern von Actin und Myosin ist.
Damit haben wir alles beieinander, um quergestreifte Muskulatur (mit allem, was dazu gehört, nämlich Actin und Myosin) bei Rotiferen bestätigt zu haben.
Meine Skepsis diesbezüglich ist weg und hat sich doch gelohnt ;)
Danke an alle Mitdiskutierenden und natürlich an Michael Plewka für den entscheidenden Hinweis.
Hallo,
Als Ergänzung hier noch ein paar Aufnahmen in denen man die Muskulatur von Hexarthra mira in Aktion sieht:
Man sieht im ersten Teil sehr schön, wie die gegenläufige Teile (Agonist und Antagonist) arbeiten. Im zweiten Teil ist die Aktion der im Körperinneren angeordneten Muskulation zu sehen.
Die Ruderblätter selbst sind mit einer Art Kugelgelenk mit dem Körper verbunden:
IMG_20250809_125618.jpg
LG Holger
Hallo,
Zu guter letzt hier noch eine Aufnahme der kräftigen Ruderarme von Hexarthra in Fluoreszenz:IMG_20250812_105233.jpg
Gefärbt wurde mit DiOC6 einem lipophilem Farbstoff der sich bevorzugt auch in Mitochondrien ansammelt. Die perlschnurartige Struktur am Rand der Muskelfasern dürften also die Kraftwerke sein, die das ATP zur Kontraktion bereitstellen.
IMG_20250812_105059.jpg
LG Holger