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Foren => Mikrofoto-Forum => Thema gestartet von: Michael Plewka in September 10, 2025, 11:02:29 VORMITTAG

Titel: Schwämme:"wie wir sehen sehen wir nichts"
Beitrag von: Michael Plewka in September 10, 2025, 11:02:29 VORMITTAG
Hallo zusammen,

die Aussage in dem tread hier (https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=52119.0):



ZitatAlles in allem sind Schwämme damit so effektiv/konkurrenzlos was das Nahrungsangebot an allerkleinsten Nahrungspartikeln angeht, das sie Jahrmillionen an Evolution unverändert überlebt haben.

hat mich dazu angeregt, einige grundlegende biologische Prinzipien, die möglicherweise allzu selten im Fokus sind, am Beispiel  der Schwämme mit einigen Bildern bewusst zu machen.

Wir Menschen haben ebenso wie die meisten anderen Säugetiere und auch Vögel als hoch bewegliche Lebewesen Augen, mit denen wir unsere bewegte Umwelt sehr gut wahrnehmen. Demzufolge sind wir auch sehr sensibel und empfänglich für entsprechende Videos / Fernsehaufnahmen, in dem sich irgendetwas bewegt; deshalb werden die Tiere durch entsprechend dramatische Bewegungaktionen attraktiv.  Nicht bewegliche (sessile) Tiere werden dagegen nur sehr selten im Fernsehen gezeigt. Wie also solche Tiere leben gerät deshalb eher auf ein Nebengleis der Aufmerksamkeit.

Schwämme sind solche Tiere. Ihre Bewegungslosigkeit hat für ihr Leben verschiedene Konsequenzen, sie können  beispielsweise nicht vor Fressfeinden weglaufen und, was an dieser Stelle im Vordergrund stehen soll, sie sind Raumkonkurrenten für andere bewegungslose Organismen. Im Meer gibt es davon sehr viele, zum Beispiel Korallen, Moostierchen, Muscheln, sessile Krebse und, evolutionsbiologisch betrachtet, sehr nahe Verwandte des Menschen: die Manteltiere.
Genau die Andersartigkeit dieser sessilen Lebensform macht aber auch ihre Faszination aus.

Hier nun ein paar Beispiele:


1. Raumkonkurrenz zwischen zwei Schwammarten:

(https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/Xibit/img/Porifer13560-800.jpg)


2. Ein Schwamm ist  von Kelchwürmern (ebenfalls sessil) überwachsen:

(https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/Xibit/img/Porifer_epibionts-600.jpg)


3.Seescheiden (hier 2 bläuliche Exemplare)  sind eine sessile Tiergruppe, die einen großen Teil der Biomasse der Meeres ausmachen. Genau wie Schwämme (hier die braunen ,,Würste") filtrieren sie aktiv mittles ihres Kiemendarms Mikro-und Nanopartikel aus dem Wasser (>>Nahrungskonkurrenz)

(https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/Xibit/img/Rhopalaea-sp_2200191-800.jpg)


Detail des Kiemendarms; die Interferenzfarben kommen von der Mikrostruktur der Poren:

(https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/Xibit/img/Rhopalaea-sp_2210178d-800.jpg)



4.Hier überwachsen verschiedene Arten  von kolonialen Seescheiden (Synascidien)einen Schwamm (rot):

(https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/Xibit/img/Didemnum_220008x-800.jpg)


5. als nicht-mobile Organismen sind Schwämmer eine willkommene Nahrung für enstsprechende  Nahrungsspezialisten:  hier: Nacktkiemer Notodoris serenae an Leucetta sp.


(https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/Xibit/img/Notodoris-serenae_Leucetta_10720b-800.jpg)



Wie gehen nun die Schwämme mit diesen Herausforderungen der Umwelt (es gibt ja noch mehr) um?

Die Phrase: "wie wir sehen sehen wir nichts" wird ja normalerweise immer dann verwendet, wenn ein naturwissenschaftliches Experiment nicht funktioniert hat so wie es soll.
6.In diesem Fall ist das anders: das Bild zeigt einen ziemlich großen (Durchmesser circa 70 cm) und damit wahrscheinlich sehr alten (geschätzt 50-100 Jahre).  Tonnen-Schwamm (Xestospongia sp.).

(https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/Xibit/img/Xestospongia-testudinaria_12082-800.jpg)

Bäume ähnlichen Alters in unseren Wäldern sind dann bereits mit vielen verschiedenen epibiontischen Organismen (Moose, Flechten), be- bzw.  überwachsen. Dieser Schwamm hingegen ist vollkommen frei von sichtbaren Epibionten, sowohl innen als auch außen, während, wie die Beispiele vorher gezeigt haben, die RaumKonkurrenz häufig zu zur Überwachsung verschiedener Organismengruppen führt.

7.Noch ein weiteres Beispiel:

(https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/Xibit/img/Millepora-Porifer-800.jpg)

Auf der linken Seite befindet sich eine Feuer Koralle (Millepora sp. gelb) , die bei Menschen mit ihren Nessel-Kapseln Nessl sehr schmerzhafte Hautverbrennungen hervorrufen kann. Auf der rechten Seite  befindet sich ein roter Schwamm. Zwischen diesen beiden Tieren ist eine weiße Zone, in der die Feuer Koralle ausgebleicht beziehungsweise getötet ist. Ursache dafür sind wahrscheinlich chemische Stoffe, die von dem Schwamm abgegeben werden. Schwämme sind bekannt dafür, dass sie besondere chemische Stoffe produzieren können, die es sonst in der Natur nicht gibt, weshalb sie für Pharmafirmen von besonderem Interesse sind. Ich selbst habe in Bali einen Schwamm kennen gelernt, der wohl ein Anti- Malariamittel produziert. Es ist also unter anderem ein chemischer Wettlauf zwischen verschiedenen Organismen, der die Evolution solch unbeweglicher Organismen  vorantreibt. 

8.Das gilt nicht nur im marinen Milieu, sondern auch im Süßwasser. Regelmäßig sind auf Aufwuchs-Objektträgern, die in den Gewässern des Unteren Odertals ausgebracht werden, sich entwickelnde Schwämme zu beobachten, um die herum sich ein Hof gebildet hat, der deutlich weniger Organismen aufweist als der Rest der besiedeln Fläche. Hier also das einzige Mikrobild in diesem Kontext:

(https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/Xibit/img/Porifer-cf-Ephydatia_110m-800.jpg)

Auch hier kann man davon ausgehen, dass entsprechende Stoffe, die vom Schwamm in die Umgebung diffundieren, dafür verantwortlich sind.




Viel Spaß beim Anschauen & beste Grüße
Michael Plewka
Titel: Aw: Schwämme:"wie wir sehen sehen wir nichts"
Beitrag von: Spectrum in September 10, 2025, 22:53:04 NACHMITTAGS
Hallo Michael,
Mit Bewunderung lese ich deinen traumhaft bebilderten Beitrag über diese faszinierenden Lebewesen. Sind diese tollen Aufnahmen in deinem Urlaub entstanden?
Ja, Schwämme sind, so wie es aussieht, auch Meister darin, sich mittels Abwehrstoffen zu behaupten.
Dabei ist es oft auch nicht unbedingt der Schwamm selbst, sondern seine Mitbewohner (Mikrobiom) wie z.b. bestimmte Bakterien, welche diese Substanzen produzieren.
Schwämme sind in dieser Hinsicht sozusagen, eine Art lebender Bioreaktor.
Rifampicin ein Antibiotikum, wurde beispielsweise in den symbiotischen Bakterien eines Schwammes gefunden.
Wen es interessiert, findet hier in diesem Artikel etwas zu der Suche nach diesen Substanzen:

https://opus.bibliothek.uni-wuerzburg.de/opus4-wuerzburg/frontdoor/deliver/index/docId/1604/file/Scheuermayer.pdf
LG Holger