Liebes Forum,
heute möchte ich eine seltene und ungewöhnliche kleine Alge vorstellen, die ich kurz vor Weihnachten in dieser Pfütze auf einem Waldweg am Feldberg im Taunus gefunden habe.
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Bei dieser Alge handelt es sich um Mesostigma viride.
Diese ca. 15 µm große, sattelförmige Alge besitzt zwei Geißeln, die aus einer Grube auf der konvexen Dorsalseite entspringen. Die Geißelgrube befindet sich nahe dem Vorderende, und die Geißeln sind in der sich während der Schwimmbewegung schnell drehenden Zelle mehr oder weniger nach vorn gerichtet. Ein einzelner parietaler Chloroplast mit zwei Pyrenoiden bedeckt die Ventral- und Lateralseite und erstreckt sich bis auf die Dorsalseite. Ein einzelner Augenfleck befindet sich auf der Ventralseite, nahe der Zellmittelachse. Mehrere kontraktile Vakuolen liegen in der Nähe der Geißelbasen. Die Zelle ist mit bereits lichtmikroskopisch sichtbaren Schuppen bedeckt.
Die folgenden 5 Fotos zeigen verschieden Ansichten und Fokusebenen dieser Alge. G: Geißel; kV: kontraktile Vakuole; N: Zellkern; P; Pyrenoid; S: Schuppen; St: Stigma.
Mesostigma viride_1.jpg Mesostigma viride_2.jpg
Mesostigma viride_3.jpg Mesostigma viride_4.jpg
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Die vegetative Vermehrung erfolgt durch Zweiteilung, eine sexuelle Vermehrung ist nicht bekannt. Die beiden folgenden Bilder zeigen zwei sich teilende Zellen, jeweils in zwei verschiedenen Fokusebenen. Ein eindeutiger Hinweis darauf, daß die Zellteilung im Gange ist, sind die zwei Augenflecken pro Zelle.
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Das Ungewöhnliche an Mesostigma viride ist ihre Taxonomie. Diese Alge gehört nämlich nicht, wie man auf dem ersten Blick meinen könnte, zu den Chlorophyta (Grünalgen), sondern zu den Streptophyta.
Zu den Streptophyta gehören neben den Landpflanzen unter anderem folgende Klassen von Algen: Klebsormidiophyceae, Charophyceae, Coleochaetophyceae, Zygnematophyceae (z. B. Spirogyra, alle Zieralgen) und die Mesostigmatophyceae. Während z. B. die Charophyceae und Zygnematophyceae mehrere Familien und hunderte bzw. tausende von Arten umfassen, gibt es bei den Mesostigmatophyceae nur eine Familie, eine Gattung und nur eine einzige sicher bekannte Art, Mesostigma viride.
Mesostigma viride hat sich einige altertümliche Merkmale der Streptophyta bewahrt. So ist sie z.B. bei den streptophyten Algen die einzige Art, die in der vegetativen Lebensphase Geißeln besitzt. Sie hat keine Zellwand aus Zellulose, sondern ihr Körper ist mit korbförmigen Schuppen besetzt, die vor allem aus neutralen und sauren Zuckern, sowie geringen Mengen an Protein bestehen.
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Viele Grüße
Bernd
Literatur
Ettl, H. (1983). Chlorophyta I - Phytomonadina. In: Süsswasserflora von Mitteleuropa. (Ettl, H., Gerloff, J. & Mollenhauer, D. Eds) Vol.9, pp. 1-807. Stuttgart: Gustav Fischer.
Liang, Z., Geng, Y., Ji, C., Du, H., Wong, C. E., Zhang, Q., ... & Yu, H. (2020). Mesostigma viride genome and transcriptome provide insights into the origin and evolution of Streptophyta. Advanced Science, 7(1), 1901850.
Manton, I. & Ettl, H. (1965). Observations on the fine structure of Mesostigma viride Lauterborn. Journal of the Linnean Society of London, Botany 59: 175-184
Marin, B. & Melkonian, M. (1999). Mesostigmatophyceae, a new class of streptophyte green algae revealed by SSU rRNA sequence comparisons. Protist 150: 399-417.
Pascher, A. (1927). Die Süsswasserflora Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Heft 4, 105-107. G. Fischer.
Rogers CE, Domozych DS, Stewart KD, Mattox KR (1981) The flagellar apparatus of Mesostigma viride (Prasinophyceae): multilayered structures in a scaly green flagellate. PI Syst Evo1138: 247-258.
Yang, A., Narechania, A., & Kim, E. (2016). Rickettsial endosymbiont in the "early‐diverging" streptophyte green alga Mesostigma viride. Journal of Phycology, 52(2), 219-229.
Lieber Bernd,
ganz großes Kino!
Vielen Dank für diesen wundervoll bebilderten und lehrreichen Beitrag.
Hallo Bernd,
da kann ich mich nur anschließen. Sehr schöne Doku mit Fundortfoto!
Lieber Bernd,
bewundernswerter Beitrag! Spitzenbilder kombiniert mit fachlicher Tiefe, danke dafür!
lG
Anne
Hallo Bernd,
Super!
Vielen Dank für's präsentieren.
LG Holger
Lieber Bernd,
was man in den Pfützen und Fahrspuren unseres Taunus so alles findet. Super Fund und klasse Bilder, wie auch die Beschreibung. Früher wäre so was ein perfekter Beitrag im Mikrokosmos gewesen. Heute verschwindet das leider wieder in der Tiefe des Raumes im Forum. Ich bin gerade in Neu Delhi und habe schon viele kleine Gewässer gesehen, wo ich gerne eine Probe genommen hätte, nicht zuletzt heute im Teich des größten Sikh-Tempels, der sehr grünlich war. Aber leider ist mein Mikroskop Tausende Kilometer weit weg.
Grüße
Stephan
Hallo Bernd,
danke für diese hervorragende Dokumentation. Wie kann ich mir das Handling vorstellen? Pipettierst du die einzelnen Idividuen aus der gesammelten Menge?
Grüsse Arnold