Hallo,
Vogelnester sind ja ganz eigene, recht spezielle Lebensräume. Da ich ca. 20 Nistkästen betreue, die ich in jedem Winter von alten Nestern befreie, steht mir reichlich Material zur Verfügung, um mit verschiedenen Methoden die Untermieter der überwiegend von Blau- und Kohlmeisen bewohnten Nester "hervor zu kitzeln". So habe ich 4 Nester 24 h in 60%igen Alkohol eingeweicht und anschließend zerzupft, ausgequetscht un während eines Treffens der Sächsischen Mikroskopiker am vergangebeb Freitag durch einen Siebsatz gegeben. Das Ergebnis war nicht so besonders überzeugend, da viel zu viel Nistmaterial mit in den Proben war und die Tiere drin ebenso schwer zu finden waren wie in den unzerzupften Nestern.
Sehr viel bessere Ergebnisse lieferte ein Ausleseapparat nach TULLGREN (das ist ein veränderter BERLESE-Trichter, der statt mit warmen Wasser mit einer Glühlampe betrieben wird), den ich aus KG-Rohren und einem Glastrichter von 150mm Durchmesser gebaut habe.
Ausleseapparat.jpg
Lampe.JPG
Ausleseapparat nach TULLGREN.jpg
Aufbau Auslese-Apparat nach Tullgren
von oben nach unten:
• Zuleitung zur Lampe mit Schalter und Steckdosendimmer zur Regulierung der Leuchtstärke und Wärme
• KG-Rohrverschluss DN160 mit eingebauter Lampenfassung als lichtdichter oberer Abschluss
• Glühlampe 60W zur Erzeugung von Licht und Wärme
• KG-Rohr DN160 mit Muffe aber ohne Dichtgummi 30cm
• eingeklebtes Haarsieb aus dem Küchenbedarf am KG-Rohr angeklebt zum Schutz vor dem Entweichen von Insekten besonders von Vogelflöhen nach oben in Richtung Lampe
• KG-Rohr-Doppelmuffe DN160 mit nur einer Dichtung (unten) über Kabelbinder mit dem Dreibeinstativ verbunden hält die Konstruktion
• KG-Rohr-Reduzierschück 160/125, um auf den Durchmesser des Glastrichters zu reduzieren
• Sieb mit ca. 5mm Maschenweite, um das Nistmaterial zu halten
• Glastrichter Durchmesser 150 mm, 30Grad mit Ummantelung aus undurchsichtigem Metallklebeband, das im Innern des Trichters für Dunkelheit sorgt.
• Auffanggefäß mit AGE (10 Teile Ethanol 60%, 1Teil Glycerin, 1Teil Eisessig und etwas Detergens, damit die kleinen Tiere auch versinken) mit Lichtschutzhülle (HT-Rohr-Stück DN 40)
Dieses Fixiermittel ist leicht osmotisch, so dass die Arthropoden sich schön strecken und auch die Beine schön ausgefahren werden.
Und hier nun ein paar Fänge:
Eins Springschwanz:
Springschwanz.jpg
2 von mindestens 5 Milbenarten:
Milben-Vogelnest.JPG
dgl. für die Anaglyphenbrille:
Milben-Vogelnest-rot-cyan.JPG
Eine Floh-Larve (glaube ich zumindest - bin mir nicht 100%ig sicher):
Flohlarve-total.JPG
Flohlarve-Kopft.jpg
Und zu guter Letzt der Hinterleib eines Vogelflohmännchens mit Fokus auf die noch mit Luft gefüllten Tracheen:
Floh-Hinterleib m Tracheen.JPG
Das erste Nest war nur 4 Tage im Apparat, das zweite 10, aber es war auch sehr viel dicker, so dass die Wärme nicht gut bis nach unten vordringen konnte. Hier habe ich die letzten 3 Tgae den Deckel schräg aufgestellt und die Lampe an ihrer Leitung bis dicht über dem oberen Sieb baumeln lassen. So konnte die Luftfeuchtigkeit besser entweichen und das Nest stärker austrocknen, was den Druck auf die Bewohner erhöhte, nach unten auszuwandern. Das obere Sieb war dann ca. 65 Grad heiß, aber der Trichter hatte trotzdem nur 10 Grad (Lasertermometer).
Beste Grüße
Gerd
Hallo Gerd,
danke, dass du dieses Projekt mit uns teilst. Warmes Wasser beim Berlesetrichter? Wo wird das so beschrieben?
Wirst du die anfallenden Wirbellosen wierderum zu mikroskopischen Präparaten verarbeiten?
Gutes Gelingen!
Grüsse Arnold
Zitat von: Gerd Schmahl in März 10, 2026, 20:44:32 NACHMITTAGSAusleseapparat nach TULLGREN.jpg
sind in der beschriftung die beiden netzgrößen vertauscht?
ein 5mm sieb hinter einem 0,5mm sieb hat doch nichts mehr zu sieben?
Hallo Gerd,
Vielen Dank für das Zeigen dieses interessanten Projektes.
Ich habe da aber leider auch gleich Kopfkino...
...was wird da alles ausgesiebt, wenn man unser Nest (Matratze)
einmal durch deine Apparatur schickt...
:o
Hallo Chris,
in diesen Verfahren wird das Substrat nicht gesiebt. Die Siebe sind da, um das Substrat zurück zu halten.
Die Lebewesen werden mit Licht und Wärme aus dem Substrat getrieben.
Arnold
Hallo,
auf dem unteren Sieb 5mm liegt das Nest. Das obere Sieb 0,5mm dient lediglich dazu, die Vogelflöhe, die sich normalerweise auf die Wärmequelle zubewegen, auf dem Weg nach oben zu stoppen. In der Tat waren beim ersten Nest noch lebende Flöhe an diesem Sieb, als ich es heraus nahm, so dass ich die chemische Keule schwingen musste und hinterher den ganzen Apparat gründlich waschen.
Das mit dem Wasserbad ist auf der Wikipedia-Seite zu BERLESE (https://de.wikipedia.org/wiki/Antonio_Berlese)beschrieben. BERLESE beschrieb seinen Apparat 1905. Die Weiterentwicklung durch TULLGREN wurde 1918 veröffentlicht. Die Glühlampe feierte schließlich erst im WWI ihren Siegeszug.
LG Gerd
Lieber Gerd,
ich glaube, wir hatten schon mal über das Thema kommuniziert. Ich habe in meiner Diplomarbeit 1980/81 die Insekten (und andere Tierchen) in Nestern der Stadttaube untersucht und dabei damals auch mehrere große Berlese-Tullgren Apparate gebaut und eingesetzt. Mein Kommilitone hat parallel die Nester anderer Vögel untersucht, u. a. Meisen. Während ich sehr viel gefunden habe, hat er sehr wenig gefunden (Meisen sind deutlich sauberer) und war ganz enttäuscht. Ich habe über meine Arbeit damals eine kleine Publikation gemacht, die auf meiner Webseite mit Publikationen zu finden ist:
https://grenzwissen.org/wp-content/uploads/2024/08/Krall-S.-1981-Oekofaqunistische-Untersuchungen-der-Insekten-in-Nestern-der-Stadttaube.-Entom.-Mitt.-zool.-Mus.-Hamburg-7-111.pdf (https://grenzwissen.org/wp-content/uploads/2024/08/Krall-S.-1981-Oekofaqunistische-Untersuchungen-der-Insekten-in-Nestern-der-Stadttaube.-Entom.-Mitt.-zool.-Mus.-Hamburg-7-111.pdf)
Kürzlich hat mich das Thema in anderer Form wieder eingeholt. Die GRÜNEN in Kronberg hatten mich gebeten, einen öffentlichen Vortrag zum Thema, was im Boden alles lebt, zu halten, was ich gerne gemacht habe. Dazu habe ich mir nach 45 Jahren wieder einen Tullgren-Berlese Apparat gebaut, der in der Präsentation zu sehen ist. Ganz simpel, aber effizient: Ein Trichter aus dem Baumarkt, ein Küchensieb, oben eine Lampe und drunter ein Becherglas (das leicht rostige Gestell hatte ich noch aus Studienzeiten). Da der Vortrag erst kürzlich war und die Jahreszeit alles andere als geeignet für Bodenproben, war die Ausbeute überschaubar. Aber in der Präsentation ist zu sehen, was ich so gefunden habe. Ein paar wenige der Bilder der Mikroorganismen sind allderdings "geschummelt", weil sie nicht aus der Bodenprobe sind. Hier die Präsentation (das letzte Bild ist übrigens von der Kornrade 2025):
https://grenzwissen.org/wp-content/uploads/2026/03/Boden-Vortrag-bei-den-Gruenen.pdf
Viele Grüße
Stephan
P. S.: Meine Diplomarbeit hat mir damals unmittelbar den Weg ins Berufsleben geebnet, weil man einen "Experten" für Vorratsschädlinge in Afrika suchte, und in den Nestern viele waren (sie sind Kosmopoliten).
Hallo,
ZitatDas mit dem Wasserbad ist auf der Wikipedia-Seite zu BERLESE beschrieben. BERLESE beschrieb seinen Apparat 1905.
Soweit zurück...
Während vielen Jahren arbeitete ich mit dem Berlese-Trichter mit einem Aufbau wie ihn Stephan in seinem Vortrag zeigt.
Grüsse Arnold
Hallo,
heute bin ich endlich dazu gekommen, mir mal die Milben aus den Vogelnestern etwas gründlicher vorzuknöpfen.
Zunächst der Kopf einer Raubmilbe im HF:
KopfRaubmilbe.jpg
Besonders interessant fand ich eine Milbenart mit sehr langen haarigen Körperanhängen:
K1024_Milbe2-SPA10.JPG
Hier die Anhänge etwas größer im DIC:
K1024_Milbe2-SPA20-Hinterteil.JPG
Diese Milbenart habe ich weiter oben zwar schon gezeigt, aber nicht im DIC. Es ist die mit Abstand häufigste Art aus diesem Nest:
K1024_Milbe3-SPA20-DIC.JPG
dgl. für die Rot-Cyan-Brille:
K1024_Milbe3-SPA20-DIC-rot-cyan.JPG
...und für den Schielblick:
K1600_Milbe3-SPA20-DIC-R-L.JPG
Zu guter Letzt noch eine recht kleine Milbenart (oder ein Jugendstadium der zuvor gezeigten Art) im bunten DIC, aber leider ein paar Staking-Artefakten rund um die Beine:
K1024_Milbe4-SPA20-DIC-Rot.JPG
Viel Freude beim Betrachten wünscht
Gerd