Hallo,
in vielen älteren Schriften für (Hobby-)Mikroskopiker wird zur Sedierung schneller Protisten das Fischbetäubungsmittel MS222 empfohlen. Das ist ja seit Jahrzehnten nicht mehr erhältlich. Ich frage mich auch, ob eventuell über lange Zeit nur ein Autor vom anderen abgeschrieben hat und ob es überhaupt je praktisch Anwendung in der Mikroskopie fand oder ob es sich mehr um eine Information handelt, die der des angeblich hohen Eisengehaltes im Spinat entspricht? ;) Funktioniert das wirklich?
Ich habe nun eine kleine Menge MS222 gefunden und würde es gerne ausprobieren. Gibt es jemanden, der das einmal eingesetzt hat? Mich interessiert vor allem, welche Konzentration eine Lösung haben müsste.
Herzliche Grüße
Peter
Hallo Peter,
in der Literatur wird teilweise bei Fischen für das Sedieren 20-50mg/l und für die Anästhesie 50-100mg/l angegeben, andere Quellen geben 75-200mg/l als Startdosis und 50-150 mg/l für den Erhalt bei der Anästhesie an, es gibt aber artabhängige Unterschiede.
Erfahrungen habe ich aber nur mit Phenoxyethanol oder Eugenol bei Fischen.
Viele Grüße
Kay
Bei dem "Modern Koi Blog" habe ich vor Wochen ein YOUTUBE Video gesehen in dem es um deren Untersuchungen bei den Kois ging.
Die Tiereärzt hat dort mit MS 222 betäubt, dies hat sie explizit erwähnt.
Eine Dosierung hat sie leider für die Koi nicht verraten.
Daraus schließe ich aber, daß es das verschreibungspflichtige MS222 immer noch gibt
Leider kann ich den Beitrag nicht mehr finden.
Hallo Peter,
Persönliche Erfahrungen mit MS222 bei Protisten fehlen mir zwar auch (ich hab bisher immer, mangels Alternativen mit Methylcellulose oder Quittenschleim gearbeitet um bestimmte "Flitzer" ruhig zu stellen).
Es wäre aber wirklich sehr interessant und vor allem praktisch zu wissen, wie und ob Tricainmethansulfonat als reversible Betäubung bei Einzellern wirkt.
In meiner Literatur hab ich leider auch nichts zu dem Thema gefunden.
Aber zur Betäubung von Fischen und Amphibien gibt es, wie meine Vorredner schon geschrieben haben, einige Informationen.
Für Wirbeltiere werden je nach Art und "Narkosetiefe" Konzentrationen von 50-1000μg/mL in dem umgebenden Wasser angegeben.
Meistens liegen die Dosen im Bereich von 100-200μg/mL für eine zeitweise Betäubung.
Auf Zellebene, also dort wo der Wirkstoff dann letzten endlich an den Na-Kanälen im Gehirn wirkt, bleiben dann aber nur noch ein Bruchteil der Konzentration übrig.
Bei betäubten Fischen liegt die Konzentration des Wirkstoffs dies dann auf Zellebene nur noch bei 5-10μg/mL (siehe link).
Vielleicht hilft das als grober Anhaltspunkt für Versuche.
Das gilt natürlich nur, wenn man davon ausgehen kann, dass der Wirkmechanismus bei Einzellern vergleichbar ist, und nicht noch andere Faktoren eine größere Rolle spielen, wie z.b. Zellpermeabilität und die "Selbstreinigung" mittels der Vakuolen.
Von Lebendfarbstoffen weiß ich, dass es da erfahrungsgemäß auch große Unterschiede im Vergleich zwischen einzelnen Arten gibt, was den Stoffttransport angeht.
Lange Rede kurzer Sinn.
Falls du eigene Versuche anstellen möchtest, würde ich folgendermaßen vorgehen:
Ich würde eine Stammlösung mit 2mg/10ml ansetzen.
Zum Verdünnen empfiehlt sich gefiltertes Fundortwasser bzw Kulturmedium.
Wichtig ist es übrigens falls du den Reinstoff und keine gebrauchsfertige Narkoselösung vorliegen hast, das Ms222 mit Natriumhydrogencarbonat (NaHCO₃) im Verhältnis 1:2 zu puffern, da der reine Wirkstoff in Wasser eine saure Lösung bildet.
Ansonsten gehen dir die Einzeller beim mischen aufgrund des pH-Werts ein oder dir "fliegen die Trichocysten" um die Ohren.
Der pH und auch die osmotischen Verhältnisse sind auch der Grund warum du Fundortwasser nehmen solltest.
Gründlich mischen und ein Weile stehen lassen.
Für den Anfang 1Tropfen Stammlösung
mit 1Tropfen deiner "Versuchseinzeller" mischen.
Das entspricht dann in etwa der Lösung mit der Fische narkotisiert werden können (ca 100μg/mL).
Wenn deine Patienten dann nicht mehr wach werden war die Dosis wie vermutet zu hoch.
Dann im Verhältnis 1:10 (Tropfen abzählen reicht) verdünnen und das ganze wiederholen.
Die Verdünnungsreihe würde ich dann je nach Ergebnis variieren, bis eine Verlangsamung aber kein Stillstand deiner Versuchskaninchen mehr feststzustellen ist.
Als Modellorganismus würde ich Colpidium striatum, Paramecium caudatum, Stentor, oder Spirostomum empfehlen.
Sag Bescheid wenn du da was brauchst (Kulturen)
Rädertiere und Hydra wären auch interessant.
Gutes Gelingen
Holger
Link zu der Sedierung von Fischen (Seebarsch) mit MS222:
https://www.researchgate.net/publication/373383049_The_Use_of_Tricaine_Methanesulfonate_MS-222_in_Asian_Seabass_Lates_calcarifer_at_Different_Temperatures_Study_of_Optimal_Doses_Minimum_Effective_Concentration_Blood_Biochemistry_Immersion_Pharmacokine