Die unvollendeten und vergessenen Anfänge des mikroskopischen Phasen- und Interferenzkontrasts 1892!1892 erschien der erster Teil eines Artikels (1) in der Zeitschrift für Wissenschaftliche Mikroskopie von Karl Bratuscheck aus dem Hause Zeiss, der in der Literatur zwar vereinzelt erwähnt wird, aber vielen unbekannt ist. Sprachlich und terminologisch finde ich diesen Artikeln vorsichtig gesagt herausfordernd. Dieses und der Umstand, dass ein zweiter Teil nie erschienen ist, dürfte seine Teil dazu beigetragen zu haben, dass er weitgehend vergessen worden ist.
Das spannende ist, dass in diesem Artikel von 1892 (!) bereits ein Phasenkontrast- und auch ein Interferenzkontrast-Verfahren (als Vorläufer des DIK) beschrieben werden. Bemerkenswert und seltsam, dass diese Erkenntnisse und Entdeckungen offenkundig von Abbe /Zeiss aus dann erst einmal für Jahrzehnte nicht weiter verfolgt wurden.
Im Einzelnen wird u.a beschrieben:
* Ein
positives wie negatives eindimensionales (also nicht wie bei Zernike zweidimensionales, mit Ringblende)
Phasenkontrastverfahren mit Ruß-bzw Platin-belgten mittigen Streifen in der hintern Brennebene des Objektivs. Diese Methoden wurde von Zernike 40 Jahre später in den Vorversuchen zu seinem Phasenkontrast ebenfalls verwendet. Ruß in ringförmiger Form findet sich 50 Jahre später bei Wilskas Anoptralkontrast wieder.
* Ein
Interfernzverfahren mittels Verschiebung der Phasen der gegenüberliegenden Beugungsspektren in der hinteren Brennebe. Dies wurde hier durch Verschieben von zwei Glaskeilen erreicht. Dieses Verfahren wurde über 50 Jahre später sehr detailiert erforscht und sogar für Leitz patentiert, wurde aber m.W. nie in Serie produziert (4). Sehr wahrscheinlich da zeitgleich die ersten DIK-Verfahren entwickelt worden waren.
Der Artikel endet mit ,,Fortsetzung folgt", dies ist nie erfolgt!
Warum dies so ist und zum Vergessen der Beobachtungen beigetragen hat liegt auch in der Biografie von Karl Bratuscheck (*24.1.1865, +19.10.1913) begründet (3):
Karl Bratuscheck.jpg
Kaum war er zu Zeiss im Frühjahr 1892 gekommen, so musste er wohl bereits Ende 1893 wieder ausscheiden um ein kleines Familienunternehmen zu übernehmen. Ab 1907 bemühte sich Zeiss wieder um ihn, zu einer erneuten Zusammenarbeit ist es aber aufgrund einer schweren Erkrankung nicht mehr gekommen. Zu seiner kurzen Schaffenszeit bei Zeiss zählte nicht nur dieser vergessene Artikel, sondern auch Berechnungen zur Verbesserung von Objektiven, ein neues Wasserimmersions-Objektiv mit größerem Arbeitsabstand und Konstruktives zur Köhlerschen Beleuchtung.
Später vertrat Michel zudem die Ansicht, dass 1892 kein Bewusstsein für die Wichtigkeit der Darstellung von ungefärbten biologischen Phasenobjekten geherrscht hätte (2). Dies, wie die Bestrebung von Abbe seinen anderen Theorien zur Bildenststehung ersteinmal Anerkennung zu verschaffen, zusammen mit der Biografie Bratuschecks erklären dieses Vergessen.
Literatur:
1. Bratuscheck K (1892), Die Lichtstärke-Aenderungen nach verschiedenen Schwingungsrichtungen in Linsensystemen von grossem Oeffnungswinkel mit Beziehung zur mikroskopischen Abbildung. Zeitschrift für Wissenschaftliche Mikroskopie und für Mikroskopische Technik 9(2):145–160. (https://biodiversitylibrary.org/page/%204625575)
2. Haselmann (1957) 20 Jahre Phasenkontrast-Mikroskopie. Zeitschrift für Wissenschaftliche Mikroskopie und für Mikroskopische Technik 63, S 140ff
3. v. Rohr (1918) Erinnerungen an Ernst Abbe und den Optikerkreis um ihn. Die Naturwissenschaften 23, S 337ff
4. Wolter (1950, umgeschrieben Leitz Wetzlar 1951) Patent Schlierenverfahren DE000P0039552DAZ
Beste Grüße Stefan
... und wer sich übrigens an diverse DIC(K)e ;) Diskussionen um ein Kontrastverfahren mit "Balkenblende" und "Wurstfolie" erinnert fühlt, liegt nicht so verkehrt....