Liebe Kollegen,
ich möchte hier noch einmal den in einem anderen Thread (in dem ich nach einem Helfer für das benötigte 3D-Druck-Teil gesucht habe) erwähnten Umbau vom unvollständigen Wild M450 zum Fotomakroskop komplett vorstellen. Die dafür benötigten Informationen sind ziemlich im Internet verstreut und vielleicht ist das für den einen oder anderen von Interesse.
Vorab: auch wenn die Wild-Makroskope etwas aus der Mode gekommen sind, mag ich diese (leider auch gebraucht meistens teuren) Geräte sehr gerne und sie sind sehr flexibel nutzbar:
- man kann v.a. die gängigen Wild M420-Trinokulare sehr leicht mittels Ofenrohr-Adaptation mit einer digitalen Kamera speziell im APS-C oder M 4/3 Format verheiraten, der Bildausschnitt passt dann sehr gut zum Okularbild
- die Kombination von visueller Beobachtung und Fotografie ist sonst nicht so leicht verfügbar
- die Bildqualität ist selbst mit den "einfachen" Objektiven recht gut
- man kann über den Feinfokustrieb mit einem Wemacro Micromate oder einem entsprechenden Eigenbau ein automatisiertes Focus Stacking realisieren
- mit einem entsprechenden Adapter lassen wunderbar "Unendlich"-Auflichtobjektive a la Mitutoyo verwenden, die sitzen dann vor der f=200 mm Tubuslinse des Makroskops (mache Leute nutzen wohl auch Lupenobjektive, das ist dann aber eine sehr spezielle "stacked" Konfiguration, die sich von einer normalen Verwendung am Balgen unterscheidet)
Ich verteile diese Umbau-Story auf mehrere kürzere Posts, damit es nicht zu unübersichtlich wird.
Viele Grüße
- Björn
Los geht es: ich habe vor einiger Zeit in den Kleinanzeigen einen Wild M450 Makroskopkopf (also das "Epimakroskop" ohne Okulare und ohne Stativ, Bild 1) entdeckt und konnte ihn für wenig Geld erwerben, allerdings war der Zustand schlecht einzuschätzen. Zum Glück erwies sich der Zustand als wirklich gut, der äußere Dreck ließ sich mit einem geeigneten Lösemittel recht gut entfernen und innen war das Gerät trotz der relativ großen Öffnung am Lampenhaus erstaunlich wenig eingestaubt, ich habe hier nur den losen Staub ausgeblasen.
Das Wild M450 verfügt wie das M420 über ein Strahlteilerprisma, statt eines Fotoausgangs sitzt über dem Prisma aber ein Lampenhaus für eine Epi-Beleuchtung. Wenn man das Lampenhaus entfernt, sieht es aus wie im zweiten Bild. Über dem Prisma sitzt in einer Metallhalterung ein Polfilter, dieser lässt sich abschrauben. Ein weiterer Polfilter in Richtung "Okularprismen" ist fest verkittet, diesen habe ich erstmal an Ort und Stelle gelassen, um einen Rückbau prinzipiell möglich zu machen. Das Okularbild ist trotzdem gut.
Das Epizoom-Objektiv entspricht offenbar mehr oder weniger einem Makrozoom-Objektiv mit 2x-Vorsatzobjektiv und Lambda/4-Filter davor. Ich habe eine Quelle gefunden, in der behauptet wird, man könne die 2x-Linse abschrauben und hätte dann quasi ein Makrozoom. Das klappt bei meinem Exemplar so nicht, d. h. man kann zwar die Frontlinse abschrauben, die hält aber die dahinterliegenden Baugruppen an Ort und Stelle.
Ich habe aber in meinem Bestand noch ein Makrozoom-Objektiv für einen niedrigeren Vergrößerungsbereich.
Im nächsten Schritt habe ich mich um ein Ersatzstativ und die Okulare gekümmert. Das Bild unten zeigt schon den kompletten Ausbau, ich gehe hier aber erstmal auf diese Punkte ein.
Als Basis habe ich ein dickes Buchenbrett (Hackblock) aus dem Küchenbereich verwendet (ca. 30 x 20 x 4 cm, ebay), als Stativstange eine Linearwelle 25x400 mm mit M8-Innengewinde auf einer Seite (Dold Mechatronik), die mittels Senkkopfschraube von unten am Holzbrett verschraubt wurde.
Zur Sicherung des Mikroskopkopfs dient ein 25mm-Sicherungsring (aliexpress).
Als Okulare habe ich die gängigen chinesischen 10x/23 Brillenträgerokulare verwendet (Bild 2; ebay-Händler cnoptics). Die harmonieren aus meiner Sicht sehr gut mit dem Wild-Makroskop, das Bildfeld ist etwas größer als bei den originalen Wild 10x/21 Brillenträgerokularen, die Optik vom Makroskop gibt das aber her.
Auf die Ofenrohr-Adaptation gehe ich weiter unten ein.
Im nächsten Schritt ging es dann um die Erstellung des Trinokular-Teils mit justierbarer Ofenrohr-Adaptation. Zunächst galt es, eine entsprechende Adapterplatte zu erstellen, die anstelle des Lampenhauses auf den Unterteil des Makroskopkopfs geschraubt werden kann und ein M42-Tubusrohr oberhalb des Teilerprismas aufnehmen kann. Hierzu gibt es bereits einen anderen Thread, indem die Konstruktion dieser Adapterplatte diskutiert wurde.
Mangels eigener Fähigkeiten habe ich über die israelische Plattform fiverr.com einen indischen Freelancer gefunden, der für einen erschwinglichen Preis eine entsprechende Konstruktion erstellt hat; das Modell konnte ich dann bei einem hiesigen 3D-Druck-Dienstleister herstellen lassen.
Der obere Zylinder der Adapterplatte nimmt ein 50 mm langes M42-Tubusrohr (Wemacro) auf, das mit zwei M6-Schrauben im Zylinder fixiert werden kann (worauf man aber aufgrund der festen Passung im Grunde verzichten kann). Darauf sitzt ein chinesischer M42-Helicoid (36-90 mm, ebay, die etwas teurere Variante mit Messing-Innenleben) und darauf ein M42=>M 4/3 Adapter (Wemacro)
Über den Helicoid-Adapter lässt sich nun die Länge des Ofenrohrs feinjustieren. Unten habe ich eine Olympus OM-D E-M5 Mk. II adaptiert und die Einstellung der Parfokalität zum Okularbild war problemlos möglich.
Zu guter Letzt noch ein Blick auf die Objektivseite, einmal mit dem originalen Epizoom-Objektiv und dann mit einem adaptierten Mitu 10x-Objektiv. Hierfür wird ein Adapter von der Wild-Ringschwalbe auf M42 (Rafcamera) sowie von M42 auf M26 (Wemacro) verwendet.
Ich hoffe, diese kleine Umbaugeschichte ist für den einen oder anderen von Euch von Interesse!
Falls jemand mal an ein Wild M450 gerät oder eines ungenutzt herumsteht, kann ich natürlich gerne die STL-Datei für die Adapterplatte zur Verfügung stellen.
Viele Grüße
- Björn