Die behaarte Karde gehört zur Familie der Geißblattgewächse (Caprifoliaceae). Es handelt sich um eine zweijährige Pflanze, die als Hemikryptophyt wächst. Hinter diesem schönen Wort verbirgt sich eine Wuchsform mit einer Rosettenpflanze im ersten Jahr, im zweiten Jahr blüht sie dann und stirbt ab.
Das Verbreitungsgebiet umfasst Europa und Westasien. Meine Pflanze habe ich in Italien (Südtirol) gefunden.
Für den Beitrag habe ich Blattstiel und Blatt angeschaut.
Zunächst aber der Habitus:
Bild 1 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)
(https://up.picr.de/50894668hx.jpg)
Und hier der Blütenstand:
Bild 2 (Wikimedia Commons, Autor: Robert Flogaus-Faust)
(https://up.picr.de/50894667pv.jpg)
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dipsacus_pilosus_2_RF.jpg?uselang=de
Der Blattstiel ist schon bei makroskopischer Betrachtung hohl. Entsprechend stellt sich auch der Querschnitt dar. Alle Schnitte sind 30 µm dick und nach Etzold mit FCA gefärbt. Die Bilder sind in der Regel gestackt und in der Postproduction nach meinen Vorstellungen optimiert.
Hier der Überblick über den Blattstiel:
Bild 3
(https://up.picr.de/50894643co.jpg)
Wir sehen einen abgeplatteten Querschnitt mit ringförmig angeordneten Leitbündeln. Die beiden "Hörnchen" oder "Öhrchen" sind angedeutete Anlagen der Blattspreiten. Auf der linken der beiden sieht man endständig lignifiziertes Gewebe, darauf werde ich noch zurückkommen. Rechts unten fällt eine Ausbuchtung mit kollenchymartiger Zellverstärkung auf. Im oberen Teil des Präparates kann man erkennen, dass sich unter der Epidermis eine zweite, rötlich angefärbte Zellschicht befindet. Diese ebenfalls lignifizierende Hypodermis dient der Festigung des Blattstiels. Die lockeren Parenchymzellen ober- und unterhalb der Leitbündelzone haben sich nach innen hin aufgelöst, wodurch der Stiel hohl wird.
Diese Übersicht jetzt noch im polarisierten Licht:
Bild 4
(https://up.picr.de/50894644el.jpg)
Das Bild bestätigt den Eindruck einer äußeren "Verstärkungsschicht", die in der Polarisation noch eindrucksvoller erscheint als im Hellfeld. Die Leitbündel mit ihren festen Strukturen heben sich ähnlich ab vom lockeren (hier grünlich erscheinenden) Grundparenchym.
Hier nun eines der Leitbündel im Detail:
Bild 5
(https://up.picr.de/50894645ld.jpg)
Und hier in der Polarisation:
Bild 6
(https://up.picr.de/50894648ou.jpg)
Bereits in Bild 3 ist die Lignifizierung eines der "Hörnchen" aufgefallen. Dipsacus pilosus besitzt Stacheln, die aus einer Trichombasis hervorzugehen scheinen. Auch die Ansätze der Blattspreiten können solche stacheligen Auswüchse tragen. Hierzu einige Detailbilder:
Bild 7
(https://up.picr.de/50894650ns.jpg)
Bild 8 (Polarisation)
(https://up.picr.de/50894652yo.jpg)
Der Stachel ähnelt am Ende tatsächlich einer Kanüle.
Hier ein weiteres Beispiel:
Bild 9
(https://up.picr.de/50894654xr.jpg)
Eindrucksvoller, ähnlich einem Trichom entspringender Stachel.
Oberhalb des Stachels erkennt man eine Eigenschaft, die einem das Leben schwer machen kann. Dipsacus pilosus gehört zu den Pflanzen, bei denen sich die obersten beiden Zellschichten (Epi- und Hypodermis) sehr schnell ablösen. Was dafür verantwortlich ist, ist unbekannt. Ich bin immer noch am Experimentieren, welche Bedingungen beim Schneiden und Färben helfen, das zu minimieren.
Hier noch eine Detailaufnahme der beiden deutlich mit Lignin verstärkten äußersten Zellschichten:
Bild 10 (Polarisation)
(https://up.picr.de/50894642qg.jpg)
Jetzt zum Blatt. Auf eine Übersichtsaufnahme habe ich verzichtet, weil im Bereich des Blattes die Epi- und Hypodermis-Ablösungen am ausgeprägtesten waren. Das ist kein schöner Anblick und trägt nichts zum Verständnis bei, deshalb hier nur Detailaufnahmen.
Zunächst die Blattspreite:
Bild 11
(https://up.picr.de/50894638uu.jpg)
Wir sehen ein zweireihiges Palisadenparenchym und ein dichtes Schwammparenchym.
Auch die Blattspreiten besitzen "Trichom-Stacheln":
Bild 12 (DIC)
(https://up.picr.de/50894637hi.jpg)
Jetzt noch ein Überblick über die Blattspreiten im polarisierten Licht, einfach nur wegen der Ästhetik:
Bild 13
(https://up.picr.de/50894641rh.jpg)
Zum Abschluss noch zwei Bilder von Spaltöffnungen:
Bild 14 (DIC)
(https://up.picr.de/50894636bg.jpg)
Links unten dürfte noch eine Trichom-bzw-Stachel-Basis quer getroffen sein.
Bild 15
(https://up.picr.de/50894640eg.jpg)
Die Stomata werden von mehreren Epidermiszellen umgeben, die sich in Form und Größe nicht deutlich von den übrigen Epidermiszellen unterscheiden. Es ist kein charakteristisches ,,Drei‑Nebenzellen‑Muster" (anisocytisch) oder ,,zwei parallele Nebenzellen" (paracytisch) erkennbar. Daher handelt es sich um so genannte anomocytische Stomata. Wie man sieht, ist die Stomata-Dichte recht hoch. Dies begünstigt einen effektiven Gasaustausch.
Wie immer freue ich mich über Kommentare, Berichtigungen und Ergänzungen.
Hallo Peter,
fachlich kann ich nichts zu deinem auch für mich lehrreichen Beitrag sagen. Aber generell gefallen mir deine Mikrofotos diesmal sehr gut, vorallen den Kontrast finde ich angenehm. Besonders Bild 5 spricht mich sehr an.
Gruß von Siegfried
Hallo Siegfried,
besten Dank! Ich glaube, die Ästhetik von Aufnahmen, da treffen wir uns doch alle, egal ob Diatomisten, Tümpler, Botaniker, whatever.
Schöne Grüße
Peter
Lieber Peter,
die Bilder (Schnitte und Färbungen) gefallen mir ausgezeichnet.
Das kollaterale Leitbündel (Bild 05), Xylem und Phloem innerhalb der Leitbündel durch ein Kambium getrennt ist dir sehr gut gelungen.
Gruß
Hans-Jürgen
Lieber Peter,
Bild 14 ist mein Favorit, sehr schöne Darstellung der Stomata!
lg Daniel
Hallo Peter,
ein lehrreicher Beitrag, garniert mit Fotos, die an Schärfe und Brillanz nichts vermissen lassen.
Frage: Welches Stackingprogramm verwendest du?
Frage 2:Ich bin am sammeln von Proben aber mein AFE ist bald verbraucht, ist auch Ethanol (70%?) verwendbar?
Grüße aus der Steiermark
Hallo Peter,
Einfach nur toll!
Eine Augenweide.
In jeder Beziehung.
Besonders Bild 7 und 13.
(Wenig) botanische Grüße
Holger
Einen bewundernden Gruß, Peter, sende ich Dir zu diesem Beitrag!!
Die Beiträge von Hans-Jürgen und Dir ersetzen m.E. eine Botanik-Vorlesung!!
Ich kann mich nur den lobenden Worten meiner Vorgänger anschließen.
Mein Favorit ist Bild 2!
Ich staune immer wieder, was die Natur so alles hervorbringt. Da können wir "Inschenöre" (sic Kl. Henkel) noch viel lernen
Wie man früher sagte: "mit vorzüglicher Hochachtung"
Peter W
Meine Lieben!
Ganz herzlichen Dank für Eure wertschätzenden Kommentare. :)
@Hans-Jürgen: Solche ebenmäßigen Leitbündel habe wirklich eine besondere Ästhetik.
@Daniel: Ich bin ein absoluter Fan von Stomata. Deshalb freue ich mich mittlerweile immer, wenn die Präparation der Blätter mal eine Draufsicht ermöglicht.
@Manfred: Ich selbst benutze ausschließlich 70% Ethanol. Bin gespannt auf Deine Ernte! :)
@Holger: Unbotanische Grüße freuen mich natürlich besonders, danke Dir!
@Peter: An Dich ganz besonderen Dank, dass Du immer kommentierst. (Bild 2 ist allerdings nicht von mir, sondern von Wikimedia. Schön ist es aber allemal!)