Hallo zusammen,
auch in diesem Jahr fand wieder eine Exkursion der Berliner Mikroskopischen Gesellschaft zur Wildnisschule an der Teerofenbrücke im Nationalpark Unteres Odertal (NaPa UOT) statt. In diesem wunderschönen Naturparadies, das als Überschwemmungsgebiet der Oder bei Hochwassergefahr dient, gibt es eine Unzahl von kleinen Kanälen und Tümpeln, die sowohl seltenen Vogelarten als auch den Mikroorganismen entsprechende Lebensräume bieten.
Ihren Interessen entsprechend haben die Mikroskopierenden bestimmte Mikroorganismen, Habitate (z.B. Faulschlamm >> Bakterien) oder Sammelmethoden (z.B. Objektträger-Aufwuchs) im Fokus; bei mir sind es die Rädertiere, von denen ich einige hier vorstellen möchte.
Bei den planktischen Arten war dieses Mal Gastropus hyptopus häufig vertreten, eine Rädertierart, bei der der Fuß zum Bauch hin verschoben ist:
(https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/Gastropodidae/im/Gastropus-hyptopus_374-2c-800.jpg)
Mehr dazu hier:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Gastropus%20hyptopus.html
Bei der Gattung Polyarthra fallen meistens erst einmal die 12 großen Flossen auf,
die -zusammen mit den quergestreiften Muskeln- regelrechte ,,Sprünge" im Wasser ermöglichen. Für die Artbestimmung ist es aber unerlässlich, das Vorhandensein der Bauchflossen zu überprüfen, die hier im Bild (Schrägansicht auf die Bauchseite) rechts unten erkennbar sind.
(https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/Synchaetidae/im/Polyarthra-dolichoptera_616-3f-640.jpg)
Mehr dazu hier:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Polyarthra%20dolichoptera.html
Weil dieses Naturschutzgebiet an der Grenze zum Nachbarland Polen liegt, ist es von einigen Wegen bzw. ,,Straßen" aus Betonplatten durchzogen, auf denen wohl früher entsprechende Patroullienfahrzeuge die Grenze kontrollierten. Mittlerweile sind diese Platten mit Moos überwachsen, das insbesondere im Sommer austrocknet, tagsüber permanent der Sonne ausgesetzt ist und dadurch auch sehr heiß wird. Auch dort lassen sich anscheinend gut an diese Bedingungen angepasste (weil sonst noch nie gefundene) Rädertiere finden. Die Art Macrotrachela vesicularis
(https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/Bdelloid/Macrotrachela/img/Macrotrachela-vesicularis_531-6d-800.jpg)
hat genau wie die die sehr häufige Art M. quadricornifera
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Macrotrachela_quadricornifera.html
2 Höcker auf dem Fuß, unterscheidet sich aber von dieser durch den Kauer mit anderer Zahnformel.
Mehr dazu hier:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Macrotrachela_vesicularis.html
Weiter westlich des Nationalparks gibt es einige Torfmoosbestände mit einer besonderen Mikroflora und -fauna, die an das besondere Milieu angepasst ist .
Hierzu gehört die planktische Art Monommata maculata, die -wie die meisten Monommata-Arten- eigentlich nur anhand des Kauers zu bestimmen ist:
(https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/Notommatidae/image/Monommata%20maculata_891-2d-800.jpg)
Mehr dazu hier:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Monommata%20maculata.html
Martin Kreutz hatte in dieser Probe außerdem ein Rädertier gefunden, das eine besonders harte Nuss bei der Bestimmung war. Vom allgemeinen Körperbau her sehr unscheinbar und nicht zu identifizieren, stellt der winzige Kauer eine Besonderheit dar, die es bei keiner anderen Rädertiergruppe gibt:
(https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/Asciaporrectidae/img/Asciaporrecta-hyalina_2b4-400.jpg)
Im Gegensatz zu anderen Kauertypen, siehe hier:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/E-TL/e-morphology/src%20_morphology/M_02_trophi.html
wird dieser Kauer als ,,hemiforcipat" bezeichnet. Dieser Kauer hat -erst 2006- die Etablierung einer neuen Rädertierfamilie gerechtfertigt, die Asciaporrectidae, zu denen diese Art Asciaporrecta hyalina gehört.
Mehr dazu hier:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Asciaporrecta%20difflugicola.html
Beste Grüße
Michael Plewka
Hallo Michael,
Deine Beiträge sind immer fantastisch.
Speziell der Teil von Monommata war interessant da ich die auch immer wieder mal finde🙂
Liebe Grüße Daniel
Hallo Michael,
Mit welchem Eindeckmedium deckt ihr die freiliegenden Kauer ein?
Könnte Hoyers Lösung eine Option sein, um die Strukturen klarer zu erkennen?
Grüsse Arnold Büschlen
Hallo zusammen,
@Daniel: vielen Dank für deinen netten Kommentar!
@Arnold: der freiliegende Kauer wird nicht eingedeckt.
Ich hatte vor einiger Zeit mal die Kauer Präparation beschrieben, hier noch mal der Link dazu:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/E-TL/e-morphology/src%20_morphology/M_04_trophi-preparation.html
Man hat also am Ende der Präparation für das Lichtmikroskop den einzigen Kauer eines einzelnen Tiers in einer Natriumhypochlorit-Lösung vorliegen.
Das steht im Gegensatz zur Präparation der Sporen bei Kryptogamen oder Pilzen, wo einem typischerweise einige zig bis einige 100 Sporen zur Verfügung stehen, die zumeist kugelförmig oder ellipsoid sind, und bei denen man sich demzufolge immer diejenigen im Präparat heraussuchen kann, bei denen die relevanten Merkmale am besten in der Fokusebene liegen (so kenne ich es zumindest aus dem Studium). Demzufolge spielt es auch keine Rolle, wenn ein oder zwei Sporen bei der Präparation verloren gehen.
Wenn jedoch der Rädertier-Kauer weggespült wird (was in mehr als zwei Drittel aller Fälle passiert) , muss man erst einmal ein weiteres Tier in der Probe finden, was manchmal -so wie in diesem Fall- nicht gelingt.
Ob eine weitergehende Präparation (entfernen des Natrium Hypochlorit und Zusatz von Hoyers Lösung) mit dem entsprechenden Risiko des Verlusts des Kauers sinnvoll ist? Ich habe da angesichts des zu erwartenden Informationsgewinns meine Zweifel....
Man kann hier im Forum in sehr vielen Beiträgen die sportliche Ambition erkennen, möglichst viel Auflösung aus meist unbeweglichen Objekten wie Diatomeen-Schalen herausholen zu wollen. Ich halte dieses Ansinnen angesichts der Erfindung des SEM für wenig zielführend.
Bei den Rädertieren geht es heutzutage unter biologischen Kriterien nicht um das Erkennen von bisher unerkannten Strukturen innerhalb des Kauers. Das ist für die Mehrzahl der Arten bereits mit dem Rasterelektronenmikroskop passiert, so dass für den Lichtmikroskopiker lediglich die Aufgabe sinnvoll ist , Beobachtungen mit diesen SEM-Fotos abzugleichen.
Das Problem ist dabei weniger die Schärfe (d.h. Auflösung/ Kontrast), sondern vielmehr die räumliche Anordnung der Kauerteile und deren Darstellung im LM. Der Rädertier – Kauer hat in der Z-Achse -je nach Art- eine Ausdehnung von bis zu 50µm. Wenn du dir das zweite Bild auf der verlinkten Seite angeschaut hast: die jeweiligen Strukturen in beiden Bildern liegen übereinander und beeinflussen somit gegenseitig die Qualität der anderen Aufnahme. Beide Bilder sind übrigens Stacks aus ca 50 Aufnahmen.
Somit ich kann dich beruhigen: in diesem Fall zeigen diese lichtmikroskopischen Bilder die bestimmungsrelevanten Merkmale ziemlich eindeutig; beispielsweise ist erkennbar, dass es sich um je 3 Unci-Zähne handelt, wobei der jeweilige Abstand übriges ca. 400nm beträgt (siehe Maßstabsbalken!). Auch SEM-Aufnahmen des Kauers dieser Art zeigen nicht mehr Details.
Selbst im ,,Koste", dem von ernsthaft Mikroskopierenden in Europa sehr häufig verwendeten Bestimmungswerk für Rädertiere, ist diese Art (damals noch Pleurotrocha hyalina genannt), anhand der dort gezeigten ungenauen Zeichnung des Kauers nicht bestimmbar. Da braucht man schon entsprechende Spezialliteratur.
Beste Grüße
Michael Plewka
Hallo Michael,
Danke für den interessanten Beitrag und die kleine Einführung in die Kauerkunde ;)
LG
Gerhard
Hallo Michael,
danke für diese Erklärungen.
Grüsse Arnold