Heute habe ich ein echtes Schmankerl: Die Wildbirne gilt als Stammmutter aller gezüchteten Speisebirnen.
Durch einen Artikel in der Münchner "tz" bin ich darauf aufmerksam geworden, dass es im Münchner Umland Bestände dieser mittlerweile seltenen Baumsorte gibt:
https://www.tz.de/muenchen/stadt/die-wild-birne-waechst-auf-lbv-flaechen-in-der-stadt-94264606.html
Pyrus pyraster gilt zwar bundesweit nicht als gefährdete Art, aber sie kommt sehr lokal und nie in großer Anzahl vor. In Bayern sind nur wenige Standorte bekannt. Der Nachweis der Wildbirne in München ist deshalb eine kleine Sensation. Diese Art ist naturschutzfachlich bedeutsam, weil sie als ursprüngliche Wildform eine wertvolle genetische Ressource darstellt und zur biologischen Vielfalt unserer Kulturlandschaften beiträgt. Pyrus pyraster kommt in besonderer Weise mit Hitze und Trockenheit zurecht und zeigt von daher eine große Klimawandel-Resilienz.
Makroskopisch ist sie kaum zu unterscheiden von der Kultur-Birne (Pyrus communis). Eine genaue Bestimmung ist daher nur durch Gentests möglich. Da die Wildbirne auf vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) betreuten Flächen wächst, hat dieser die Bestimmung durch Gentypisierung abgesichert.
Dankenswerterweise konnte ich vom LBV eine Probe von diesen Bäumen erhalten.
Ich danke hier insbesondere dem Geschäftsführer der LBV-Kreisgruppe München (https://www.lbv-muenchen.de/), Herrn Dr. Sedlmeier, für seine Bereitschaft, Proben für die Mikroskopie freizugeben und allen voran Frau Isabel Rohde, die die Proben geerntet und in Ethanol bereitgestellt hat.
Das Projekt ,,Artenhilfsprogramme für München", innerhalb dessen die Wildbirnenbestände vom LBV betreut werden, wird vom Referat für Klima- und Umweltschutz der Landeshauptstadt München (https://stadt.muenchen.de/rathaus/verwaltung/referat-klima-umweltschutz.html) gefördert, bei dem ich mich in gleicher Weise bedanke!
Nun aber zur Botanik:
Die Wild-Birne (Pyrus pyraster) ist in der Regel ein mittelgroßer Baum oder großer Strauch mit oft etwas krummem Stamm und breit ausladender, unregelmäßiger Krone. Typisch sind die zahlreichen, teils kräftigen Dornen an Kurztrieben, die zumindest ein Hinweis auf das Vorliegen dieser Urform sein können - allerdings können Dornen auch bei Kulturbirnen vorkommen.
Die Blätter sind verhältnismäßig klein, eiförmig bis rundlich, kurz zugespitzt und sitzen an feinen, relativ langen Blattstielen; sie wirken insgesamt ,,zarter" als viele Kulturbirnenblätter. Im Frühjahr fällt die Wild-Birne durch einen dichten Besatz weißer Blüten auf, die vor den Blüten anderer Arten erscheinen und für Insekten eine wichtige Nektar- und Pollenquelle darstellen.
Hier der Habitus:
Bild 1 (Wikimedia Commons, Autor Chianti)
(https://up.picr.de/50971685ts.jpg)
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:ND_Birnbaum_DSC01778-HDR.jpg
Hier die Blüten (Originalbild von den Münchner Beständen):
Bild 2
(https://up.picr.de/50975650oe.jpeg)
©LBV München (Isabel Rohde)
Und meine Probe:
Bild 3
(https://up.picr.de/50975653wt.jpeg)
©LBV (Isabel Rohde)
Für den Beitrag habe ich mir Spross, Blattstiel und Blatt angeschaut. Geschnitten wurde mit dem Schlittenmikrotom, die Proben waren in Karotte eingebettet. Die Schnittdicke beträgt 30 µm, gefärbt habe ich nach Etzold mit FCA (Fuchsin, Chrysoidin und Astrablau). Lediglich eine Übersicht über den Sprossquerschnitt stelle ich ungefärbt ein. Die Aufnahmen entstanden an einem Leica DMLB mittels einer Sony a6400-Kamera. Die Bilder sind in der Regel gestackt. In der Postproduction wurden die Aufnahmen nach meinen Vorstellungen hinsichtlich Belichtung, Kontrast, Schärfe und Farbdarstellung optimiert.
Zunächst der Querschnitt des Sprosses
Bild 4 (ungefärbt)
(https://up.picr.de/50971669jk.jpg)
Bild 5
(https://up.picr.de/50971675pu.jpg)
Wir sehen außen den verholzten Bereich mit Rinde und Rindenparenchym. Eingebettet in dieses ein Ring aus Sklerenchymzellen. Weiter nach innen dann das Phloem mit dem (in der Übersicht kaum zu erkennenden) Kambium und dann die große Xylem-Zone mit den Tracheen. Innen liegt das Markparenchym mit großlumigen Zellen.
Vor den Detailbildern jetzt noch der Überblick über den Querschnitt im polarisierten Licht:
Bild 6 (Polarisation)
(https://up.picr.de/50971676zi.jpg)
Jetzt der Rindenbereich in der Nahaufnahme:
Bild 7
(https://up.picr.de/50971679pv.jpg)
Man erkennt, dass die äußere Schicht im Querschnitt nicht mehr als Epiderm, sondern als lignifiziertes Periderm vorliegt. Dies dient der Stabilität des Sprosses. In die darauf nach innen folgenden Parenchymzellen sind eindrucksvolle Sklerenchymnester eingebettet. Auch diese bringen zusätzliche Festigkeit. Darunter sehen wir die Zone des Phloems, die durch einen schmalen (hier dunkler gefärbten) Kambium-Bereich vom dann folgenden Xylem getrennt wird.
Auch hier wieder die Darstellung im polarisierten Licht:
Bild 8 (Polarisation)
(https://up.picr.de/50971678oc.jpg)
Jetzt eine Detailaufnahme des Markbereiches:
Bild 9
(https://up.picr.de/50971682vm.jpg)
Und noch etwas näher ran:
Bild 10
(https://up.picr.de/50971680mn.jpg)
Interessant ist die Differenzierung des Gewebes in der invertierten Aufnahme, in der manche zellulären Strukturen besser erkennbar sind:
Bild 11
(https://up.picr.de/50971670gb.jpg)
Jetzt zum Blattstiel. Zunächst wieder die Übersicht:
Bild 12
(https://up.picr.de/50971666cu.jpg)
Hier noch eine andere Ebene mit etwas intensiverer Färbung:
Bild 13
(https://up.picr.de/50971667df.jpg)
Zur Illustration habe ich die Zelltypen hier beschriftet:
Bild 14
(https://up.picr.de/50975793xz.jpg)
Legende: X=Xylem, K=Kambium, P=Phloem, S=Sklerenchym, pI=phenol-/tanninhaltige Idioblasten.
Die in den Idioblasten gespeicherten Phenole und Tannine dienen dem Fraßschutz (gegen Insekten wie auch Weidetiere), haben antibakterielle und fungizide (gegen Bakterien und Pilze gerichtete) Eigenschaften und können bei Verletzungen durch Oxidation das Gewebe abdichten und weiteren Verletzungen vorbeugen.
Auch hier wieder eine Darstellung im polarisierten Licht:
Bild 15 (Polarisation)
(https://up.picr.de/50971668bw.jpg)
Nun zum Blatt.
Zunächst habe ich das native Blatt im Durchlicht unter das Mikroskop gelegt, um zwei Faktoren darzustellen, die für Hitze- und Trockenheits-Regulation eine Rolle spielen:
Bild 16 (nativ)
(https://up.picr.de/50971646hf.jpg)
Pyrus pyraster hat zwar nicht viele, dafür aber lange Haare. Hier zwei Beispiele dieser langen Trichome im Durchlicht.
Bild 17
(https://up.picr.de/50971647wl.jpg)
Im Hintergrund der beiden Bilder sieht man bereits die zweite wichtige Ressource der Blätter im Hinblick auf Hitze und Trockenheit: Spaltöffnungen.
Bild 18
(https://up.picr.de/50971650ef.jpg)
Bild 19
(https://up.picr.de/50971648cy.jpg)
Bild 20
(https://up.picr.de/50971649jr.jpg)
Legende: S=Stomata (Spaltöffnungen)
Wie wir sehen, verfügt das Blatt der Wildbirne über eine hohe Anzahl an Spaltöffnungen, sie liegen nahezu ausschließlich an der Blattunterseite.
Bei Hitze kann die Pflanze Stomata öffnen; die Verdunstung kühlt das Blatt ähnlich wie Schwitzen beim Menschen und schützt so vor Überhitzung.
Bei Trockenheit steigt außerdem die Konzentration des ,,Welkehormons" Abscisinsäure (ABA); dieses Hormon löst Signalwege in den Schließzellen aus, die Poren schließen sich, das Wasser bleibt im Blatt.
Zusammengefasst steuern die Stomata, wie viel Wasser die Wildbirne für Kühlung und CO₂‑Aufnahme einsetzt – bei Hitze öffnen sie für Verdunstungskühlung, bei Trockenheit schließen sie sich, um Wasser zu sparen.
Nun aber die Querschnitte vom Blatt:
Bild 21
(https://up.picr.de/50971663yp.jpg)
Bild 22
(https://up.picr.de/50971660qo.jpg)
Und in der Polarisation:
Bild 23 (Polarisation)
(https://up.picr.de/50971664rm.jpg)
Im Detail der Bereich der Mittelrippe:
Bild 24
(https://up.picr.de/50971661qn.jpg)
Bild 25 (Polarisation)
(https://up.picr.de/50971662uv.jpg)
Der Aufbau der Blattspreiten ist klassisch. Wir sehen ein zwei-bis dreireihiges Palisadenparenchym (das für die Photosynthese zuständig ist) und ein lockeres Schwammparenchym, dem die Aufgabe des Gasaustausches zukommt:
Bild 26
(https://up.picr.de/50971658ia.jpg)
Bild 27
(https://up.picr.de/50971659mp.jpg)
Legende: P=Palisadenparenchym, S=Schwammparenchym
Ein weiterer Faktor beim Schutz vor Hitze und Trockenheit ist die dicke Cuticula, also die Wachsschicht, die die Epidermis nach außen schützt:
Bild 28 (DIC)
(https://up.picr.de/50971655rt.jpg)
Bild 29 (DIC)
(https://up.picr.de/50971656dd.jpg)
Legende: E=Epidermiszellen, C=Cuticula
Abschließend noch ein Querschnitt durch ein Stoma. Die Spaltöffnungen bei der Wildbirne liegen recht tief in die Epidermis eingesenkt. Unterhalb das Stomas findet sich ein substomatärer Hohlraum, der dem Gasaustausch zugutekommt:
Bild 30
(https://up.picr.de/50971653ke.jpg)
Bild 31
(https://up.picr.de/50971654dt.jpg)
Legende: SZ=Schließzellen des Stomas, ssH=substomatärer Hohlraum
Wie immer freue ich mich über Kommentare, Berichtigungen und Ergänzungen.
Lieber Peter,
Da bist du ja an was ganz Besonderes gelangt💪
Mein Favorit ist das Bild Nummer 15, fantastisch ☺️!
Vielen Dank und liebe Grüße,
Daniel
Hallo Peter,
da möchte ich mich Daniel unumwunden anschließen. Danke für diesen Beitrag. Mein Favorit ist das invertierte, die Nr. 11.
Hallo Peter,
Bei uns gibt es noch vereinzelt Streuobstwiesen mit knorrigen Obstbäumen, auch Birne.
Dein Beitrag ist Motivation genug,mich daran zu versuchen, somit bereichert er nicht nur die
Botanik Liste sondern auch mein weiteres Betätigungsfeld.
Schöne Grüße aus der Steiermark
Hallo Peter,
wunderbarer Beitrag über diesen interessanten Münchener Fund.
Mir hat es ja Bild 10 angetan ;)
Auch hier darf ein noch näherer Verwandter der Ur-Birne seit 70 Jahren immer wieder unsere Augen und die Insekten erfreuen, zuerst blühend, später mit kleinen braunen, sehr mehligen Früchten mit starkem Birnenaroma: eine nicht weiter bestimmte sog. "Kletzenbirne" (Dörrbirne) oder Mostbirne
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Beste Grüße Stefan
Lieber Peter,
,,Chapeau!"
Ich freue mich, das du deine Bilder mit Beschriftung zeigst.
Gruß nach München.
Hans - Jürgen
Hallo Stefan,
wahrscheinlich handelt es sich um die alte Sorte 'Gute Graue' frz. laut Wikipedia 'Beurre gris' Ein solcher Baum steht vor meinem "Mikroskopierzimmer" und fruchtet gerade. In der englischsprachigen Wikipedia ist im Artikel "Pyrus piraster" ein Apfel statt einer Birne abgebildet! Auweia!
Fruchtige Grüße von
Heinrich
Ihr Lieben!
Ich habe mich sehr über Eure Kommentare gefreut.
Grüße in alle Windrichtungen aus München
Peter