Hallo zusammen,
wie aus dem Beitrag hier vielleicht bereits hervorgeht,
https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=54203.0
haben in den letzten Jahren die Mitglieder der Berliner mikroskopischen Gesellschaft Berlin viele Biotope des Nationalparks unteres Odertal sehr intensiv beprobt und dabei auch eine Menge interessanter Mikroorganismen gefunden.
Umso erstaunlicher ist es nun, dass zumindest eine Rädertierart in diesem Gebiet offenbar ausschließlich in einem ziemlich ,,exotischen" Biotop zu finden ist:
(https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/Dicranophoridae/im/Encentrum-lutra_787-3c-800.jpg)
Es handelt es sich dabei um kleine Schlitze in den Betonplatten, in die Stahlhaken eingelassen sind und mit denen diese Platten transportiert und verlegt werden konnten. (siehe auch in dem oben verlinkten Beitrag).
Da es an manchen Tagen geregnet hatte, hatten sich diese Schlitze mit Wasser gefüllt und es konnten somit Proben herauspipettiert werden.
Bei dem dort gefundenen Rädertier handelt es sich um Encentrum lutra, mal wieder eine Art, die nur mit genauer Analyse des Kauers identifiziert werden kann.
Mehr dazu hier:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Encentrum%20lutra.html
Ich hatte an diesem Morgen nach dem Regen auf einer entsprechenden Strecke von circa 4 km 6 Proben aus diesen Schlitze an verschiedenen Stellen entnommen und in allen 6 Proben diese Tierart in großen Mengen gefunden. Diese ist in anderen benachbarten Tümpeln und Kanälen bisher noch nie gefunden worden. Vermutlich ist diese Art, obwohl ein monogonontes Rädertier, sehr gut an dieses häufig austrocknende und vermutlich auch durch Sonneneinstrahlung sehr heiß werdende Biotop angepasst.
Nachdem ich die Art endlich bestimmt hatte, fand ich dann auf meiner Website den Hinweis, dass ich diese Art vor 4 Jahren schon mal im unteren Odertal, ebenfalls in solchen Schlitzen (aber an einem anderen Weg) gefunden hatte. Bei dem damaligen Fund ließen sich Kauer von bdelloiden Rädertieren im Magen von E. lutra nachweisen. Möglicherweise ist somit das Vorkommen besonders angepasster bdelloider Rädertiere eine weitere Voraussetzung für das Vorkommen von E. lutra in diesem Biotop.
Als mögliche Nahrung kam in den sechs Proben die bdelloide Art Abrochtha intermedia infrage, die ebenfalls sehr gut an vorübergehende Hitze und Trockenheit im Wechsel mit zeitweiligem Regen angepasst ist.
(https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/Bdelloid/Abrochtha/img/Abrochtha-cf-intermedia781-7d-800.jpg)
Im Gegensatz zu E. lutra habe ich diese Art aber schon oft in verschiedenen Felspfützen in Deutschland und Frankreich, zuletzt sogar auch in einer Probe aus dem Atlasgebirge in Marokko
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Abrochtha%20sp_2.html
gefunden.
Mehr dazu hier:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Abrochtha%20intermedia.html
Beste Grüße
Michael Plewka
Hallo Michael,
ein äußerst interessanter Beitrag. Es zeigt, das es sich auszahlt in jedem erdenklichen Biotop mal eine Probe zu ziehen.
LG
Gerhard
Hallo Michael,
das erinnert mich irgendwie an meine Pflasterritzenflora ...
Spannende Sache!
Schöne Grüße
Peter
Hallo Michael,
Sehr spannend. Dein Beitrag hat mich animiert etwas über den anhydrobiotischen Zustand der Rädertiere zu lesen. Spanned für mich das das nur gewisse Arten können 🙂 vielen Dank für den Anstoß ☺️
Liebe Grüße Daniel
Hallo zusammen,
vielen Dank für eure Rückmeldungen!
@Gerhard:
da kann ich nur zustimmen, auch in Fließgewässern lassen sich beispielsweise sehr interessante Lebensformen finden.
@Peter:
Auch bei den in diesem Beitrag beschriebenen Ritzen findet eine Sukzession statt, was man auch sehr deutlich auf einem solchen Weg erkennen kann. Von solchen, in denen nur wenige mit bloßem Auge erkennbare Bioformen zu erkennen sind, über solche, in denen makroskopisch ein wenig Moos zu finden ist, bis zu solchen, die völlig mit Gräsern zugewachsen sind, ist alles dabei. Dabei sollte auch nicht vergessen werden, dass diese Flächen bei Hochwasser durchaus von der Oder überspült werden können.
@Daniel
Diejenigen Arten, die typischerweise Anabiose "können", sind die bdelloiden Rädertiere (z.B. die oben erwähnte Abrochtha; das Überleben von E. lutra funktioniert wahrscheinlich eher über Dauereier) Da wird es insofern besonders interessant, weil die Anabiose zum Zerbrechen der DNA führen kann, die dann bei der nächsten Wasseraufnahme wieder repariert wird. Dabei können Fremdgene (z. B. von Bakterien oder Pilzen) in die Rädertier- DNA eingebaut werden (Horizontaler Gentransfer, HGT). Bdelloide Rädertiere sind m.W. diejenige Tiergruppe mit dem größten Anteil von HGT.
Das
1.macht sie für genetische Forschung besonders interessant.
2. erklärt zumindest zum Teil die Evolution der Tiere trotz fehlender sexueller Vermehrung (Es gibt keine Männchen bei Bdelloiden)
Beste Grüße
Michael Plewka
Hallo Michael,
Danke für die weiteren Infos. Wieder etwas gelernt💪 Ich muss demnächst mal ein trockenes Moss Durchsichten was da an Eiern, Tönchen und anderen Ruhe- Formen zu finden ist,
Liebe Grüße Daniel