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Foren => Mikroskopie-Forum => Thema gestartet von: Jürgen Boschert in September 10, 2026, 00:06:44 VORMITTAG

Titel: PEG Stemi und Pol
Beitrag von: Jürgen Boschert in September 10, 2026, 00:06:44 VORMITTAG
Hallo zusammen,

habe wieder etwas mit PEG und Polarisation, dieses Mal aber am Stemi (SV8) experimentiert und war von den Seheindrücken ganz angetan. Kann jeden nur ermuntern, dies auch einmal zu versuchen.

Durchlicht, leicht schiefe Beleuchtung, gekreuzte Pol mit Kompensationsfiltern.
Titel: Aw: PEG Stemi und Pol
Beitrag von: rlu in September 10, 2026, 09:57:36 VORMITTAG
Hallo Jürgen,

ich habe das gleich erkannt! Das ist eindeutig ein Boschert, Spätwerk – ein bislang völlig unterschätzter Vertreter und Reformist des Orphischen Kubismus (https://de.wikipedia.org/wiki/Orphischer_Kubismus).

Man erkennt darin deutlich Einflüsse von Lyonel Feininger(1871–1956), František Kupka (1871–1957) und Robert Delaunay (1885–1941) und nicht zuletzt Wols, wobei Boschert diese Strömungen zu einer ganz eigenen, geradezu revolutionären Formensprache weiterentwickelt hat.

Besonders bemerkenswert ist die souveräne Auflösung der klassischen Komposition zugunsten einer freien, intuitiven Formgebung wie man es im Informel und bei Wols kennt. Ein Werk, das sich dem oberflächlichen Betrachter zunächst vielleicht verschließt – dem Kenner aber sofort seine ganze Tiefe offenbart.

Der Künstler hat mit diesem Stil vermutlich eine ganze Generation geprägt, ohne dass die Generation davon bisher Kenntnis genommen hätte.

Was den Wert betrifft, kann derzeit leider nur spekuliert werden, da noch kein Werk den Weg in die großen Ausstellungsräume dieser Welt gefunden hat. Experten gehen allerdings davon aus, dass nach der unvermeidlichen kunsthistorischen Wiederentdeckung des Boschert durchaus die typischen Summen abgerufen werden könnten, die man von vergleichbaren Meistern kennt.

Kurz gesagt: unbezahlbar – zumindest solange noch niemand einen Preis darauf geschrieben hat.


Die Bilder zuvor waren leider nicht von diesen Künstlern, die KI hat mir halt gezeigt was ich sehen will...
Jetzt korrigiert.


Die Vorschule:

Lyonel Feininger (1871–1956). Feininger erfand einen ganz eigenen Stil, den man als Prismen- oder Kristall-Kubismus (https://www.kunstsammlungen-chemnitz.de/ausstellungen/lyonel-feininger-2/) bezeichnen kann.
Feininger_Gelmeroda_2.jpg
Gelmeroda
Eine stark kubistisch-abstrakte Darstellung der Dorfkirche von Gelmeroda bei Weimar aus dem Jahr 1936, die Feininger über Jahrzehnte hinweg in zahlreichen Variationen malte.


František Kupka (https://de.wikipedia.org/wiki/Franti%C5%A1ek_Kupka) (1871–1957) – Die vertikalen und kristallinen Phasen. Der Stil: Als einer der Pioniere der abstrakten Kunst war Kupka tief fasziniert von Optik, Lichtbrechung und Naturwissenschaften.
Linkes Bild, Discs of Newton, Study for Fugue in Two Colors, bezieht sich auf den englischen Physiker Sir Isaac Newton des 17. Jahrhunderts, der entdeckte, dass das Sonnenlicht aus den sieben Farben des Spektrums besteht: Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo und Violett. Kupkas strahlende Komposition umfasst kreisförmige Bänder mit schwingender Farbe, einschließlich des gesamten Spektrums sowie Weiß. Quelle (https://customprints.philamuseum.org/detail/461515/kupka-disks-of-newton-study-for-fugue-in-two-colors-1912).


kupka-disks-of-newton-study-for-fugue-in-two-colors-1912.jpgKukpa_yellow_vertiacal_2.jpg

Das Kunstwerk(rechts) ist das Gemälde ,,Ordonnance sur verticales en jaune" (auch bekannt als Gelbe vertikale oder Komposition in vertikalen Linien) von dem tschechischen Maler František Kupka aus dem Jahr 1913.
Zitat aus wiki:
"Neben seinem Hang zum Okkulten war Kupka aber auch an Naturwissenschaften interessiert: Als er das erste Mal – an der Sorbonne – durch ein Mikroskop blickte, erlebte er eine Offenbarung. Er entdeckte Dimensionen und Möglichkeiten einer 'anderen Natur'."


Robert Delaunay (1885–1941) – Der Orphismus. Delaunay und seine Frau Sonia entwickelten den Orphismus, eine Kunstrichtung, die reine Farbflächen rein nach den Gesetzen der Lichtbrechung anordnete.
Delaunay_02.jpg
Das Bild zeigt das Gemälde ,,Elektrische Prismen" (Prismes électriques) von der Künstlerin Sonia Delaunay aus dem Jahr 1914.


Wols (* 27. Mai 1913 in Berlin; † 1. September 1951 in Paris), eigentlich Alfred Otto Wolfgang Schulze – den Künstlernamen bildete er aus den Initialen Wolfgang Schulze –, war ein deutsch-französischer Fotograf, Maler und Grafiker. Er gilt als wichtiger Wegbereiter des Tachismus und Ahnherr des Informel.

Im Tachismus versucht der Künstler, spontane Empfindungen und das Unbewusste unter Vermeidung jeder rationalen Kontrolle durch Auftrag von Farbflecken auf eine Leinwand darzustellen. In den USA entstand etwa zeitlich parallel im abstrakten Expressionismus mit dem Action Painting eine eng verwandte Malmethode, oft werden beide Bezeichnungen auch synonym verwendet.
Die Bezeichnung Informel wurde später in Deutschland für eine eher weiche, sozusagen lyrische und gefällige Variante des Tachismus verwendet, wie sie die Arbeiten der Gruppe 53 oder das Werk von Hann Trier kennzeichnet.

Wols_Zeichnung.jpg
Zeichnung, Wols, 1913, Quelle (https://www.artsper.com/de/zeitgenossische-kunstler/deutschland/2794/otto-wols)

Selbstporträts von Wols
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https://de.wikipedia.org/wiki/Wols
was es für Lebensläufe gibt...



Die Unterschiede zu den vorher genannten Künstlern:
Der Kontrast:

Feininger ordnete das Chaos der Welt in messerscharfe, kristalline, mathematisch wirkende Strukturen.
Wols' Antwort: Wols zertrümmerte jede geometrische Ordnung. Statt klarer Kristalle findet man bei Wols organische, zersplitterte ,,Kratzwunden" in der Leinwand. Wenn bei Wols Linien wie Splitter oder netzartige Kristalle wirken, dann nicht als architektonische Harmonie wie bei Feininger, sondern als Ausdruck von psychischem Urchaos, Angst und existenzieller Zerstörung.


Die Parallele in der Mikrowelt: Kupka war von Naturwissenschaften, Röntgenstrahlen und Kosmologie fasziniert und goss diese in vertikale, reine Strukturen. Wols teilte diese Faszination für das Naturwissenschaftliche, blickte aber in die entgegengesetzte Richtung: Seine Kunst erinnert an Mikrobiologie, Bakterienkulturen, Amöben oder zelluläre Strukturen unter dem Mikroskop.
Der Unterschied: Während Kupka das Universum kosmisch-konstruktiv ordnete, zeigt Wols das Organische in einem Zustand des permanenten Zerfalls und der unkontrollierten Metamorphose.


Vom Licht zur Dunkelheit:
Delaunays Orphismus feierte das Licht, die Sonne und die dynamische, reine Farbreraktion (Simultanismus).
Wols' Abkehr: Wols' Arbeiten (wie sein berühmtes Spätwerk Le fantôme bleu) entstehen nicht aus der Feier des Lichts, sondern oft aus dem Dunklen. Seine Farben brechen sich nicht nach optischen Prismengesetzen, sondern er lässt sie unkontrolliert tropfen, rinnen und verschmieren (Tachismus). Wo Delaunay strahlende Farbkreise setzt, setzt Wols visuelle "Flecken".


Wols verhält sich zu Feininger, Kupka und Delaunay wie die Nachkriegs-Moderne zur Vorkriegs-Avantgarde. Die drei älteren Künstler glaubten noch an eine tiefere, oft spirituelle oder wissenschaftliche Ordnung hinter der sichtbaren Welt, die man mit Geometrie und Licht einfangen kann. Wols hingegen erlebte die totale Zerstörung des Zweiten Weltkriegs, Internierungslager und Armut. Seine Kunst spiegelt den Kollaps dieser alten Systeme wider – er ersetzte die optische Lichtbrechung durch die radikale, emotionale Geste.





Was ich sagen wollte, gefällt mir.

Liebe Grüße
Rudolf


Habe das gerade noch gefunden; es gibt so unglaublich viele Gemeinsamkeiten zwischen Mikro-Bildern und der Kunst.

https://www.lempertz.com/de/kataloge/kuenstlerverzeichnis/detail/wols.html
Wols (Alfred Otto Wolfgang Schulze)

Wols (Alfred Otto Wolfgang Schulze) .jpg


Disclaimer: Dieser Beitrag hat zu Beginn eine "leichte" humorvolle Seite, drückte aber auch die Hochachtung für das tolle Bild vom Jürgen aus. Und dabei stolpert man von dem einen ins andere und kommt so zu neuen Erkenntnissen. Interessant.

Titel: Aw: PEG Stemi und Pol
Beitrag von: Jürgen Boschert in September 10, 2026, 12:04:40 NACHMITTAGS
Danke Rudolf!
Titel: Aw: PEG Stemi und Pol
Beitrag von: Daniel Scheibenstock in September 10, 2026, 12:22:03 NACHMITTAGS
Hallo Jürgen,

Das schaut großartig aus 🤩

Liebe Grüße Daniel
Titel: Aw: PEG Stemi und Pol
Beitrag von: Jürgen Boschert in September 10, 2026, 12:46:57 NACHMITTAGS
Auch Dir ein herzliches Dankeschön, Daniel!
Titel: Aw: PEG Stemi und Pol
Beitrag von: witweb in September 10, 2026, 15:55:37 NACHMITTAGS
Hallo Jürgen,

klasse Bild!
Ist das ein Schmelzpräparat?

Viele Grüße

Michael
Titel: Aw: PEG Stemi und Pol
Beitrag von: Jürgen Boschert in September 10, 2026, 16:12:08 NACHMITTAGS
Hallo Michael,

ja, das ist ein Schmelzpräparat. Benutzt wurde der Cafetassen-Wärmer eingestellt auf ca. 65°C. Auf einen Objektträger etwas PEG-Pulver geben, darauf ein rundes Deckglas und auf die Wärmeplatte legen. Wenn das PEG vollkommen geschmolzen ist und sich bis zum Deckglasrand verteilt hat, wird das ganze Ensemble vom Herd genommen und nach Auskühlen mit einem Lackring versehen. Das Ganze ist dann sehr stabil und kann auch für "normale" Mikroskope verwendet werden. Sieht als Präparat dann so aus:
Titel: Aw: PEG Stemi und Pol
Beitrag von: witweb in September 10, 2026, 19:46:02 NACHMITTAGS
Alles klar, Jürgen,

ich hatte ja auch schon mal mit PEG experimentiert, bin aber irgendwie wieder davon abgekommen. Dabei habe ich noch eine ganze Tüte.  ;D 
Dein Bild hat mich jetzt wieder getriggert.

Viele Grüße

Michael