Hier ein kurzer Überblick über eine häufig anzutreffende Pflanze. Mikroanatomische Besonderheiten zeigt sie nicht, aber gemäß meiner diesbezüglichen Einstellung ("Eine langweilige Pflanze gibt es nicht") hat auch sie verdient, hier präsentiert zu werden. Mein Bericht ergänzt Hans-Jürgens Vorstellung der Pflanze von 2022:
https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=44507.0
Die Goldnessel gehört zu den Lippenblütlern (Lamiaceae). Meine Pflanze ist die Silberblatt-Form mit dem breiten, silberweißen Streifen auf den Blättern, die in vielen Gärten steht. Gesammelt habe ich sie Anfang April in Bozen.
Hier mein Habitus-Bild:
Bild 1
(https://up.picr.de/51413848hj.jpg)
Geschnitten habe ich Spross, Blattstiel und Blatt, jeweils mit 30 µm. Gefärbt wurde mit FCA nach Etzold.
Zuerst zum Spross:
Bild 2 (FCA)
(https://up.picr.de/51413842yj.jpg)
Der Stängel ist vierkantig, wie bei Lippenblütlern üblich. Außen liegt eine einzelne Lage kleiner Epidermiszellen. Auf ihr sitzen vor allem an den Kanten einreihige Deckhaare.
In den vier Ecken liegt je ein dichtes Polster aus kleinen, dicht gepackten Zellen, das Kantenkollenchym. Es ist viele Zelllagen dick und färbt sich violett. An den Seiten zwischen den Kanten ist die Rinde dagegen schmal und besteht aus wenigen Lagen rundlicher Zellen.
Innen vor jedem Kollenchympolster liegt ein Leitbündel. Das Xylem zeigt nach innen und ist rot, die Gefäße stehen in radialen Reihen. Außen um das Phloem läuft ein violetter Bogen kleiner Sklerenchym-Zellen.
Zwischen den vier Bündeln schließt ein schmaler Ring kleiner, gelblich-grüner Zellen den Kreis. Vermutlich ist das das Kambium mit seinen jüngsten Zellen. Ich vermute, dass hier später im Jahr ein Ring aus Festigungsgewebe entsteht. So ist es zumindest in der Literatur beschrieben (Brogmus 2024).
Den größten Teil des Querschnitts nimmt das Mark ein. Seine dünnwandigen Zellen werden zur Mitte hin immer größer. Genau in der Mitte zieht sich ein Streifen zusammengedrückter Zellen durch. Eine Markhöhle hat dieser junge Stängel vom April noch nicht. Hans-Jürgens älterer Spross im oben verlinkten Beitrag zeigt bereits eine deutliche Markhöhle.
Der Schnitt noch im polarisierten Licht:
Bild 3 (FCA, Polarisation)
(https://up.picr.de/51413837hh.jpg)
Jetzt eines der Leitbündel im Detail:
Bild 4 (FCA)
(https://up.picr.de/51413840wn.jpg)
Bild 5 (Polarisation)
(https://up.picr.de/51413838js.jpg)
Innen das Xylem mit den Gefäßen in radialen Reihen, außen ein violetter Sklerenchym-Bogen um das Phloem.
Bild 6 (FCA, DIC)
(https://up.picr.de/51413839es.jpg)
Die Deckhaare sind einreihig und mehrzellig und sitzen auf einem kleinen Sockel aus vorgewölbten Epidermiszellen. Die Wand ist fein gepunktet, vermutlich kleine Papillen.
Bild 7 (FCA)
(https://up.picr.de/51413841uf.jpg)
Daneben Drüsenhaare mit kurzem Stiel und einem Köpfchen, im Schnitt zwei Zellen. Die dünne Haut darüber ist vermutlich die Cuticula, die das Sekret abgehoben hat.
Jetzt zum Blattstiel und Blatt:
Bild 8 (FCA)
(https://up.picr.de/51413845ml.jpg)
Der Blattstiel ist ein offenes U. Im Boden liegen zwei getrennte Medianbündel, in jedem Flügel noch ein kleines Bündel.
Bild 9 (FCA)
(https://up.picr.de/51413843kx.jpg)
Bild 10 (FCA, Polarisation)
(https://up.picr.de/51413852bu.jpg)
Das Blatt nahe dem Blattgrund, mit einem großen, sichelförmigen Bündel in der Mittelrippe und dünner Spreite. In diesem Schnitt kurz nach dem Ende des Blattstiels ist noch kein Palisadenparenchym zu sehen.
Wie immer freue ich mich über Kommentare, Berichtigungen und Ergänzungen.
Literatur:
Atalay Z (2016) Anatomy, palynology and floral diversity of the genus Lamium L. (Lamiaceae) in Turkey. Dissertation, Middle East Technical University, Ankara. hdl 11511/25477
Brogmus H (2024) Lippenblütler ins Licht gerückt. Die Silberblatt-Goldnessel (Galeobdolon argentatum). Mikroskopie 11(1): 33–42. https://doi.org/10.5414/MKX00352
Metcalfe CR, Chalk L (1950) Anatomy of the Dicotyledons, Bd. II, Labiatae, S. 1042–1052. Clarendon Press, Oxford.
Lieber Peter,
Schnitte, Färbung und Aufnahmen in Perfektion, absolut toll!
Lieber Jürgen,
herzlichen Dank für diesen Kommentar und für Deine regelmäßigen Besuche bei den Botanik-Beiträgen.
Ich freue mich immer sehr darüber!
Beste Grüße
Peter