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Bibliothek => Aufnahmen => Gesteine & Kristalle => Thema gestartet von: Holger Adelmann am Februar 25, 2012, 17:40:14 Nachmittag

Titel: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: Holger Adelmann am Februar 25, 2012, 17:40:14 Nachmittag
Liebe Kollegen, insbesonders natürlich die Botanikfraktion :)

heute berichte ich über eine einmalige Fossil-Lagerstätte bei der Ortschaft Rhynie in der schottischen Grafschaft Aberdeenshire.
Dort haben im Unterdevon vor ca. 400 Millionen Jahren kieselige Wässer von nahen heissen Quellen die frühen Landpflanzen in einer Weise konserviert, wie es wohl heute nur mit Fixierflüssigkeiten möglich ist.
Selbst so delikate Strukturen wie die Antheridien und Archegonien sind mitunter erhalten, ebenso wie die Zellkerne mancher pflanzlicher Gewebe.

Im Gegensatz zu den sonst üblichen versteinerten Landpflanzen die sich weitgehend als plattgedrückte, zerrissene Pflanzenhäcksel in devonischen Sedimenten erhalten haben,
sind hier ganze 3-Dimensionale Pflanzenpackungen wie in Harz eingegossen. Dadurch wurde die räumliche Struktur exzellent konserviert.

Das kieselige Gel muss recht rasch ausgehärtet sein, sonst wären die hervorragenden Konservierungen nicht zu erklären. Das Endprodukt des Versteinerungsprozesses
ist ein feuersteinartiger, grauer und sehr harter Hornstein - der Rhynie Chert (Chert = engl. für Hornstein)

Ich möchte die hervorragenden Web Ressourcen hier nicht kopieren, sondern einige Links hier angeben, die sehr spannend zu lesen sind:
http://www.abdn.ac.uk/rhynie/
http://www.uni-muenster.de/GeoPalaeontologie/Palaeo/Palbot/erhynie.html

Der Fundort ist heute lange erloschen und von ausgedehnten Wiesen bedeckt. In den 90er Jahren unternahm man noch ein paar Bohrungen, um an etwas Gestein zu kommen
und um die Dicke und Ausdehnung der Lagerstätte einigermassen abzuschätzen. Heute wird man dort also nichts mehr finden,
allerdings sind aus der Zeit vom Anfang des 20. Jahrhunderts immer mal wieder kleine Stücke aufgetaucht. Diese werden bei Börsen recht hoch gehandelt.

Mit grossem Glück gelang es mir, zwei kleine Handstücke zu bekommen, die ich bei Krantz in Bonn komplett aufarbeiten und zu Dünnschliffen verarbeiten liess.

Hier ein paar Fotos von Dünnschliffen durch den Rhynie Chert, die den sehr guten Erhaltungszustand dieser urtümlichen blütenlosen Pflanzen dokumentieren.
Die Architektur der typischerweise quergetroffenen Sprosse ist meist sehr primitiv, mit 2-3 Zell-Lagen eines recht gleichförmigen Mantels.
Oft fand sich darin ein exzentrisch gelegenes Leitbündel. Andere Strukturen stellen sicher Sporangien und Sporen dar.

Ich muss das Fotografierte noch anhand der Literatur bestimmen, denke aber dass ich zumindest Aglaopython sp. und Rhynia gwynne-vaughanii gefunden habe.

Viel Spass beim Anschauen und lesen der exzellenten Dokumentation im Web.

Alle Aufnahmen mit dem Leitz Orthoplan im Hellfeld, Plan Apos, Moticam 2300

Holger

Folgende zwei Bilder zeigen einen Querschnitt durch einen Spross, ich vermute Aglaophyton. Das asymmetrisch liegende Leitbündel ist im ersten Bild markiert.
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86478_64481732.jpg)

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86478_26505354.jpg)

Folgende zwei Bilder zeigen einen ähnlichen Befund (das zweite Bild zeigt das Leitbündel im Detail).
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86478_12977708.jpg)

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86478_62324004.jpg)

Folgendes Bild zeigt wiederum ein exzentrisch liegendes Leitbündel in einem Spross. Das Bild danach ein Detail der benachbarten Sprosswandung.
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86478_5147346.jpg)

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86478_9714624.jpg)

Folgendes Bild zeigt wiederum ein exzentrisch liegendes Leitbündel in einem Spross.
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86478_62755295.jpg)

Die folgenden zwei Bilder zeigen Leitbündel in stärkerer Vergrösserung
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86478_22830279.jpg)

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86478_63626234.jpg)

Die folgenden drei Bilder zeigen Längsschnitte
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86478_58538785.jpg)

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86478_51279948.jpg)

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86478_22103092.jpg)

Das folgende Bild zeigt ein Detail aus einer Spross-Wandung, eine Druse?
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86478_33811580.jpg)

Die nächsten Bilder (Übersicht und Detail) könnten einen Spross von Rhynia darstellen, oder ein Schnitt an der Basis eines Sporangiums
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86478_44097515.jpg)

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86478_63167667.jpg)

Ditto
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86478_39737516.jpg)

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86478_18625432.jpg)

Die folgenden drei Bilder zeigen ein Sporangium (Bild 1) bzw. einzelne Sporen (Bild 2 und 3, Bild 3 gestackt).
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86478_25445215.jpg)

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86478_36620883.jpg)

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86478_25061229.jpg)

Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: Rolf-Dieter Müller am Februar 25, 2012, 18:45:17 Nachmittag
Lieber Holger,

letztes Wochenende habe ich Querschnitte eines rezenten lebendfrischen Mooses unfixiert und ungefärbt in Euparal eingeschlossen und heute Nachmittag die Präparate durchgemustert.

Ich war richtig überrascht die Zentralzylinder meines für die Ewigkeit präparierten Mooses vom Anschein her in in Deinen Leitbündeln wiederzusehen.

Dein Beitrag ist wahrlich spannend. Nach dem ich ihn jetzt schon zum dritten Mal gelesen habe, musste ich Dir nun antworten.

Viele Mikrogrüße
Rolf-Dieter
Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: Fahrenheit am Februar 25, 2012, 22:35:17 Nachmittag
Lieber Holger,

fantastisch, wie gut das Pflanzenmaterial erhalten ist! Ein perfektes Fenster in die Vergangenheit.

Vielen Dank für den schönen und lehrreichen Beitrag.

Herzliche Grüße
Jörg
Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: Ronald Schulte am Februar 25, 2012, 22:37:41 Nachmittag
Holger,

Sehr beeindruckend, hier kommt deine Moticam auch völlig zum Recht.

Grüße Ronald
Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: Holger Adelmann am Februar 26, 2012, 00:57:57 Vormittag
Danke für die Kommentare, Freunde.

@ Rolf-Dieter: Es verwundert ja nicht, dass das Leitbündel Deines Mooses den hier gezeigten ähnelt, Moose sind ja auch rel. primitive Pflanzen und auch phylogenetisch schon recht alt

@ Jörg: Ja der Grad der Detailerhaltung ist wirklich erstaunlich, und dabei sind diese Fossilien nochmals knapp 100 Millionen Jahre älter als die von mir schon gezeigten Pflanzen aus aus der Steinkohle (Oberkarbon)

@ Ronald: Ja, ich bin mit der Moticam 2300 wirklich zufrieden, sie meistert fast alle meine Aufgabenstellungen. Jetzt da ich auch die EOS 5D adaptiert habe werde ich bald mal Vergleiche ziehen ...

Noch ein Nachschlag:

Wie in der Literatur öfters zu lesen sind die Sporen ursprünglich als Tetraden (also als Vierergruppe) angeordnet, auch so etwas konnte ich in meinen Proben sehen:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86511_53311003.jpg)

Ausserdem bestand die Lebensgemeinschaft damals aus vielen anderen Lebewesen, Pilze z.B., deren zarte Hyphen auch hervorragend erhalten sind:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86511_38267478.jpg)

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86511_25462761.jpg)

Andere Strukturen wie z.B. die beiden folgenden kann ich hingegen noch nicht zuordnen.
Diese "Fächer" finden sich recht häufig:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86511_37340251.jpg)

Diese Struktur ist mir völlig unklar (Detail):
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86511_54555293.jpg)

bzw. in der Übersicht:
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86511_22174538.jpg)

Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: Jürgen Boschert am Februar 26, 2012, 09:30:19 Vormittag
Hallo Holger,

könnten Deine letzten 3 Bilder nicht Tracheen zeigen ?

Beste Grüße !

JB
Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: Holger Adelmann am Februar 26, 2012, 11:16:28 Vormittag
Hmmm - in der Übersicht sieht's mir nicht nach Tracheen aus, Jürgen. Eher nach einer Kapsel oder sowas. Aber ich bin ja kein Botaniker.

Wahrscheinlich haben diese primitiven Ur-Pflanzen sowieso noch keine so hoch spezialisierten Gewebe wie z.B. Tracheen ...?

Herzliche Grüsse
Holger





Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: TPL am Februar 26, 2012, 23:04:05 Nachmittag
Lieber Holger,
ich bin begeistert!
Nicht nur darüber, wie gut diese frühen Landpflanzen erhalten sind, sondern auch, dass Du Dich so ernsthaft mit diesem interessanten, aber doch reichlich exotischen Thema befasst und etwas von diesem seltenen Material auftreibst und es so gekonnt dokumentierst. DANKE für's Zeigen!

Zum absoluten Alter habe ich verschiedene Angaben gelesen, die von 396 (z.B. in der deutschen Wikipedia) bis 411 Ma (z.B. in der englischen Wikipedia, basierend auf Parry et al. 2011) reichen. Vielleicht ist das Alter im deutschen Beitrag noch nicht aktualisiert...? Spannend, auf jeden Fall, dass es diese nicht unerheblichen Diskrepanzen (20 M.y.) gibt.

Herzliche Grüße,
Thomas
Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: Daniel Steiner am Februar 27, 2012, 11:27:52 Vormittag
Hallo Holger,

solche fossile Pflanzengewebe aus Rhynie Chert konnte ich im Holzanatomie-Kurs letzten November auch bewundern und fragte mich schon damals, wie man an ein solches Stück herankommt... ???
Was mich ausserdem interesiert: Wie dünn sind diese Schliffe?

Herzlichen Dank fürs Zeigen dieses hervorragenden Materials,
Daniel
Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: Holger Adelmann am Februar 27, 2012, 11:47:16 Vormittag
Danke Thomas & Daniel  :)

Ja, das Material ist irre. Ich versuche, noch mehr Material aus UK zu bekommen - mal sehen.

Daniel, die Schliffe sind - wie in der Petrologie üblich - 30 µm dick.

Nachtrag: Folgendes Bild zeigt ein angeschnittenes Stück (ca. 6 cm breit) des grauen Hornsteines (ähnlich Feuerstein).
Man sieht die Stängelquerschnitte als runde Strukturen.

Dermnächst hoffentlich noch mehr.

Herzliche Grüsse
Holger

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86625_16594686.jpg)

Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: HDD am Februar 27, 2012, 21:17:34 Nachmittag
Lieber Holger

Ein fantastischer Bericht und ganz hervorragend, mit hochinteressanten Aufnahmen dokumentiert.
Solche Berichte werten das Forum ungemein auf.

Herzlichen Dank für diese wunderbare Darstellung. Ich werde es mir archivieren.

Herzliche Grüße

Horst-Dieter
Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: Dünnschliffbohrer am Februar 27, 2012, 23:39:27 Nachmittag
Hallo Holger,
in der Tat ein sehr interessantes Material, dieser Rhynie-Chert. Deine Fotos gefallen mir sehr gut. Insbesondere das Sporangium, so etwas ist mir bisher noch nicht unter gekommen. Die Pflanzen sind gut erhalten. Soweit mir bekannt, muss der aber nicht sehr schnell aber nicht sehr schnell verkieselt worden sein, da es sich um eine Art fossilen Torf gehandelt haben soll, der im ersten Schritt bereits durch die Huminsäuren konserviert wurde, und erst danach durch die Kieselsäure imprägniert wurde. Aber vieleicht gibt es da inzwischen auch neuere Erkenntnisse, die Internetseiten dazu hab ich mir aus Zeitmangel noch nicht durchlesen können, und meine Literatur auf diesem Gebiet ist nicht auf dem neuesten Stand.
Du hast auf alle Fälle Recht, bei den Psilophyten gab es noch keine Tracheen. (Ich glaube, die gibt es sogar erst bei den Bedecktsamern, müsste ich aber noch mal nachlesen.) Die Leitbündel sind als Protostelen mit kleinzelligem Protxylem, umgeben von etwas größerzelligem Metaxylem ausgebildet. Darum liegt aussen das Phloem, wiederum umgeben von einer dicken Innen- und einer nicht ganz so dicken Aussenrinde. Diese Rindenschichten sind oft nicht gut erhalten, daher kommt es bei deinem Material zu einer Verlagerung des ursprünglich zentral gelegenen Leitbündels, welches jetzt frei in den "Rohr" der derben Epidermis - "postmortal" exzentrisch - herumliegt.
Bei dem Gewebe mit den "Fächern" handelt es sich um so genannte Kohäsionsgewebe aus der Wand des Sporangiums.
Es ist nicht notwendig, bei Schliffen durch derartiges Material, die petrographische Normschliffdicke einzuhalten. Es sollen ja keine Interferenzfarben beobachtet werden, sondern die Anatomie möglichst gut erkennbar sein. Mein deutlich dickerer (s.u., ich bitte die schlechte Qualität meiner schnell gemachten, nicht gestackten Fotos zu entschiuldigen), selbst gemachter Schliff wurde von einem versierten Fachpaläobotaniker deswegen kritisert, weil ich ihn zu dünn gemacht hatte. Dabei hatte ich möglicherweise auch einen kleinen Arthropodenrest weitgehend weggeschliffen, der freilich erst nach dem der Schliff fertig war, zu erkennen gewesen ist. Sowohl für die 3-dimensionale Beobachtung unter dem Stemi, als auch für die heutigen Stacking-Methoden reicht es ja, wenn er hinreichend transparent ist.
Viel Spass bei der weiteren Beschäftigung mit dieser äußerst interessanten Materie. - Dsb.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86727_7327149.jpg) (http://www.fotos-hochladen.net)
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures002/86727_31977679.jpg) (http://www.fotos-hochladen.net)
Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: Rawfoto am Februar 28, 2012, 08:03:14 Vormittag
Guten Morgen Holger

Jetzt zieht es mich zum 5. Mal zu Deinem Bericht, er fasziniert mich einfach extrem. Der Umstand wie viel Zeit vergangen ist bist Du uns diese Einblicke (in wie immer topp Qualität) ermöglichst ...

Ich gratuliere Dir zum Auftreiben des Materials!!!

Ich bin mir sicher ich werde noch einige Male zu diesem Thread zurückkommen. Die Firma Krantz leistet ja auch wirklich gute Dienste, unglaublich ...

Liebe Grüße aus Wien :-)

Gerhard

So, und jetzt wird gefrühstückt, die geistige Nahrung hatte ich ja schon ==> jetzt folgt das Müsli :-))
Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: Holger Adelmann am Februar 28, 2012, 23:38:08 Nachmittag
Abermals danke fuer's Feedback, Freunde.

@ Horst-Dieter:
Es ist wirklich speziell aber schön dass es trotzdem gut ankommt.

@ Dsb:
Guter Punkt mit der Schliffdicke. Wenn ich noch mal Material bekomme werde ich auch mal dicker schleifen lassen.
Danke für die schönen Ergänzungen, besonders hinsichtlich der mir noch unbekannten Strukturen.

@ Gerhard:
Ja diese Zeitspanne ist schon faszinierend. Es ist irre, dieses uralte Leben quasi wie eingefroren vor sich zu haben.
Ich habe irgendwo gelesen, dass es auch ähnliche Hornsteine aus dem Silur geben soll - das wären dann aber wirklich die ALLERERSTEN Landpflanzen. Ob dieses Material dann aber so gut erhalten ist ...? Ich bleibe dran  ;)

Herzliche Grüsse
Holger
Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: Holger Adelmann am August 10, 2012, 11:10:10 Vormittag
Update meines Threads vom Februar

Liebe Kollegen,

ich hatte das grosse Glück, in meiner Sammlung von Rhynie Chert Schliffen gestern Abend eine ideal getroffene Spaltöffnung zu entdecken !

Dies hat mich ziemlich fasziniert, zeigt sie doch, dass sich die Anatomie der Spaltöffnung dieser sehr frühen Landpflanzen nicht entscheidend von den Spaltöffnungen heutiger (rezenter) Pflanzen unterscheidet.

Klaus Hermann hatte ja kürzlich Spaltöffnungen (Stomata) von Pflanzen aus dem Tertiär der Grube Messel gezeigt, diese sind ca. 50 Mio Jahre alt:
https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=13145.0

Die Spaltöffnung der Pflanze aus dem Rhynie Chert hier ist allerdings aus dem Unterdevon und ca. 400 Mio Jahre alt !
Es belegt sich mit diesem Fund wieder einmal mehr der unglaublich gute Erhaltungszustand der Gewebe im kieseligen Chert (feuersteinartiger Stein).

Herzliche Grüsse & viel Spass beim Anschauen dieses Methusalems  ;)
Holger

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100434_4686458.jpg)



Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: David 15 am August 10, 2012, 12:49:27 Nachmittag
Lieber Holger,

Spitzen Beitrag ! Ich bin total begeistert und fasziniert  :o

Viele Grüße
David
Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: Alfons Renz am August 10, 2012, 13:21:05 Nachmittag
Lieber Holger,

Nicht ganz so alt, aber schon ein Klassiker: Die Originalzeichnung der Spaltöffnung durch den Tübinger Botaniker Hugo von Mohl vor ca. 150 Jahren:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100454_57927056.jpg)

Diese Bleistiftzeichnung diente als Vorlage zur Publikation und hat sich im wesentlichen bis in heutige Zeit in den Lehrbüchern der Botanik gehalten. Leider ein recht schlechtes Bild noch aus der Frühzeit der Digitalfotografie und ein Beispiel für die Leistung eines Wissenschaftlers, der von sich selbst behauptete 'nicht zeichnen zu können'..

Mit herzlichen Grüßen,

Alfons

Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: Oecoprotonucli am August 10, 2012, 14:58:32 Nachmittag
Herzliche Grüsse & viel Spass beim Anschauen dieses Methusalems  ;)

Hallo Holger,

auch ich bin platt und ehrfürchtig! Die Schnitte sind wunderschön und haben irgendwie auch vom Bildeindruck etwas Erhabenes, Uraltes, doch gleichzeitig sind sie so gut erhalten - ein Fenster in die Vergangenheit, wie schon jemand sagte.

Mit solchem Thema habe ich mich noch nie beschäftigt, es gibt noch so viel zu schauen im Forum (muß auch mal nach versteinerten Tieren suchen...)

Sebastian
Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: Holger Adelmann am August 11, 2012, 10:06:45 Vormittag
Hallo David & Sebastian,

danke für Euer Interesse. Ja stimmt, die Schliffe haben durch ihre leicht braune Farbe so einen "Chamois Touch", der ihr hohes Alter schön unterstreicht.
Früher gab es ja speziell solches Fotopapier, um einen antiken Bildeindruck zu bekommen.

Lieber Alfons, danke für die nette Ergänzung zu der von mir gezeigten Spaltöffnung.
Ich frage mich nun, wann die Natur zum ersten Mal Spaltöffnungen "erfunden" hat... Die ältesten Landpflanzen stammen ja aus der Silur / Devon Wende.
Gab es schon bei den älteren Wasserpflanzen eine ähnliche Struktur, die sich dann an Land weiterentwickelt hat oder ist es in der Tat eine komplette Neuerfindung??

Herzliche Grüsse
Holger
Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: Detlef Kramer am August 11, 2012, 11:45:53 Vormittag
Lieber Holger,

Zitat
Gab es schon bei den älteren Wasserpflanzen eine ähnliche Struktur, die sich dann an Land weiterentwickelt hat oder ist es in der Tat eine komplette Neuerfindung??
. Deine Frage kann man, glaube ich, recht einfach beantworten: Alle Landpflanzen stammen von einer Grünalge ab, einer Verwandten der Chara (Armleuchteralge). Die hatten noch keine Spaltöffnungen. So weit mir bekannt, tauchen bei den Landpflanzen zum ersten Mal Spaltöffnungen bei den Laubmoosen auf und zwar interessanterweise nur an den (diploiden) Sporangien. Der Aufbau wird als der Mnium-Typ beschrieben, die Nr. 1 auf den Zeichnungen von Mohl. Deine Abbildung hat eine große Ähnlichkeit damit!

Herzliche Grüße
Detlef
Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: Fahrenheit am August 11, 2012, 15:17:33 Nachmittag
Lieber Holger,

meinen Glückwunsch zu diesem außergewöhnlichen Fund! Das Stoma ist ja wirklich perfekt getroffen. Wenn man dann das Alter bedenkt! Ich habe mir erlaubt, die Aufnahme auf den Webseiten des MKB zu ergänzen. Heute Abend gibt es das nächste Update.

Nach Detlefs Erläuterungen wäre es natürlich schon interessant, zu erfahren, an welchem Pflanzenteil das Stoma liegt. Gibt Dein Schliff das her?

Herzliche Grüße
Jörg
Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: Detlef Kramer am August 11, 2012, 17:56:37 Nachmittag
Lieber Jörg,

man kann dazu etwas, wenn auch wenig Gesichertes auf den angegebenen WWW_Seiten finden. Es handelt sich wohl um sehr altertümliche Pflanzen, die aber wahrscheinlich schon zu den Farnartigen zu zählen sind. Mich erinnert das an die heute noch lebenden Psilotales. Mit allem Vorbehalt kann man demnach vermuten, dass es sich um diploide Sporophyten handelt. Aber, über den Generationswechsel ist nichts wirklich Gesichertes bekannt.

Zur Erinnerung: was bei den Moosen grün ist und Polster bildet, ist der haploide Gametophyt. Aus den Archegonien wächst dann nach der Befruchtung durch die männlichen Sporen der diploide Sporophyt mit der Sporenkapsel. Bei der Bildung der Sporen findet dann bereits wieder die Reduktionsteilung statt und die Sporen, die dann als braunes Puder entlassen werden, wächst dann über einen kleinen Umweg das haploide Pflanzchen, an dem sich die Archegonien bzw. die Antheridien bilden.

Bei den Farnen dagegen ist der Gametophyt ein unscheinbares thallöses Pflänzchen, das Prothallium, und der Sporophyt, der aus dem Archegon erwächst, ist die eigentliche diploide Pflanze.

Hoffe nicht oberlehrerhaft gewesen zu sein ;D

Herzliche Grüße
Detlef
Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: koestlfr am August 11, 2012, 20:11:28 Nachmittag
Hallo Holger!

Das ist ein sensationeller, überaus interessanter Beitrag! Danke fürs Zeigen!

Liebe Grüße

Franz
Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: Monsti am August 11, 2012, 20:22:39 Nachmittag
Hallo Holger,

diesen Faden verfolge ich schon seit dem Frühling und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Bin gespannt, was noch kommt!

Herzliche Grüße
Angie
Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: Fahrenheit am August 11, 2012, 22:00:19 Nachmittag
Lieber Detlef,

ganz im Gegenteil, vielen Dank für Deine Erläuterungen!  :)

Herzliche Grüße
Jörg
Titel: Re: PALÄOBOTANIK - die Unterdevonischen Landpflanzen des Rhynie Chert
Beitrag von: Rolf-Dieter Müller am August 12, 2012, 23:07:38 Nachmittag
Die Spaltöffnung der Pflanze aus dem Rhynie Chert hier ist allerdings aus dem Unterdevon und ca. 400 Mio Jahre alt !

Je älter umso schöner.

Holger, ich stelle mir gerade vor, ob es wahrscheinlich sein könnte anlässlich der akutuellen interplanetaren Expedition auch so etwas zu finden.

Jedenfalls sind die Gedanken faszinierend zu denen Dein Beitrag anregt.

Viele Mikrogrüße
Rolf-Dieter