Mikro-Forum

Bibliothek => Aufnahmen => Histologie => Thema gestartet von: Alfons Renz am August 01, 2012, 11:12:17 Vormittag

Titel: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am August 01, 2012, 11:12:17 Vormittag
Liebe Mikroskopiker,

Oft schon sind hier im Forum die histologischen Präparate des Tübinger Anatomen Prof. Martin Heidenhain erwähnt und gelobt worden.

Ich möchte die Ferien dazu nutzen, hierzu einige Erläuterungen zu geben, die auf einem Fund im Tübinger Anatomischen Institut beruhen, und diese in einer lockeren Folge präsentieren:

Z.B. die Originalrezeptur, die klassischen Salonpräparate, Heidenhain's eigenen Blinddarm, die verwendeten Mikrotome etc.

Anfangen möchte ich mit einem Präparat der Langerhansschen Insel, gezeichnet nach der Natur von einem offenbar tief beeindruckten Kursteilnehmer(in?) und über viele Jahrzehnte aufbewahrt von einer histologischen Assistentin, die diesen Objektträger im Kurssaal fand.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99586_594534.jpg)

Man beachte das tiefe Blau, den Kontrast zum etwas blassen Eosin, die minütiöse Wiedergabe der Details und den erheblichen Suchtfaktor, den tiefblaue Ferienträume auslösen!

Herzliche Feriengrüße,

Alfons

.... jetzt bleibt nur zu hoffen, dass der/die Schöpfer/in dieses Präparats sich angesprochen fühlt und sich meldet!
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am August 01, 2012, 14:31:47 Nachmittag
Hier die Original-Beschreibung der AZAN-Färbung von/nach Heidenhain (ca. 1960?)

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures007/99598_5745597.jpg)

Entwickelt wurde diese Färbung schon im vorletzten Jahrhundert, noch bevor Heidenhain aus Würzburg nach Tübingen kam.

Die ältesten, nach dieser Technik gefärbten Präparate sind somit weit über 100 Jahre eingebettet, ohne ihre Brillianz verloren zu haben.

Beim Vergleich der vielen auf diese Weise gefärbten Präparate (es wurden anscheinend Hunderttausende an die Studenten ausgeteilt!) wäre es wichtig, das Entstehungsjahr zu kennen (und den Block, von welchem sie geschnitten wurden). Zudem wurden unterschiedliche Einbettungsharze verwendet, deren Qualität ebenfalls variiert.

Mit besten Grüßen, Alfons
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am August 01, 2012, 14:46:55 Nachmittag
Und was machten die Studenten mit diesen Präparaten?

Die Zeichnung des Pankreas-Präparats aus dem histologischen Kurs 1958. Die Studenten bekamen im Laufe eines Semesters 114 solcher Präparate, die sie selbst einbetten, beschriften, mikroskopieren und zeichnen mussten.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures007/99602_34242886.jpg)

Sicher waren nicht alle Studenten so begabt: Deshalb der Vermerk "wunderbar gezeichnet und beschriftet, wahrscheinlich von einer Studentin deren Namen nicht bekannt ist".
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am August 01, 2012, 15:07:07 Nachmittag
Nicht alle Studenten waren so begabt und fleissig:

Hier ein Beispiel eines Medizinstudenten aus dem Sommersemester 1913

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures007/99604_61781058.jpg)

Den Kasten mit den Präparaten konnte ich samt zugehörigen Zeichnungen vor Jahren im Internet erwerben. Man sieht an der Präparate-Nummer 73 bzw. 75, dass sich in den fast 50 Jahren zwischen 1913 und 1958 kaum etwas im Konzept des Histologisch-anatomischen Kurses geändert hat.

Der Text offenbart jedoch auch die schauerliche Provenienz dieser Organe. Verständlich, dass alle im Dritten Reich hergestellten Präparate vor schon vielen Jahren ehrenvoll im Gräberfeld X auf dem Stadtfriedhof bestattet wurden. Es darf nicht heissen, es werden Studenten heute noch an Opfern des Nationalsozialismus ausgebildet. Auch dies ist beim Betrachten solcher Präparate zu bedenken.
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am August 01, 2012, 15:37:03 Nachmittag
Die Pankreas aus dem Kurs 1913, gefärbt mit "EH" (Eisenhaematoxylin).

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99606_1343394.jpg)

Eine deutliche und klare Kernfärbung, aber nicht so schön bunt wie die AZAN-Färbung (Mitte der Fünfziger Jahre, vermutlich):

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99606_55079162.jpg)

Die Beschriftung und Erklärung der vorgestellten Präparate wäre ein eigenes Thema. Hier möchte ich es hintanstellen.

Viel Freude beim Lesen dieses historischen Fadens!

p.s. Ich bin mir sicher, dass Jemand mit besserer Photoshop-Kompetenz noch viel mehr Brillianz aus den Aufnahmen holen könnte, Gerne folge ich da Ihren Empfehlungen und gebe die Bilder ausdrücklich frei für alle Verbesserungsversuche. Meine Bitte wäre ggf. nur, dieses in einem eigenen Thread "Wie optimiere ich meine Aufnahmen mit Photoshop' zu tun, damit Alle etwas davon haben. Ich staune z.B., was aus der Aufnahme des Tabanidenauges alles herauszuholen ist (https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=13193.msg99588#msg99588), und würde gerne daraus zu lernen!

Alfons


Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Fahrenheit am August 01, 2012, 15:47:19 Nachmittag
Lieber Alfons,

danke für die schöne Serie mit der genialen Eröffnung. Bitte weiter machen!

Herzliche Grüße
Jörg
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Holger Adelmann am August 01, 2012, 16:12:29 Nachmittag
Ja, toll, gefällt mir auch sehr !
Herzliche Gruesse
Holger
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am August 01, 2012, 16:14:53 Nachmittag
Nun der Meister Martin Heidenhain selbst:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99611_43653170.jpg)

und sein erfolgreicher Präparator Paul Graf:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99611_44949521.jpg),

dem in Anerkennung seiner Leistung 1958 das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde:

 (https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99611_30991049.jpg)

Wir mögen daraus unsere eigenen Schlüsse ziehen. Ich hoffe, dass die Färbeanleitung (oben), die ja lange nach Heidenhains Tod entstanden sein dürfte, die wahre 'Grafsche Färbung' wiedergibt.

Wer findet die Original-Publikation der AZAN-Färbung? (Heidenhain, M. Über die Mallorysche Bindegewebsfärbung mit Karmin und Azokarmin als Vorfarben. Z. w. M. Bd. 32, 361-372, zitiert nach Romeis, 1948, dort aber leider ohne Angabe der Jahreszahl!)

Alfons



Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am August 01, 2012, 16:26:50 Nachmittag
Wie man auf dem Bild erkennt, arbeitete Graf mit einem relativ einfachen Schlittenmikrotom, das hier in nicht ganz korrekter Konfiguration abgebildet ist:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99613_62673458.jpg)

Ein anderes Mikrotom aus der Anatomie ist das berühmte 'Schaukelmikrotom' aus Cambridge, das Geschäftsmodell des Darwin-Sohnes und gefertigt von der Firma Jung in Heidelberg:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99613_19474958.jpg)

Die Präparate wurden in Bändern geschnitten und auf diese auf großen Glimmerplatten aufgezogen und gemeinsam gefärbt. Während des Kurses gingen die Aisstenten durch die Reihen und schnitten jedem Studenten ein Glimmerplättchen mit je einem Schnitt zu. Dieser wurde dann eingebettet und durch später von den Studenten als Erinnerung mit nach Hause genommen werden. Diese Präparate waren damals wie heute sehr gesucht: In einem Kasten fand ich den Vermerk: "Erworben etwa 1927 für 40 R.M. von Bundesbruder N.N., cand. med."

Alfons
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am August 01, 2012, 16:41:09 Nachmittag
Man erkennt die Glimmer-Unterlage leicht, wenn man das Präparat gegen das Licht hält, oder, noch bunter, im polarisierten Licht:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99614_60275781.jpg)

Meist wird man solche Präparate erhalten, die von den Studenten angefertigt und mit nach Hause genommen wurden. Seine eigenen Präpaate hat er wie folgt beschriftet:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99614_55387945.jpg)

Und zum Schluss noch sein beliebtes 'Damenpräparat', schön rosa bunt, wie der Herr Professor meinte (sein wortspielerisch vorgestelltes "Glans-Präparat" sparen wir uns hier).

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99614_56313267.jpg)

Damit Schluss für heute und viel Freude beim Lesen!

Und über die Qualität des letzten Bildes darf gerne und auch laut gelästert werden: Das macht dieses Forum ja so spannend! Ich tausche das Bild ja selbst bald gegen ein Besseres aus - oder könnte Klaus dies nicht mit seinem tollen Axioplan übernehmen? Klaus müsste dieses Präparat auch in seiner Sammlung haben. Denn das Wunschziel wäre es, einen Überblick über die gesamte Schaffenszeit und Schaffensbreite dieser Blüte der Tübinger Anatomie zu bekommen. Hinweise zum Inhalt anderer Heidenhain-Kästen (mit Jahreszahl!) und Photos sind daher hochwillkommen, auch gerne über eine persönliche Nachricht.

Alfons
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Michael W. am August 01, 2012, 16:56:32 Nachmittag
Lieber Alfons,

Dankeschön für diesen interessanten Exkurs in die Geschichte und die schönen Fotos. Wie schön, dass die Präparate von Martin Heidenhain nach so langer Zeit noch so schön erhalten sind, ein wahrer Augenschmaus.

Die Original-Publikation konnte ich (hoffentlich) ausfindig machen, sie stammt aus der Zeitschrift für wissenschaftliche Mikroskopie und mikroskopische Technik. Am Ende des Artikels findet man den Hinweis, dass die Publikation am 04. Februar 1916 eingegangen ist. Hier findet man sie (ab Seite 361): http://archive.org/details/zeitschriftfrw32stut (Auf der Seite findet man das PDF auf der linken Seite!)

Herzliche Grüße
Michael
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Heino Lauer am August 01, 2012, 17:13:43 Nachmittag
Lieber Alfons,

ein schöner Beitrag! Meinen herzlichen Dank dafür.

Heino
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am August 01, 2012, 17:57:11 Nachmittag
Lieber Michael,

Vielen Dank für den wertvollen Hinweis auf die Publikation vo 1916! Ich weiss selbst nicht mehr, wie die Information, Heidenhain habe die AZAN-Färbung nach Tübingen mitgebracht, in meinen Kopf kam. Jedenfalls findet man auf Präparaten von 1913 nur den Vermerk: Azokarmin und nicht AZAN. Allerdings hatte Heidenheim laut Publikation damals schon 'seit einer Reihe von Jahren' mit Verbesserungen der Malloryschen Färbung experimentiert.

Herzliche Grüße,

Alfons
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Bernhard Kaiser am August 02, 2012, 06:48:26 Vormittag
Herzlichen Dank Herr Renz,

für den tollen Beitrag.

Freundliche Grüße
Bernhard Kaiser
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: koestlfr am August 02, 2012, 07:22:30 Vormittag
Hallo Herr Renz!

Ganz toller Beitrag! Danke für die Mühe!

Liebe Grüße

Franz
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Lothar Gutjahr am August 02, 2012, 09:14:14 Vormittag
Lieber Alfons,

ich schließe mich da dem Franz an und freue mich über diese schöne Präsentation.

Angeregt hat es mich, mal wieder in die Anatomieschatulle zu schauen. Das sind etwa 25 Präparate die mir ein Bekannter schenkte. Da haben wir zum Beispiel Gelenkkopf Katze von 1942 datiert und einiges andere. Ob das alles aus der Zeit ist kann ich nicht beurteilen. Aber es sind immerhin aufhebenswerte alte Schätzchen, die natürlich auch von einem "Hobbyschnibbler" stammen können.

Für deine nicht hoch genug einzuschätzende Mühe uns das zu präsentieren herzlichen Dank!

Gruß Lothar
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am August 05, 2012, 10:57:35 Vormittag
Ein klassisches Präparat: Der Schnitt durch das Auge:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99870_66218166.jpg)

Färbung mit Haemalaun und Chromotrop. Diese beiden Präparate stammen aus einem Kasten, der 'ca. 1927 für 40 R.M. von einem Bundesbruder' erworben wurde.

Von der Größe und dem Feinbau her unterscheiden sich Mensch- und Schweineauge kaum. Wohl aus diesem Grunde wurden für die Kurspräparate hauptsächlich Letztere verwendet. Beim Sagittalschnitt erhält man pro Auge nur ganz wenige Schnitte, auf denen der Sehnerv mittig getroffen ist.

Diese beiden Präparate wurden auf besonders breiten Objektträgern aufgezogen. Für die Kurse reichten meist die 1/4-Augen Präparate wie dieses:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99870_30590265.jpg)

Der Aufbau der Retina ist schön zu erkennen (hier ein undatiertes und unsigniertes Präparat eines 1/4-Auges)

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99870_46241322.jpg)

Die komplizierten Verhältnisse verdeutlicht folgende Abbildung aus einem histologischen Lehrbuch (Junqueira et al. 1996)

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99870_16846035.jpg)

Vergleicht man jedoch die Strukturerhaltung dieses Schnittes (Fixierung mit SUSA) mit der Qualität der Fixierung für die Elektronemmikroskopie, wie sie Holger hier im Forum schon gezeigt hat (https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=5681.0), so wird der methodische Fortschritt doch sehr deutlich erkennbar. Durch die bessere Fixierung und den dünneren Schnitt wird ein Quantensprung an Auflösung erreicht! Allerdings stehen in den Kursen keine Plan-Apo-Immersionsobjektive zur Verfügung, mit denen man die Semi-Ultradünnschnitte dann auch untersuchen sollte.

Viel Freude beim Betrachten: 'Aug in Aug'.

Alfons

p.s.: Das Auge und dessen Zerstörung durch die Flussblindheit (Onchozerkose, hervorgerufen durch den Fadenwurm Onchocerca volvulus) ist natürlich ein ganz besonders interessantes Thema in unserem Kurs der Organismischen Parasitologie (http://www.riverblindness.eu/teaching/). Um dem Vorwurf zu entkräften, die Studenten beschäftigten sich immer weniger mit mikroskopischen Präparaten und deren Interpretation, sind dort die Protokolle der letzten Jahre zu finden. Sie belegen eindruckvoll die hohe Motivation und die gründliche Beschäftigung der Kursteilnehmer mnit diesem Thema.
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: purkinje am August 05, 2012, 12:25:12 Nachmittag
Hallo Alfons,

erst einmal einen großen Dank an dich, dass Du hier diese schönen Präparate zeigst und auch viel interessantes um die Präparate herum zu berichten weißt!
Sehr bemerkenswert fand ich auch deine Anmerkung zur "Provenienz" so mancher alter Präparate aus der dunkelsten Zeit unserer jüngsten Geschichte. Das ist für viele schöne und ältere Sammlungen ein große Hypothek und Verpflichtung- und entgegen der Welt der Kunst und Raubkunst- hat man ja hier ein u.U. schön gefärbtes und auch nach Jahrzehnten noch mikroskopisch interessantes Präparat in der Hand und im nächsten Moment überfällt einem das kalte Grauen beim Gedanken an die Herkunft.

Bei deinem Link zur Flussblindheit (sehr gutes Projekt!) musste ich sehr lachen, da dort auf dem Labortisch in Kamerun unübersehbar eine "schwedische" LED-Lampe steht und dies erinnerte mit an das schwarze SM-Lux welches ich vor 2 Jahren einer Station in Malawi spendiert hatte, mit "schwedischer" Solarbeleuchtung  ;D

Beste Grüße und schönen Sonntag

Stefan

Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Klaus Herrmann am August 05, 2012, 13:26:15 Nachmittag
Lieber Alfons,

fast trau ich micht nicht deinen hochinteressanten "Fortsetzungsbericht" zu unterbrechen, weil er eigentlich gut wäre für eine "Monografie", die man in die "Histologie-Sammlung" einfügen sollte, welche Florian ins Leben gerufen hat, damit sie leicht auffindbar bleibt.

Aber du hast mich mit dem "Damenpräparat" direkt angesprochen, also fühle ich mich autorisiert!  ;)
Mir ist die Bezeichnung nicht ganz klar - vielleicht steh ich aber auch nur auf dem Schlauch?

Ich schau mal in meinen Kisten nach und wenn ich es finde und ein besseres Bild hinbekomme, werde ichs einstellen!

Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am August 05, 2012, 14:14:34 Nachmittag
Lieber Klaus,

Nur zu mit den Unterbrechungen, es soll doch kein Monolog werden!

Im Gegenteil: Es befinden sich ja so viele Heidenhain-Kästen im Umlauf, dass es sich geradezu aufdrängt, die verschiedenen Versionen ein und desselben Präparates/Organs zu vergleichen! Zum Beispiel das Präparat der Niere, die im letzten Jahrhundert eine fulminate Entwicklung hinsichtlich der Interpretation ihrer Funktion erlebt hat. Erst nur ein reines Organ zur Produktion von Urin zwecks Ausscheidung - von den Malpighischen-Körperchen im 17. Jahrhundert über die Henlesche Schleife 19. Jahrhundert - dann als wichtiges Organ zur Steuerung des Blutdrucks und der Erythrozytenbildung erkannt (aktuelles Stichwort EPO).

Wie sahen die Nieren-Schnitte aus, die den Studenten ausgeteilt wurden, und auf welche Details hat man hingewiesen, etwa den juxtaglomulären Komplex und die Macula densa?

Wie sahen de Präparate aus, die an anderen Universitäten ausgeteilt wurden, und, vor allem, wie haben sie sich bis heute erhalten?

Das soll keine hochwissenschaftliche Erörterung werden. Auch auch kein Wettbewerb der schönsten Photos. Eher ein Gedankenaustausch, ein Ferienthema, das zum Dilettieren reizt.

Also ein herzlicher Aufruf an alle Histologie-Interessierten, sich hier mit Beiträgen zu Heidenhain-Präparaten und vergleichbaren Kurspräparaten der Anatomie zu beteiligen!

Ein Anfang wären z.B. diese von Heidenhain so genannten 'Damenpräparate', also die Schnitte, die er als ästhetisch besonders reizvoll erachtete: Den Schnitt durch die Tibia z.B., oder den Kopf des Katzenfoetus und Schwanzes. Am schönsten wäre es, hier seine ganz persönlichen Favoriten zu präsentieren.

Ich freue mich auf Ihre/Eure Beiträge und wünsche einen schönen Sonntag!

Alfons
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Florian Stellmacher am August 05, 2012, 14:47:37 Nachmittag
Mensch Klaus,

diesen tollen Thread habe ich schon längst bei den HISTOLOGIE-Beiträgen verlinkt, der darf doch nicht verloren gehen!

Herzliche Grüße,
Florian
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am August 05, 2012, 14:50:36 Nachmittag
A propos Niere:

Als Heidenhain 1899 nach Tübingen berufen wurde, brachte er natürlich nicht nur sein Wissen, sondern auch seine mikroskopischen Präparate und die dazu gehörigen Paraffinblöcke mit. Nicht 'irgendwie', sondern wohl geordnet in einer großen Mappe:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99879_19598821.jpg)

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99879_65354168.jpg)

Und darunter ein Schächtelchen mit den Nieren:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures007/99879_4060472.jpg)

Die Aufschrift besagt, dass es sich um drei Präparate von Kaninchennieren handelt:

Niere - neugeborenes Kaninchen Sublimat 1897 schön (das ist wohl die ganz kleine Niere links)
Niere- junges Kaninchen Sublimat 1897
Niere - Kaninchen Hermann (=> da ist offenbar 'unser' Klaus ganz persönlich angesprochen!)

Die Aufgabe besteht nun darin, unter den frühen Präparaten Solche zu finden, die von diesen Paraffinblöcken stammen könnten. Ich hoffe, das wird mit vereinten Kräften gelingen! Dann will ich versuchen, vom alten Block einen neuen Schnitt anfertigen zu lassen. Das Resultat dürfte spannend werden! Wie Jürgen mit seinen Schnitten durch den Regenwurm überzeugend belegen konnte (https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=10073.0), lassen sich selbst uralte Paraffinblöcke (dieser stammte aus der Zoologie) frisch schneiden und wunderbar färben.

Bis bald,

Alfons

Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am August 05, 2012, 15:10:06 Nachmittag
Welche Präparate wurden denn in diesen histologischen Kursen ausgeteilt?

Auch die Auswahl der Präparate erstaunt, angesichts der vielen Objekte aus der Zoologie - schließlich war dieser Histologiekurs in erster Linie für die Ausbildung der Studenten der Human-Medizin gedacht. Aber historisch hatte sich die Anatomie mit einem (noch heute genutzten Neubau) erst 1835 von der Zoologie getrennt (oder letztere von der Anatomie / Physiologie).  Alle drei Disziplinen gehörten natürlich zur medizinischen Fakultät. Erst 1863 wurde in Tübingen die erste naturwissenschaftlich-mathematische Fakultät gegründet, ein Novum übrigens für den gesamten deutschsprachigen Raum!

Liste der Präparate in einem Kasten, wie ihn ein Student namens Karl Späth 1922 angelegt hat (leider sind nicht alle Präparate erhalten!).

1   Triton Zenker-Formol   
2   Triton Zenker-Formol   Borax-Karmin
3   Triton Kiemenblättchen Haemotoxin (Zellteilung)   
4   Zwiebelwurzel Kernteilung   
5   Darmepithel Frosch   Pikrokarmin
6   Darmepithel Meerschweinchen   Pikrokarmin
7   Flimmerepithel Gaumen Frosch   Pikrokarmin
8   Cornea Zenker-Formol   Haem-Eos
9   Trachea (Flimmerep.)   
10   Retina (Schwein)   HN=3
11   Lunge Meerschweinchen   versilbert
12   Pericard   versilbert
13   Vena   versilbert
14   Mesenter.   versilbert
15   Embryonales Bindegew.   Borax-Karmin
16   Nabelschnur Mensch   Haem Eos
17   Fettzellen, Meerschwein   
18   Pigmentzellen    
19   Ligamentum nuchae, Rind elast. Fasern   
20   Reticul. Bindegewebe Lymphdr. Kalb   
21   Epiglottis Kalb   
22   Ohrknorpel Wildschwein   
23   Wirbelscheibe (Hund)   
24   Ohrknorpel (Mensch)   
25   Knochenbildung   
26   Knochenbildung   
27   fertige Knochen längs   
28   quer   
29   Herz Mensch   
30   Duodenum Mensch   
31   Sterno- quer   
32   Sterno-cleidomest. längs   
33   Großhirnrinde Meerschwein   Golgi
34   Grosshirnrinde Katze   Weigert
35   Kleinhirnrinde Katze   Weigert
36   Rückenmark Katze   Weigert
37   Rückenmark Katze   Haem-Eos
38   Nervis ichiad. Frosch   
39   Nervus ulneris Mensch Z-F   Haematoxylin
40   Nervus ischiad. Kaninchen   
41   Großhirnrinde Mensch   
42   Blut Taube   
43   Blut ?   
44   Pia mater Z-F   Borax-Karmin
45   Art. u. Vena axillaris Mensch   Zenker Gisson
46   Aorta Mensch   Haematoxylin
47   Lymphdrüse Mensch   Haematoxylin
48   Lymphdrüse Katze   Haematoxylin
49   Milz Mensch   Haematoxylin
50   Milz Katze   Haematoxylin
51   Knochenmark Meerschwein   
52   Tonsillen Mensch   
53   Zahnentwicklung Katze Z-Formol   Eosin
54   Katze Zahnentwicklung   
55   Ösophagus Z-FORMOL   van Giesson
56   Papillae foliatae   
57   Kardia Mensch Z-Formol   Haem-Eos.
58   Fundus   Haem-Eos.
59   Pylorus   Haem-Eos.
60   Dünndarm Katze   Haem-Eos.
61   Dickdarm Katze   Haem-Eos.
62   Dünndarm Mensch   Haem-Eos.
63   Processus vermiformis   Haem-Eos.
64   Leber   
65   Leber injiziert   
66   Leber Meerschwein   
67   Lunge   
68   Lunge   
69   Leber Golgi   
70   Pankreas   
71   Thymus   
72   Thyreoidea   
73   Nebenniere   
74   Niere Mensch Z-Formol   Haem-Eos.
75   Niere Katze   
76   Urether Mensch   
77   Blase Mensch   
78   Hoden   
79   Nebenhoden   
80   Ovar Mensch Kind   
81   Ovar Kaninchen   
82   Ductus deferens Mensch   van Gisson
83   Prostata Mensch   van Gisson
84   Uterus Mensch   Haem-Eos.
85   Vagina Mensch   Haem-Eos.
86   Tube Mensch   
87   Harnröhre Mensch   
88   Kopfhaut Mensch Z-Formol   van Giesson
89   Unterschenkenhaut Mensch   van Giesson
90   Lippenhaut Mensch   van Giesson
91   Augenlied   van Giesson
92   Nagel..   
93   Auge Triton Zenker-Formol   Bor-Carmin
94   Nervus opticus Mensch   Haem-Eos.
95   Retina Mensch Z-F.   Haem-Eos.
96   Mamma Mensch   Haem-Eos.
97   Leber-Hoden   
98   Tränendrüse-Zunge   
99      
100   Penis Kind - Trachea   

Der Inhalt weiterer Kästen folgt....

Alfons
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am August 05, 2012, 16:33:04 Nachmittag
Das einzig wirklich echte Präparat von Heidenhain: Sein Processus vermiformis.

Auch das tägliche Einatmen von Formalindämpfen schützt trotz aller Behauptungen nicht vor Infektionen: So musste Prof. Heidenhain am Blinddarm operiert werden. Bekanntlich wird dabei ja nicht der ganze Blinddarm, sondern nur sein ca. kleinfingerlanger Wurmfortsatz, der Processus vermiformis, chirurgisch entfernt. Stolz präsentierte er 'sein' Objekt im anatomischen Kurs - obwohl, das wird der Pathologe gleich erkennen, ein solches Präparat eigentlich nichts mehr in der Anatomie zu suchen hätte.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99883_61916494.jpg)

Gefärbt wurde mit Haematoxylin und Chromotrop, einer eher blassen Färbung:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99883_55548289.jpg)

Im selben Kasten befindet sich natürlich auch ein ganz 'normaler' Blinddarm.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99883_62887372.jpg)

dieses Mal lege artis mit AZAN gefärbt:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99883_28245430.jpg)

Auch heute noch gilt unter Internisten: Der Blinddarm sei ein Chamäleon. Und leider manchmal gar nicht leicht zu diagnostizieren (Ich riskiere Widerspruch!).

Bauchwehfreie Grüße,

Alfons (der schon lange keinen Blinddarm mehr hat!)

Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Lothar Gutjahr am August 05, 2012, 18:31:36 Nachmittag
Lieber Alfons,

erst mal weiteren Dank für deine Arbeit, das alles online zu stellen. Dann fragt der Laie, was versteht man beim Färben unter versilbert ? Hat man da sonst kaum sichtbare transparente Bereiche mit AgNo3-Lösung gebadet und sie sozusagen fotomäßig kontrastiert?

neugierige Grüße

Lothar

(immer noch mit dem ersten Blinddarm)
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am August 05, 2012, 18:53:08 Nachmittag
Lieber Lothar,

Um Deine Frage nach dem Versilbern zu beantworten: Nein, es liegt nicht daran, dass den Schwaben das Vergolden zu teuer wäre und sie deshalb blos versilbern! ;)

Schon Golgi (1844-1926) hatte frühere Versuche mit Metallsalzen (seit 1844, K. Krause) zur der nach ihm benannten Methode zur Färbung von Nervenfasern weiter entwickelt. Aber erst durch die Standardisierung des Verfahrens durch Ramon Y Cajal, der hierfür 1906 den Nobelpreis für Medizin verliehen bekam, fand die Imprägnierung mit Metallionen allgemeinen Eingang in die Neurohistologie. Aber auch Protozoologen verwenden eine Versilberungsmethode, um z.B. feine Strukturen der Ciliaten sichtbar zu machen.

Sehr eindrucksvoll sind versilberte Präparate des Gehirns, in welchem man den Verlauf der Nervenfaser verfolgen kann. Ein Bild will ich demnächst hier einstellen.

Herzliche Grüße,

Alfons

Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am August 05, 2012, 19:18:57 Nachmittag
.... Und was man nicht noch so alles mit gut gefärbten Präparaten machen kann...

Dieses Präparat eines 'sehr hart' mit Eisenhaematoxylin gefärbten Skelettmuskels diente im Institut für Wissenschaftliche Mikroskopie als natürliches biologisches Gitter zur Demonstration der Lichtbeugung.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99893_35952626.jpg)

Gewissermaßen als Ersatz der teuren Testplatten nach Abbe, siehe:

https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=9551.0

Wann dieses Präparat hergestellt worden ist, ist ungewiss. Zwischen der Pensionierung des Präparators Graf (1958) und der Gründung des Tübinger Instituts für Wissenschaftliche Mikroskopie (1963) liegen 5 Jahre. Anzunehmen ist, dass die Methode des Aufziehens der Schnitte auf Glimmerplättchen noch viele Jahre weiter geführt wurde. In wie weit sich andere histologische Laboratorien in Deutschland (und weltweit) dieser Methode bedienten, ist (mir) unklar.

Herzliche Grüße,

Alfons
Titel: Kurspräparat aus Köln: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Jürgen H. am August 05, 2012, 20:17:55 Nachmittag
Zitat
Also ein herzlicher Aufruf an alle Histologie-Interessierten, sich hier mit Beiträgen zu Heidenhain-Präparaten und vergleichbaren Kurspräparaten der Anatomie zu beteiligen!

Liebe Mitmikroskopiker,

Die Heidenhainpräparate sind natürlich vortrefflich. Hier ist jedoch kein Heidenhainpräparat zu sehen, sondern ein Präparat, dass sehr wahrscheinlich in Köln in den 20iger Jahren gefertigt wurde.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99897_64771541.jpg)

Dargestellt ist ein Querschnitt des Nebenhodenganges, ganz gewöhnlich in H-E gefärbt. Ich meine, man kann recht gut das hohe Epithel und die Stereozilien erkennen und die färberische Qualität ist ungebrochen.

Und so sieht das Präparat insgesamt aus:


(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99897_38387520.jpg)

Sparsam sind wir im Rheinland nicht, auch nicht mit Balsam.... :-)

Schöne Grüße

Jürgen
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Klaus Herrmann am August 05, 2012, 21:27:36 Nachmittag
Zitat
Mensch Klaus,

diesen tollen Thread habe ich schon längst bei den HISTOLOGIE-Beiträgen verlinkt, der darf doch nicht verloren gehen!

Mensch Florian, man kann dich nicht oft genug loben! :)
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Florian Stellmacher am August 05, 2012, 21:40:06 Nachmittag
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures009/99906_1495183.jpg)
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Ronald Schulte am August 05, 2012, 21:59:47 Nachmittag
Allen,

Ich bekomme richtig feuchte Augen von was ich in diesen 'tread' lese und sehe. Freut mich wirklich das die Histologie hier im Forum noch lange nicht Tod ist.

Mache weiter so, grüße aus den Harzgebirge Ronald
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Klaus Herrmann am August 06, 2012, 13:49:47 Nachmittag
Lieber Alfons,

Tibia ist es nicht aber ein Fingerglied mit Gelenk. Bin mir nicht sicher, ob es eine HE-Färbung ist. Es ist nicht vermerkt auf dem Präparat.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99967_27682492.jpg)

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/99967_61240372.jpg)
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität, Erhaltung und Beispiele
Beitrag von: Alfons Renz am August 07, 2012, 09:25:24 Vormittag
Lieber Klaus,

Die Knochenbildung verdeutlicht, mit welcher Erfindungskunst die Natur konstruktive Aufgaben löst: Ein Tragegerüst, das bei voller Funktion noch wächst und zugleich durch Leichtbauweise Raum für Energiespeicher (weißes Knochenmark: Fett) und Regeneration (rotes Knochenmark: Blutbildung) bietet. Ein solches Chassis müssten die Automobilhersteller erst erfinden!

In der Histologie sind Knochenpräparate vielfach vertreten: Längs- und Querschnitte der Knochenbildung, Knorpel und Osteozyten, sowie bei der Haemopoese (Blutbildung).

Hier ein Präparat einer Tibia (Schienbein) eines kleinen Kindes, aus einer Kursserie ca. 1925:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100016_54708891.jpg)

Beschriftung: Tibia, Kind, proximal, in Epiphysennähe. Also in Nähe des Kniegelenks und des Knorpels, der die Gelenkfläche bildet.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100016_28472036.jpg)

Gefärbt wurde mit Haematoxylin und Rosindulin. Man erkennt das lockere Gerüst der Knochenbälkchen (gelb-rosa) und dazwischen die Zellen des Roten Knochenmarks, dessen Bau und Funktion in einem früheren Faden sehr schön beschrieben wurde: https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=3785.0.

Mit herzlichen Mikrogrüßen,

Alfons
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: A. Büschlen am August 07, 2012, 10:19:36 Vormittag
Herr Renz

dieser Thread gefällt mir sehr! Eine interessante Geschichte liebevoll aufbereitet.

Herzlichen Dank

Arnold Büschlen
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Niere
Beitrag von: Alfons Renz am August 07, 2012, 11:44:05 Vormittag
Die Niere gehört zu den am häufigsten mikroskopierten Schnitt-Präparaten der Histologie, wobei die Begeisterung der Betrachter sicherlich von der Qualität der Fixierung und Färbung abhängt. Hier drei Beispiele, die aber mehr den beschränkten Umfang meiner Sammlung als einen repräsentativen Überblick über die Qualität histologischer Präparate wiedergeben kann:

Drei englische Präparate aus einer 'viktorianischen' Sammlung, also vermutlich zwischen 1880 und 1920 entstanden

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100023_26502827.jpg)

Hierzu jeweils eine Aufnahme mit dem Zeiss-Achroplan 20x am Axiolab A1, ohne weitere Bearbeitung, Stacking etc.:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100023_12874086.jpg)

"Kidney frog" - die Niere des Frosches ist offenbar ganz anders gebaut als die des Menschen. Leider keine weiteren Angaben hinsichtlich Färbung, Alter etc.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100023_58075513.jpg)

"T.S. Kidney of rat" - Querschnitt durch die Niere einer Ratte. Man erkennt die Nierenkörperchen, die allerdings viel kleiner sind als beim Affen:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100023_32285803.jpg)

"Kidney of monkey"

oder beim Menschen, hier in einem 'Heidenhain'-Präparat aus der Anatomie in Tübingen:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100023_48649517.jpg)

Niere des Menschen, Präparat Nr 34 bzw. 142, AZAN-Färbung. Der Feinbau der Niere wurde schon mehrfach anderweitig beschrieben, z.B. https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=2276.0

Viel Spass beim Betrachten,

Alfons
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Niere - Sigmund
Beitrag von: Alfons Renz am August 07, 2012, 22:31:07 Nachmittag
Wer nicht Medizin studieren wollte, um in den Genuss schöner histologischer Präparate zu kommen, kaufte sich beim Kosmos-Verlag in Stuttgart eine Serie von Schnitten durch 'Organe der Atmung, Organe der Harnbildung und -ausscheidung' etc.. Hergestellt wurden diese Prof. Dr. Fr. Sigmund im Auftrag der Geschäftsstelle des Mikrokosmos, Franck'sche Verlagshandlung Stuttgart (ca. 1920-1925?), deren Versand ins Ausland übrigens laut Aufdruck verboten war! Dafür gab es Niederlassungen in vielen Ländern:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures007/100081_7103757.jpg)

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100081_63886726.jpg)

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100081_2110073.jpg)
Schnittpräparat der Niere eines Kaninchens, injiziert

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100081_19404137.jpg)
Durch Injektion eines blauen Farbstoffs wurden die Blutgefäße sichtbar gemacht. Von der Feinstruktur des Nierenkörperchen ist allerdings wenig erhalten. Auffällig ist - wie eigentlich bei fast allen inneren Organen -, die sehr schmächtige Außenhülle. Erstaunlich, dass dieses feine Bindegewebe so fest ist!

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100081_57372153.jpg)
Vertrauter ist hier die H-E-Färbung der Niere einer Maus.

Zu den Präparaten-Mappen gab es ein gebundenes Heft mit detaillierten Erläuterungen der jeweiligen Präparate und auch eine Mappe mit Zeichnungen.

Viel Freude beim Betrachten!

Alfons
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Mila am August 08, 2012, 00:11:41 Vormittag
Lieber Alfons,

ich bin sehr beeindruckt! Ein wunderbarer, lesenswerter und auch berührender Beitrag.

Herzliche Grüße
Mila
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Schuchart-Niere
Beitrag von: Alfons Renz am August 09, 2012, 16:19:25 Nachmittag
Auch der Hersteller Mikroskopischer Präparate Dr. Schuchardt in Göttingen hat(te) die Niere im Angebot:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100259_47643582.jpg)

Leider sind weder die Präparate des 50 Objektträger enthaltenden Kastens zeitlich datiert noch der mit dem Emblem der Firma verzierte Kasten selbst. Deshalb ist meine Schätzung 'ca. 50 Jahre alt' nur eine vage Vermutung.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100259_7229808.jpg)

Die Färbung (vermutlich mit Haematoxylin und Eosin) ist kräftig und der Erhalt der Struktur gut, wie die folgende Aufnahme bei stärkerer Vergrößerung beweist:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100259_27986695.jpg)

Sehr schön ist hier der Nieren-Glomerulus am Blutpol angeschnitten. Man erkennt die Macula densa, große und stark angefärbte Zellen in der Wand des direkt über dem juxtaglobulären Komplex (Goormaghthik-Zellen) liegenden Harnkanals (Tubulus, Mittelstück). Hier wird der Blutdruck und damit die Harnausscheidung gesteuert. => ich hoffe, mich hier bei der Interpretation des Bildes nicht zu täuschen: Möglich wäre auch, dass hier das afferente (oder efferente) Blutgefäß direkt über den Goormaghthik-Zellen quer getroffen ist, und folglich der Tubulus darüber liegen müsste. Allerdings liegen ja diese Zellen laut Lehrbuch (s.u.) über den Blutgefässen und nicht darunter. Vielleicht kann ein hier mitlesender Histologe/Pathologe darüber entscheiden?

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100259_6603836.jpg)

Abbildung aus einem Lehrbuch der Histologie.

Die 1948 gegründete Firma Dr. Schuchardt bietet auch heute ein breites Angebot an mikroskopischen Präparaten:
http://www.schuchardt-lehrmittel.de/shop/katalog/alle/lehrmittel/index.html#/115

Viel Spass beim Anschauen!

Alfons
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Lothar Gutjahr am August 09, 2012, 18:54:13 Nachmittag
Lieber Alfons,

ja die Nierchen, das ist schon beeindruckend, wie das alles funktioniert. Sich dann als Laie solche gut erhaltenen Präparate anschauen zu können macht besonderen Dank nötig ! Mein Umbau auf universelles Photomikroskop geht übrigens gut voran, sodaß ich solche Präparate auch bald als Ganzes fotografieren kann. Ich habe da auch noch ein paar alte Schätzchen, die um die 70 Jahre alt sind. Kann ich davon die schönsten hier mit posten oder soll ich sie dir dann lieber zur Auswahl mailen?

Gruß Lothar
Titel: Re: Heidenhain- und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am August 09, 2012, 20:37:49 Nachmittag
Natürlich, lieber Lothar,


    sind Bilder und Informationen zu anderen historischen histologischen Präparaten hier hochwillkommen! Es soll gewiss kein Monolog meinerseits werden. Deshalb habe ich auch versucht, den Titel dahingehend zu ändern: Heidenhain- und andere histo-historische Präparate.

Schön wäre es, zu den jeweiligen Präparaten auch den Hintergrund ihrer Provenienz zu erfahren.

Ich bin gespannt,

Herzliche Mikrogrüße,

Alfons
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Lothar Gutjahr am August 13, 2012, 10:48:15 Vormittag
Lieber Werner,

vom halbfertigen "UPHOMI" aus mal die "Kriegskatze" beziehungsweise ein Schnitt durch einen Gelenkkopf. Zunächst zwei von den 25 Objektträgern.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100765_60820750.jpg)

Ich zeige dieses Präparat, weil es das einzige ist mit dem Namen des Erstellers, ein Werner Bandt, von dem wir wohl nicht erfahren werden was aus ihm geworden ist. Ob er den Krieg überlebt hat ?

Versuch einer Auflichtaufnahme mit weißem Papier dahinter LED-Licht (Objektiv "unbekannter Glasbrocken" direkt)
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100765_10622821.jpg)

Mit Zeiss apo 6,3/0,20 Durchlicht; anstatt Kondensor ein Diffusor noch Original-Hallogenlicht ( weißes Papier auf dem Kondensorträger 10 cm entfernt)
gemessene Bildbreite 2,9 mm
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100765_32882480.jpg)

Mit der geplanten Beleuchtung hapert es auch noch. Man möge mir daher die "wie gewohnt miserablen Fotos" nachsehen.

Gruß Lothar
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Lothar Gutjahr am August 13, 2012, 20:11:10 Nachmittag
Lieber Alfons, mit dem 50.er Objektiv noch ein Nachschlag zu oben:

Alle Aufnahmen sind im Durchlicht mit diffusem Licht gemacht. Objektiv B+L U.L.W.D. 50/0.15 bis 0.45 an "UFOMI" mit Sony NEX-5
anstatt eines Kondensors wurde ein Stück weißes Papier auf den Kondensorträger gelegt.
Die Breite eines Bildes ist ziemlich genau 500 µm.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100837_15371187.jpg)


Hier taucht die Frage auf, was das stäbchenförmige etwas ist?
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100837_26238899.jpg)


Diese Aufnahme stammt vom dem zweiten Objektträger "Rind"
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100837_2053075.jpg)

Hier mal von einem zunächst ziemlich nichtssagenden OT "Lunge versilbert"
da sind doch schöne Details versteckt. Wessen Lunge steht leider nicht dabei
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100837_17067226.jpg)

Gruß Lothar
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Holger Adelmann am August 13, 2012, 21:29:22 Nachmittag
Hallo Lothar,
Jetzt wirds mir grad auch zuviel. Deine Beiträge im sehr schönen Thread von Alfons sind weder schön anzuschauen noch in irgendeiner Weise informativ.
An mindestens einem von beiden solltest Du arbeiten, und die von Dir mittlerweile selbstkultivierte "Ausrede" mit den "gewohnt schlechten Bildern" empfinde ich mittlerweile nicht mehr lustig. Arbeite dran oder lass es sein.
Ich frage mich also ernsthaft, was das zwanghaft erscheinende Geposte soll !

Gruss
Holger
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Florian Stellmacher am August 13, 2012, 22:11:15 Nachmittag
Lieber Holger,

vor allem verstehe ich nicht, warum die gelbstichigen und ungleichmäßig ausgeleuchteten Fotos nicht wenigstens nachbearbeitet wurden  ??? Mal davon ab: Was bitte spricht dagegen, mikroskopische Präparate an einem Mikroskop (sowas dürfte sich in Lothars Fundus doch auftreiben lassen) abzulichten?

Herzliche Grüße,
Florian
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Florian Stellmacher am August 13, 2012, 22:14:42 Nachmittag
Lieber Lothar,

das "stäbchenförmige Etwas" ist ein Tierhaar - sofern Du das große geringelte Ding meinst. Die ganzen anderen dunklen und hellen Stäbchen und Punkte, die wie auf das Foto draufbelichtet aussehen, kann ich leider nicht bestimmen...

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100879_28667642.jpg)
Ein bisschen Weißabgleich, Helligkeit und Kontrast, LAB-Farbraum ins Rote, Farbsättigung etwas hoch, Pfeffer und Salz dazu - und: immer noch grauenhaft  ;D

Herzliche Grüße,
Florian
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Lothar Gutjahr am August 13, 2012, 22:48:16 Nachmittag
Ihr solltet euch schämen, mit euren Tiraden den schönen thread von Alfons einzusauen. Mit meinem derzeitigen Warmton, der durch das Herunterregeln des Hallogenlichts entsteht, geht der Informationsgehalt von 70 Jahre alten Präparaten nicht so weit zum Teufel, daß euer Gemeckere gerechtfertigt wäre.

Ich verzichte darauf weitere Präparate davon zu zeigen. Die sind ja nicht von mir sondern von einem uns noch nicht näher bekannten Akteur. Schade , daß einige meinen nur Perfektion im höchsten Grade gelten lassen zu können.

Lothar
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Florian Stellmacher am August 13, 2012, 22:53:16 Nachmittag
Lieber Lothar,

es gibt einen Unterschied zwischen "angemessen" und "lieblos" - Deine Bilder sind leider in keiner Weise bemüht, dem Thema oder dem Rahmen gerecht zu werden.

Du selbst sprichst von Deinen "wie gewohnt miserablen Fotos". Welchen Anspruch hast Du eigentlich an Dein Tun? Im Gespräch bleiben?

Herzliche Grüße,
Florian
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Lothar Gutjahr am August 13, 2012, 23:23:04 Nachmittag
Lieber Alfons,

irgendwie widerstrebt es mir meine Beiträge hier allesamt zu löschen. Ich könnte aber die Objektträger einem der beiden Meckerer ausleihen, wenn diese es unbedingt besser machen wollen und können. Dann kann ich meine Beiträge immer noch löschen und es wäre das Ziel erreicht den unbekannten Mikroskopiker etwas zu würdigen. Was meinst du dazu ?

Gruß Lothar
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Florian Stellmacher am August 13, 2012, 23:36:34 Nachmittag
Lieber Lothar,

vielleicht machst Du Dir, sofern Du Deine Schmollecke verlassen solltest, einmal die Mühe, das zu lesen, was bisher in diesem ganz hevorragenden Thread gezeigt und geschrieben wurde. Vielleicht ist es Dir dann doch möglich, Holger und mich zu verstehen.

Schnitte so zu fotografieren, dass man a) nichts erkennt und b) in keiner Weise zum dargstellten Inhalt Stellung nimmt, passt einfach nicht hier hinein. Dass Du da einen alten Schnitt durch ein Stück tote Katze besitzt, ist in diesem Zusammenhang aus unserer Sicht eben nicht mitteilenswert. Wenn Du hier Bilder zeigen würdest, die mit Deiner Ausrüstung besser nicht hinzubekommen sind, würde sicherlich niemand daran Anstoß nehmen, erst recht nicht, wenn Du zu dem Gezeigten oder dem Ersteller des Präparates Interessantes anzumerken hättest. Ich kann aber in keiner Weise nachvollziehen, dass Du mit größtem technischen Aufwand monströse Apparate zusammensetzt, dafür sogar ein hervorragendes Leitz Metalloplan unwiederbringlich zerstörst (ich gebe es ja zu, das finde ich wirklich übel!), Dich auf hohem Niveau mit der Theorie der digitalen Bildverarbeitung auseinandersetzt, um dann nicht in der Lage zu sein, einen HE-Schnitt halbwegs präsentabel abzulichten. Da bleibst Du weit unter Deinen Möglichkeiten - handwerklich und leider auch intellektuell.

Herzliche Grüße,
Florian
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am August 14, 2012, 00:36:08 Vormittag
Lieber Lothar,

Die sommerliche Hitze beflügelt ja die Diskussionen im Forum ganz ungemein! Was nicht schlecht sein muss, aber auch nicht vom Thema ablenken darf.

Deshalb: Ich habe mich sehr gefreut über Deinen Beitrag, zeigt er doch zwei interessante Präparate. Gelbstich, Dreck auf dem Deckglas - das empfinde ich persönlich keineswegs als tragisch. Wird durch unser Zentrales Nervensystem ebenso schnell korrigiert wie mit Photoshop. Und hier geht es auch nicht um einen Schönheitswettbewerb. Vielmehr würde mich die Geschichte dieser Präparate interessieren: Woher kommen sie? Gewiss aus einem histologischen Kurs, aber von welcher Universität? Sind die Schnitte auf Glimmer (oder Kunststoff-Folien?) aufgezogen (=> Test mit polarisiertem Licht), und welche anderen histologischen Objekte gehören zu der Serie?

Auch in den Heidenhainschen Kursen wurden Präparate der Knochenbildung bei Katzen und der optische Nerv des Auges gezeigt. Es gilt nun, diese Präparate eines ähnlichen Jahrgangs mit Deinen zu vergleichen.

Zum Dreck auf den Präparaten: Ist es denn richtig, die historische Patina der alten Präparate wegzuwischen, damit sie wieder glänzen wie neu? Das würde ich noch bejahen. Aber ganz konkret: Viele der historischen Studenten-Präparate sind ziemlich schlampig eingebettet. Soll / darf ich jetzt den überschüssigen Kanadabalsam entfernen? Was der Student damals eigentlich schon hätte tun sollen! Ich Sinne der Erhaltung eines historischen Objekts versuche ich jedoch auch diese Spuren zu erhalten, ohne dabei päpstlicher als der Past sein zu wollen.

Meine ganz persönliche Meinung, um dies auch mal laut zu sagen: Ich freue mich über die Begeisterung, mit der Du Dich, lieber Lothar, mit geradezu jugendlichem Eifer in die Mikroskopie gestürzt hat. Und wäre der Letzte, der es tadeln wollte, wenn Du Dich bei meinem Thema engagiert! Über technische Unvollkommenheiten sollten wir doch leicht hinwegsehen können und uns auf das Wesentliche konzentrieren.

Ein Forum lebt durch die Zahl der Beiträge und wächst mit deren Qualität. Die Kunst besteht darin, beides zu verbinden.

Herzliche Mikroskopikergrüße,

Alfons

 
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Lothar Gutjahr am August 14, 2012, 10:30:52 Vormittag
Guten Morgen lieber Alfons,

danke für dein Verständnis. Mir war das gestern Abend im Forum zu viel geworden. Ich konnte dann auch nur schwer einschlafen und habe wieder einmal drastisch gespürt,ja sogar gehört, daß ich ein Herz habe. Man hält mir unter Anderem Altersstarrsinn vor. Der ist es dann wohl auch der Grund, warum ich hier überhaupt noch hereinschaue.

Schicke mir bitte eine PN mit deiner Adresse, dann schicke ich dir die Präparate. Ich schenke sie dir. Ich habe sie geschenkt bekommen und wie man ja sieht, sind sie bei mir in falschen Händen und sollten dann auch weitergegeben werden.

Der Schnitt der "versilberten Lunge" liegt auf einem Glimmerplättchen von 11,8 x 12,4 mm Größe. Andere Präparate sind auch ohne Plättchen. Der Schnitt der Niere des Kaninchens, den ich dir als nächstes zeigen wollte, liegt auf einem etwas unförmig zugeschnittenen Plättchen.

Ich wollte eben mit dem 50.er Objektiv eine Schrägaufnahme der Glimmerkante machen und mußte feststellen, daß dann die Durchlichtbeleuchtung fehlt. Die Schwenkbarkeit des Aufnahmeschlittens ist somit mehr für den Auflichtbereich brauchbar. Aber da fällt mir auch noch etwas dazu ein. An eine Mischung aus diffusem Durchlicht und Auflicht dachte ich eben beim Schreiben. Unter der Glasplatte des Mikroskoptisches ein Stück weißes Papier und Licht von oben sollte die Schrägaufnahme ermöglichen.
Es läßt sich mit viel Fummelarbeit machen. Man sieht deutlich die splitternde Schnittkante des Glimmers.

U.L.W.D. Bausch & Lomb 50/ cirka bei 0.35 NA eingestellt unter 15 Grad geneigt an Sony NEX-5 via "UFOMI" :)
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/100927_57413029.jpg)

Glimmerkante unter dem Deckglas eines alten Präparates; etwa 2 mm vor Beginn des aufgelegten Dünnschnittes

Um zu dieser Darstellung zu kommen wurde sowohl PhotoShop Elememnts 8 ( danke nochmals dem Spender ) als auch die Freeware ImageJ mit speziellem Plugin bemüht.

Das war es dann meinerseits zu dem Vermächtnis von Herrn Werner Bandt.

Einen schönen Tag allen

Lothar

Edit: vergessene Worte eingefügt

*
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Peter V. am August 14, 2012, 10:42:49 Vormittag
Hallo Lothar,

Zitat
Man hält mir unter Anderem Altersstarrsinn vor

Ja, das habe ich getan. Und den Beitrag auch direkt wieder gelöscht, wie Du vielleicht bemerkt hast. Weil ich Dich wikrlich nicht ärgern und "aufregen" möchte und es ja ohnehin nichts bringt....
Du solltest wissen, daß ich wirklich nichts gegen Dich habe!!! Aber ich habe Dir (und nicht nur ich) per PN ein paar Tipps gegeben, was manche Leute im Forum so gegen Dich aufbringt. Leider interessiert Dich das alles überhaupt nicht.... Du brüskierst auch Leute, die es gut mir Dir meinen. Schade!

Herzliche Grüße
Peter
 
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Lothar Gutjahr am August 14, 2012, 22:31:05 Nachmittag
Lieber Peter,

dazu hast du von mir auch eine Antwort bekommen und hier wollen wir das nicht vertiefen.

Lothar
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Klaus Herrmann am August 21, 2012, 16:31:30 Nachmittag
Hallo Lothar,

 kaum macht man ein wenig Urlaub schon gehen die Wogen über den Deich. :D

Du hast dir wieder viel Mühe gegeben um was Einfaches umständlich darzustellen, dabei hat Alfons doch den Hinweis gegeben: die Glimmerblättchen der alten Präparate kann man im polarisierten Durchlicht traumhaft schön darstellen. Habe ich im sehenswerten "Technorama" in Wintertur schön  demonstriert gesehen:

Hier kann man eine Hand voll Glimmerblättchen durcheinander schütteln, so dass sie zum Teil übereinander liegen und durch Verdoppelung und Verdreifachung unterschiedliche Interferenzfarben ergeben.

Und am Nasenflügel von Heidenhain hab ich´s extra mal dargestellt (hier allerdings im DIC, damit man das Präparat selbst auch noch sieht, das wäre sonst kaum sichtbar, weil nicht doppelbrechend):

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/101625_39840272.jpg)


(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/101625_22838427.jpg)

Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Lothar Gutjahr am August 21, 2012, 17:06:25 Nachmittag
Grüße dich Klaus,

nur zur Info: die besagten Präparate sind heute Morgen zur Post gebracht worden und werden in den nächsten 2 Tagen bei Alfons sein.

Ja ich habe noch gedacht, gut das Klaus in Urlaub ist. Du hättest es sicher nicht leicht gehabt, dich in meinem sinnlosen "Kampf" gegen die Säulen des Forums und  dazugehörende "Extrem-Trittbrettradler"  zu positionieren. Aber tun wir am besten so als ob nichts gewesen wäre. (REst wieder gelöscht)

Lieben Gruß

Lothar
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am August 23, 2012, 17:31:39 Nachmittag
Lieber Lothar,

Die Schachtel mit den histologischen Präparaten ist hier angekommen und war Anlass großer Freude! Alle Präparate wurden anscheinend vom selben Studenten hergestellt (oder gesammelt), wahrscheinlich im Jahr 1942. Trotzdem unterscheiden sie sich beträchtlich in ihrer Herstellungstechnik: Manche Schnitte sind auf Glimmerplättchen aufgezogen, andere auf Folie, bzw. wurden direkt auf den Objektträger aufgetragen, wie dieser schöne Schnitt durch das 'Gelenk einer Katze', der die embryonale Bildung eines Röhrenknochens zeigt:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/101767_23399799.jpg)

Skan auf einem ganz normalen Büroskanner

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/101767_19867702.jpg)
Ausschnitt aus dem Skan

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/101767_9269417.jpg)
Gelenkfläche aus Epiphysenknorpel, rechts die frisch gebildeten Knochenbälkchen (=> Verknöcherungszone)

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/101767_44501812.jpg)
Ansatz der Sehnen am Knorpel

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/101767_12634974.jpg)
Schnitt durch die Epiphysenfuge: Proliferationszone mit 'Säulenknorpel', sich rasch teilenden Chondrozyten, auf der einen Seite die zum Gelenk gerichtete Verknöcherungszone und auf der Anderen das primäre Knochenmark.

Soweit die ersten Eindrücke zur Knochenbildung. Es gäbe sicher mehr zu beobachten, aber das muss jetzt warten: Am Horizont zieht ein Gewitter auf!

Viel Freude beim Betrachten der Bilder

wünscht

Alfons.
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am August 24, 2012, 14:33:55 Nachmittag
Liebe Freunde historischer histologischer Präparate,

   Damals wie heute üben sich die Studenten beim Beschriften in spartanischer Kürze und verlassen sich auf ihr brillantes Gedächtnis, das allerdings doch versagt, bevor Versäumtes nachgeholt wird. Entsprechend detektivisch ist die Suche nach Herkunft und Bearbeitung des Materials. Auch bei den Präparaten, die mir Lothar zugeschickt hat. Hätte der Student doch nur seinen Kurs und das Institut irgendwo vermerkt, und ein eindeutiges Datum!

   Hier beginnt die detektivische Suche: Wie wurden die Präparate eingebettet und geschnitten? Zum Vergleich drei Präparate:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/101825_29208969.jpg)

Ganz oben ein Querschnitt durch eine Salamanderlarve, aus dem anatomischen Kurs im Wintersemester 1914/15 in Tübingen. Auf Glimmer aufgezogen (Hier im Scan nicht zu erkennen!)

Darunter ein Präparat "Spinalganglion Katze Azan" aus Lothars Sammlung von Werner Bandt, die wir im Jahr 1942 vermuten (s. oben im Faden). Auffällig ist das fast gleiche Etikett, cairca  30 Jahre später. Und: Der Schnitt ist auf 'etwas' aufgezogen, aber es ist kein Glimmerblättchen (siehe unten).

Ganz unter noch ein Weiteres der W. Bandtschen Präparate, die Austrittsstelle des Nervus opiticus im Auge des Rindes. Man erkennt ebenfalls eine 'Platte' um das Präparat. Aber es ist weder Glimmer noch Folie. Bei beiden Präparaten von W. Bandt fallen Kristalle auf, die sich im Umfeld des Präparats im Einschlussmittel entwickelt haben.

Im polarisierten Licht wird die Sache deutlicher (alle bei gleicher Vergrößerung):

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/101825_56717069.jpg)

Glimmer hebt sich deutlich ab und ist am Bruch zu erkennen. Kleine Blättchen spalten sich ab.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/101825_43698461.jpg)

Die hier verwendete Folie ist optisch neutral, aber deutlich erkennbar. Dafür leuchten die Kristalle.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/101825_46806451.jpg)

Hier ist der Umriss (des Celloidinblocks??) nur schemenhaft erkennbar. Deutlich die Kristalle.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/101825_40016303.jpg)

Hier bei stärkerer Vergrößerung die Salamanderlarve. Auf dem Zettel lese ich: Leydig'sche Zellen. Das bezieht sich wohl auf die von Prof. Franz v. Leydig (später Ordinarius für Zoologie in Tübingen) 1857 beschriebenen Schleimzellen in der Fischhaut. Die anderen, nach ihm benannten Zellen befinden sich bekanntlich an wichtigerer Stelle! Klar, dass die Tübinger Studenten beide kennen mussten, auch ein halbes Jahrhundert später - und noch heute!

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/101825_30055707.jpg)

Die Ganglien (unipolare Zellen) in den Spinalnervenbahnen der Katze,

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/101825_24324456.jpg)

Und der 'blinde Fleck' im Auge. Die Stelle, an der die Fasern des optischen Nervs die Retina durchqueren. Der Schnitt liegt leider etwas außerhalb der eigentlichen Austrittsstelle.

Alle drei Präparate sind gut erhalten. Das Einschlussmittel hat sich über fast 100 bzw. 70 Jahre nicht zersetzt und die Bildung von Kristallen beschränkt sich auf die Fläche der Folie bzw. des Einschlussmittels. Um welche Materialien (Einbettmittel, Folie und Schnittblock) es sich dabei handelt, kann man erst dann erraten, wenn man weitere Präparate der selben Serien mit etwas ausführlicherer Beschriftung findet.

Eine kleinen praktischen Nutzwert hat diese ansonsten völlig wertfreie Beschäftigung mit solchen historischen Objekten: Auch unsere heute eingebetteten Präparate werden altern, schneller als uns lieb ist. Vielleicht kann man aus der Erhaltung dieser historischen Präparate doch noch etwas lernen!

Vielleicht hat der Eine oder die Andere der hier Mitlesenden auch eine solche Sammlung von Präparaten, aber aus einer anderen Universität / Institut: Tübingen und Heidenhain sind gewiss nicht der Nabel der Welt, um den sich alles drehen muss!

Ich freue mich auf Ihre/Eure Erfahrungen!

Alfons

p.s. gibt es hier eine Funktion, die Bilder im Beitrag zu drehen? Bei Photobucket gelingt es mal, mal nicht!

Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am August 24, 2012, 15:06:07 Nachmittag
Hier noch ein Blick auf die Haut der Salamanderlarve mit den Leydigschen serösen Schleimzellen sowie einer schönen Mitose, mit Anordnung der Chromosomen in der Metaphasenplatte, also kurz vor der Trennung der Chromosomen:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/101829_57778606.jpg)

Die Schleimzellen besitzen eine mit Schleim gefüllte Vakuole (in der Mitte des Bildes), die sich vermutlich durch die darüber liegende, sehr flache ektodermale Epidermis nach außen hin entleeren müsste. Im Gegensatz zu den Schleimzellen im Dünndarm, die in der Endodermis liegen.

Viel Freude beim Betrachten,

Alfons
Titel: Re: Heidenhain-Präparate aus Tübingen: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: beamish am August 24, 2012, 23:37:00 Nachmittag
Wer findet die Original-Publikation der AZAN-Färbung? (Heidenhain, M. Über die Mallorysche Bindegewebsfärbung mit Karmin und Azokarmin als Vorfarben. Z. w. M. Bd. 32, 361-372, zitiert nach Romeis, 1948, dort aber leider ohne Angabe der Jahreszahl!)

Hallo Alfons,

ich habe ja gar nichts mit Pathologie/Histologie zu tun aber ich lese diesen Beitrag mit wachsender Begeisterung. Vielleicht weil ich ein grundsätzlicher Fan von Forschungsgeschichte bin.
Wenns noch kein anderer gepostet hat (der Thread ist jetzt aus gutem Grund schon so lang), der gesuchte Artikel findet sich in der Zeitschrift für wissenschaftliche Mikroskopie und für mikroskopische Technik 32, 1915 auf den von dir angegeben Seiten. Digital ist das hier erhältlich:
https://ia600305.us.archive.org/19/items/zeitschriftfrw32stut/
Je nach Gusto hier die PDF oder DJVU-Datei per Rechtsklick downloaden.
Wers nicht unbedingt downloaden möchte, kann es hier auch online lesen:
http://archive.org/stream/zeitschriftfrw32stut

Herzlich

Martin

PS: jetzt sehe ichs erst, Michael W hatte es schon gefunden. Na macht nichts, doppelt genäht hält besser!
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am August 25, 2012, 19:09:37 Nachmittag
Vielen Dank an Martin und Michael für den Link zur Originalbeschreibung der AZAN-Färbung!

Man erfährt dort, welche Schwierigkeiten Heidenhain bei der Beschaffung standardisierter Färbe-Reagenzien hatte und wird daran erinnert, dass jede der vielen Variationen seiner Färbungen auch einem ganz bestimmten Zwecke diente: Zur Sichtbarmachung des Bindegewebes in den Lymphknoten etwa, oder der Basallamina der Epithelzellen. Anhand seiner Präparate können wir heute noch diese Resultate sehen und vor allem prüfen, ob sich diese Färbungen über die vielen Jahre erhalten haben, ohne auszubleichen.

Noch ein Nachtrag zu den Leydigschen Schleimzellen und den ebenfalls nach ihm benannten Zwischendrüsenzellen im Hoden: Franz von Leydig hatte noch in Würzburg sein Lehrbuch der Histologie des Menschen und der Thiere (1857) publiziert, kurz bevor er dann nach Tübingen berufen wurde:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/101962_40025019.jpg)

Er gilt als Begründer der vergleichenden Anatomie der Wirbeltiere und auch als einer der Ersten, die sich mit Sorge über das Verschwinden der Reptilien und Amphibien äusserte. In seiner Jugend mikroskopierte er 'eifrig' mit einem sog. Nürnberger Mikroskop, später konnte er sich dann eines von Kellner leisten.

Leider ist weder sein Kellner-Mikroskop erhalten (Timo Mappes möge mich korrigieren!) noch eines der sicher sehr viele Präparate, die er in Würzburg, Tübingen und Bonn hergestellt hat. Oder vielleicht findet sich doch eines in der Sammlung der Zoologie in Würzburg? In Tübingen und Bonn war meine Suche leider erfolglos!

Mit herzlichen Mikroskopikergrüßen,

Alfons
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Holger Adelmann am August 26, 2012, 19:22:52 Nachmittag
Eine wunderschöne Ergänzung, Alfons, vielen Dank für deine Mühe.

es wäre schön, diesen Thread mal irgendwann (etwas aufgeräumt natürlich) als PDF hier im Form abzulegen.
Ist eine tolle Dokumentation, aber warten wir mal ab, es kommt bestimmt noch mehr.

Ich habe keine alten histologischen Präparate, ausser denen die ich als Schüler mit dem Kosmos Arbeitskasten Mikroskopie hergestellt habe.
Die Kernechtrot-Kombi ist zwar etwas gelbstichiger als die original Azan-Färbung, aber die Präparate leuchten nach 40 Jahren noch wie am ersten Tag, Caedax sei Dank.

Vielleicht darf ich davon hier mal was zeigen ?

Herzliche Grüsse
Holger




Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am August 26, 2012, 21:12:46 Nachmittag
Lieber Holger,

   "tolle Dokumentation, aber warten wir mal ab, es kommt bestimmt noch mehr" - Ich sehe schon, einen erfahrenen Forscherfuchs macht man nichts vor! Du hast es erraten! Das ist hier in gewissem Sinn ein Test: Wie viele Leute interessieren sich hierzulande überhaupt für die Wissenschaftsgeschichte der Mikroskopie in allgemeinen und für historische mikroskopische Präparate im speziellen? 

   Es ist nämlich auffällig, dass es im angelsächsischen Sprachraum eine Jahrhunderte alte Tradition des Sammelns 'schöner mikroskopischer Präparate' gab und gibt: Eben die sogenannten viktorianischen Salonpräparate, die man auch heute allenthalben angeboten bekommt.

   Alle Versuche, Ähnliches auch in Deutschland zu etablieren, blieben vergleichsweise wenig erfolgreich: Johannes Möller als Erstem wurde der 'unwissenschaftliche Ansatz' seiner 'nur' schönen Legepräparate vorgeworfen, und promoviert war er dazu hin auch nicht! Der Mikrokosmos in Stuttgart mit den Professoren Migula und Sigmund als Produzenten (haben die denn die Präparate selbst gemacht??)  versuchte diesem Dünkel gerecht zu werden, über mehr als 50 Jahre mit sehr guten Präparaten, aber eher mittelmäßigem Erfolg. Junger in Hamburg wagte mit der 'Mikrothek' - Kunstformen der Natur - einen weiteren Versuch. Aber größte Zahl der professionell hergestellten Präparate ging wohl an die Schulen und diente mehr schlecht als recht dem Unterricht und verstaubte dort. Heute gibt es nur noch ganz wenige professionelle Hersteller mikroskopischer Präparate und 'Salonpräparate' findet man heute so gut wie keine mehr!

   Dabei gab und gibt es in Deutschland (oder im deutschsprachigem Raum) durchaus ebenbürtiges, speziell was die Qualität, teils auch die Quantität betraf. Die Tübinger Heidenhainschen Präparate sind da nur ein Beispiel.

   Ich bin also sehr gespannt, was es denn noch alles an interessanten Präparaten deutscher Hersteller zu entdecken gibt: Die Ältesten, schönsten, für die Wissenschaft wichtigsten etc.

  In lockerer Folge soll hier ein Forum für derartige Funde geschaffen werden. Und dazu ist wirklich Jeder ganz herzlich aufgefordert, hier seine 'Schätze' zu präsentieren. Ohne fürchten zu müssen, nicht ernst genommen zu werden.

  Zusammenfassend werde ich dann versuchen, die vielfältigen Informationen zu Präparaten und Herstellern zu sichten und zu ordnen. Das soll dann der nächste Schritt sein.

 Mit herzlichen Grüßen und der Bitte um rege Beteiligung!

  Alfons


Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Johannes Sobotta
Beitrag von: Alfons Renz am September 09, 2012, 17:06:40 Nachmittag
Liebe Freunde der Histologie,

In mehr als 20 Auflagen publiziert und über 100 Jahre hat sich der "Sobotta" als eines der grundlegenden Werke der Anatomie etabliert:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures007/103071_59487907.jpg)

Als dieses Buch 1902 erschien, war Sobotta gerade 33 Jahre alt (geb. 31. 01. 1869 in Berlin, gestorben am 20. April 1945 in München) und Privatdozent in Würzburg.

Wie bei vielen dieser Klassiker behielten die Bearbeiter der Neuauflagen den -verkaufsträchtigen- Namen bei und ergänzten den Inhalt entsprechend der neuen Erkenntnisse:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures007/103071_23085090.jpg)

In der von Frithjof Hammersen 1979 redigieren Auflage prangt ein Querschnitt durch das Rückenmark auf dem Titel.
Nicht zu Unrecht, denn ein solcher Schnitt findet sich auch schon in den Lithographien der ersten Auflage (Tafel Nr. 13 von 80):

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103071_40749009.jpg)

Was Sobotta selbst gesehen hat, und welcher Schnitt ihm dabei als Vorlage diente, lässt sich noch heute überprüfen: Aus dem Nachlass eines Anatomen erhielt ich folgendes Präparat:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103071_60096668.jpg)

Laut Signatur stammt es aus dem Jahr 1902 - wurde also erst nach Erscheinen des Buchs angefertigt, als S. schon Professor in München war -, ist aber wie dieses 'mit Müller'scher Flüssigkeit fixiert und mit Carminsauren Natron gefärbt und kommt wohl vom selben Paraffinblock.  Laut Tafeltext stammt dieses Präparat von "einem erwachsenen Manne und ist 2 1/2 post mortum konserviert worden".

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103071_48044294.jpg)
Übersicht -Macro

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103071_23659008.jpg)
Vergrößerung Obj.  5x

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103071_30495269.jpg)
Vergrößerung Obj. 10x

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103071_42346484.jpg)
Vergrößerung Obj. 20x.

Das Präparat zeigt einen Querschnitt des menschlichen Rückenmarks in der Gegend der Halsanschwellung. Leider haben sich durch die nötige Kontrastanhebung (mit irview) sehr unschöne Farbverläufe in den Bildern ergeben, die so im Originalbild nicht erkennbar sind. Geräteseitig lässt sich der Helligkeitsverlauf nicht korrigieren: Die fest fixierte LED-Beleuchtung mit räumlich getrennten drei Dioden im Axiolab lässt sich nicht einzeln regulieren. Beim Mikroskopieren merkt man dies überhaupt  nicht, aber nach kräftiger Kontrastanhebung doch sehr deutlich.

Die Abkürzungen in der Zeichnung bedeuten:

bg - Blutgefässe
ca - columna anterior
cma - commissura anterior
X - Stelle des obliterierten Zentralkanals
cp - columna posterior (Hintersäule)
fa - funniculus anterior (Vorderstrang)
fam - fissura mediana anterior
fc - funniculus cuneatus (Keilstrang, Burdach'scher Strang)
fg - funniculus gracilis (Goll'scher Strang)
fl - funniculus lateralis (Seitenstrang)
fr - formati reticularis
pm - pia mater
ra - radix anterior ( vordere, ventrale oder motorische Wurzelfasern)
rp - radix posterior (hintere, dorsale oder sensible Wurzelfasern)
sg - substantia gelatinosa (Rolando)
sp - septum medianum posterius.

Soweit die Beschriftung der Lithographie, die den Stand der Wissenschaft von 1900 dokumentiert.  Auch wenn sich die Interpretation des Gesehenen mit fortschreitender Kenntnis ändern mag, die Fakten bleiben die Gleichen. Umso wichtiger ist es, die originalen Präparate zu konservieren. Und zwar in einem Zustand, der es auch späteren Generationen erlaubt, den Beschreibungen und Schlüssen des Erstbeobachters zu folgen. In der Biologie kommt daher der Konservierung des Urtypus einer Artbeschreibung in den wissenschaftlichen Sammlungen ganz besondere Bedeutung zu.

Diesem Präparat des Rückenmarks steht die Funktion eines Urtypus natürlich nicht zu. Da müsste es schon von Adam persönlich stammen und zur Art-Beschreibung des Homo sapiens gedient haben. Aber es zeigt doch, wie beständig gute Präparate sein können (und sollen!). Die Färbung hat sich offensichtlich ohne zu verblassen erhalten.

Im Gegensatz zu den Heidenhainschen Präparaten ist dieses nicht auf eine Glimmerscheibe aufgezogen. Zerbricht der Objektträger, dann ist es unwiderruflich verloren. Ich lege es daher wieder sorgsam zurück in die Sammlung.

Viel Interesse beim Betrachten!

Alfons


Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am September 11, 2012, 20:33:14 Nachmittag
Liebe Freunde der Histologie,

Um beim Rückenmark und Heidenhain zu bleiben, folgt hier ein mittlerweile 70 Jahre alter Schnitt, gefärbt mit Kresylviolett und aufgezogen auf ein Glimmerblättchen:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103309_7184510.jpg)

Der Kontrast im Makrobereich ist nicht berauschend:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103309_26129482.jpg)

und auch die Zellkerne sind kaum erkennbar (Aufnahme mit einem Wild-Makrozoom). Im Durchlicht fallen einem jedoch sofort riesige Zellen ins Auge:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103309_64675810.jpg)

die sich dann mit dem 10x Objektiv als die typischen Motorneuronen in den 'Hörnern' des Rückenmarks erweisen.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103309_34462528.jpg)

Mit dem 20x Objektiv erkennt man die vielen Nisslschollen in den multipolaren Neuronen, die sich bis in die Dendriten verteilen. Bei den kleinen runden Zellkernen in der Umgebung dieser Zelle handelt es sich Glia-Zellen (glia = Leim), die eine versorgende Funktion haben. Der Zellkern liegt hier nicht in der Schnittebene, aber man erkennt einen Solchen im vorherigen Bild, rechts gegen 16 Uhr.  Der Nucleolus ist scharf begrenzt und liegt zentral in einer Vakuole.

Nachtrag: Hier sieht man dies sehr schön:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103309_3677508.jpg)

Auch bei diesem Präparat ist die Färbung noch gut erhalten und die Einbettung makellos.

Viel Freude beim Betrachten!

Alfons



Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Ronald Schulte am September 11, 2012, 20:45:18 Nachmittag
Alfons,

Sehr beeindruckend das die Cresylechtviolett Färbung so lange hält.
Meine Färbung von dieses Jahr geht dann hoffentlich sicher bis zu 2082 mit.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103312_16560120.jpg)

Grüße Ronald
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am September 11, 2012, 20:58:55 Nachmittag
Lieber Ronald,

Die Färbung Deines Präparats ist doch noch um Einiges kräftiger und frischer, einfach perfekt, herzliche Gratulation!

Zahn der Zeit oder Qualität der Färbung? Da müssen wir jetzt 70 Jahre warten.

Vor allem aber sieht man deutlich die Masse und Struktur des umgebenden Nervengewebes. Ob dies daran liegt, dass Du Plan-Apochromaten von Leitz verwendest? Meine Aufnahmen sind mit Zeiss- Achroplanen entstanden. Ich will es jetzt mal mit den Leitz Plan-Apos vergleichen.

Herzliche Grüße,

Alfons
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Ronald Schulte am September 11, 2012, 21:15:31 Nachmittag
Alfons,

Ich denke das die Färbung in 70 Jahren schon etwas in Färbekraft verringert aber weis es nicht sicher.
Das Nervengewebe ist bei mir aber noch deutlich sichtbar. Meine Leitz Planapo´s sind natürlich Fantastisch aber das sollte eigentlich mit Zeiss auch sein.
Für zwei Wochen her sah ich noch ein Axioplan mit ein 20x Planapo und das war nicht wirklich schlecht.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103324_48230931.jpg)

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103324_31311120.jpg)

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103324_8687536.jpg)

Grüße Ronald
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am September 12, 2012, 09:42:57 Vormittag
Lieber Ronald,

Angeregt durch Deinen schönen früheren Beitrag zu den Nissl-Schollen (https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=11239.0) habe ich nochmals nach den Axonhügeln gesucht, also den Stellen in den Nervenzellen, aus denen der ableitende Nerv, das Axon, entspringt. Dort fehlen die Nissl-Schollen.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103366_52843221.jpg)

Man erkennt diese Region in beiden Zellen jeweils an der rechten Seite, jedoch liegt das Axon nicht in der Schnittebene. Leider waren auch keine besseren Ansichten zu finden. Insgesamt verteilen sich ja nur ca. 60 große Motorneuronen in einem solchen Querschnitt durch das Rückenmark. Und da findet man nur mit viel Glück einen perfekten Anschnitt.

Obwohl dieses Bild wie Deine jetzt am Orthoplan mit dem 40x/0,75 160 mm  PlanApo von Leitz gemacht wurde - mit der Coolpix 995, die anderen Bilder sind am Zeiss Axiolab A1 mit N-Achroplanen und der Canon 1000D entstanden -, zeigt es doch viel weniger Struktur im umgebenden, nicht-gefärbten Gewebe.

Vermutlich liegt das am Brechungsindex des verwendeten Einbettungsmittels. Bei meinem Präparat war es vermutlich Kanadabalsam.

Herzliche Grüße,

Alfons 
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Florian Stellmacher am September 12, 2012, 12:12:07 Nachmittag
Lieber Alfons,

Ronald hat möglicherweise die Aperturblende ein gutes Sück weit geschlossen, sodass nun auch ungefärbte Anteile der Astroglia kontrastreicher abgebildet werden.

Herzliche Grüße,
Florian
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am September 12, 2012, 12:51:59 Nachmittag
Lieber Florian,

Gesagt, getan und die Blende gegen alle inneren Widerstände bis auf ca. 1/4 ihres Durchmessers zugezogen:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103374_9638055.jpg)

Wie zu erwarten, sieht man jetzt zwar mehr an Struktur, aber auch die zu erwartende Beugungsunschärfe und Dreckeffekte.

Ich vermute daher, dass es wirklich am Einbettungsmittel liegt, oder aber an einer nachträglichen Bildbearbeitung, die mehr herausholt, als ich mit den Augen erkennen kann!

Ich will es jetzt noch mit einem 40x Immersionsobjektiv mit höherer Apertur versuchen.

Herzliche Grüße,

Alfons

p.s. Als Praktiker stelle ich andere Anforderungen an die Bildqualität als ein Mikrophotograf, der perfekte Fotos machen möchte: Wenn ich ein Detail nicht erkennen kann, gehe ich gleich zur höheren Vergrößerung oder verwende Phasen- bzw. Interferenzkontrast oder Pol etc. Da reicht es, wenn das Bild an der entscheidenden Stelle die nötige Auflösung hat.   
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Florian Stellmacher am September 12, 2012, 13:24:32 Nachmittag
Lieber Alfons,

was die Praxis anbelangt, so geht es mir ähnlich; bei mir muss es aber in aller Regel das Durchlicht-Hellfeld richten.

Dass wir mit der Qualität unserer Bilder nicht an Ronald herankommen, sollte Dich nicht irritieren, der ist einfach eine Klasse für sich. Die Blende hat er aber trotzdem zugzogen, da bin ich mir ziemlich sicher. Das mache ich bei Präparaten, die eigentlich Phasenobjekte mit nur geringer fokaler Farbintensität sind, z.B sehr schwachen Immunhistochemien, auch so.

Aber sicherlich spielt das Eindeckmedium eine nicht zu unterschätzende Rolle. Apropos: Eigentlich wird Canadabalsam wegen seines zum Sauren neigenden pH-Wertes als für das Eindecken gefärbter Präparate wenig geeignet angesehen. Aber ich besitze noch Präparate von meinem Großvater, die er vor dem ersten Weltkrieg an der Lübecker Präparantenanstalt (mit spitzem "S" - damals übliche Kombination eines Gymnasiums mit einem Lehrerseminar) hergestellt hat; diese sind gefärbt und mit CB eingedeckt. Einige haben Luft gezogen, die Färbungen sind jedoch weitgehend gut erhalten.

Herzliche Grüße,
Florian
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am September 12, 2012, 14:04:15 Nachmittag
Lieber Florian,

'Die besten Mechaniker fahren immer die ältesten Schrottmühlen". Diese Binsenwahrheit bestätigt sich auch bei den praktischen Mikroskopikern.

Mein Anliegen ist hier auch nicht die Präsentation perfekter Bilder - dazu fehlt mir teils die Ausrüstung, vor allem aber die Muse. Dieses Terrain überlasse ich gerne Anderen. Nobody is perfect.

Was mich fasziniert, ist viel mehr der Aufwand, den man sich in vergangenen Zeiten bei der Herstellung mikroskopischer Präparate gemacht hat und die Frage, in wie weit sich dieser rückblickend gelohnt hat. In der Medizin müssen z.B. die Präparate der Diagnostik archiviert werden. Die Uni hat hierfür ein eigenes Lager eingerichtet. Da fährt der Gabelstapler auf der einen Seite die neuen Präparate rein, und nach 5 Jahren auf der anderen Seite wieder raus zur Entsorgung. Das ist ein zeitlich sehr gut überschaubares Unterfangen.

Aber wie ist dies mit Präparaten von Holotypen in den wissenschaftlichen Sammlungen, mit den teuren Kurspräparaten in der Lehre oder mit unseren eigenen Präparaten, die wir einst mit großer Mühe und Begeisterung hergestellt und beschriftet haben? Wenn die Hersteller der Farben und Einbettmittel gerade mal eine gesetzliche Schonfirst von 5 Jahren garantieren?

Die Frage können wir nur rückblickend analysieren, indem wir Sammlungen historischer Präparate ansehen.

Als nächstes möchte ich deshalb hier auch das 'Kabinett des Grauens' öffnen, mit all den verblassten, auskristallisierten oder sonst verdorbenen Präparaten. Mit braun gewordenem oder gesplittertem Einbettmittel - wenn man nur wüsste, welches das Falsche war!

Also: Hier steht das Präparat im Vordergrund und seine Qualität der Erhaltung, weniger die der Mikrofotografien.

Wenn somit die Latte etwas niedriger gehängt wird, werden sich hoffentlich hier noch mehr Besitzer historischer Präparate offenbaren! Das würde mich jedenfalls sehr freuen!

Mit herzlichen Grüßen,

Alfons
 
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Florian Stellmacher am September 12, 2012, 14:17:32 Nachmittag
Lieber Alfons,

das "Kabinett des Grauens" ist eine gute Idee - da hätte ich sicherlich auch etwas beizusteuern (sogar von Möller/Wedel  :-\)!

Herzliche Grüße,
Florian
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Ronald Schulte am September 12, 2012, 14:37:08 Nachmittag
@Alfons und Florian,

Ich habe Normaleweise am Orthoplan die Aperturblende ungefähr halb geschlossen aber es kann durchaus sein das für diese Bilder sie etwas mehr geschlossen habe um den Kontrast zu ersteigern so wie Florian schon gedacht hat.

@Alfons,
Was heißt den auf Hochdeutsch: "die Muse". Bei uns heißt das eine Maus, und der kommt mir so richtig bekannt vor, aber das meinst du hier denke ich nicht.

Grüße Ronald
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Klaus Herrmann am September 12, 2012, 15:37:19 Nachmittag
Ronald,

Zitat
Was heißt den auf Hochdeutsch: "die Muse"

das ist bestes Hochdeutsch!!!

Auf Hoch-Niederländisch:

http://nl.wikipedia.org/wiki/Muzen
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Klaus Herrmann am September 12, 2012, 15:39:52 Nachmittag
Lieber Alfons, lieber Florian

Zitat
das "Kabinett des Grauens" ist eine gute Idee - da hätte ich sicherlich auch etwas beizusteuern (sogar von Möller/Wedel  )!

ich hab sogar was von mir! ;D

Aber da muss man einen neuen Thread aufmachen!

Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Ronald Schulte am September 12, 2012, 15:41:48 Nachmittag
Klaus,

Hmmm, ist ja ein Ding. War mich nicht bekannt.

Grüße Ronald
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: TPL am September 12, 2012, 17:35:26 Nachmittag
Ronald,
Zitat
Was heißt den auf Hochdeutsch: "die Muse"
das ist bestes Hochdeutsch!!!
Auf Hoch-Niederländisch:
http://nl.wikipedia.org/wiki/Muzen

... alles schön und gut, aber gemeint war doch wohl die Muße (de vrije tijd), oder?

Schönen Gruß
Thomas

(der um Histo-/Pathologie-Beiträge sonst einen großen Bogen macht; diesen hier aber mit Begeisterung verfolgt)
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Klaus Herrmann am September 12, 2012, 18:34:53 Nachmittag
Lieber Thomaß,

das du mal wieder Recht haßt mus ich unumwunden zugeben.

So ist das halt in unserer schönen Sprache s, ss, ß ... alleß zu seiner Zeit!  ;)

# Ronald: sorry, dass ich dich auf die falsche Fährte gelockt habe!

de vrije tijd war wirklich gemeint!
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am September 12, 2012, 18:57:48 Nachmittag
Liebe Musenfreunde,

Mögen's auch die Hochdeutschen mit dem Müssen haben, wenn sie an die Muße denken, so tendieren wir Niederdeutschen doch eher zur Muse, der Griechischen Göttin der Wissenschaft und Kunst. Rein gefühlsmäßig.

Die Deutsche Sprache lebt und entwickelt sich auch nach der letzten Reform. Und da fühle ich mich ganz an der Spitze der Revolutionäre, wenn ich die Muse ganz samtweich mit stimmvollem S schreibe und als die Göttin betrachte, die uns so viele erfreuliche Stunden mit Mikroskopie schenkt und nur die Stirne runzelt, wenn wir diese unsinnig verplempern.

Das ists sonst so wie mit Busen und Büßen...

In diesem Sinne, an die Mikroskope!

Herzlichst,

Euer Musensohn.
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Klaus Herrmann am September 12, 2012, 19:02:54 Nachmittag
Lieber Alfons,

Zitat
Das ists sonst so wie mit Busen und Büßen...

den Bussen hast du vergessen! Der in Oberschwaben!  ;)

Das wären doch Aufgaben für Integrationswillige, da wär die Gefahr der Überfremdung gering! ;D
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Lothar Gutjahr am September 12, 2012, 19:22:41 Nachmittag
Lieber Alfons,

da habe ich doch gleich geschaut, wie die Griechen die Mousa schreiben. Deinem und meinem Gefühl nach hatte ich ein Z erwartet, welches man im griechischen als sehr weiches S verwendet. Aber man schreibt es offensichtlich mit dem normalen weichen s.

Gruß Lothar

link zu Wiki; Mousa mit Kithara am Berg Helikon auf einer alten Vase:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103412_56494040.jpg)
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Mila am September 12, 2012, 20:32:49 Nachmittag
Liebe Musensucher,

hier der Link (http://de.wikipedia.org/wiki/Muse_%28Beziehung%29) zur Erklärung des Begriffes "Muse" :)

So Manchem ist der Unterschied zwischen "Muße haben" oder "von der Muse geküsst werden" vielleicht nicht geläufig, kein Wunder, wenn auch der Gruß falsch geschrieben wird (Gruss :() im Gegensatz zum Kuss, der mit Doppel-s geschrieben wird! Auf die Aussprache des Vokals kommt es an: lang oder kurz.

Auch Mikroskopiker können Muse oder Muße haben, oder Muße für die Muse, muss man(n) aber nicht ;)

Gruß und Kuss, mit Muße, das muss ich zwar nicht tun und ich würde mich auch nicht unbedingt als Muse bezeichnen, eher vielleicht als musi(kali)sch begabt (nein, nicht alkalisch oder potassisch), aber mir macht das gerade riesigen Spaß (und keinen rissigen Spass),

Mila

Übrigens muss ich laut Rechtschreibprüfung "Spass" und "Gruss" korrigieren, nur mal so am Rande bemerkt ;)
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am September 12, 2012, 20:38:03 Nachmittag
Ad rem, liebe Mikroskopiker/innen,

und zu einem kleinen Rätsel:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103428_26715616.jpg)

Es stammt aus einem Kasten mikroskopischer Präparate für 'Schülerinnen' - offen bleibt ob für 'Krankenschwestern' oder 'Mädchengymnasium' - und ist ein typisches Beispiel schwäbischer gelehrter Sparsamkeit: Der Diamant, so edel muss es sein, diente zur Beschriftung durch Gravur oben rechts '24'. Diese Nummer ist, ebenso wie das Glimmerblättchen,  typisch für die Kurspräparate der Anatomie in Tübingen und kennzeichnet ein bestimmtes histologisches Präparat / Organ / Färbung. Sie  blieb wohl über all die Jahre gleich. Sapienti sat.

Die drei neuen Nummern auf der linken Seite dienten zum Einordnen in die jeweiligen Kästen und sind auf einer beiliegenden Liste vermerkt, der ich entnehme: 'Mamma, lactierend, Mensch'. In keinem der Kurse für Medizinstudenten habe ich eine solche mamma lactans gesehen. Das Präparat war also speziell für die Schülerinnen ausgewählt worden. Von wem, konnte ich nicht mehr in Erfahrung bringen.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103428_21598449.jpg)
Die Übersicht zeigt die prächtige AZAN-Färbung der drei Gewebetypen: Drüsen- und Fettgewebe sowie ein Milchgang

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103428_13121189.jpg)
Bei stärkerer Vergrößerung (20x) erkennt man die einzelligen, rosa gefärbten Drüsengänge, das tiefblaue Bindegewebe und darüber eine Arterie (links) und Vene (rechts).

In der zoologischen Taxonomie zählt der Mensch zu den Mammaliern, den Säugetieren. Insofern ist die Beschäftigung mit diesem namengebenden Organ durchaus berechtigt. Aber woher haben die Mammalier diese für die Arterhaltung so wichtige Drüse? Die Natur ist sparsam im Erfinden und verwendet lieber Altes neu.

Dazu gehen wir weiter auf die Suche in der Haut,
im nächsten Kapitel.

Alfons
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: TPL am September 12, 2012, 20:45:05 Nachmittag
Mögen's auch die Hochdeutschen mit dem Müssen haben, wenn sie an die Muße denken, so tendieren wir Niederdeutschen doch eher zur Muse, der Griechischen Göttin der Wissenschaft und Kunst. Rein gefühlsmäßig.

Die Deutsche Sprache lebt und entwickelt sich auch nach der letzten Reform. Und da fühle ich mich ganz an der Spitze der Revolutionäre, wenn ich die Muse ganz samtweich mit stimmvollem S schreibe und als die Göttin betrachte, die uns so viele erfreuliche Stunden mit Mikrosopie schenkt und nur die Stirne runzelt, wenn wir diese unsinnig verplempern.

Liebe Musensöhne,
Ausgangspunkt des Missverständnisses war doch der Halbsatz:
Zitat
dazu fehlt mir teils die Ausrüstung, vor allem aber die Muse
der in der niederländischen Sprache (die viele Ähnlichkeiten mit dem Niederdeutschen hat) zu Assoziationen mit Kleinnagern führt. Wir sind uns einig: das war nicht gemeint.

Genausowenig waren aber wohl die Musen gemeint (das waren mehrere!), denn eine fehlende Muse ist keine geläufige Redewendung. Also wohl doch die Muße, die freie Zeit. Und die wurde auch vor den letzten Rechtschreibreformen (und wird auch in der Schweiz oder in Österreich) nicht mit einem weichen 's' geschrieben.

Ich wünsche Euch die Muße zum Mikroskopieren und eine Muse obendrein ;).
Euer Thomas
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Mila am September 12, 2012, 20:56:42 Nachmittag
Ad rem

Und mit Muße zurück zum eigentlichen Thema, denn hier werden wirklich wunderschöne Präparate präsentiert :)

Gruß,
Mila
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am September 12, 2012, 21:47:54 Nachmittag
Liebe Mila, liebe Histolog/innen,

Es freut mich, wenn dieser Exkurs in die histologische Anatomie und vergleichende Anatomie Gefallen findet! Eines der für mich und meine Studenten der organismischen Parasitologie interessantesten Präparate ist immer wieder die Haut:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103443_1097870.jpg)

Diese ist ja die hauchdünne Barriere, die uns von der Außenwelt trennt und schützt. Und dabei so viele Funktionen erfüllen muss, auch solche, an die kein Wirbeltier dachte, als es noch im Meer schwamm und die Fortpflanzung dem Brutkasten des weiten Meeres überlassen konnte.

Wir sehen quer im Bild den Haarbalg, und in diesen mündend die rot gefärbte Talgdrüse.  Könnte sie der Ursprung der Bildung der Milchdrüse sein? Oder eher die eng geknäuelten Gänge der Schweissdrüse, im Bild gegen 9 und 10 Uhr? Die Milch ist zwar fettreich (=> Talgdrüse?), aber die Schweißdrüse ähnelt mehr in Größe und einzelliger Wand des Drüsengangs. Vergleichend morphologisch ist die Milchdrüse aus einer Schweißdrüse entstanden.

Ganz rechts im Bild, und entlang der Haarbalge ins Innere verlaufend, bildet die mehrschichtige Epidermis die äußere Grenze. Sie wird nicht von Kapillaren durchblutet und muss daher von allen blutsaugenden Insekten und Chelizeraten überwunden werden, wenn diese saugen möchten. Wie sie dies tun, und welche Tricks sie dabei anwenden, ist ein eigenes Thema (kommt noch!).

Um sich selbst eine Vorstellung zu machen, wie die Blutmahlzeit einer Schnake funktionieren könnte, möge man sich jetzt eine Mücke in 'Originalgröße' vorstellen, so wie diese auf dieser Haut sitzen könnte.  Das fällt erstaunlich schwer und zeigt, wie unbeholfen wir uns doch in den Dimensionen des Mikrokosmos bewegen.

Viel Phantasie dabei wünscht

Alfons. - Auflösung folgt
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Lothar Gutjahr am September 12, 2012, 22:43:40 Nachmittag
Lieber Alfons,

zu den laktierenden Drüsen mag ich nichts sagen; hat man als Techniker ja nur von außen bewertet. ;D Aber vom Haarbalg her habe ich mal abgeschätzt, daß die Mücke die du vermutlich in einem der nächsten Bilder zeigen wirst, mit ihrer Körperlänge etwa die 5 x fache Bildhöhe einnimmt und auf diesem Bild gerade mal der Kopf Platz hätte. Hast du auch ein schönes Haarbalgfoto mit Milbe ?

Gruß Lothar
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am September 12, 2012, 22:58:10 Nachmittag
Lieber Lothar,

Die Milbe zählt zu meinen Lieblingspräparaten und ist gleich zur Hand:

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103467_34675336.jpg)

Hier drängeln sich gleich drei im Haarbalg eines Nasenflügels.

Herzliche Grüße,

Alfons

Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Lothar Gutjahr am September 12, 2012, 23:19:25 Nachmittag
Vielen Dank Alfons,

ich suche auch immer mal wieder den Inhalt von entzündlichen Talgdrüsen durch, habe es bis jetzt nicht über zwei Tiere gebracht. Der "überfüllte Raum"in deinem Bild ist wohl eine Talgdrüse und die Tiere dann D.brevis ? Man könnte vermuten ein Mädchen und zwei Kerls ? Der Größe nach müßten das ja adulte Tiere sein. (KL etwa 400 µm ) Wie geht da eigentlich der Befall vor sich ? Hautkontakt oder überleben die auch in Hotellbetten ? Jetzt muß ich aber aufhören, bevor ich ein allgemeines Forenjucken auslöse.

Schönen Abend noch

Lothar
Titel: Re: Heidenhain-und andere histo-historische Präparate: Qualität und Erhaltung
Beitrag von: Alfons Renz am September 12, 2012, 23:28:47 Nachmittag
Für alle Schnakengeplagten,

Wie dünn die Epidermis unserer Haut tatsächlich ist, ersieht man leicht, wenn man ein Präparat einer Mücke 'kopfüber' auf einen histologischen Schnitt der Haut legt. Beide Präparate sind ja in Originalgröße und lassen sich bei schwacher Vergrößerung ganz gut in den gemeinsamen Focus bringen.

(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures003/103473_12402637.jpg)

Die Bilder sind nicht gestackt und daher leicht unscharf. Ganz ohne Photoshop, frei von Hand gelegt. Da ist wieder unser Gehirn und unsere Intelligenz gefragt, um diese Bilder zu verstehen. Aber auf die Details kommt es hier auch gar nicht an. Vielmehr auf die Frage: Wie kommen die Mücken an unser Blut?

Links eine Phlebotomus-Mücke, die schon in der Toskana Leishmanien überträgt und für noch viel schlimmere Krankheiten in den Tropen verantwortlich ist (Orientbeute, Kala Azar etc.). Seit ein paar Jahren findet man sie auch schon am Oberrhein. Sie hat vergleichsweise winzige Mundwerkzeuge und muss sich gewiss anstrengen, um durch die Epidermis zu bohren.

Die Schnake (Culex) in der Mitte hat da einen vergleichsweise riesigen Stechrüssel, mit welchem sie ganz gezielt Kapillaren anbohrt. Wie schnell sie bei Bedrohung diesen Saugrüssel wieder zurückziehen kann, haben wir schon alle erlebt. Übertragen werden Viren, Protozoen (Plasmodien der Vögel etc.) und Fadenwürmer.

Rechts eine Kriebelmücke (Simulium), die in den Tropen die Flußblindheit (Onchocerca volvulvus) überträgt. Sie hat keine langen Stechborsten, mit denen sie die Epidermis durchbohren könnte. Statt dessen spannt sie die Haut zwischen Ober- und Unterlippe, schneidet sie mit den messerförmigen Mandibeln an und saugt das aus den durchtrennten Kapillaren austretende Blut auf ("Poolfeeder"). Sie ist bei der mehrere Minuten andauernden Blutmahlzeit so in ihr Geschäft vertieft, dass sie sich nicht mehr verscheuchen lässt. Sie kann deshalb sehr leicht gefangen werden.

Die blutführenden Kapillaren liegen gleich unter der leuchtend roten Schicht der Epidermis.

So interessant dies auch ist, wir schätzen es aus guten Gründen nicht, wenn uns das Blut abgezapft wird. Insbesondere dann, wenn dabei auch noch Krankheitserreger übertragen werden.

Herzliche Grüße,

Alfons