entomologische Zeichenkünstler

Begonnen von Jürgen H., Juli 02, 2011, 23:18:04 NACHMITTAGS

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Jürgen H.

Ein von mir tief bewunderter Zeichenkünstler auf dem Gebiet der Entomologie ist Boris Jobling.

Boris Jobling ist am 26. 12. 1893 in Gorbatka/Russland geboren. Sein Großvater John Jobling lebte ursprünglich in Newcastle, emigrierte aber später nach Russland.

Sein Vater wurde daher wie Boris selbst in Russland geboren. Seine Mutter war eine Russin.

Boris Jobling studierte zwischen 1915 und 1919 an der Shaniavsky Universität, Moskau, Entomologie und Protozoologie. Diese Universität ist von Alfons Shaniavsky als private Universität gegründet worden. Sie nahm Studenten der Moskauer Imperial Universität auf, die wegen einer Beteiligung an einer antizaristischen Revolte religiert worden waren.

Nach seinem Studium unterrichtete Jobling an der Schule, die er besucht hatte und war Assistent an einer Biologischen Station. Nach einem Gefängnisaufenthalt aus politischen Gründen verließ er 1920 Russland über die finnische Grenze und gelangte nach England. Merkwürdiges Wechselspiel: Sein Großvater war aus politischen Gründen nach Russland emigriert.

Jobling arbeitete für den Entomologen Hoare, für den Protozoologen Wenyon und für das Bureau of Scientific Research ein Instituit, das sich mit Tropenmedizin und Parasitologie beschäftigte, später für verschiedene weitere entomologische Institute.

Boris Jobling verstarb am 26. April 1986.

Sein Zeichentalent hatte er bereits, neben der Beschäftigung mit den Naturwissenschaften, zu Schulzeiten geübt. Er hat uns mannigfache detaillierte entomologische Zeichnungen – und auch protozoologische Zeichnungen hinterlassen; letztere kenne ich leider überhaupt nicht.

Als Beispiel für seine Zeichenkunst füge ich ein Bild aus dem Buch Anatomical drawings of biting flies, veröffentlicht vom British Museum, Wellcome Trust 1987 bei. Mit dem Buch wurden einige Zeichnungen von Jobling zugänglich, die bis dahin nicht veröffentlicht waren.  Ausweislich Jobling´s Paraffe ist die Zeichnung 1941 entstanden.  Aus diesem Buch stammen im Wesentlichen auch die vorstehenden Angaben zur Person Jobling´s. Außerdem ist im Buch ein Photo Jobling´s enthalten, das ihn bei der Arbeit zeigt: Das rechte Auge am Mikroskop, mit dem linken gleichzeitig die federzeichnende linke Hand beobachtend; ohne Zeichenspiegel, wie es früher häufig geübt wurde.

Die Zeichnung zeigt den Kopf einer Kriebelmücke im Sagittalschnitt. Der Nahrungsgang mit der Ciberalpumpe (cb.pmp) der Pharynxpumpe (ph.pmp) und der zugehörigen Muskulatur, der Speicheldrüsengang (cm.sl.d), das Oberschlund und Unterschlundganglion sowie das kleine Frontalganglion (vor dem Oberschlundganglion) mit seiner neuronalen Anbindung sind in ihrer Lage in dieser Übersichtszeichnung gut zu erkennen. Ich vermute: Es handelt sich nicht um die Zeichnung eines einzigen Präparates, sondern um eine zeichnerische Zusammenschau einiger verschiedener Präparate. Es wäre ein ausgesprochener Glücksfall, bei so einem kleinen Tierchen alle Organe so wohlgeordnet nebeneinander zu finden. Im gleichen Buch findet sich neben solchen Übersichtszeichnungen eine Fülle von minutiösen Detailzeichnungen einzelner Organe.

Viel Spaß beim Anschauen!

Jürgen







Jürgen H.

Liebe Mitmikroskopiker,

und hier noch ein Detailbild der Simulium (Wilhelmia) sp von Jobling:

oe         Oesophagus
d.cr       Kropfgang
mid-g     Mitteldarm
stom.inv Valvula cardiaca

Gut erkennbar ist die Funktion der Valvula cardiaca: Ein Ventilsystem, dass den Rückfluss der Nahrung in den Oesophagus verhindert. Ebenso gut erkennbar ist der unterschiedliche histologische Befund von Kropf und Mitteldarm: Hier große Zellen mit großem Zellkern, die gleichzeitig der Sekretion und Resorption dienen, die Zellen mit einem oberflächenvergrößernden Rhabdorium versehen. Dort ein dünnwandiges Häutchen, im inneren mit einer hauchdünnen chitinösen Schicht belegt: Der Kropf dient nur als sicherer, dichter, vorläufiger Aufbewahrungsbehälter, der sich bei Simulium bis tief in das Abdomen erstreckt und bei der Blutmahlzeit groß anschwillt.

Viel Freude beim Anschauen wünscht Jürgen

Florian Stellmacher

Lieber Jürgen,

vielen Dank, dass Du uns diese wunderbaren Zeichnungen zeigst! Mir gefällt besonders Jobling's künstlerische "Handschrift", z.B. wie er das Cytoplasma schraffiert oder die Chomozentren hervorhebt.

ZitatEs handelt sich nicht um die Zeichnung eines einzigen Präparates, sondern um eine zeichnerische Zusammenschau einiger verschiedener Präparate.

So wird es sein, und genau hier liegt ja nach wie vor der Vorteil einer guten anatomischen Zeichnung gegenüber einem (oder mehreren) Foto(s)!

Herzliche Grüße,
Florian
Vorwiegende Arbeitsmikroskope:
Zeiss Axioskop 2
Olympus BHS (DL, Pol, Multidiskussionseinrichtung)
Zeiss Axiophot (DIK und AL-Fluoreszenz)
Zeiss Axiovert (Fluoreszenz)
Wild M400 Fotomakroskop (DL, DF, AL, Pol)

Jürgen H.

Liebe Mitmikroskopiker,

eben stoße ich bei meiner abendlichen Lektüre auf folgende Zeichnung:




Das ist doch etwas für Techniker, oder? Das ist die Erfindung der Kolbenpumpe mit zwei Ventilen! Ich hoffe, dass ich dieses Wunderwerk der Technik, Entschuldigung, der Natur! einmal in einem meiner Schnitte finde.

Hermann Weber, geboren  21. November 1899 in Bretten; gestorben 18. November 1956 in Tübingen, hat mein Lieblingslehrbuch zur Entomologie geschrieben. Lieblingslehrbuch schon deshalb, weil es eine Vielzahl von hervorragenden  Zeichnungen von ihm und von anderen Zeichenkünstlern enthält, die die Morphologie wunderbar anschaulich machen.

Die gezeigte Zeichnung ist vielleicht aus verschiedensten Gründen nicht repräsentabel für ihn. Ich habe sie dennoch, nachdem ich heute auf sie gestoßen bin,  gewählt, weil sie jedem technisch Interessierten sofort einleuchtend machen wird, wie so eine Speichelpumpe funktioniert, die z.B. den Speichel der Mücke aus dem paarigen Speicheldrüsen über den Speichelgang in uns injizieren könnte.

Schöne Grüße

Jürgen

Lothar Gutjahr

Hallo Jürgen,

das ist ja hochinteressant. danke für das Zeigen. Darf man vermuten diesen Mechanismus bei den Spinnen wiederzufinden ? Die werkeln ja auch kräftig mit Gift und mit zersetzenden Sekreten. Sozusagen wie Wolfgang es nennen würde ein Wiederholteil ?

Gruß Lothar

Jürgen H.

Lieber Lothar,

bei Wanzen jedenfalls gibt es die Speichelpumpen auch. Bei Spinnen? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Denkbar wäre ja auch, dass das Gift schlicht durch eine muskuläre Kontraktion des Aufbewahrungsortes appliziert wird.

Schöne Grüße

Jürgen

Jürgen H.

#6
Liebe Mitmikroskopiker,

Zum Schluss für heute möchte ich noch einen Mann vorstellen, der eigentlich alles konnte: Ein Chemiker, ein Geologe, ein Paläontologe, ein technischer Erfinder, ein Fabrikleiter und eben auch ein bedeutender Entomologe war er: Charles Janet.

Er hat bereits im 19. Jahrhundert wunderbare entomologische Präparate gefertigt, bei denen man sich heute zu Recht fragt, wie er sie mit seinen damaligen Mitteln zustande gebracht hat. Hierzu und für einige Zeichnungen verweise ich auf diesen Artikel:


http://bio.kuleuven.be/ento/pdfs/billen_wilson_2008_asd_janet.pdf

Mir geht es aber hier um eine besondere Funktion einer bestimmten Zeichnung: Sie ist ein Versuch, die besondere Untergliederung der Insekten in Metameren an Hand der Ameise darzustellen.

Die Metameren sind nach Janet unter anderem definiert als Körperabschnitte, die aus zwei symetrischen Hälften geformt sind, die jeweils aufeinander folgen, dem gleichen morphologischen Grundplan unterliegen, und ein paariges Nervenzentrum besitzen, das alle der Metamere zugehörigen Körperpartien innerviert und das zu einer prinzipiellen physiologischen Unabhängigkeit der Metameren führt. Hier zeigt sich die Abstammung der Insekten von den Ringelwürmern, von denen wir das Strickleitersystem im Kopf haben.

Diese Metameren gliedert Janet nun in Triaden, Dreierpäckchen, was beim Thorax ausgesprochen leicht fällt. Die Untergliederung in Prothorax Mesothorax und Metathorax mit drei paarigen Ganglienknoten, die drei Beinpaare innervieren, ist augenfällig. Weniger offensichtlich ist die entsprechende Untergliederung des Kopfes. Janet schlägt - 1909 - in sur la morphologie de l´insecte folgende Untergliederung vor:



Wundert es einen da, das derselbe Charles Janet auch einen bedeutenden Beitrag zur Periodentafel der chemischen Elemente geleistet hat?

Schöne Grüße

Jürgen

P.S. Damit die Metameren zumindest, was den Thorax angeht, etwas sinnfälliger werden, hier ein Beispiel auf die Schnelle von dem Insekt, das ich gerade präpariere: Eine Simulide:



Von oben nach unten jeweils in der Mitte das Prothorax-, Mesothorax- und Metathoraxganglion. Den prinzipiellen paarigen Aufbau der Ganglien kann man - meine ich - an den jeweils paarigen neuronalen Verbindungssträngen zwischen den Ganglienknoten hier noch gut erkennen. Das Insekt würde mit den durch die innervierten sechs Beinen im Bild nach oben laufen. Rechts und links neben den Ganglien Flugmuskulatur.

alferillu

Hallo Jürgen,

ohne darauf Bezug zu nehmen sind Deine Ausführungen genau die Antwort auf eine Frage, die ich im Mikroskopie-Forum gestellt hatte.
Ich freue mich sehr über Deine Hinweise zu den drei Künstlern.

An Charles Janet bin ich wohl vor ein paar Jahren schon haarscharf vorbeigeschrammt, als mich spiralige Periodensystem-Entwürfe darauf brachten zu untersuchen, was passiert, wenn man die Elemente in einer natürlichen Wachstumsspirale anordnet...
Nach einiger Recherche habe ich "Le Volvox" einsehen können, worin einige wirklich bemerkenswert übersichtlich organisierte Illustrationen zu finden sind (Seite 85!).
Antiquarisch gibt es so einige Werke von ihm, wobei ich nun blind - oder halbblind nach Anzahl Tafeln/Figuren - ein, zwei auswählen könnte.
Oder weißt Du ein Buch, das besonders interessant ist.

Wie es so ist, findet man bei der Suche nach bestimmten Worten ganz neue Spuren. "sur la morphologie de l'insecte" förderte diese Abhandlung über die Bewegungsmechanik von Ameisenfühlern hervor, mit sehr anschaulich aufbereiteten, leider durch die Computer-Rasterfonds ästhetisch entwerteten Illus: http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0020732299000112

Auch dem Tipp Hermann Weber werde ich in den nächsten Tagen nachgehen. Stammt Dein Beispiel aus "Grundriß der Insektenkunde"?

Schöne Grüße,
      Uwe Alfer

Jürgen H.

Lieber Uwe,

Zitatohne darauf Bezug zu nehmen sind Deine Ausführungen genau die Antwort auf eine Frage, die ich im Mikroskopie-Forum gestellt hatte.

Entschuldige bitte, Deinen Beitrag hatte ich verpasst; schön dass Du trotzdem hier teilweise Antwort gefunden hast, das ist schon eine eigenartige Koinzidenz. Ich plante seit längerem, über den einen oder anderen Zeichenkünstler etwas zu schreiben, weil ich selbst gerne am Mikroskop zeichne.

Zitat
An Charles Janet bin ich wohl vor ein paar Jahren schon haarscharf vorbeigeschrammt,

Ich bin auf ihn bei der Suche nach alten Einbettungsrezepten der Paraffintechnik gestoßen....

Zitat
Oder weißt Du ein Buch, das besonders interessant ist.

Leider nein. Das Buch aus dem ich zitiert habe, ist sparsam mit Zeichnungen. Es ergibt sich aber aus dem Anhang des Büchleins von 2009 eine beeindruckende Zahl von Beiträgen von ihm : 26. Und nach 1909 dürfte er noch einiges veröffentlicht haben.

ZitatWie es so ist, findet man bei der Suche nach bestimmten Worten ganz neue Spuren. "sur la morphologie de l'insecte" förderte diese Abhandlung über die Bewegungsmechanik von Ameisenfühlern hervor, mit sehr anschaulich aufbereiteten, leider durch die Computer-Rasterfonds ästhetisch entwerteten Illus: http://www.sciencedirect....cle/pii/S0020732299000112
Aber eine schöne, sehr abstrakt und modern anmutende technisierende Darstellung!

ZitatAuch dem Tipp Hermann Weber werde ich in den nächsten Tagen nachgehen. Stammt Dein Beispiel aus "Grundriß der Insektenkunde"?

Nein, sie stammt aus dem doch umfangreicheren "Lehrbuch der Entomologie" von 1933.

Wenn Du schöne Zeichnungen auch und gerade von anderen Zeichenkünstlern findest, würde ich mich sehr freuen, wenn Du sie hier posten würdest. Das gilt natürlich auch für alle anderen Mitleser!

Schöne Grüße

Jürgen

Jürgen H.

Liebe Mitmikroskopiker

Hierzu braucht es keine Worte:



Schöne Grüße

Jürgen

alferillu

Hallo Jürgen,
hallo Freunde der Illustrationskunst,

dann werde ich mal diesen Thread nutzen und gelegentlich Grafiker und deren Arbeiten posten.

Bisher beschränkt sich mein mikroskopischer Horizont auf ein Zeiss SM XX. Diese Auflösungsdimension gilt auch für mir bekannte Zeichnungen und Zeichenstile.
Aus dem gerade neu dazugekommenen Junior habe ich erstmal das 100er und 40er Objektiv rausgedreht und dafür Zwischenstufen im unteren Bereich eingefügt. Für die Anwendung höherer Auflösungen als 200fach suche ich noch nach Anregungen. Und nach zeichnerischen Umsetzungen des Gesehenen (http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=14487.0).

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Eine Gänsehaut bekomme ich bei den Illustrationen von Cornelia Hesse-Honegger.
Wie mit feinsten Duktus-Änderungen der Bleistiftlinien die Dimensionen ausgelotet werden. Eine sezierende Analyse der Form.
Die Aesthetik, die entsteht, wenn bei vielen Farb-Illustrationen das Gerüst nicht völlig übermalt wird.
(So habe ich das seinerzeit bei Professor Borkam in Trier gelernt, aber nie in solcher Perfektion beherrscht...)

Gänsehaut natürlich auch angesichts der Sujets: von Strahlung und Gift geschädigte Wanzen.

Ich habe als Sprungpunkt auf ihre Website eine Illu ausgewählt, die besonders viel Bleistift-Untergrund zeigt.
http://www.wissenskunst.ch/de/biographie/35/
Etwas herumblättern lohnt sich!

Schöne Grüße

alferillu

Hallo,

beim Stöbern in Kurt Stübers biolib.de habe ich gerade folgendes gefunden:

Johann Frantz Griendl von Ach
Micrographia Nova (1687)
http://caliban.mpipz.mpg.de/ach/micrographia_nova/index.html

Dieses fabelhafte "Ein klein Würmlein auf der Hand gefangen"...

...könnte ebensogut eine Fregatte in die Tiefe einer Seekarte reißen.
Entsprechend kurios auch die Berechnung einer "millionenfachen Vergrößerung" des selbst konstruierten Mikroskops.

Fliegen und Flöhe hat er allerdings schon recht fein beobachtet und gezeichnet.

Viel Spaß,

     Uwe Alfer

A. Büschlen

Ich möchte auf Walter Linsenmaier hinweisen. Dazu: www.bilderatelier-linsenmaier.ch/


Gruss Arnold Büschlen
Schwerpunkt z.Z.:
- Laub- und Lebermoose.
- Ascomyceten als Bryoparasiten.