Neues vom Fließgewässer: Henoceros & Co

Begonnen von Michael Plewka, September 20, 2021, 19:55:07 NACHMITTAGS

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Michael Plewka

Hallo zusammen,
Wie schon an anderer Stelle auch hier im Forum angedeutet, werden Fließgewässer von "Tümplern" unter mikroskopischen Gesichtspunkten wohl seltener untersucht, was nicht nur an dem Begriff ,,Tümpler" selber liegen mag, sondern u.a. auch deshalb, weil es vielfach deutlich bequemer und ungefährlicher ist, Proben vom Rand eines stehenden Gewässers  zu nehmen als aus Bächen mit rutschigen Steinen..

Dabei lassen sich selbst in kleinen Rinnsalen Organismen finden, die noch nicht so gut untersucht sind bzw. überhaupt noch nicht bekannt sind, wie das Beispiel hier
https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=41582.0
(Bdelloid 20) zeigt.

Das Rädertier Henoceros falcatus ist ein weiteres Beispiel.  Von Donner in seinem Buch (1965) als ,,selten" eingestuft, ist es im Mikrokosmos 1984 zum ersten Mal in Deutschland (in einer UV-Kläranlage) gefunden worden. Weitere Funde aus Deutschland sind mir  nicht bekannt. Hier eine Seitenansicht:



Henoceros ist ein sehr ungewöhnliches Rädertier.  Es gehört zu einer Familie der Bdelloidea: Philodinavidae, deren Arten weitgehend  durch eine reduzierte Korona  charakterisiert sind (von daher sind sie eigentlich gar keine ,,Räder"tiere).
1998 ist die Morphologie ziemlich ausführlich in einer italienischen Arbeit beschrieben, wobei die untersuchten Tiere selbst wohl von einer Biologin aus Deutschland stammen.
Auffällig sind dabei die vier großen Zehen; die sonst üblichen 2 Sporen fehlen, stattdessen ist ein großer Fortsatz vorhanden (s. Pfeil).  Das Bild hier  zeigt ein Viech  von der Bauchseite gesehen,  wo diese typischen Merkmale (incl. der reduzierten Korona)  zu sehen sind:




Der Fundort wird von Donner (basierend auf dem Fundort des Erstbeschreibers (Milne 1916) )  als "klare Gebirgsbäche" angegeben (zu denen ich persönlich leider sehr selten hinkomme). Der Fundort (UV-Kläranlage)  im Mikrokosmos-Bericht von Bendt (1984) widerspricht dem allerdings.

Obwohl ich schon einige Jahre mikroskopiere, habe ich diese Art noch lebendig gesehen. Umso freudiger überrascht war ich deshalb, als in nun innerhalb eines Monats diese Art an drei verschiedenen Orten gefunden habe: 2mal in der Bretagne, wobei die Probenstellen in Bächen waren, die ca. 30km Luftlinie auseinanderliegen und keine Verbindung miteinander haben.     Die Fundorte in der Bretagne liegen  schätzungsweise 3-10m über NN.

Der 3. Fundort ist nun vom Wochenende   hier im Ruhrgebiet: der  Felderbach, an einer Probenstelle, welche mit ca 20cm x 20cm  ziemlich klein ist ist. Ich habe genau diesen Fleck in diesem Jahr schon mehrfach untersucht, dabei auch eine andere Rädertierart gefunden, die ebenfalls in der Literatur noch nicht beschrieben ist:




mehr dazu  hier:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Bdelloid_15.html


Aber Henoceros hatte ich dort bisher auch noch nicht entdeckt, und nun gleich in mehreren Exemplaren! Weitere Bilder hier:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Henoceros%20falcatus.html


Zurück in die Bretagne:  Die beiden o.a. Bäche sind auch sonst ein interessanter Fundort für Rädertiere. An dieser Stelle möchte ich zunächst zwei weitere bdelloide Formen vorstellen.

Neben H. falcatus fand sich dort eine Embata-Art ,  die ebenfalls typisch für  Fließgewässer ist:   Embata hamata (,,Haken-Embata" ) zeichnet sich durch die häufig im rechten Winkel abstehenden Sporen sowie durch ,,ohrmuschelförmig"  verbiegbare Räderscheiben aus:



Weitere Bilder hier:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Embata%20hamata.html


Noch eine Bemerkung zu den Aufnahmen. Hier im Forum wird ja häufig darüber diskutiert, wie man die letzten Nanometer der Auflösung mit DIK, Laser und / oder anderen Tricks aus  Super-Hyper-Planapo-Objektiven  herauskitzeln kann. Das ist sicherlich eine spannendes Thema. Für einen biologisch interessierten Tümpler stellen sich in der Praxis aber teilweise ganz andere Herausforderungen.  Bei den bdelloiden Rädertieren ist in mehr als 90% aller Fälle eine Bestimmung ohne mehrere detaillierte Fotos des rädernden Kopfs nicht möglich (das trifft auch leider auf viele  der hier im Forum gezeigten Funde zu). Will man wissen, was man da gefunden hat, braucht man also genau solche Fotos.

Wie auch hier im Forum schon mal angesprochen worden, zeigen aber manche Rädertiere ihre Räderscheiben / Korona nur ganz selten bzw.  definitv nicht, wenn das Deckglas zu dicht auf dem OT liegt. (Genauer scheint es so zu sein, dass wenn das Rädertier gleichzeitig mit dem Fuß und den Räderscheiben mit eine Festkörper (i.e. Deckglas und Objektträger) in Kontakt gerät, die Räderscheiben eingezogen werden, und das Viech geht in den Kriechmodus über, welcher über Tage andauern kann).


Deshalb ist meine Vorgehensweise so, dass ich zuächst, sozusagen vorsichtshalber, die isolierten Viecher in einem Tropfen auf dem OT ohne DG mikroskopiere. Dieser Tropfen hat  demzufolge natürlich keine ebene Oberfläche, sondern ist kalottenförmig und somit eine bestimmte Höhe. Allein diese Höhe macht  den Einsatz von hochauflösenden Luft-Objektiven, die einem geringen Arbeitsabstand haben wie beispielsweise  ein Planapo 20x/ 0,8 aufwärts  unmöglich.  So bleibt unter diesen Umständen der Einsatz von Wasser-Immersionsobjektiven (mit geringerer Apertur als Öl-Objektive), wobei bei diesen aber wieder die Gefahr des beidseitigen Kontakts des Rädertiers  entsteht, und auch das Verfolgen der Viecher ist wegen der entstehenden Wasserströmung nicht ganz einfach.

Deshalb habe ich von der Korona mancher Viecher nur mittels eines LD -Objektivs mit entsprechend großem Arbeitsabstand Aufnahmen machen können, wobei diese natürlich leider nur ca. die Hälfte der theoretische Auflösung eines Wasserimmersionsobjektivs haben.  Hinzu kommen dann noch andere Fehler, vor allem die gebogene Wasseroberfläche macht das Bild extrem schlecht.  Aber wie gesagt, in manchen Fällen war/  ist das die einzige Gelegenheit, überhaupt Aufnahmen zu machen.  So auch bei der obigen Embata-Aufnahme.

In einem nächsten Schritt kann man dann probieren, die Viecher in einem modifizierten Verfahren des Mikroaquariums zu beobachten. Hierzu wird auf den Wassertropfen ein Deckglas aufgelegt, das lediglich an zwei Seiten  (statt allen vieren) mit Vaseline bestrichen ist.  Auch durch diese 2 Vaseline-Schichten wird das Deckglas auf einer Distanz zum OT gehalten, aber es besteht weitaus besser handhabbar die Möglichkeit, das Viech zwecks Kauerpräparation unter dem DG an den 2 freien Seiten  hervorzuspülen und zwecks Kauerpräparation auf ein anderen OT zu übetragen oder das DG zu wechseln.

Aber auch bei diesem Schritt ist der Verwendung von Objektiven mit geringem Arbeitsabstand nicht oder nur eingeschränkt möglich.


Im Bach des Bot. Gartens Brest fand ich ein weiteres  (mir)  rätselhaftes  bdelloides Rädertier:




Die 2 Augenflecke auf dem Gehirn sprechen für eine Philodina, auffällig ist jedoch der beim Rädern vorgestreckte Rüssel, der bei keiner bekannten Philodina zu finden ist, aber bei manchen Rotaria-Arten wie z.B. hier :
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Rotaria%20macrura.html

Hier kommt noch ein weiterer Aspekt der Rädertiere in Fließgewässern hinzu: einige dieser Arten habe sich an Wirte aus dem Makrozoobenthos wie z.B. die Wasserassel (Asellus aquaticus) angepasst, wo sie zwischen den Kiemen als Kommensalen/ Parasiten leben. Es scheint so, als wenn sich die Rädertiere manchmal von ihrem Wirt ablösen und dann auch ohne diesen gefunden werden können (was dann die Bestimmung erschwert). So habe ich beispielsweise auch Rotaria socialis siehe hier:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Rotaria%20socialis.html
sowohl mit, als auch ohne Asellus gefunden.

Western  hat (1892/93 )  eine Embata-Art beschrieben, die er auf dieser Wasserassel gefunden hat. Er  beschreibt diese Form als ,,auf den ersten Blick einer Rotaria  macrura ähnlich", was vor allem an der vorgestreckten Orientierung  des Rüssels liegen mag. Wahrscheinlich wegen der Augenflecke  hat er diese Art damals Philodina commensalis genannt (Bryce hat dann 1910 die neue Gattung  ,,Embata" etabliert.)

Die Art E. commensalis findet man auch im Buch von Donner. Interessant ist dabei, dass die Beschreibung im Text als auch seine Zeichnung dieser Art auf dem Buch von Bartos (1951) basieren, dessen Zeichnung aber in wesentlichen Merkmalen gravierend von  der Original-Zeichnung von Western abweicht (Leider ist der Bartos-Text auf tschechisch, da habe ich noch keine Möglichkeit der Übersetzung gefunden))

Genauso wie bei vielen anderen bdelloiden Formen scheinen auch hier Fotos von lebendigen Viechern dieser Embata-Art nicht zu existieren, so dass kein Vergleich möglich ist.  Der hier gezeigte Fund lässt sich also mit dem Buch von Donner wegen der m.E. irreführenden Darstellung überhaupt nicht bestimmen, obwohl die Art dort aufgeführt ist; der Fund   stimmt aber mit der Orignial-Beschreibung der Art   Embata commensalis von Western weitgehend überein.
weitere  Bilder hier:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Embata%20commensalis.html


Beste Grüße
Michael Plewka






















Bernd

Hallo Michael,

vielen Dank für diesen wieder einmal außergewöhnlichen Beitrag, zu dem ich folgendes anmerken möchte:

- Nicht nur bei den Rädertieren, sondern bei (fast) allen Wasserorganismen finden sich in der zusammenfassenden Literatur sehr häufig Abbildungen, bei denen die Orginalzeichnung mindestens ein-, manchmal sogar zum wiederholten Male abgezeichnet wurde. In der Regel wurde die Abbildung dabei weder präziser noch besser, manchmal aber fast bis zur Unkenntlichkeit verändert.

- Bäche werden sicher viel zu selten beprobt. Ich finde das auch schwierig. Kratze ich Beläge von Steinen ab, ist oft außer Dreck wenig zu finden. Im fließenden Wasser ist auch fast nichts drin. Die ruhigen Zonen sind oft schwer zu finden und/oder zu erreichen.

- Ich bin immer wieder erstaunt, welche Exoten du findest. Dabei ist das Finden wahrscheinlich noch der einfachere Teil. Der ganz entscheidende Punkt ist, daß du als absoluter Spezialist nicht nur findest, sondern auch erkennst, daß es sich um einen besonderen Fund handelt. Und daß du deinen Fund auch höchsten Ansprüchen genügend dokumentieren kannst. Ich, und wahrscheinlich auch die meisten Anderen, wäre zu beidem nicht in der Lage. Für mich wären das alles nur "irgendwelche" bdelloide Rädertiere.

Viele Grüße
Bernd

Martin Kreutz

Hallo Michael,

erstmal meinen Glückwunsch zu Deinen neuesten Funden und Deinen detaillierten Beschreibung und Fotos. Außerdem freut es mich, dass Du endlich mal mit Deinen Tricks rausrückst, wie Du die bdelloiden Rädertiere untersuchst! Ich habe mich an den Viechern auch schon versucht aber (Du weißt es) bin immer kläglich gescheitert. Als Schichtdickenfanatiker habe ich wahrscheinlich schon eine derart eingeengte Sichtweise, dass ich eine solche Untersuchung, wie Du sie routinemäßig durchführst, nicht mehr hinbekomme. 

Du sprichst in Deinem Beitrag auch einen anderen Punkt an, mit dem ich auch immer zu kämpfen habe, nämlich mit den Beschreibungen und den Zeichnungen in der Literatur und dem tatsächlichen Erscheinungsbild des lebenden Exemplares.  Es ist manchmal sehr schwierig, die Originalbeschreibung und die heute mögliche Fotodokumentation des lebenden Exemplares wieder zusammenzubringen. Umso wertvoller sind solche Webseiten wie deine plingfactory, wo man seine Lebendbeobachtung mit den Fotos des lebenden Exemplares direkt vergleichen kann.

Schönen Abend!

Martin

Ole Riemann

Hallo Michael,

schönen Dank auch von mir für Deinen tollen Bericht über selten gefundene bdelloide Rädertiere aus Fließgewässern. Auch wenn Du mir schon manches Detail Deiner Präparation geschildert hast, finde ich es sehr schön, an dieser Stelle einige weitere Hinweise im Zusammenhang zu lesen.

Bin übrigens auch gerade mit Rädertieren befasst; jedoch nicht mit Bdelloiden, sondern ich versuche, den Beutefang (Goldalgen) bei Collothecen zu verfolgen und zu dokumentieren.

Beste Grüße

Ole

Michael Plewka

hallo Bernd, Martin, Ole,

vielen Dank dass Ihr den Beitrag gelesen habt! Über die positive Rückmeldung freue ich mich, sie ist natürlich Ansporn, in dieser Richtung weiter zu suchen....

ja, die Recherche in alter Literatur ist teilweise amüsant, teilweise  auch frustrierend.  Ich nutze dabei praktisch immer auch die Datenbank für Rädertiere, die Christian Jersabek  hier installiert hat:

http://rotifera.hausdernatur.at

Diese ist für an Rädertieren interessierte Menschen absolut empfehlenswert. Von hier aus also auch nochmal ein "Herzliches Dankeschön" an den Creator!

Es  wäre natürlich wünschenswert, Fotos und Zeichnungen von Mikroorganismen gegenüberzustellen, so wie Du, Martin es ja in Deinen Beiträgen auch machst. Beim "Kahl" besteht da wahrscheinlich lizenzmäßig kein Problem, aber ich habe keine Ahnung, welche Regelungen da eigentlich derzeit gelten.

@ Ole: bisher habe ich Collotheca beim Verspeisen von Diatomeen (C. edentata) "bis zum Abwinkenen" bzw. Platzen (letzteres: Aussage von Angie Opitz)

https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Collotheca%20edentata.html


bzw.  Eugleniden (bei verschiedenen Collotheca-Arten)  beobachten können.  Bei C. atrachoides habe ich den Eindruck, dass die Viecher sich wirklich totfressen können. Ich habe bei einem Exemplar knapp 60 !!! aufgenommene Eugleniden gezählt (drittletztes Bild):
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Collotheca%20atrochoides.html
wobei die Beute jeweils selbständig aktiv in den Proventrikulus geschwommen  ist.  Eine Collotheca bei der Aufnahme von Goldalgen habe ich noch nie beobachtet.

Insofern bin ich äußerst  gespannt auf Deinen Bericht !!!


Beste Grüße
Michael Plewka

Martin Kreutz

Hallo Michael,

Du schreibst:
ZitatEs  wäre natürlich wünschenswert, Fotos und Zeichnungen von Mikroorganismen gegenüberzustellen

Das wäre es in der Tat! Aber dazu müsste man sicher sein, dass Zeichnung und Foto die gleiche Art zeigen. Bei Viechern mit sehr charakteristischen Merkmalen ist das kein Problem, aber selbst bei diesen wird es schwierig, wenn der Erstautor bestimmte Merkmale entweder nicht erwähnt oder ein Merkmal beschreibt, welches man nicht nachvollziehen kann (wie bei Blepharisma coeruleum). Dann werden Zeichnungen immer wieder kopiert statt eine neue nach eigenen Beobachtungen zu erstellen. Dadurch werden viele Arten in der Literatur mit 100 - 200 Jahre alten Zeichnungen dargestellt. Ist also ein schwieriges Thema!

Martin