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Lacrymaria olor

Begonnen von Martin Kreutz, Dezember 22, 2018, 17:54:39 NACHMITTAGS

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Martin Kreutz


reblaus

Hallo Martin -

tolle Bilder!
Was mich an einem freischwimmenden Exemplar (1 mm Schichtdicke, zwischen Moos und Wasser herumsuchend) besonders fasziniert hat, war der propellerartig kreiselnde Rüssel, der dadurch eine Art Trichterform bildete. Das hatte ich allerdings erst richtig gesehen, als ich eine Videoaufnahme mal langsamer angeschaut habe.

Viele Grüße

Rolf

Michael Plewka

hallo Martin,

Deine Aufnahmen sind (mal wieder)  schwer beeindruckend und in dieser Form m.W. einmalig! Gratulation und Respekt!
Es gibt wohl nur wenige Ciliaten (Stentor gehört wohl auch noch dazu), die eine solche Verlängerung können.

Zitat....das Lacrymaria auch locker um die Ecke schauen kann...

natürlich ist das metaphorisch gemeint, allerdings steckt dahinter ja wieder die menschliche "Sicht"weise (im Wortsinne): wenn ein Elefant mit seinem Rüssel vergleichbare Bewegungen ausführt, so lassen sich diese auf Muskeln und Nerven zurückführen, was bei Lacrymaria beides nicht vorhanden ist. Wie also nimmt dieser Ciliat bestimmte Körperchen der Umgebung wahr und wie funktioniert die Kontraktion an dieser Stelle dann? Ist die besondere Kontraktions-/Expansionsfähigkeit auf besondere Strukturen zurückzuführen, die diese Gattung von anderen Ciliaten unterscheidet?
Kennst Du dazu Literatur?


Beste Grüße & FF (Frohes Fest)
Michael Plewka

Richard Scholz

#3
Hallo Martin,
ich kann mich den begeisterten Kommentaren nur anschließen!
Im ,,Foissner" Band 4 (S. 164) findet sich der Hinweis: ,,Vorsicht! Auch L. olor hat manchmal ein Gehäuse, da sie sich in leeren Gehäusen anderer Einzeller verstecken."
Ergänzt wird dieser Hinweis durch ein Foto, das L.  olor in einem leeren Rädertiergehäuse zeigt sowie einer Zeichnung von  Lacrymaria in einem leeren Cothurina-Gehäuse. Dieses Verhalten würde gut zu dem extrem langen Hals dieses Ciliaten ,,passen" (Prinzip: ,,Periskop". Sondierung oder Beutefang von einem sicheren Rückzugsort aus betreiben).
Eine "behauste" L. olor habe ich bisher nicht beobachten können. Deine Aufnahmen zeigen ebenfalls nur "freie" Exemplare. Hast Du zu L. olor im Gehäuse Beobachtungen machen können ?

Beste Grüße

Richard

RainerM

Hallo Martin,

auch ich bin beeindruckt und sprachlos angesichts dieser fantastischen Aufnahmen (und stelle meine eigenen daher nur mit Bedenken dazu)!

Diese sollen aber nur meine Frage illustrieren: Ist es dir einmal gelungen, Lacrymaria olor beim Beutefang zu beobachten bzw. zu fotografieren? Nach Helbig u. Hausmann im MK 99, S. 67, feuert L. olor bei Berührung einer potentiellen Beute aus dem Halsendstück Toxicysten ab, die die Beute lähmen. Anschließend öffne sich das Halsendstück und die Nahrung werde in einer Vakuole eingeschlossen, die rasch durch den langen Hals in den Körper transportiert wird.

Diesen Nahrungstransport konnte ich mehrfach beobachten (s. Aufnahmen 1 und 2), noch nie jedoch den Fressvorgang selbst. Wie hat man sich diesen vorzustellen? Öffnet sich das Köpfchen wie ein Maul? Die Ausschnittvergrößerung in Aufnahme 3 scheint nahezulegen, dass dieser Mundwulst aus mehreren "Lappen" besteht, die "aufgeklappt" werden können. Ist das zutreffend oder erfolgt die Nahrungsaufnahme anders?







Ich finde es faszinierend, dass der Mechanismus, der den Körperbewegungen von L. olor zugrundeliegt, noch immer unbekannt ist!

Herzliche Grüße
Rainer

Martin Kreutz

#5
Hallo Zusammen,

ganz herzlichen Dank für die sehr positiven Reaktionen auf meinen Beitrag und die konstruktiven Ergänzungen!

@Michael: Leider habe ich auch nichts zum Mechanismus der Kontraktion und Elongation bei Lacrymaria gefunden und auch nicht zum Abwinkeln des gestreckten Halses an Festörpern. Es ist wirklich unglaublich, was eine Zelle an Mechanik und Sensorik entwickeln kann!

@Richard: Ja, ich habe Lacrymaria schon öfters in leeren Schalen von Crustaceen gefunden. Leider ist es dann schwierig gute Aufnahmen zu machen, weil dann die Schichtdicke durch diese Schalen erhöht ist. Die besten fotografischen Ergebnisse hatte ich bei Exemplaren von Lacrymaria olor, die an schwimmenden Deckgläsern unterwegs waren, die sie nach gleinen Ciliaten und Flagellaten absuchen. Dort jagen sie zuzusagen zweidimensional und nicht, wie von Rolf beschrieben, dreidimensional mit kreisenden Bewegungen. Ansonsten wären die gezeigten Aufnahmen nicht möglich gewesen.

@Rainer: Den Beutefang von Lacrymaria konnte ich bisher nur 2- oder 3 Mal beobachten, aber nie fotografieren, schon gar nicht bei so hoher Vergrößerung wie Du. Es geht sehr schnell und ich kann mich an den genauen Ablauf nicht mehr erinnern, aber von anderen haptoriden Ciliaten, zu denen z.B. auch Spathidium gehört, weiß ich, dass sich erst im Moment der Berührung mit der Beute die eigentliche Mundöffnung zeigt. Auf Deiner ersten Aufnahme ist sie als, V-förmiger, apikaler Einschnitt noch sichtbar. Die Mundöffnung besteht aber nicht aus Lappen. Die Öffnung wird durch Mikrotubuli gestützt und geformt. Sie kann sich enorm dehnen. Der Transport der Beute Schlund abwärts wird sicher auch unter ATP-Verbrauch an Mikrotubuli entlang gewährleistet. Diese Art von Transport nutzen auch reusentragende Ciliaten wie Nassula. Wenn ein Algenfaden durch die Reuse in die Zelle geschoben wird, ist keine makroskopische Bewegung der Reuse sichtbar. Alles geschieht auf molekularer Ebene entlang der Reusenstäbe, die letztendlich auch aus Bündeln von Mikrotubuli bestehen. Daher ist es nahe liegend, das bei Lacrymaria ein ähnlicher Mechanismus am Werk ist.

Allen schöne Feiertage!

Martin

Ole Riemann

Hallo Martin,

herzlichen Dank für diesen wunderbaren Beitrag. Besonders beeindruckend finde ich, wie Du nicht nur die Mikroskop-technische Seite im Griff hast, ohne die solche Bilder gänzlich undenkbar wären. Du kennst offenbar auch das Verhalten Deiner Objekte und ihre Biologie sehr gut und bringst die nötige Geduld mit, Dich ihnen anzupassen und abwarten zu können. Dann kommen solche Bilder zustande, vor denen wir nur den Hut ziehen können.

Beste Grüße

Ole

purkinje

Hallo werte Protistengemeinde,
da ich diesen Beitrag noch gut in Erinnerung hatte, auch wegen der fantastischen Bilder und es zum Mechanismus der Kontraktion und Elongation bei Lacrymaria Neuigkeiten gibt wollte ich darauf hinweisen: Origami...!
heute in Science erschienen:
Curved crease origami and topological singularities enable hyperextensibility of L. olor
kurze Zusammenfassung:
The first example of cellular origami discovered in protist

Ich finde ja die Bilder von Martin hier aussagekräftiger  ;) als das Video im 2-Link, nichtsdestotrotz ein faszinierender Beitrag zu sich selbstorganisierenden Systemen in der Biologie.
Beste Grüße Stefan



Michael Plewka

Hallo Stefan,


vielen Dank für den Hinweis auf das Modell der Formveränderung bei Lacrymaria. Faszinierend! Auch interessant zu sehen, womit sich einer der Autoren sonst so beschäftigt....


Beste Grüße
Michael Plewka