Botanik: Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine

Begonnen von Hans-Jürgen Koch, Februar 09, 2026, 11:16:35 VORMITTAG

Vorheriges Thema - Nächstes Thema

Hans-Jürgen Koch

Eine sogenannte Beute-Täuschblume.

Diese Orchidee wächst in Europa, Asien und Nordafrika, als Neophyt auch in Nordamerika.
In den Laubwäldern  Norddeutschlands ist sie die am häufigsten vorkommende Orchidee.
Die Breitblättrige Stendelwurz ist eine der wenigen Orchideen – Arten, die in der modernen Kulturlandschaft geeignete Lebensräume findet und in manchen Gegenden sogar in Ausbreitung begriffen ist.
Ihre staubfeinen Samen können mit dem Wind kilometerweit fliegen und an den Ränder von Waldwegen für Überraschung sorgen.

Die Breitblättrige Stendelwurz (Epipactis helleborine) ist in Deutschland als Teil der wildlebenden Orchideenarten nach der Bundesartenschutzverordnung (BArtSchV) besonders geschützt. Sie darf nicht gepflückt, ausgegraben oder in der Natur beschädigt werden, auch wenn sie nicht auf der Roten Liste der gefährdeten Pflanzen steht.

In der Fachliteratur steht häufig:
Die Breitblättrige Stendelwurz ist eine der wenigen nicht gefährdeten Orchideen, da sie auch neue Biotope besiedelt.

Die Breitblättrige Stendelwurz (Epipactis helleborine) wurde von den Arbeitskreisen Heimische Orchideen (AHOs) zur Orchidee des Jahres 2006 gekürt.

Bild 01 Habitus, Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine

Quelle: CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42095
Foto: BerndH

Epipactis helleborine ist eine mehrjährige Pflanze, sie erreicht eine Höhe von 20 – 80 cm.
Ihr Wurzelstock ist kurz und dick. Die Blätter sind eiförmig, die oberen zunehmend lanzettlich, bis zu 13cm lang und 7 cm breit.
Typisch für eine hohe Orchidee sind die spornlosen, nickenden Blüten.
Grüne, braunrot überlaufende Blüten mit einer rötlich, am Grund verbreiterten Lippe.
Blütezeit: Juni – August.

Systematik:

Familie:   Orchideen (Orchidaceae)
Unterfamilie:   Epidendroideae
Tribus: Neottieae
Untertribus:  Limodorinae
Gattung:   Stendelwurzen (Epipactis)
Art:   Breitblättrige Stendelwurz
Wissenschaftlicher Name: Epipactis helleborine
Trivialnamen: Breitblättrige Sumpfwurz oder Breitblättrige Sitter
Syn.: Epipactis latifolia
Englische bezeichnung: broad-leaved (auch: broadleaved) helleborine

Der heute gebräuchliche deutsche Name Breitblättrige Stendelwurz ist eine wörtliche Übersetzung eines früheren Synonyms dieser Orchideenart (Epipactis latifolia)

Bild 02 Blatt, Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine

Foto. H.-J_Koch
Linkes Bild – Blattoberseite, rechtes Bild – Blattunterseite.
Die wechselständigen Blätter sind auf den Nerven behaart.

Bild 03 Blüten, Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine


Quelle: Ivar Leidus - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=94961164

Ihre zygomorphen Blüten sind weißrosa bis grünlich bis purpurrot.

Zygomorphe Blüten besitzen im Gegensatz dazu nur eine Spiegelachse. Typische Vertreter sind Schmetterlings- und Lippenblüter. Bei ihnen sind die Blütenhüllblätter häufig zu typischen Formen zusammengewachsen, sodass die einzelnen Kelch- und Kronblätter nur noch schwer erkennbar sind.

Bild 04 Blüte mit Narbe, Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine

Quelle: Bernd Haynold - Selbst fotografiert, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1211302

Gut zu erkennen sind in der Mitte der Blüte die Narbe, darüber die Klebdrüse (Rostellum) und die unter der Antherenkappe hervortretenden Pollinien.

In der Botanik bezeichnet die Antherenkappe (auch Staubbeutelkappe oder Operculum genannt) eine schützende, kappenartige Struktur, die insbesondere bei Orchideen vorkommt.

Der Trick mit den Raupen.

Die Stendelwurz ist ein Spätblüher, sie vermehrt sich vor allem über die Bestäubung durch Insekten, insbesondere Wespen, denen sie über Duftstoffe die Anwesenheit von Raupen des Kohlweißlings, mit denen diese ihre Brut ernähren, vorgaukelt. Dieser ,,raffinierte Betrug" ist typisch für sogenannte Beute-Täuschblumen, ein eher seltener und erst kürzlich entdeckter Kniff eines Vertreters der heimischen Flora.

Beim Blütenbesuch heften sich die Bestäuber (Bienen, Wespen und Fliegen) die Pollenpakete das Pollinium, auf den Kopf und fliegen damit zur nächsten Blüte um sie an der Narbe abzustreifen.

Bild 05 Früchte der Breitblättrigen Stendelwurz Epipactis helleborine

Quelle: Hajotthu - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20666507

Die Breitblättrige Stendelwurz wurde 1753 von Carl von Linné in ,,Species Plantarum Tomus" II, S. 949 als Serapias helleborine erstbeschrieben.

Die Art wurde 1769 von Heinrich Johann Nepomuk von Crantz als Epipactis helleborine (L.) Crantz in ,,Stirpium Austriarum Fasciculus ed" 2, Band 2, Teil 6, S. 467 in die Gattung Epipactis gestellt.

Heinrich Johann Nepomuk Edler von Crantz (25.Nov. 1722; 18.Jan. 1797) war ein österreichischer Mediziner und Botaniker.

Meine Pflanzenproben habe ich im Juli 2024 In Dänemark gesammelt.


Spross, Querschnitt
30 Mikrometer


Bild 06 Schnittstellen mit Blattansatz, Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine

Foto: H.-J_Koch

Bild 07 Übersicht, Negativaufnahme, ungefärbter Schnitt, Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine


Bild 08 Detailaufnahme, ungefärbter Schnitt, Autofluoreszenz, Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine

LED Modul 455 nm
Reflektormodul FL mit Filtersatz 67
Erregerfilter: BP 470 nm
Strahlenteiler: FT 477 nm
Emission (Sperrfilter): LP 485

Bild 09 Detailaufnahme, ungefärbter Schnitt, Autofluoreszenz,  Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine


Bild 10 Detailaufnahme, ungefärbter Schnitt,  Autofluoreszenz,  Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine


W-3A-Färbung nach Wacker (Acridinrot-Acriflavin-Astrablau)

Arbeitsablauf:
1.Pflanzenprobe liegt in 30 % Ethanol.
2. Aqua dest. 3x wechseln je 1 Minute.
3. Vorfärbung Acridinrotlösung 7 Minuten
4. 1x auswaschen mit Aqua dest. .
5. Acriflavinlösung (differenzieren bis gerade keine Farbwolken mehr abgehen - Lupenkontrolle) ca.15 Sekunden !!
6. 2 x auswaschen mit Aqua dest..
7. Nachfärbung Astrablaulösung 1 Minuten
Bei der Nachfärbung mit Astrablau eine Mischung aus Astrablau und Acriflavin im Verhältnis 3 : 1 verwendet (blau + gelb = grün).

Tipp:
Eine schöne Variante erhält man, wenn man in der letzten Färbestufe eine Mischung aus Astrablau und Acriflavin im Verhältnis 3:1 verwendet. (3 Tropfen Astrablau und 1 Tropfen Acriflavin separat ansetzen und Gemisch mit der Pipette übertragen.
8. Auswaschen mit Aqua dest. bis keine Farbstoffreste verbleiben.
9. Entwässern mit 3x gewechseltem Isopropylalkohol (99,9 %)
10. Einschluss in Euparal.

Ergebnis:
Zellwände blaugrün bis grün, verholzte Zellwände leuchtend rot, Zellwände der äußeren Hypodermis orangerot, Cuticula gelb, Zellwände der innenliegenden Hypodermis tiefrot.
Bei der Betrachtung wird eine Kontrastverbesserung bei Verwendung eines BG 38 Filters (blaugrün, 3 mm dick) erreicht.
Fotos: Nikon D5000, Sony Alpha 6000

Bild 11 Spross mit Blattt, Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine


Bild 12 Detailaufnahme, Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine


Bild 13 Detailaufnahme, Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine


Bild 14 Detailaufnahme, Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine


Bild 15 Detailaufnahme, Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine


Bild 16 Detailaufnahme, Auflichtbeleuchtung Fluoreszenz, Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine

Reflektormodul FL mit Filtersatz 67
Erregerfilter: BP 470 nm
Strahlenteiler: FT 477 nm
Emission (Sperrfilter): LP 485

Bild 17 Blatt, Auflichtbeleuchtung Fluoreszenz, Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine


Bild 18 Spross, Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine


Bild 19 Spross, Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine


Bild 20 Spross, Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine


Bild 21 Spross, Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine


Bild 22 Detailaufnahme, Auflichtbeleuchtung Fluoreszenz, Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine


Bild 23 Detailaufnahme, Auflichtbeleuchtung Fluoreszenz, Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine


Bild 24 Detailaufnahme, Auflichtbeleuchtung Fluoreszenz, Breitblättrige Stendelwurz Epipactis helleborine


Fazit:
Wenn ich den Stängel einer Orchidee anfasse, ist dieser fest und stabil.
Überraschung bei den Mikrotomschnitten.
Die Pflanzenproben sind weich und lassen sich sehr schwer schneiden, es gibt keine verholzten Zellen.


Verzeichnis der benutzten Literatur:

Wikipedia; Freie Enzyklopädie

Dietmar Aichele ,,Was blüht denn da", 1991

Aichele ,,Der Kosmos Pflanzenführer", ISBN: 3-86047-394-8

Helmut Baumann ,,Orchideen Europas". ISBN. 3-8001-4162-0

Hans Joachi Conert ,,Flora in Farben", 1962

Rita Lüder ,,Grundkurs Pflanzenbestimmung", ISBN: 3--949-01418-3

,,Handbuch Orchideen", ISBN: 978-3-89836-862-9

,,Wildblumen"

,,Was blüht denn da?", ISBN: 978-3-440-11379-0

Der Kosmos ,,Pflanzenführer", ISBN: 978-3-440-16318-4

,,Was blüht denn da ?", 1968

Die Informationen für Beschreibungen werden von mir selbst aus verschiedenen Quellen zusammengetragen. Dabei benutze ich sowohl Bücher als auch Internet Quellen.
Ich recherchiere dann weiter, suche die zugrundeliegenden Studien heraus, werte sie aus und verbinde alles miteinander.
Beim Recherchieren öffnet sich oft nicht nur eine neue Tür, sondern gleich mehrere. Dahinter verbergen sich weitere spannende Informationen.

Für konstruktive Kritik bin ich ebenso offen wie für lobende Worte.

Hans-Jürgen
Plants are the true rulers - Pflanzen sind die wahren Herrscher.

<a href="http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=2650.0" target="_blank">Hier geht es zur Vorstellung</a>

Gerne per "Du"

Peter T.

Lieber Hans-Jürgen,

eine sehr spannende Pflanze, wie immer perfekt und ästhetisch präsentiert. Die Nahaufnahmen vom Blatt sind schon sehr fein.

Liebe Grüße

Peter

P.S. Natürlich kommt diese Orchidee in die Botanik-Liste (sobald ich dazu komme).
Liebe Grüße
Peter