Gigantismus/Monsterismus bei Dileptidae

Begonnen von Spectrum, Februar 15, 2026, 17:33:08 NACHMITTAGS

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Spectrum

Hallo,
Von einigen Einzellern ist bekannt, dass sie unter bestimmten Bedingungen sogenannte Gigantismusformen hervorbringen.
Diese auch als Morpho-Varianten einer Art bezeichneten Abweichungen, kennt man beispielsweise von einigen Blepharisma Species und auch bei Stylonchia (Tetmemena polymorpha) wurden solche stark voneinander abweichenden Formen ein und derselben Art beschrieben.
Das hat bisweilen auch schon für taxonomische Fehleinschätzung geführt, da man zunächst annahm, dass es sich bei den verschiedenen Erscheinungsformen um jeweils eigene Arten handelt.
In einer meiner Kulturen eines Dileptiden (ich gehe inzwischen davon aus, dass es sich dabei um Pseudomonilicaryon anser handelt), konnte ich vor einiger Zeit eine interessante Beobachtung zu dem Thema machen.

In einer Petrischale mit besonders hohem Nahrungsangebot an Futtercilliaten (Colpidium + Chilomonas), tauchten plötzlich bizarr verunstaltete Exemlare des Dileptiden auf.
Teils waren es nur außergewöhnlich große Exemplare (bis 1200μ Körperlänge):
IMG_20260215_161859.jpg
Teils waren bei diesen Giganten auch Auffälligkeiten im Zytoplasma erkennbar:
IMG_20260215_161241.jpg
Auf der anderen Seite gibt es aber auch bizarre Kümmerformen, die nur aus einem Proboscis und einem winzigen Körper bestehen:IMG_20260215_170607.jpg
Auch eine Teilung eines solchen Monstrums konnte ich aufnehmen:
IMG_20260215_163729.jpg
Diese Teilung findet nicht wie gewöhnlich statt, mit zwei gleichermaßen Tochterzellen, sondern asymmetrisch. Es trennt sich hier immer nur ein mehr oder weniger kleiner Teil mit dem Proboscis und einer Mundöffnung ab.
Zurück bleibt ein bizarr verunstalteter "Gigant":
IMG_20260215_162713.jpg
Interessanterweise sind einige der kleinen Kümmerformen, und auch die großen Monstrositäten, durchaus lebensfähig.
Manche der kleinen abgespaltenen Proboscides entwickeln sich zu ganz normalen ausgewachsenen Exemplaren aus.
Hier ein Zwischenstadium:
IMG_20260215_172116.jpg
Und hier das Video:
Meine Beobachtung wurde auch schon wissenschaftlich beschrieben.
In einem Artikel mit dem Titel:

 "Monsterism in Dileptus (Ciliata) Fed on Planarians (Dugesia tigrina)*
JOHN JANOVY JR.
First published: November 1963"
Hier ein link zu dem Artikel:
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/j.1550-7408.1963.tb01701.x

Leider ist der Volltext nicht öffentlich einsehbar.
Bei Interesse kann ich ihn aber gerne per PN zusenden.

Beste Grüße Holger
Holger
Duzen und meine Bilder (auch ungefragt)  bearbeiten, mit eigenen Aufnahmen ergänzen und weitergeben erwünscht!

Jürgen Boschert

Lieber Holger,

einfach mal wieder der Wahnsinn! Danke für diesen Beitrag.

Haben wir es hier mit Raffgier im Protistenbereich zu tun?: Der, der sich übersatt- und großgefressen hat gibt nichts gerne ab, nicht einmal an seine Nachfahren.
Beste Grüße !

JB

purkinje

Hallo Holger,
spannender Beitrag. Wenn ich mich recht erinnere gibts beim Modellorganismus C. elegans Vitamin B12-abhängige Größenzunahme, interessanterweise wohl erst bei der nächsten Generation.
Beste Grüße Stefan

Gerald

Hallo Holger,

vielen Dank für die interessante Beobachtung und gute Dokumentation. Deine Pseudomonilicaryon anser habe ich ja seit ca. 1 Monat in Kultur. Sie stehen immer sehr gut im Futter und vermehren sich langsam, aber stetig. Die Kümmerform konnte ich auch schon beobachten, die Gigantismusform noch nicht. Es bleibt spannend.

Vielen Dank für´s Zeigen.

Liebe Grüße

Gerald

Siegfried

Hallo Holger,
hoch interessanter Beitrag und sehr schöne Dokufotos sowie ein für mich lehrreiches klasse Video.
  lg von Siegfried

Peter T.

Hallo Holger,

super Beitrag. Sind Dir außer dem hohen Futterangebot noch weitere Variablen aufgefallen?
Werden diese Giganten (und Kümmerer) auch im Freiland beobachtet?
Liebe Grüße
Peter

Spectrum

#6
Liebe Mitforisten,
Was weitere Faktoren, ausser die angesprochene "Überfütterung" angeht, ist mir nichts weiter bekannt, bzw. in meiner Kultur aufgefallen.
In dem verlinkten Paper wird beschrieben, wie Dileptus anser (heute in Pseudomonilicaryon anser umbenannt), sich die Vakuolen mit frischem Gewebe von Planarien als Nahrung füllt. Dann, so wird dort beschrieben, bilden sich in Folge übergroße Nahrungsvakuolen. Die Tiere sehen dann wie prall gefüllte Ballons aus. Im Anschluss zerfallen diese Ballons und es bilden sich die von John Janovy JR. in der Publikation explizit als "Monsterism" bezeichneten Formen.
Diese sehen dabei genauso aus wie bei mir.
(Schade dass ich keine der dortigen Zeichnungen zeigen darf, oder fällt das noch unter das Zitatrecht?)

Die Ballons habe ich bei gutem Nahrungsangebot auch schon öfter in meinen Kulturen gesehen, Gerald kennt sie vielleicht auch schon.
Sie bilden sich also auch mit "normalen" Futtercilliaten und nicht nur mit "Planarienhackfleisch".
Zu den hier gezeigten Monstrositäten kam es bei mir aber nur in einer Kultur von vielen.
Im Freiland habe ich sowas bisher noch nicht beobachtet.
Ich denke aber, das so etwas bestimmt unter den richtigen Voraussetzungen auch hier möglich ist.
Sehr gut möglich, dass man diese Kümmerformen und ggf. auch die großen Monstrositäten dann aber gar nicht mehr der Art zuordnen kann, aus der sie hervorgegangen sind.
Wenn man nicht gerade eine Kultur ausschließlich mit einer Art hält, fällt so eine "Sonderanfertigung" nämlich gnadenlos durch jeden noch so guten Bestimmungsschlüssel.
LG Holger


Holger
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