Zoologische Histologie: Querschnitt durch den Egel Erpobdella octoculata

Begonnen von DieterS., Heute um 11:47:41 VORMITTAG

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DieterS.

(dieser Beitrag besitzt nicht das Format, um an einem Handy gelesen zu werden!)

Liebe Mikroskopiker,

die Egel (Hirudinea, Evertebraten/Wirbellose) gehören zum Stamm der Ringelwürmer (Annelida) und zeichnen sich durch den Besitz eines Sekret bildenden Gürtels, dem Clitellum, aus. Die Klasse der Cli-tellata enthält zwei Unterklassen, drei Ordnungen sowie drei Unterordnungen. Der bekannteste europäische Egel dürfte der Blutegel (Hirudo medicinalis) sein, der hinsichtlich seiner Dimension in Europa dem ,,Tyrannosaurus rex" der Egel entsprechen dürfte. Im Folgenden möchte ich ein Übersichtspräparat eines Querschnittes durch einen deutlich kleineren Egel zeigen, der kein Blut aufnimmt bzw. im Darm speichert und zur Unterordnung der Schlundegel (Pharyngobdelliformes) gehört. Der Schlundegel kann in polysaproben Gewässern/Wassergüteklasse IV (stark belastete Abwässer, Vorfluter von Kläranlagen, aber auch Kleinsthabitate, usw.) selbst unter anaeroben Bedingungen leben, ist anspruchslos und kann in kurzer Zeit eine hohe Populationsdichte erreichen. Bei einer aquatischen Zucht ist nicht zu empfehlen, den Egel mit Lebenfutter wie Tubifex zu füttern, da ein hohes Risiko besteht Parasiten einzutragen. Erpobdella kann sich problemlos von Fischfutter ernähren und ist trotz seiner Anpassung an extreme Bedingungen dankbar für sauberes Wasser und eine gute Sauerstoffversorgung.

Der hermaphrodische Schlundegel (hier: Erpobdella octoculata) besitzt einen Saugrüssel mit dem Kleintiere wie Schlammröhrenwürmer (Tubifex), Mückenlarven und Ähnliches aufgenommen werden. Hierzu bewegt sich der Egel bei Dunkelheit schlängelnd durch sein wässriges Habitat und lebt am Tage und zur Paarung (vom Licht geschützt) angeheftet unter Steinen, angeschwemmtem Holz, an Wasserpflanzen und an Laubresten, die am Grund eines Gewässers sedimentiertem sind. In Abbildung 1A wird eine Übersichtaufnahme zweier Schlundegel der Gattung Erpobdella gezeigt, die nach Drehung eines Steines ohne Nachvergrößerung fotografiert wurden (zu beachten ist die Lokalisation der Saugnäpfe am vorderen und am hinteren Ende des Egels).


Egel-A-aS.jpg
Abb.  1:  Aufnahme eines Egels Erpobdella octoculata an der Unterseite eines Steines (vLadvSn ventrale Lage des vorderen Saugnapfes, vLadhSn ventrale Lage des hinteren Saugnapfes)

Wie der Regenwurm, so ist auch der Egel ein muskuläres Kraftpaket. Während bei der Lebensweise des Regen-wurmes, der als Erbodenverdränger (und, während des Vordrigens, auch als Erdbodenverdichter), leicht er-sichtlich ist, wofür die ,,Kraft" gebraucht wird, ist das beim Schlundegel nicht so offensichtlich. Ein Großteil der Muskulatur wird aber gebraucht, um bei der spannerraupenartigen Fortbewegung, sämtliche An-teile des Körpers mit zu bewegen, was sich im histologischen Bau der Tiere wiederspiegelt. Hierzu besit-zen die Schlundegel einen vorderen und einen hinteren Saugnapf. Hält sich ein Egel mit einem der beiden Saugnäpfe an einer glatten Unterlage fest, ist es nicht möglich, ihn mit einem ,,harten" Wasserstrahl eines Gartenschlauches von der Unterlage abzulösen.

In Abbildung 2 wird ein Azan-gefärbter Querschnitt auf Höhe des Darmes des Schlundegels Erpobdella octoculata gezeigt. Der Egel besitzt eine Epidermis aus flaschenartigen Zellen, die säulenartig an-geordnet sind. Nach außen wird die Epidermis von einer dünnen Schicht einer Cuticula bedeckt, an deren Außenseite Reste eines Seketes mit schleimartiger Konsistenz haften. Auf die Epidermis folgt nach innen eine Schicht einer Ringmuskulatur, die von einer breiten Schicht einer ,,registrierten" Längsmuskulatur unterlagert wird. Des Weiteren ziehen Mukelstränge mit dorsoventralem Verlauf durch den Körper des Egels. Der Aufbau der Muskelzellen entspricht weitgehend denen der glatten Muskulatur der Vertebraten (Wirbel-tiere), weist aber einige Besonderheiten auf. Im Unterschied zum Regenwurm (Lumbricus spec.) ist das Coelom des Egels durch eine starke Ausbreitung des  Bindegewebes/Parenchyms bis auf kleine Kanäle, die Hämoceolkanäle, eingeengt worden, die als ernährendes und versorgendes Transportmedium Hämolymphe enthalten. Die Egel sind ,,Hautatmer", was an stark erweiterten Hämocoelgefäßen unterhalb der Epidermis zu erkennen ist. Die Hämolymphe passiert das ventral liegende Bauchgefäß (mit innenliegendem Bachmark), das überliegende Dorsalgefäß (hier kollabiert und somit nicht erkennbar) und die Seitenkanäle, die den Hämo-lymphstrom treiben (,,Herzen des Egels"). An den Wänden der Hämocoelkanäle befindet sich Botryoidgewebe, das u.a. eine exkretorische, stickstoffausscheidende Funktion besitzt (ähnlich dem des Chloragoggewebes von Lumbricus). Zur rechten und zur linken Seite des Bauchgefäßes befinden sich segmental ange-ordnete Hodenbläschen mit zellulärem Inhalt, die auf eine aktive Spermatogenese hinweisen. Metamer an-geordnete Nephridien sind in der Übersicht bei gegebenem Kontraktionszustand nicht darstellbar. Im Zentrum des Egels befindet sich der Darm, dessen Lumen in der gezeigten Abbildung aufgrund einer, der Präparation vorgeschalteten Hungerphase ("Entsandung"), leer erscheint.

Egel-B-quer.jpg
Abb. 2:  Übersichtsaufnahme eines Querschnittes durch den Egel Epobdella octoculata (Azan-Färbung)

Abkürzungen:

aSl    ..........ausgeschiedener Schleim
Bg     ..........Bindegewebe/Parenchym
Bge    ..........Bauchgefäß
Bm     ..........Bauchmark mit anhanftenden Hämolymphresten
Cu     ..........Cuticula
Dvm    ........Dorsoventalmuskulatur
Dw     .........Darmwand
Ep     ..........Epidermis
Hg     ..........Hodengang/-bläschen
Hk     ..........Hämocoelkanal
LdW    ........Lumen der Darmwand
SdLm   ........Schicht der Längsmuskulatur
SdRm   ........Schicht der Ringmuskulatur
Sk     ...........Seitenkanal

Der Schlundegel Epobdella octoculata kann eine Gesamtlänge von bis zu sieben Zentimetern errei-chen. Während der Präparation zieht sich das Tier stark zusammen, so dass sich die Länge des Egels auf bis auf ca. 4 cm reduzieren kann. Somit liegen alle hier gezeigten Gewebe in einer ,,kontrahierten" Form vor, was bei einer Bewertung der tatsächlichen Gewebeverhältnisse eines lebenden Tieres zu berücksichti-gen ist. Eine genauere Darstellung/Beschreibung der Organe des Schlundegels an Paraffinschnitten ist nicht sinnvoll, hierfür sind aber Semidünnschnitte geeignte, die nach einer Kunststoffeinbettung hergestellt werden können.

Für das Interesse an diesem Betrag möchte ich mich bei allen Lesern bedanken!

Dieter    

Ps: An diese Stelle möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass sebstverständlich niemand gezwungen ist, meine Beiträge zu lesen!