Botanik: Fingerstrauch (Potentilla fruticosa) *

Begonnen von Hans-Jürgen Koch, Juli 25, 2026, 09:07:43 VORMITTAG

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Hans-Jürgen Koch

Die Vertreter der Gattung Fingerkraut bilden Dauerkräuter oder Sträucher, die in ungefähr 300 Arten fast  ausschließlich in den gemäßigten und kalten Klimazonen der nördlichenHalbkugel vorkommen: sie wachsen von der Ebene bis hinauf in sehr große Höhen.
Der Fingerstrauch (wissenschaftlich Potentilla fruticosa), heute häufig auch (Dasiphora fruticosa) ist ein sommergrüner, dicht verzweigter Kleinstrauch aus der Familie der Rosengewächse (Rosaceae). Er ist wegen seiner außergewöhnlichen langen Blütezeit und seiner Robustheit ein beliebtes Ziergehölz.
Neben der Wildform gibt es zahlreiche Zuchtsorten mit unterschiedlich großen und weißen, rosafarbenen oder orangenen Blüten.
Blütezeit: Juni bis Oktober
Blüht über vier bis fünf Monate nahezu ununterbrochen.
Die Blüten liefern über viele Monate Pollen und Nektar und werden häufig von Wildbienen, Honigbienen und Schwebfliegen besucht.
Fingerstrauch (Potentilla fruticosa) bildet gedrungene aufrechte Sträucher, die 20 - 100 Zentimeter hoch werden.  Die reich verzweigten jungen grünen Triebe verholzen mit der Zeit und bilden eine braunrote Rinde, die sich in langen Streifen ablöst.
Junge Triebe und Blätter besitzen häufig eine feine, seidige Behaarung.


Bild 01 Habitus, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)

Quelle: Franz Xaver - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17366642

Bild 02 Blätter, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)

Quelle: Bonsaigestaltung Uwe Krötenheerdt
07580 Linda b. Gera / Thüringen

Seine wechselständigen kurz gestielten Blätter haben drei bis fünf länglich-lanzettliche Fiederblättchen, die am Ende abgerundet und ganzrandig sind. Auf der Oberseite sind die dunkelgrün und kahl, auf der Unterseite heller und dicht weißfilzig behaar.

Bild 03 Radiärsymmetrische, fünfzählige Blüte im Detail, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)

Quelle: Jamain - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15657995

Eine aktinomorphe Blüte besitzt zwei oder mehr Symmetrieebenen. Das bedeutet, sie lässt sich in jedem beliebigen Winkel durch die Mittelachse in zwei identische Hälften spiegeln. Diese ursprüngliche Blütenform ist sternförmig aufgebaut.

Die bis zu 4 Zentimeter großen fünfzähligen und schalenförmigen Blüten stehen endständig einzeln oder in Zymen und haben goldgelbe breitrunde Kronblätter.

Eine Zyme  ist in der Botanik ein Blütenstand (Infloreszenz), bei dem die Hauptachse jeweils mit einer Endblüte abschließt.

Gelb ist die ursprüngliche und am weitesten verbreitete Blütenfarbe. Durch Züchtungen gibt es den Kleinstrauch heute aber auch mit weißen, rosa, orangefarbenen oder roten Blüten.
Die Blüten stehen in kleinen Gruppen an den Triebenden.

Bild 04 Reife Früchte, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)

Quelle:  Wildfeuer - Selbst fotografiert, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3153347

Aus den Fruchtknoten entwickeln sich zahlreiche behaarte braune Nüsschen  (Achänen).
Eine Achäne ist  eine einsamige, trockene Schließfrucht. Im Gegensatz zu echten Nüssen ist die Fruchtwand (Perikarp) bei der Achäne dünn und lederig. Sie verwächst oft eng mit der Samenschale, öffnet sich bei Reife nicht von selbst und der Same ist meist nur an einer Stelle mit ihr verbunden

Bild 05 Illustration (Kelch und Nebenkelch sind gesondert dargestellt),
Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)

Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.
Dies gilt für das Herkunftsland des Werks und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 oder weniger Jahren nach dem Tod des Urhebers.

Systematik:
Ordnung:: Rosenartige (Rosales)
Familie:    Rosengewächse (Rosaceae)
Unterfamilie:    Rosoideae
Gattung:    Potentilla
Art:    Fingerstrauch (in seiner Wildform)
Wissenschaftlicher Name: Potentilla fruticosa
Syn.: Dasiphora fruticosa
Trivialname: Strauch-Fingerkraut, Gemeiner Fingerstrauch, Gelber Fingerstrauch, Strauchiges Fingerkraut oder Strauchgänserich
Englische Bezeichnung: Cinquefoil

Dre Gattungsname Potentilla leitet sich vom lateinischen ,,potens" (mächtig) ab, Bezugnehmend auf die große Heilwirkung, die man er pflanze zumaß.
Die Droge Potentilla erecta wird bereits seit dem Altertum genutzt und ist bei den Hippokratikern beschrieben worden.

Ein Hypokrit (von griechisch hypokrites = Schauspieler) ist veraltet für einen Heuchler oder eine Person, die sich verstellt. Es bezeichnet jemanden, der unehrlich ist, Wasser predigt aber Wein trinkt oder der Werte und Tugenden vortäuscht, die er selbst nicht lebt.
Auch die Heilige  Hildegard von Bingen (1098 - 1179) verwendete dieses alte Volksheilmittel.
Es werden die kurz vor oder während der Blüte gesammelten  und getrockneten, ganzen oder zerkleinerten Blätter und Blüten verwendet.

Die wichtigste medizinisch wirksame Komponente in der Droge Potentilla erecta ist der hohe Anteil an Gerbstoffen (15 bis 22 Prozent). Diese sind maßgeblich für die stark zusammenziehende (adstringierende) und entzündungshemmende Wirkung verantwortlich.
Die Gerbstoffdroge kam im Ersten Weltkrieg wieder in Gebrauch und ist seit dieser Zeit Bestandteil der deutschen Arzneibücher.

Teil 1
Sprossgabel Querschnitt
25  Mikrometer


Bild 06 Schnittstellen,  Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)

Foto: H.-J_Koch

Eine dichotome Verzweigung ist  in der Botanik die Gabelung der Sprossachse. Dabei teilt sich das endständige Apikalmeristem (die embryonale Wachstumszone) in zwei gleichwertige neue Sprosse auf.

Grüne Triebe verholzen mit der Zeit und bilden eine braunrote Rinde, die sich in langen Streifen ablöst.

Bild 07 Übersicht, ungefärbter Schnitt, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


Bild 08 Übersicht, ungefärbter Schnitt, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


Bild 09 Detailaufnahme, ungefärbter Schnitt, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


Bild 10 Detailaufnahme, ungefärbter Schnitt, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


Bild 11 Detailaufnahme, ungefärbter Schnitt, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


Bild 12 Detailaufnahme, ungefärbter Schnitt, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


Bild 13 Detailaufnahme, ungefärbter Schnitt,  Autofluoreszenz, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)

LED Modul 455 nm
Reflektormodul FL mit Filtersatz 67
Erregerfilter: BP 470 nm
Strahlenteiler: FT 477 nm
Emission (Sperrfilter): LP 485

Bild 14  Detailaufnahme, ungefärbter Schnitt, Autofluoreszenz, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


Bild 15  Detailaufnahme, ungefärbter Schnitt, Autofluoreszenz, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


Bild 16  Detailaufnahme, ungefärbter Schnitt, Autofluoreszenz, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


Bild 17  Detailaufnahme, ungefärbter Schnitt, Autofluoreszenz, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


W-3A-Färbung nach Wacker (Acridinrot-Acriflavin-Astrablau)

Arbeitsablauf:
1.Pflanzenprobe liegt in 30 % Ethanol.
2. Aqua dest. 3x wechseln je 1 Minute.
3. Vorfärbung Acridinrotlösung 7 Minuten
4. 1x auswaschen mit Aqua dest. .
5. Acriflavinlösung (differenzieren bis gerade keine Farbwolken mehr abgehen - Lupenkontrolle) ca.15 Sekunden !!
6. 2 x auswaschen mit Aqua dest..
7. Nachfärbung Astrablaulösung 1 Minuten
Bei der Nachfärbung mit Astrablau eine Mischung aus Astrablau und Acriflavin im Verhältnis 3 : 1 verwendet (blau + gelb = grün).

Tipp:
Eine schöne Variante erhält man, wenn man in der letzten Färbestufe eine Mischung aus Astrablau und Acriflavin im Verhältnis 3:1 verwendet. (3 Tropfen Astrablau und 1 Tropfen Acriflavin separat ansetzen und Gemisch mit der Pipette übertragen.
8. Auswaschen mit Aqua dest. bis keine Farbstoffreste verbleiben.
9. Entwässern mit 3x gewechseltem Isopropylalkohol (99,9 %)
10. Einschluss in Euparal.

Ergebnis:
Zellwände blaugrün bis grün, verholzte Zellwände leuchtend rot, Zellwände der äußeren Hypodermis orangerot, Cuticula gelb, Zellwände der innenliegenden Hypodermis tiefrot.
Bei der Betrachtung wird eine Kontrastverbesserung bei Verwendung eines BG 38 Filters (blaugrün, 3 mm dick) erreicht.
Fotos: Nikon D5000, Sony Alpha 6000 für (Übersichtsaufnahmen).

Bild 18 Übersicht, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


Bild 19 Übersicht  mit Beschriftung, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)

PE = Periderm, MP =Markparenchym, MST = Markstrahl, XY = Xylem, J = Jahresringgrenze, RP = Rindenparenchym

Die Verbindung zwischen Mark und Rinde wird durch sogenannte Markstrahlen ( Parenchymstrahlen) hergestellt, die aus lebenden Parenchymzellen bestehen.
Das sind bandartige Zellschichten aus Grundgewebe.

Bild 20 Detailaufnahme, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


Bild 21 Detailaufnahme, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


Bild 22 Detailaufnahme, Auflichtbeleuchtung Fluoreszenz, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)

Reflektormodul FL mit Filtersatz 67
Erregerfilter: BP 470 nm
Strahlenteiler: FT 477 nm
Emission (Sperrfilter): LP 485

Bild 23 Detailaufnahme, Auflichtbeleuchtung Fluoreszenz, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


Bild 24 Detailaufnahme, Auflichtbeleuchtung Fluoreszenz, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


Bild 25 Detailaufnahme, Auflichtbeleuchtung Fluoreszenz, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


Bild 26 Detailaufnahme, Auflichtbeleuchtung Fluoreszenz, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


Bild 27 Detailaufnahme, Auflichtbeleuchtung Fluoreszenz, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


Teil 2
Sprossgabel, Längsschnitt
25 Mikromete

W-3A-Färbung nach Wacker (Acridinrot-Acriflavin-Astrablau)

Bild 28 Pflanzenprobe auf einen kleinen Holzklotz geklebt


Bild 29 Übersicht, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


Bild 30 Übersicht, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


Bild 31 Detailaufnahme, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


Bild 32 Detailaufnahme, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


Bild 33 Markparenchym, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


Bild 34 Detailaufnahme, Auflichtbeleuchtung Fluoreszenz, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)


Bild 35 Detailaufnahme, Auflichtbeleuchtung Fluoreszenz, Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)



In der Fachliteratur wird der Fingerstrauch kaum erwähnt.

Literaturverzeichnis:

Hans Joachim Coner ,,Flora in Farbe", 1965

Wikipedia; Freie Enzyklopädie

,,Botanica" Das Abc der Pflanzen, ISBN: 3-8290-0868-6

,,Die große Enzyklopädie der Arzneipflanzen und Drogen", ISBN: 978-3-89996-508-7

Meine Recherche gleicht einer Entdeckungsreise, bei der ein Fakt oft zu weiterführenden Zusammenhängen führt.
Ich folge dem Schneeballprinzip:
Beim Verknüpfen der Informationen stoße ich kontinuierlich auf neue, spannende Aspekte.
Ich exploriere das Thema intensiv und erschließe mir fortlaufend neue Informationsquellen.
Ich arrangiere Informationen aus Büchern und Internet, um sie zu einer in sich geschlossenen Darstellung zu fusionieren.
Ich freue mich über Rückmeldungen jeglicher Art, sei es Lob oder konstruktive Anregungen.

Hans-Jürgen
Plants are the true rulers - Pflanzen sind die wahren Herrscher.

<a href="http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=2650.0" target="_blank">Hier geht es zur Vorstellung</a>

Gerne per "Du"

Jürgen Boschert

Lieber Hans-Jürgen,

wundervoll, danke!
Noch ein schönes Wochenende.
Beste Grüße !

JB

M59

Hallo Hans-Jürgen,

wieder ein toller Beitrag, und abseits des Farbenfeuerwerks freue ich mich immer über deine grossartigen ungefärbten Präparate!

Grüße,

Michael/M59

Daniel Scheibenstock

Lieber Hans Jürgen,

Eine sehr schöne Dokumentation😊vielen Dank!

Liebe Grüße Daniel
Leica DMRB HC (DL, Pol, DIC, PH)
Motic BA310 LED (DL: PH; DF;POL, AL: POL)
Zeiss Universal (DL: Fluo; POL AL: Fluo,POL. DIC)
Zeiss IM35 (DL; PH; Fluo;POL)
Olympus SZX12
Bresser Stereolupe

Vorstellung: https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=48126.0

Peter T.

Lieber Hans-Jürgen,

ein sehr schöner Beitrag. Die Schnittebene ist perfekt gesetzt und zeigt die Verzweigung auf eine sehr ästhetische Art und Weise. Deine Schnittdicke mit 25 µm ist bei dieser Probe einfach fantastisch!

Natürlich nehme ich den Beitrag in die Botanik-Liste mit auf.

Beste Grüße aus München

Peter

Hans-Jürgen Koch

Hallo Jürgen, Michael, Daniel und Peter,

es freut mich, dass euch mein Beitrag gefällt.
Danke für eure netten Worte.

@ Peter,
die Schnittebene war Glückssache.

Gruß
Hans-Jürgen
Plants are the true rulers - Pflanzen sind die wahren Herrscher.

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Gerne per "Du"