Ja, wie köhlert man denn nun richtig?

Begonnen von NicLi, Dezember 07, 2010, 20:35:32 NACHMITTAGS

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Ulf Titze

#15
Liebe Köhlerer,

ich denke, die Rationale dieser Diskussion ist wie so oft: "Kommt drauf an!". Man muss ganz einfach trennen, zu welchen Zweck man mikroskopiert.

Als Pathologe kann ich sehr gut nachvollziehen, was mein Kollege Florian angesprochen hat. Gegen Mittag kommen die Schnitte in der Größenordnung 100-200 (Schnittpräparate), die ich dann in 1 - 2 Stunden durchmustere, damit ich die Fälle dann ggf. am späteren Nachmittag in den klinisch-pathologischen Konferenzen vorstellen kann. Das ist Akkordarbeit. Da hat man in der Tat keine Zeit, bei jedem Objektivwechsel zu köhlern! Herr Jülich, das sind keine fadenscheinigen Ausreden, das ist Fakt! Für solche Akkordarbeit müssen die Optiken schon eine gewisse Güte und Toleranz gegenüber nicht optimal eingestellter Beleuchtung besitzen. Sobald ich im Übersichtsobjektiv (2,5x) granulozytäre Infiltrate von lymphozytären Infiltraten sicher unterscheiden kann, reicht mir die optische Leistung. Alle zwei bis drei Wochen baue ich den Kondensor aus, um ihn von den immer anfallenden Glassplittern und Paraffinflocken zu reinigen. Danach wird das Mikroskop geköhlert, im 10er Objektiv. Ich denke, mit den allermeisten modernen Mikroskopen der großen Hersteller kommt man mit dieser (Standard-)Einstellung ziemlich weit.

Aber dennoch lege ich Wert darauf, ein köhlerbares Gerät zu haben. Denn sobald man für Veröffentlichungen oder den privaten Bilderfundus fotografiert, wird sauber geköhlert - für das betreffende Objektiv. Das sind dann aber ausgewählte besondere Fälle - in der Breite ist das nicht zu machen.

Was ganz anderes ist es, wenn ich privat meine Diatomeen mikroskopiere, oder mir Schnitte mitgenommen habe, um mich in neue Themen einzuarbeiten. Da interessiere ich mich für die strukturellen Feinheiten an der Grenze des Auflösungsvermögens. Aber auch da köhlere ich nicht prinzipiell für jedes Objektiv neu. Um mir einen Überblick zu verschaffen, reicht die Standard-Einstellung. Erst wenn ich eine interessante Diatomee mit dem optimalen Objektiv eingestellt habe und nun länger beobachten möchte - dann wird neu geköhlert.

Grüße

Ulf
"Do not worry about your problems with mathematics, I assure you mine are far greater." (A. Einstein)

"Komm wir essen Opi!" - Satzzeichen können Leben retten!!!

Jürgen H.

#16
Zitat5 Experten = 5 verschieden Meinungen !

Das ist doch ein hervorragendes Ergebnis. Bei Juristen heißt es: Zwei Experten, fünf verschiedene Meinungen (Mindestens)

Jürgen

Werner Jülich

Wie sähe der Kompromiss aus?
Man köhlert nur das Objektiv mit dem größten Wert NA x V. Denn normalerweise wird nur dieses Mikroskop visuell ausgenutzt.
Ein APO 20x mit NA > 0,6 und 10er Okularen ist natürlich einstellungstolerant, weil er nicht wirklich gefordert wird. Das bedeutet aber nicht, dass man bei sauberer optischer Anpassung an unser Auge bei diesen Objektiven auf die genaue Einstellung verzichten sollte, im Gegenteil.

Eine verbreitete Alternative sind motorisierte Systeme.

Werner Jülich

Peter V.

Hallo!

Nur kommt der "Ketzer":

Man liest immer wieder so ähnlich die Aussage: "Ich achte nicht sooo sehr aufs Köhlern, aber wenn es darauf ankommt, also bei Fotos, ja da wird selbstverständlich exakt geköhlert!!! Ehrenwort!!"  ;)

Ws mich mal inetessieren würde: Hat eigentlich mal jemand verglichen, ob es bei der durchschnittlichen Fotoanwendung ( also einem "durchschnittlichen Motiv", einem Objektiv mittlerer Vergrößerung und einer "durchschnittlichen" Objektivklasse, also z.B. Planachromat ) tatsächlich zu relevanten Unterschieden führt, jer nachdem, ob korrekt geköhlert oder nicht?
Da würde mich ein Vergeleich wirklich mal interessieren ( wobei ich mit "ungeköhlert" natürlich nicht einen mutwillig grob dezentrieten Kondensor oder eine ins Extreme zugezogene oder geföffnete Aperturblende meine, sondern ein eben "nach Gefühl" eingestelltes Mikroskop).

Herzliche Grüße
Peter

PS: Mikroskopierst Du schon oder köhlest Du noch?  ;)

...und weggeduckt!
Dieses Posting ist frei von kultureller Aneigung, vegan und wurde CO2-frei erstellt. Für 100 Posts lasse ich ein Gänseblümchen in Ecuador pflanzen.

Ulf Titze

#19
Hallo Peter,

Zitat
Ws mich mal inetessieren würde: Hat eigentlich mal jemand verglichen, ob es bei der durchschnittlichen Fotoanwendung ( also einem "durchschnittlichen Motiv", einem Objektiv mittlerer Vergrößerung und einer "durchschnittlichen" Objektivklasse, also z.B. Planachromat ) tatsächlich zu relevanten Unterschieden führt, jer nachdem, ob korrekt geköhlert oder nicht?

Ja. Den Unterschied sieht man. Natürlich sind es keine Welten, aber man merkt es. Das geköhlerte Bild erscheint schärfer, kontrastreicher und ist bei genauer Untersuchung detaillreicher (man erkennt z.B. zytoplasmatische Inklusionen besser). Persönlich achte ich v.a. bei schwächeren Objektiven auf eine saubere Blendenstellung, da diese Objektive sehr leicht überstrahlt werden. Wie gesagt, die Unterschiede sind keine Welten, aber an meinen Fotos traue ich mir zu, den Unterschied zu erkennen. Insbesondere am Bildrand. Deshalb köhlere ich auch beim fotografieren.

Zitat
PS: Mikroskopierst Du schon oder köhlest Du noch?

... Jetzt liegt ein neuer Stapel mit Präparatemappen auf meinem Schreibtisch. Also mikroskopiere ich wieder. Ungeköhlert.  ;D

Grüße

Ulf

P. S. Es erscheint mir nötig, darauf hinzuweisen, daß es das "durchschnittliche" Motiv nicht gibt. Wir machen hier alle Spezialanwendungen an der Grenze des optisch Möglichen. Der Tümpler genauso wie der Histologe oder der Polarisationsmikroskopiker. Jede Sparte hat andere Anforderungen an ein "optimales" Foto. Mir als Histologen ist es wichtig, dass es am Bildrand wenig Verzeichungen und shading gibt. Dem Tümpler oder Diatomisten ist das Pup-egal, er interessiert sich für ein optimales Ergebnis in der Bildmitte, der schneidet die ROI digital aus und begradigt den Hintergrund. Daher sollte man genau definieren, worauf man beim Fotografieren achtet und für welche Anwendung. Durchschnitt gibts hier nicht.
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hinrich husemann

#20
Hallo Köhlernde und Nichtköhlernde,
Zeiss (West) hatte früher mit der hier abgebildeten "Lucigen" einen - allerdings mehr für einfaches Hellfeld gedachten (auch mit Pol möglich) - Quasi-Halbköhler-Kompromiß kreiert. (Ich habe noch so eine.)

Wirksame Lichtquelle war die von innen mit einer kleinen Glühlame (etwa 6 - 8V) bestrahlte, oben befindliche und sehr homogen leuchtende runde Trübglas-Scheibe. (Ein kleiner passender Polfilter konnte darüber gesetzt werden.) Die wirksame Beleuchtungsapertur konnte durch Heben oder Senken des in den Kondensorträger eingesetzten Gerätes geregelt werden (was bei herausgenommenem Okular gut zu verfolgen war). Auch Immersion war möglich. Die Sehfelder waren sehr homogen ausgeleuchtet. Das Einstellen der Leuchtfeldblende entfiel hier aber; die "Köhlerarbeit" war also quasi "halbiert" (natürlich auch etwas von der "Köhlerwirkung", was aber bei "normalen" Ansprüchen oft nicht so stark auffällt.).
Die Lucigen war aber wohl mehr für Mikroskopie unter "einfacheren" Bedingungen ("im Felde") gedacht.
Köhlerfreundliche Mikrogrüsse
H. Husemann

Nomarski

#21
Hallo,

ob, wann und wie genau geköhlert werden sollte wird wohl jeder durch seine eigene Erfahrung irgenwann feststellen. Die Frage am Anfang hatte ich eher so aufgefasst, wie es denn überhaupt gemacht wird. Und das ist eben gerätespezifisch. Deswegen hatte ich dem Fragesteller in einer persönlichen Mail auch angeboten, ihm die Bedienungsanleitung vom Hersteller zukommen zu lassen, wo das genau und sogar mit Bildern beschrieben ist.

Es sollte wohl klar sein, daß durch die Köhlerung und genaue Justage der optischen Baugruppen auch optimale Verhältnisse herrschen und daß eine Abweichung davon eben mit Einbußen behaftet sind, wobei es eben im eigenen Ermessen liegt, ob man diese in Kauf nimmt oder nicht.
Und es soll auch jedem selbst überlassen sein, mit welchen Methoden er sein Mikroskop "tunt", so unorthodox das auch erscheinen mag, aber muß man deswegen gleich pampig werden, wenn dies infrage gestellt wird?
Einen Vergleich, ob das Bild nun geköhlert oder ungeköhlert besser ist, sei es bei der visuellen Beobachtung oder beim Fotografieren, bzw. ob sich die Nachlässigkeit des Zentrierens nun so gravierend bemerkbar macht, kann doch nun jeder selber für sich durchführen und beurteilen, da es eben von den eigenen Ansprüchen, dem Objekt und auch der optischen Konstellation abhängt, die halt sehr variieren kann.

Viele Grüße
Bernd

chishoro

Also ich gehe immer so vor:

- Scharfstellen des Objektes
- Scharfstellen der Leuchtfeldblende
- Zentrieren derselben
- Oeffnen der Leuchtfeldblende bis die Blende knapp aus dem Sehfeld verschwindent
- Einsetzen eines Phasenteleksopes.
- Zentrieren der Aperaturblende
- Langsames oeffenen der Aperaturblende - meistens bis sie ca 80%-85% offen ist.

Hier nun aber eine interesantere Frage - warum haben die Objektivrevolver - z.B. der Firma Zeiss - Bohrungen resp. Objektivaufnahmen die ein dauerndes nachzentrieren fordern ?

Natuerlich kann man die Leuchtfeldblende jedes mal neu zentrieren - ware halt einfach wenn dass nicht noetig waere oder allerdmindestens die Objektive eine Aufnahme haetten die - aehnlich den POL Z Objektiven - selber schon zentriebar waere.

            Gruss,

              Rory

Eckhard F. H.

Zitat...warum haben die Objektivrevolver - z.B. der Firma Zeiss - Bohrungen resp. Objektivaufnahmen die ein dauerndes nachzentrieren fordern ?

Hallo Rory,
Könnten es nicht auch die Objektive sein, die das erfordern? Ich meine, das liegt näher.
Gruß - Eckhard N.


Nomarski

ZitatNur wie stelle ich bei einer LED auf den Glühfaden scharf? Insbesondere alte Mikroskope lassen sich durch eine Änderung der Beleuchtung deutlich verbessern.

So und die Frage ist nun, wie stellt man nach solchen Umbauten die Beleuchtung richtig ein?

Der Vorgang der Einstellung ist derselbe. Die LEDs haben statt des Glühfadens ein leuchtendes Substrat, das an entsprechender Stelle zu positionieren ist. Die Größe dieser Fläche muß passen, damit diese Fläche möglichst vollständig in der Aperturebene des Kondensors abgebildet wird, um die Leistung des Objektives ausnutzen zu können.

PetrM

Zum Köhlern kann ich folgendes sagen:

Ich Köhler mit einem Phakokondensor 0.9 Apertur. Der Kondensor ist wirklich nicht die Rede wert. Aber nach dem Köhlern, WoW. So nervig wie es bei einem 100er Objektiv ist. Der Kontrast ist wirklich toll. Und dass mit einem Kondensor welcher wirklich zum Wegschmeißen ist!
Ohne Pflanz - kein Mensch
Ohne Pilz - kein Pflanz
Ohne Alg - kein Pilz?
Und wie sieht es überhaupt mit den ganzen Mikroorganismen aus?