Apertur, Korrektion, Ästhetik - eine persönliche Philosophie

Begonnen von Gunther Chmela, März 12, 2012, 22:55:04 NACHMITTAGS

Vorheriges Thema - Nächstes Thema

Gunther Chmela

Ich habe lange gezögert, den folgenden Beitrag zu veröffentlichen. Jetzt hab ich mich dazu entschlossen, in der Hoffnung, daß nicht alle mich als Spinner auslachen werden.

Ich muß ein paar Dinge vorausschicken. Ich fotografiere nicht am Mikroskop (obwohl ich sonst recht begeistert fotografiere). Was ich schreibe, das bezieht sich daher auf die visuelle Betrachtung des mikroskopischen Bildes. Das andere ist, daß die folgenden Zeilen sich möglicherweise so lesen, als wäre ich an biologischer und geologischer Wissenschaft nicht interessiert, weil eigentlich nur von Ästhetik die Rede sein wird. Der Eindruck ist aber falsch, ich habe Biologie studiert (ohne deswegen vollgültiger Biologe zu sein), und das biologische Interesse war auch in frühester Jugend bei mir der Anfang der Mikroskopie. Und schließlich noch etwas. Ich habe sehr gute Augen.

Vor nicht allzu langer Zeit war hier unter anderem die Rede von ,,Brillanz" des mikroskopischen Bildes. Es stellte sich heraus – so habe ich jedenfalls die Diskussion verstanden – daß einige Leute genau wußten, was damit gemeint war, andere wiederum mit dem Begriff nichts anfangen konnten. Es wurden auch eifrig Messungen angestellt, um etwas zu belegen oder auch zu widerlegen, was ein ästhetisch empfindender Mensch auf den ersten Blick sieht. Angie (,,Monsti") war die Urheberin jenes langen Diskussionsfadens, der sich da ergab.

Angie war es auch, die begeistert berichtet hat, daß ,,die Sonne aufging", als sie zum ersten Mal das 40er Neofluar anstelle eines möglicherweise etwas minderwertigen Achromaten einsetzte. Manche haben diese Aussage wohl für übertrieben gehalten, doch ich hab's sofort verstanden. Ich glaube sogar, die Sonne wäre auch dann aufgegangen, wenn der vorher verwendete Achromat von besserer Qualität gewesen wäre. Nicht ganz so strahlend vielleicht, aber doch deutlich heller wahrnehmbar. Und wenn jetzt noch ein Planapo der neueren Bauart käme...

Ich betrachte oft, sehr oft, das, was ich im Mikroskop sehe, nicht anders als die Bilder in einer Kunstausstellung, die mich interessiert. Und ich freue mich an den Bildern. Ich nehme die Ästhetik der Bilder wahr, ob es nun Grünalgen, Diatomeen oder botanische Schnitte sind, ohne dabei natürlich die biologische Aussage zu verkennen, die im Gesehenen steckt. Und in dieser Hinsicht ist auch bei mir vor sehr langer Zeit und auf etwas einfacherem Niveau ,,die Sonne aufgegangen". Das war, als ich zu meinem Mikroskop einen Achromaten von Winkel-Zeiss 42/0,85 erwerben konnte. Man beachte: Keine höhere Korrektionsklasse, nur deutlich höhere Apertur als bei den üblichen 40/0,65. Trotz aller Schwächen (Deckglasdickenempfindlichkeit bei nicht vorhandenem Korrektionsring, keine vergütete Optik) lieferte dieses Objektiv Bilder von einer – ja, Brillanz, die ich vorher nicht gekannt hatte.

Später bin ich dann wohl immer wieder einmal wegen meiner angeblichen Technikverliebtheit belächelt worden, wenn ich mir beispielsweise ein immer noch relativ teures Planapo gekauft habe, wo ich doch bereits ein ,,gutes" Achro mit derselben Maßstabszahl besaß. Doch es war eine andere Verliebtheit, wenn man das schon unbedingt so nennen will. Es war immer die Begeisterung für die Schönheit und – ja! – Brillanz der Bilder, die Farbreinheit der Konturen.

Wer also weiß und versteht, was ,,Brillanz" heißt (ohne Messungen anstellen zu müssen) und deren Optimum erleben möchte, der halte sich an folgende Punkte:

1. Man bleibe möglichst an der unteren Grenze der förderlichen Vergrößerung V = 500 NA. Auch noch etwas darunter schadet nicht, wenn es nicht auf das Erkennen der feinsten Strukturen ankommt.

2. Da heute ja meist 10er Okulare verwendet werden, folgt aus 1, daß das Hundertfache der numerischen Apertur des Objektivs mindestens doppelt so groß sein sollte wie dessen Maßstabszahl (sonst überschreitet man die Bedingung 1 ja automatisch).

3. Man verwende, wenn irgend möglich, Objektive höherer Korrektionsklassen. (Nebenbei: Dann erfüllt sich Bedingung 2 sowieso meist von selbst.)

Ich glaube, ich brauche jetzt nicht mehr begründen, warum ich keine 100er-Objektive mag. 63er reichen immer. (Sollte ich die hohe Vergrößerung doch einmal brauchen, dann hab ich ein Optovar – und mit Faktor 1,6 bin ich dabei.)

Ihr könnt mich jetzt auslachen, beschimpfen, ignorieren, es ist mir egal. Ich wollte das einfach nur einmal schreiben – und der Ästhetik eine Lanze brechen.

Gunther Chmela

P.S.: Es könnte ja sein, daß der/die eine oder andere ähnlich denkt wie ich. Und daß er/sie sich das nur noch nicht zu sagen traute... weil's so unwissenschaftlich ist.



Tausendblatt

#1
Lieber Gunther,

nein, an dieser Philosophie ist für mich überhaupt nichts unverständliches - ich schließe
mich Deinen Worten an.

Erst recht beim Fotografieren:
Aus gleichen Motiven benutze ich immer wieder gern den Großbildansatz am Mikroskop.
Dazu noch das fast schon standardmäßig montierte Großfeldsystem 0,8x.

Es kommt dann auch auf den Kondensor an, Dunkelfeld sollte mit möglichst großzügiger Apertur realisiert sein.
Ebenso bewährt haben sich RFB/Col-Varianten... aber wem sage ich das. ;-)

Auch bei meinen Vorkriegsstativen (Zeiss FCE ca. aus dem Jahr 1928) macht ein Apochromat 20/0,65 mit dem Okular K5x (SFZ = 23) und passendem Kondensor (der Immersions-Wechselkondensor mit seinem rheinbergartigen Schräglicht etwa) ein phantastisches Bild.

Es sollte noch ergänzt werden, das Brillianz nicht pauschal mit Kontrast gleichzusetzen ist.

Beste Grüße

Jens


P.S.: Das Winkel-Zeiss 42/0,85 kenne ich auch ... :-)

-JS-

#2
Gunther,
ich habe, was zugegebenermaßen selten ist, Deinen Artikel ganz still und  leise kopiert, in Word verfrachtet und kaue nun an den Nägeln. weil ich so sehr viel dazu sagen möchte und mir dennoch erst einmal die Worte fehlen.
Du möchtest der Ästhetik eine Lanze brechen.
Klar - viele werden es als unwisschenschaftlich abtun, eventuell etwas von 'lass den mal weiter träumen/vor_sich_hin_spinnen' denken und nicht weiter reagieren.
Ich möchte versuchen, mich mit Deinem Essay auseinanderzusetzen.
Kleine Geschichte vorab:
Während eines Urlaub am Limfjord in Dänemark wollte unser Sohn unbedingt mal einen Sonnenaufgang am Meer erleben und natürlich auch fotografieren. Sind wir also um vier Uhr morgens losgezogen, entsprechend mit Stativen und allerlei Fotogerät ausstaffiert und haben an geeigneter Stelle Position bezogen, Kameras aufgebaut und halt gewartet.
Der Sonnenaufgang kam, und er war wirklich prachtvoll. Wir haben dagesessen und ihn uns einfach angeschaut, überwältigt vom Naturschauspiel. Anschließend haben wir unsere Ausrüstung wieder still und leise im Auto verfrachtet und sind zurück gefahren. Fotos gibt es von diesem Sonnenaufgang übrigens keine.
'Ich fotografiere nicht am Mikroskop'.
Deine Äußerung, lieber Gunther, mag für die Foto-Gilde hier ein wenig seltsam anmuten, ich möchte ganz bescheiden ein sehr umfassendes Verständnis dafür zum Ausdruck bringen.
Das Thema 'Brillanz' und der schon heute wegen seiner Räsonanz nahezu sagen_hafte Thread von Monsti fügt sich an dieser Stelle nahtlos ein. Wo für einige Leute die 'Sonne aufgeht' (und denen dann genau diese persönliche Empfindung ausreicht), wollen andere wissen, warum genau das so ist und begreifen nicht, dass es Leute gibt, denen allein schon Empfindungen genügen.
Freude an Bildern: Eine wirklich schwer zu definierende Geschichte. Das geht von Äußerungen wie 'Mein lieber Scholli' zu den Wahnsinns-Aufnahmen von Hans-Dieter Horst-Dieter (Entschuldigung !) bis hin zu einem Bettelbrief von mir an ihn, weil ich ganz gern genau diese Wahnsinns-Aufnahme aus seinen 'Begegnungen' im MKB (Musca vs. Drosophila) haben möchte und weil ich sie eben einfach toll finde.
Klar ist auch, dass Deine weiteren Schilderungen in Richtung 'Haben wollen' nachvollziehbar sind, die Technikverliebtheit nanntest Du ja schon, das andere 'Ding' ist schwer zu definieren und (jedenfalls für mich) genau so leicht verständlich, wenn auch nicht leicht in Worte zu fassen. Belassen wir es einmal mit dem Term 'Begeisterung', der umschreibt sehr viel, so z.B. auch meinen kürzlichen 'Blick über den Zaun' auf Bastians anstehende Feinguss-Künste zur Herstellung eines Mikroskopfußes.
100er Objektive 'durfte' ich (Mikrobiologie) recht oft benutzen, ohne diese wären zahlreiche Aufgaben kaum zu bewerkstelligen gewesen, das hat aber nicht sehr viel mit Ästhetik zu tun, eher mit sachlich-verwobener Notwendigkeit und gehört daher im Grunde nicht hier her.
Es steht mir zum Abschluss nicht zu, lieber Gunther, dich auszulachen, zu beschimpfen, schon gar nicht, Dich zu ignorieren.
Ich möchte eher etwas anderes tun.
Verständnis zeigen.
Und: mich freuen, dass Du Deine Gedanken so klar formuliert hast.
Und noch eins: ich finde das alles nicht 'unwissenschaftlich'.
Ohne Staunen über Ästhetik gäbe es keine Neugier auf die Gründe für eben dieses Staunen.
Oder eben das eigene Bewusstsein, mit dem Staunen etwas unheimlich Wertvolles zu erfahren.
Danke für deinen Essay.
Joachim
... bevorzugt es, ge_Du_zt zu werden ...

ruhop

Hallo, Gunther, hallo Joachim!

Ich danke Euch für die Darlegung Eurer Gedankengänge zu den Themen Brillanz und Ästhetik.

Ich möchte jetzt nicht meine Gedanken dazu schildern. Das wäre nichts anderes als Redundanz, da sich meine Einstellung dazu kaum von der Euren unterscheidet.

Aber das eine oder andere muß ich doch sagen. Freude und Staunen über die Strukturen, die uns die Natur bietet, gehören für mich einfach zur Biologie als Wissenschaft dazu. Ich weiß noch wie heute: als ich Ende der 60er bei einem Besuch im Max Planck Institut für Limnologie die REM-Aufnahme einer Cyclotella meneghiniana sah, hat mich das einfach umgehauen. Ich brauchte danach eine Weile, um an mein Mikroskop im IHF Hamburg zurückzukehren. Die gleiche Begeisterung und Freude habe ich, wenn ich im Forum die Fotos anderer Teilnehmer sehe, seien es nun Pflanzenschnitte, Dünnschliffe oder ,,Tümplergebnisse". Diese Freude gehört für mich zur Wissenschaft, weil sie auch Motivation bedeuten kann. Da steht man auch nicht alleine. Ich möchte nur auf Rösel von Rosenhof und seine ,,Insektenbelustigungen" verweisen. Und nicht zu vergessen: Ernst Haeckel, der sich so am Anblick von Radiolarien begeisterte, daß die Phantasie mit ihm durchging.

Wenn man sich nun die Freude an diesen Dingen noch dadurch verstärken will, daß man die Optik und/oder die Beleuchtungsart wählt, die einem das subjektiv (!) beste Ergebnis liefert, dann halte ich das für normal und nicht für ,,spinnert". Die Betonung liegt auf subjektiv, denn sehen und empfinden muß jeder für sich allein. Den Begriff unwissenschaftlich weise ich für mich in diesem Zusammenhang zurück.

Danke, Gunther, daß Du dieses Thema angestoßen hast. Ich würde mich freuen, wenn auch andere Forummitglieder sich dazu äußern würden.

Schönen Gruß aus dem Taunus

Holger

Eckhard F. H.

#4
ZitatIch würde mich freuen, wenn auch andere Forummitglieder sich dazu äußern würden.

Was mir mikroskopische Einblicke verschaffen, ist in erster Linie Information. Wenn die darüberhinaus ästhetisch ist, umso besser. Aber dankbares Staunen ist allein dem Anblick der belebten Natur vorbehalten. Sei es die schorfige Rinde eines Baumes, der eifrige Protest eines Vögelchens bei unbewußter Näherung an sein Revier oder über das, was Sterbendem in Wald und Flur entwächst. Selbst als ich jüngst ein Moor, balancierend von Grasinsel zu Grasinsel, zu durchqueren suchte und zur Wiedererlangung der verlorenen Balance ein unkontrollierter Ausfallschritt nötig wurde und ich infolge dessen bis über die Knie im Morast versank, war das Staunen über die Höhe der Grasinseln fast größer als der Ärger.
Gruß - EFH

HDD

Ich möchte mich einmal ganz herzlich für diese Stellungnahmen und Schilderungen bedanken.

Genau das ist es was mich immer wieder dazu antreibt, mikroskopisch kleine Dinge so zu zeigen wie ich sie sehe
und empfinde.

Es ist die Ästhetik der Bilder. Die Schärfe und Brillanz des visuellen Eindruckes der beim Foto, und sei es
noch so gut, einfach nicht rüberkommt. Der visuelle Eindruck, die philosophischen Gedanken beim Beobachten und
die Freude an der empfundenen Qualität des Bildes sind es was das mikroskopische Beobachten für mich so faszi-
nierend macht.

Horst-Dieter

Winfried Todt

Es erfüllt mich mit großer Freude, dass ich nicht alleine bin.
Der Beitrag von Gunther und Joachim hat mich sehr berührt, besser hätte ich es nicht formulieren können.
Wenn ich mir einmal etwas richtig gutes gönne, dann nehme ich mein altes Leitz-Mikroskop ( Baujahr 1946, mit dreifach Revolver und Spiegel ) hervor und schaue mir zum Beispiel die Algen aus meinem Aquarium bei Sonnenlicht an. Ein (für mich) einmaliges Erlebnis und nicht mit den Bildern durch künstliches Licht zu vergleichen.
Viele Grüße
Winfried

Rawfoto

Guten Morgen

Auch mit treibt die Faszination zu den kleinen Schoenheiten unsere Welt. Von der Ausbildung Techniker, vom Beruf Manager und aus Leidenschaft Naturfotograf. Eine wissenschaftliche Ausbildung hatte ich leider nicht und so bin ich dabei das eine oder andere anzueignen ...

Den Ausdruck, es geht die Sonne auf, kennen wir in Wien in etwas abgewandelter Form auch. Er lautet "mir geht das Herz auf" und er symbolisiert eine tiefe Empfindung!

Das Streben nach dem idealen Bild, nach den Emotionen die es beim Betrachter ausloest, nach dem einmaligen, ja unvergesslichen Augenblick begleitet mich seit 35 Jahre in der Fotografie. Es ist ein Ausgleich zum Berufsalltag aus welchen ich Energie schoepfe und diesen Zustand gilt es zu erhalten.

Es begeistert mich in diesem Forum beide Seiten abgedeckt zu finden und ich bin daher taeglich auch in dieser Welt. Oft, wie heute, vor dem Aufstehen. Dank iPad noch unter der warmen Decke, aber mit einem Laecheln am Gesicht ...

:-)

Gerhard
Gerhard
http://www.naturfoto-zimmert.at

Rückmeldung sind willkommen, ich bin jederzeit an Weiterentwicklung interessiert, Vorschläge zur Verbesserungen und Varianten meiner eingestellten Bilder sind daher keinerlei Problem für mich ...