die Suche nach dem "Heiligen Gral"

Begonnen von Michael Plewka, Oktober 01, 2012, 21:28:44 NACHMITTAGS

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Michael Plewka

Liebe Mikroskopikerinnen und Mikroskopiker,

mikroskopieren hat ja auch etwas "romantisches": man kann auf "Jagd gehen" (ohne etwas  totschießen zu müssen) oder sich wie ein klein wenig Indiana Jones fühlen (leider ohne dessen Gagen zu kassieren),  wenn man sich auf die Entdeckungsreise in die Welt des Kleinen begibt.
Schon in der "Grünen Reihe" der Kosmos Bücher habe ich früher die Vielfalt der Rädertiere bestaunt. Ich selbst habe das Büchlein vor mehreren Dekaden erworben,  wobei  mich in den letzten Jahren die "Exoten" immer mehr interessiert haben. Wo könnte man sie wohl finden?
In einer Moosprobe quasi "um die Ecke" fand ich nun einen solchen Exot , über den auch das www. nicht viel ausspuckt, schon mal gar keine Bilder: Bradyscela clauda. Das hat dann schon etwas von der "Suche nach dem Heiligen Gral".......

Bradyscela wird in die Familie Adinetidae gestellt. Bradyscela hat eine wurmförmigen Körper, der sich genauso bewegt wie eine Adineta,




desweiteren einen charakteristischen Kopf mit einem Rüssel, der -genauso wie bei Adineta- wie ein Hobel wirkt. Dieses wird durch den sog. Harkenapparat bewerkstelligt, der  aus einer Reihe von Zähnen (weiße Dreiecke) um das Räderorgan(RO)  herum besteht. Ähnlich wie bei Adineta kann eine Hautfalte ("Lippe", Li) das Räderorgan verdecken:




Bradyscela clauda; erkennbar ist die zweilappige Lamelle des Rüssels:



Im Gegensatz zu Adineta ist der Fuß stumpf und hat nur kurze Zehen:



Hier noch einmal ein paar Bilder von Adineta zum Vergleich (teilw. schon mal gezeigt).

Harkenapparat bei A. barbata:



Der Saum der ventralen Wimperscheibe kann offensichtlich kontrahieren, so dass die Wimpernscheibe wie hinter einem Vorhang verschwindet. Es sind Fasern erkennbar, die möglicherweise die Öffnung des Vorhangs bewirken (gelbe Pfeile). Grüne Pfeile: U-Häkchen





Viel Spaß beim Anschauen & beste Grüße Michael Plewka

Holger Adelmann

Lieber Michael,
Herzlichen Glückwunsch zu diesem wirklich aussergewöhnlichen Fund !
Wie immer von Dir ein schöne Doku.

Hast Du die inneren Organe studieren können?

Ist der Kauer auch vergleichbar mit dem anderer Arten?

Herzliche Grüsse
Holger


Bernhard Kaiser

Guten morgen Herr Plewka,

besteht irgend ein Zusammenhang zwischen Moosarten und Rädertierarten?
Diese Moosart "um die Ecke" ist sicher keine Seltenheit. Vielleicht finden Sie an anderen Fundorten Bradyscela clauda wieder.
Das Moos bestimme ich Ihnen gerne.

Mit freundlichen Grüßen
Bernhard Kaiser

Michael Plewka

hallo zusammen,

vielen Dank .....

vielleicht ist es von ja allgemeinem Interesse, noch etwas zu den "Problemen" der Foto-Dokumentation von Moos-Rädertieren zu sagen, insbesondere den bdelloiden. Die hier häufig gezeigten Tümpler-Rädertiere (z.B. Rotaria- oder Philodina-Arten) sind ja  echte Foto-Profis, d.h. gelinder Deckglasdruck und starke Beleuchtung macht ihnen (fast) nichts aus. Im Gegensatz dazu sind die bdelloiden Moos-Rädertiere eher schüchtern. Sobald ein Deckglas auch nur in ihre Nähe kommt, stellen sie das Rädern ein und beginnen zu wandern, so dass die für die Bestimmung so wichtige Korona nicht gezeigt wird.. Manche Arten kontrahieren auch und sind für die nächsten paar Stunden zu keiner weiteren Aktion zu bewegen. Meistens sind in dem Präparat auch noch Moosblättchen oder kleine Sandkörnchen, die es verhindern, dass man die fürs  Fotografieren minimale Schichtdicke erreicht.
Insgesamt sind dieses schlechte Vorraussetzungen für scharfe Fotos. Vielleicht ist das der Grund, weshalb es relativ wenig Bilder davon im www. gibt. Planapos kommen kaum zum Einsatz, da deren Arbeitsabstand zu gering ist (Es sei denn, man kann sich die teuren Spezialobjektive von Zeiss leisten).
Ich beginne also zunächst mit einem Präparat ohne Deckglas und filme die Organismen mit einem 40x Objektiv mit langem Arbeitsabstand.
Habe ich mehrere Exemplare der gleichen Art, kann ich versuchen, mittels einer abgeschrägten Glaspipette die Tiere auf einen anderen OT zu überführen ohne allzuviel Blättchen oder Körnchen mit zu übertragen..
Habe ich nur ein Exemplar wie in diesem Fall, kommt nun ein Deckglas drauf und man muss hoffen, dass das Viech einem das nicht übelnimmt. Konkret durfte ich eine 3/4 Stunde dabei zusehen, wie das Tier immer wieder Anläufe unternahm, den Rüssel auszustrecken, um dann doch wieder zu kontrahieren.
Dann war es aber doch bereit, ein bisschen in der typischen spannerraupenartigen Bewegung umherzuwandern. Dabei hatte ich dann das Glück, das das Viech auf der Unterseite des Deckglases wanderte und nicht auf dem OT. So kam dann doch noch das Planapo ins Spiel.

@ Holger: aufgrund der oben dargelegten Eigenheiten konnte ich leider nicht "quetschen" (zu viele Fremdkörper). Deshalb ist das Bild des Kauer aus einem Video. Der Kauer entspricht dem bei den bdelloiden Rädertieren mit dem Schema 2/2.



Hier noch ein Bild der inneren Organe. Erkennbar ist der Verdauungstrakt und  einer der Dotterstöcke.



@Herrn Kaiser,

die von Ihnen aufgeworfene Frage zum Zusammenhang von Moosen und Rädertieren habe ich mir auch oft gestellt. Abgesehen von Sphagnum und den damit hervorgerufenen  Umweltbedingungen in Mooren ist m.W. noch sehr wenig bekannt (Stand ca. 1965 bei Erscheinen des Buchs von Donner).
Insofern ergibt sich hier noch ein weit(er)es Betätigungsfeld. U.a.  frage ich mich, ob  die Ölkörper der Lebermoose mit ihren Inhaltsstoffen evtl. Einfluss auf die Besiedlung mit Organismen haben (Fraßschutz?).



beste Grüße Michael Plewka

Bernhard Kaiser

Hallo Herr Plewka,

ZitatU.a.  frage ich mich, ob  die Ölkörper der Lebermoose mit ihren Inhaltsstoffen evtl. Einfluss auf die Besiedlung mit Organismen haben (Fraßschutz?).

das ist durchaus möglich. Um die Sache zu ergründen wären Rädertiervorkommen gleicher Standorte und unterschiedlicher Moosarten festzustellen.
Ich denke hierbei z.B an Lophocolea bidentata, L. heterophylla, L. minor und ein an gleicher Stelle wachsendes Laubmoos.
Die ersten zwei Hahnenkamm-Lebermoose sind häufig. L. bidentata an Wegböschungen, L. heterophylla an Baumstümpfen. L. minor ist in Kalkgebieten zu finden.

Mit freundlichen Grüßen
Bernhard Kaiser


JB

Hallo,

Eine ganze Sammlung von Literaturstellen zur Interaktion von Moosen und Raedertierchen findet sich hier:

Glime, J. M. 2012. Invertebrates: Rotifers. Chapt. 4-5. In: Glime, J. M. Bryophyte Ecology. Volume 2. Bryological Interaction. 4-5-1
Ebook sponsored by Michigan Technological University and the International Association of Bryologists.
http://www.bryoecol.mtu.edu/

Beste Gruesse,

Jon

Bernhard Kaiser

Danke Herr JB,

für die Information, die vor allem Herrn Plewka interessieren wird. Jennifer Glime wird wohl bevorzugt nordamerikanische Standorte beachtet haben.
Sicher ein "ein weit(er)es Betätigungsfeld" für den Rädertierspezialisten diese mit Deutschland zu vergleichen.

Freundliche Grüße
Bernhard Kaiser