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Magnacol reloaded 2.0

Begonnen von liftboy, Januar 21, 2014, 21:20:52 NACHMITTAGS

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liftboy

Hallo erstmal,

Wie versprochen, hier ein erster Bericht.

Magnacol ist ein auf Polyvinyllaktophenol basierendes wasserhaltiges Einschlussmittel zum direkten Einschluss von Objekten.

Vorgesehen war die Verwendung für die Einbettung (Dauerpräparate) aus einem wässrigen Medium. (hauptsächlich Algen und Moose, etc.)

Vorab ist die einfache Handhabung zu loben.
Nach auflegen des Deckglases kann überschüssige Flüssigkeit wie Wasser mit Zellstoff abgesaugt werden. Ein zurechtrücken des Deckglases ist noch ca. 1 min. lang möglich. Das Aushärten zum stehenden Transport dauert jedoch einen Tag, kann aber durch Erwärmen verkürzt werden. (die Schnelltrocknung fördert aber leider auch die Entstehung von Artefakten, wie weiter unten gezeigt.)



Bild 1
Kartoffelstärke, Feuchter Ausstrich, sofort mit Magnacol eingedeckt.
Nach ein paar Tagen zeigten sich in dem sonst einwandfreien Präparat erste Korrosionserscheinungen an den Stärkekörnern, welche erst nach völliger Durchtrocknung aufhörten. Interessanterweise bildeten sich hier keine Artefakte aus.



Bild 2
Bananenstärke, wie oben, jedoch hier keine Korrosion.



Bild 3
Algen aus Kaltwasseraquarium, abgetropft und direkt eingebettet.
Ebenfalls keine Artefakte, guter Erhaltungszustand auch noch nach Monaten.



Bild 4
Fieberquellmoos (Fontinalis antipyretica), Blatt.
Auch hier weder Artefakte noch Auflösungserscheinungen.



Bild 5
Oscillatoria, fehlerfreie Direkteinbettung.



Bild 6
Detritus aus Kaltwasseraquarium mit Resten von Wasserflöhen/Muschelkrebsen.
Hier zeigt sich durch die größere Schichtdicke eine deutliche Blasenbildung ab, welche auch durch Erwärmen nicht verschwindet.



Bild 7
Chlorella, hier ein völlig misslungenes Präparat!
Auflösung der Schleimhüllen, sowie Deformierung der Zellhüllen.
Außerdem Bildung von Artefakten, welche geplatzten Stärkekörnern ähneln, aber optisch nicht aktiv sind.



Bild 8
Hier ein typisches Magnacol Artefakt, welches in den Präparaten zu üblen Missdeutungen führen kann. Wie es aussieht, handelt es sich um eine Kristallstruktur, die optisch aktiv ist.



Bild 9
Pollen von Zucchini. Quellung und Bildung von Pollenschläuchen.
Hier ein übler Nebeneffekt von Magnacol! Manche Pollen neigen unter dem Einfluss von Magnacol zum Auskeimen.



Bild 10
Pollen von Zucchini. Hier ein weiteres Magnacoltypisches Artefakt: die Bildung von Nadeln, welche optisch aktiv sind.

Insgesamt muss man sagen, dass es sich bei Magnacol um ein Einbettungsmittel handelt, welches besonders für den Anfänger und Kinderhände gut geeignet ist.
Es sind keinerlei Fixierungs- oder Alkoholstufen erforderlich, es ist wasserlöslich und kann somit auch problemlos entfernt werden.
Das Ergebnis ist in den meisten Fällen für den Amateur völlig ausreichend.
Eine Verpilzung konnte auch nach einem Jahr noch nicht festgestellt werden, obwohl keine Lackringe aufgebracht waren.

Für trockene Objekte sowie Einbettung direkt aus Wasser ist es gut geeignet.
Bei fixierten Objekten gibt es Probleme; ebenso bei wasserlöslichen Färbungen, welche ausgezogen werden; übrigens auch Farbstoffe, welche in den Objekten vorhanden sind ( z.B. Safran oder Lilienpollen).

Die Aufnahmen entstanden am Biolam-M mit Euromex Semiplan Objektiven 40x ausser Bild 6 = 20x und Bild 10 = 60x sowie Euromex Digicam 5000 am MFN11-Trinotubus mit 1,1facher Vergrößerung.

Grüße
wolfgang
http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=785.msg3654#msg3654
LOMO-Service
Das Erstaunen bleibt unverändert- nur unser Mut wächst, das Erstaunliche zu verstehen.
Niels Bohr

Dünnschliffbohrer

Hallo Wolfgang,

interessanter Beitrag (ich "liebe" Polyvinyllactophenol wegen der einfachen Handhabung). Ein paar Fragen hätte ich noch:
1) Worin Unterscheidet sich das Zeugs von Polyvinyllactophenol?
2) Wo kriegt man es her und wie teuer ist es?
3) Halten sich Färbungen darin (eigentlich färbe ich ja gar nicht, aber vieleicht möchte ein anderer es tun)?
4) Ist es genauso sauer, wie Polyvinyllactophenol, oder irgendwie gepuffert?
5) Härtet es wirklich so schnell aus (PVLP brauchte bei mir immer mehrere Wochen)?
6) Hast du auch mal Versucht, kleine Arthropoden, z.B. winzige Insekten, einzubetten (ging mit PVLP immer recht gut)?
7) Kann man es mit Wasser auch wieder auflösen?
8) und ganz wichtig: wie stark schrumpft es beim Trocknen (PVLP ganz beträchtlich bis es richtig fest ist, hängt natürlich davon ab, wie stark es verdünnt war und wieviel Wasser noch an den einzubettenden Objekten hing.
9) Liegt die beobachtete Kristallbildung vieleicht an einer Kalksalzbildung bei verwendetem Leitungswasser?

und noch eine kleine Anmerkung hätte ich:

Du schreibst bei den Kristallen "optisch aktiv", meinst aber wohl eher "doppelbrechend". Das ist etwas anderes. Optisch aktiv bedeutet die Drehung der Schwingungsebene von polarisiertem Licht bei dem Durchtritt durch eine entsprechende Kristallplatte, proportional zur durchstrahlten Dicke. Das können nur wenige Kristalle. Z.B. Quarz.
Doppelbrechend bedeutet die Aufspaltung eines Lichtstrahles beim Durchgang durch den Kristall in zwei senkrecht zu einander schwingende Wellen, die sich im Kristall dann auch noch unterschiedlich schnell fortpflanzen und mit geeigneten Maßnahmen hinterher wieder zur Interferenz gebracht werden können (nämlich mit dem Analysator). Das können alle Kristalle, außer den hochsymmetrischen, den kubischen.

Schönen Abend noch, - Dsb.
"Und Gott sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; und er schuf um ihn Laubmoose und Lebermoose und Flechten und ein Mikroskop!"
[aus: Kleeberg, Bernhard (2005): Theophysis, Ernst Haeckels Philosophie des Naturganzen,  S. 90]

anne

Hallo Wolfgang,

da ich von Dir auch eine Probe erhalten hatte, kann ich meine Erfahrungen beisteuern.

Beim Einbetten von Algen direkt in Magnacol, hatte ich gute Ergebnisse. allerdings nach ca. 3 Monaten auch Rissbildung.

Insekten die ich direkt aus der Milchsäure eingebettet habe ergaben unschöne Mkroblasen zu hauf.

Ohne Milchsäure hatte ich gute Ergebnisse.

Insgesamt, wie Du schon sagst, einfach handzuhaben und damit als Allrounder sehr nett.

lg
anne

liftboy

Hallo erstmal,

Hersteller ist

http://www.magnacol.co.uk/

hier gibt es dann auch weitere Informationen (in englisch)

Im Gegensatz zum reinen Polyvinyllaktophenol (das ich auch schon verwendet habe)
ist Magnacol vermutlich gegen Pilzbefall stabilisiert.
Andererseits ist nicht ausgehärtetes Magnacol nicht stabil gegen Sonnenlicht.
Ich hatte die Balsamflasche auf meinem Arbeitsplatz am Fenster stehen, was zu einer Trübung der Substanz führte, welche im Präparat zu starken Artefakten führte.
Wenn man die Flasche im Dunklen aufbewahrt passiert das nicht!
Gemäß Merck Indikatorpapier liegt der ph Wert bei 5, wobei die Aussage nicht eindeutig ist; Lackmuspapier wird nicht gefärbt.
Ob Färbungen ausgezogen werden, muss ich bei der nächsten Schnittserie ausprobieren.
Arthropoden fixiere ich immer zuerst in Medium nach Vitzthum, dann die Alkoholreihe zügig hinauf, um dann dem Alkohol Euparal zuzusetzen.
Das Ganze kann dann offen eindicken (Staubschutz nicht vergessen) und wird dann bei Honigkonsistenz verarbeitet. Man muss allerdings vorsichtig arbeiten, damit die Objekte nicht zerbrechen. Meist verwende ich einen Distanzring aus Papier zwischen Objektträger und Deckglas.
Magnacol ist wasserlöslich!
Verunreinigungen können sofort mit Wasser entfernt werden, Spuren auf dem Objektträger und dem Deckglas entferne ich nach Aushärten des Präparates mit einem nassen Tuch.
Ob sich ein fertiges Präparat wieder im Wasser auflöst, werde ich testen.
Bei Dünnschichtpräparaten (Schnitte etc.) kann man die Schrumpfung  vergessen.
Anders bei dickeren Objekten! Wenn ich z.B. versehentlich ein Sandkorn zusammen mit dem Detritus eingebettet habe, zieht Magnacol keine Luft an, sondern erstmal das Deckglas herunter; das kann sogar zum zerspringen des Glases führen.
Bei großflächigen Objekten wird jedoch Luft hereingezogen.
Die Artefaktbildung habe ich noch nicht genau ergründen können, zumal auch das Aquarienwasser gelöste Salze enthält. Leitungswasser war nicht im Spiel.
Mit dem Hinweis ,,optisch aktiv" wollte ich nur ausdrücken, dass der durchgehende Lichtstrahl verändert wird. Unsere Kristallspezialisten werden dazu wahrscheinlich mehr sagen können.

Grüße
Wolfgang
http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=785.msg3654#msg3654
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Niels Bohr

liftboy

Magnacol 2.0

Hallo erstmal,

hier die weiteren Informationen zu Magnacol.

Zuerst die Antwort auf die Frage: Wasserlöslich?

Hier ein deutliches ,,Ja"!
Ein ,,verhunztes" Präparat kann in eine Petrischale gelegt, mit Wasser übergossen und zugedeckt werden. Nach ca. 2Stunden kann das Deckglas abgenommen werden, das Objekt korrigiert und neu eingedeckt werden.

Nun zu den Artefakten:

Aus einer dem Sonnenlicht ausgesetzten Probe wurde der schleimige Teil auf einen Objektträger gegeben und eingedeckt.
Ergebnis:



Die typischen Magnacol-Artefakte.
(leicht zu erkennen, -und zu ignorieren, wenn man sie kennt)



Hier ein völlig neuer Artefakttyp.
Die Punkte entstanden (in der Eile) durch erhitzen des Objektträgers auf ca. 60°C zur schnelleren Trocknung.
Ein erhitzen von reinem Magnacol erbrachte keinen Effekt in dieser Richtung.
Hier werde ich noch weiter nachgrasen!

Hier ein interessantes Experiment:
Einbettung von Tulpenpollen in verschiedenen Medien (darunter Magnacol)

Zuerst Einbettung in Rapsöl (wurde von einem Forumskollegen empfohlen)
Funktioniert aber nur mit Lackring!



Die Einbettung als Luftpräparat war unbefriedigend, eventuell muss ich da mit einem Auflichtgerät dran.



Nun die Einbettung in Magnacol.
Deutlich ist eine Quellung der Pollenkörner zu erkennen (ein Wasserpräparat verhielt sich ähnlich)



Die Einbettung in Euparal brachte die gleichen Ergebnisse, wie in Rapsöl.
Da sehe ich keine Vorteile.



Hier die Einbettung in Eukitt.
Wie bei Euparal direkt ohne Zwischenmedien.
Deutlich zu erkennen, dass bei Eukitteinbettung vorher in Xylol angefeuchtet werden muss!



Nach meinen bisherigen Erfahrungen muss ich sagen, dass Magnacol für Schnelleinbettungen direkt aus Wasser ideal geeignet ist.
Auf Grund der verhältnismäßigen Ungiftigkeit kann es für die arbeit in Schulen und Kursen empfohlen werden, da keinerlei Lösungsmittel erforderlich sind.
Über die Haltbarkeit im Lauf der Jahre kann jetzt noch keine Aussage getroffen werden; die Präparate werden alle ohne Lackrand aufbewahrt, damit Aussagen zu Verpilzung getroffen werden können.

Grüße
Wolfgang
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