die sensationelle Widerstandskraft von Wurmeiern

Begonnen von ammererlutz, August 24, 2020, 19:07:09 NACHMITTAGS

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ammererlutz

Und wieder juckt der....

hier kurz die Beweisführung aus dem heutigen Arbeitstag: mittels Tape-streifen wird am Anus ein Klebepräparat angefertigt, das heißt der Klebestreifen wird ganz einfach auf einen OT geklebt. ( Bild 1)
Man sieht dann in tadelloser Qualität nativ der Eier der Würmer
( Bild 2 Phako 200x)

Möchte man dauraus ein Dauerpräparat herstellen, muß der Klebstoff gelöst und der Tixo-Streifen vom OT abgelöst werden.

Die Färbung der Eier funktioniert am einfachsten mit Karbol-Fuchsin, das auch die Schalen färbt, Bild 3 ( 400x), mit den meisten gängigen anderen Färbemethoden bleiben die Eier ungefärbt.

leider erkennt man aber so die Embryonen in den  Schalen nicht.

Interessanter ist es, die Schalen chemisch durchlässig zu machen und dann nach Giemsa zu färben:  Bild 4  mit den Embryonen und schlüpfende Wurmlarven (offenbar wurden durch einen mir nicht bekannten Schritt in der "Behandlung" zahlreiche Larven zum Schlüpfen angeregt.)

Sehr interessant dabei ist, wie unglaublich widerstandsfähig die Eier sind ( Eltern können von den deswegen ständig wiederkehrenden Madenwurminfekten der Kinder ein Lied  singen): Trotz Behandlung mit Xylol, Aceton, 100% OH, Methanol, Färbelösungen etc bis zum Eindecken in Histokitt blieben noch erstaunlich viele Embryonen vital: in Bild 4 die ungefärbten lebenden Embryonen erkennbar bei 12 Uhr und 5 Uhr.

Im Video sieht man die Bewegungen der Embryonen im Ei trotz Fixierung, Färbung, Behandlung mit Aceton und Säure ( auf Hitzebehandlung wurde natürlich verzichtet, um die Morphe der Embryonen nicht thermisch zu schädigen)
https://www.dropbox.com/s/94shdle0wsb88ay/enterob.avi?dl=0

PS Beim Umgang mit infektiösem Material dieser Art, habe ich daher eigentlich mehr Respekt als vor potentiell mit Corona Partikeln benetzten Verpackungen oder Türklinken :-), wie man sieht hilft da weder Alkohol noch Seife....( noch dazu wenn die Untersuchungshandschuhe am Klebestreifen haften und einreißen ....)
mit freundlichen mikroskopischen Grüßen,
Lutz

"Mikroskope und Fernrohre verwirren eigentlich den reinen Menschensinn" ( Goethe)

rlu

#1
Es ist schon wirklich erstaunlich, dass sich nach dem Anfärben der Eier auf dem Video noch was rührt.
Zumindest beim Schlüpfen ist dann Endstation? Durch den Juckreiz gelangen sie, wenn sich die Kinder kratzen, unter die Fingernägel und
verteilen sich dann weiter.

Wie kann man jetzt ein Dauerpräparat daraus machen? Ich habe schon mal von einen Klebestreifen von Leica gehört,
der sich auflösen kann. Wie würde man hier vorgehen? Schließlich will man die Eier möglichst wenig verteilen.
Das könnte auch für andere Abklatschproben interessant sein, z.B. Sporen und Schimmelpilze.

Madenwurm


Der Wurm besteht eigentlich nur aus Eiern


Liebe Grüße
Rudolf



ammererlutz

Zitat von: rlu in August 25, 2020, 08:38:19 VORMITTAG


Wie kann man jetzt ein Dauerpräparat daraus machen? Ich habe schon mal von einen Klebestreifen von Leica gehört,


Liebe Grüße
Rudolf

Den Klebstoff kann man mit xylol lösen, danach den Plastikstreifen abziehen, die Eier haften danach am OT und lassen sich färben und zum Dauerpräoarat verarbeiten.
Lg
mit freundlichen mikroskopischen Grüßen,
Lutz

"Mikroskope und Fernrohre verwirren eigentlich den reinen Menschensinn" ( Goethe)

Michael Müller

Hallo Lutz,
sehr interessanter Beitrag!

Zitat von: ammererlutz in August 24, 2020, 19:07:09 NACHMITTAGS
Interessanter ist es, die Schalen chemisch durchlässig zu machen und dann nach Giemsa zu färben:

Könntest Du die Behandlungsschritte zum durchlässig machen der Eischalen beschreiben? Ich suche schon länger eine Möglichkeit in (Gastrotrichen-) Eier hinein zu färben.

Viele Grüße

Michael
Gerne per Du

ammererlutz

#4
Zitat von: Michael in August 25, 2020, 10:50:25 VORMITTAG


Könntest Du die Behandlungsschritte zum durchlässig machen der Eischalen beschreiben? I

Viele Grüße

Michael

Es gibt sicher ein wissenschaftlicheres Protokoll dafür, war eher experimentell, hat aber funktioniert:

Lösen des Klebers: 20 Minuten in xylol
Reinigen in Aceton 5 Minuten
Fixieren in Methanol 10 Minuten
Behandlung der Eierschalen trial and error : erst 5 Minuten kalilauge, dann wässern,  dann salzsäure-Alkohol 5 Minuten

Danach funktionierte die Färbung (Pappenheim, um auch die nun zugänglichen Embryonen mit MG zu fixieren) ob es die Lauge oder die Säure ausmacht, könnte man natürlich ausprobieren.
Lg
mit freundlichen mikroskopischen Grüßen,
Lutz

"Mikroskope und Fernrohre verwirren eigentlich den reinen Menschensinn" ( Goethe)

ammererlutz

#5
ergänzend hier der Lokalbefund im Darm des Menschen, Befall der Appendix des Dickdarms ( Querschnitt) mit quer getroffenen Enterobius ( erkennbar Ovarien in den unteren Schnitten und  mit Eiern gefüllter Uterus im mittleren Schnitt Bild 2 und 3 , Darmrohr Bild 2 im oberen Schnitt  des Wurmes), wo schon mal eine "Blinddarmentzündung" ( Appendicitis) daraus werden kann. in Bild 4 Detail der zahlreichen Lymphfollikel in der Submucosa der Appendix als lymphatisch sehr aktivem Organ ( 100x)
( HE,25x/ 100x/ 200x)
mit freundlichen mikroskopischen Grüßen,
Lutz

"Mikroskope und Fernrohre verwirren eigentlich den reinen Menschensinn" ( Goethe)

rlu

#6
Die Eier sind ziemlich in der Mitte vom Blinddarm(im Lumen=Hohlraum) und nicht mit dem Gewebe verwachsen. Bild 3 auf drei Uhr.
Was könnte das dann in der Mitte sein? Hat der Körper versucht die Eier einzuschließen oder ist das eine Schleimabsonderung vom Darm?

Appendizitis (Blinddarmentzündung)
"Eine Appendizitis kann durch eine bakterielle, virale oder parasitäre (z.B. durch Würmer) Infektion entstehen, die in 60% der Fälle durch eine Verlegung des Lumens durch Kot oder Schleim begünstigt wird."

Im "Parasiten des Menschen", R.Ringelmann, B.Heym:
Typische Symptome: Juckreiz, Gedeihstörungen bei Kindern, selten Durchfall
Atypische Symptome: Infektionen des Urogenitalbereichs, Vaginitis, Peritonitis(Bauchfellentzündung) durch verirrte Larven, atypische Appendizitis
ca. 25% der Weltbevölkerung sind infiziert

wikipedia/Pinworm_(parasite)

ZitatPinworms are particularly common in children, with prevalence rates in this age group having been reported as high as 61% in India, 50% in England, 39% in Thailand, 37% in Sweden, and 29% in Denmark
Prevalence answers "How many people have this disease right now?"

Die Eier vom Schistosomen, Verursacher der Bilharziose, können sich enzymatisch durch das Gewebe bewegen, die Hälfte bleibt stecken und erreicht weder Blase noch Darm, was Entzündungen und Verstopfungen hervorruft. 200-300 Millionen Fälle im Jahr. Das ist bei den Madenwürmer zum Glück nicht der Fall.

Finde die Stelle gerade nicht. Die Eier sollen bis zu 3 Wochen im Hausstaub überleben. Sie sterben erst ab 60°C ab.

Liebe Grüße
Rudolf

ammererlutz

#7
Zitat von: rlu in August 27, 2020, 23:55:15 NACHMITTAGS
Die Eier sind ziemlich in der Mitte vom Blinddarm und nicht mit dem Gewebe verwachsen. Bild 3 auf drei Uhr.
Was könnte das dann in der Mitte sein? Hat der Körper versucht die Eier einzuschließen oder ist das eine Schleimabsonderung vom Darm?

[
Liebe Grüße
Rudolf

??

in den Fotos sieht man quer geschnittene Teile des Wurmes/ der Würmer im Lumen der Appendix, die Eier befinden sich im Uterus des weiblichen Wurmes. Die Angaben "unten/ mitte/ oben" bezogen sich natürlich auf die Stellen am Bild und nicht auf anatomische Strukturen ( da verwendet man ja eine präzisere Fach-Sprache) .
Das 25x Bild zeigt den Überblick mit dem mit Würmern gefüllten Lumen, der Mucosa , der Submucosa mit eingelagerten Lymphfollikeln, der muscularis mit Längs und Quermuskultur, die Serosa und bei 7 Uhr die Mesoappendix.

Hier nun zum Vergleich :Bild 25x: akute ulcero-phlegmonöse Appendicitis ( ohne Oxyuren)

mit freundlichen mikroskopischen Grüßen,
Lutz

"Mikroskope und Fernrohre verwirren eigentlich den reinen Menschensinn" ( Goethe)

rlu

#8
Hallo Lutz,
das ist mir beim ersten Mal durchlesen nicht aufgefallen, dass das so ein Glückstreffer war und der Wurm/Würmer mit den darin enthaltenen Eiern als Querschnitt im Blinddarm vorliegen. Tolles Präparat und Bild.
Danke für die Info
Rudolf

ammererlutz

Zitat von: rlu in August 28, 2020, 10:41:20 VORMITTAG
Hallo Lutz,
das ist mir beim ersten Mal durchlesen nicht aufgefallen, dass das so ein Glückstreffer war und der Wurm als Querschnitt im Blinddarm vorliegt. Tolles Präparat und Bild.
Danke für die Info
Rudolf

ja so einen Glückstreffer gibt es heute kaum noch, da viel seltener Appendektomiert wird, vorher immer Ultraschall/ CT usw., früher war man beim Operieren viel "großzügiger" bei schmerzhaftem McBurney, da fand man dann solche Gustostückchen :-)
mit freundlichen mikroskopischen Grüßen,
Lutz

"Mikroskope und Fernrohre verwirren eigentlich den reinen Menschensinn" ( Goethe)

rlu

#10
Als Betroffener. Früher scheint der Blinddarm die heutige Hüfte gewesen zu sein.
Ich weiß noch genau, vielleicht war ich zehn und im Krankenhaus, dass da der McBurney dauernd getestet wurde. Reindrücken in den Bauch zwischen Nabel und Hüftknochen(Darmbeinstachel), dann schnell loslassen und wenn der Patient schreit, dann ist es Blinddarm. Was sagen die Eltern: Kind nicht drücken, sonst entzündet sich das.  ;)

Damals wurde ja noch nach Liegezeit bezahlt, heute nach geschnittenen Meter/DRG(Fälle) - nach vier Tagen wurde er dann entfernt. Mit der Begründung, so kann man immer auf Expedition gehen, ohne Gefahr zu laufen eine Blinddarmentzündung zu kassieren.

,,Der Begriff Blinddarmentzündung ist medizinisch eigentlich nicht korrekt, es müsste Wurmfortsatzentzündung heißen".
"Mediziner sprechen daher lieber von Appendizitis als von Blinddarmentzündung."

Was ich faszinierend finde, dass der Dünndarm praktisch quer am Dickdarm befestigt ist und dadurch der Blinddarm entsteht. Würde das ein Klempner so machen, dann würde man von Pfusch sprechen, weil dann immer Totwasser in der Leitung bleibt. Die Natur wird schon einen Grund haben, warum sich dieses Konzept durchgesetzt hat.

Es scheint weniger Fälle zu geben, Vielleicht liegt es wirklich daran, dass wir weniger von Parasiten belastet sind; nur eine These.

Was ich auch noch erstaunlich finde, dass nach der Entfernung des Wurmfortsatzes die Stelle am Darm zusammenwächst. Manchmal klappt es nicht so gut, eines der größeren Baustellen in der Chirurgie, wie es scheint.
Liegt es am Mikrobiom? Vermutlich eine Wahrheit.
Rätsel um undichte Darmnähte gelöst - Deutsche Gesellschaft für Chirurgie(Mikrobiom)






rlu

#11
Die Tabelle soll zeigen wie erfolgreich Würmer und wie widerstandsfähig Wurmeier sind. Auch wenn es diese Würmer bei uns, bis auf die Madenwürmer nicht gibt - der Rest der Welt hat mit riesigen Infektionszahlen zu kämpfen. Die anderen Würmer sind keineswegs so harmlos wie Madenwürmer und die Liste ist bei weitem nicht vollständig. Erst mit vernünftigen Toiletten, Kläranlagen und Wasserversorgung und flächendeckender Behandlung, wäre das vermutlich in den Griff zu kriegen.

Fäkalien oder verunreinigter Urin sind Auslöser für Wurmerkrankungen. Larven bohren sich durch die Haut, wenn man auf fäkalienverseuchten Grund ohne Schuhe läuft oder man nimmt sie über Nahrung oder Trinkwasser auf oder man wird beim Baden oder bei der Arbeit im seichten Wasser von Zerkarien befallen, die ursprünglich aus Eiern vom Urin stammen.
Auch wenn nur wenige Wurmerkrankungen direkt zum Tod führen, bedeutet das für 1,5 Milliarden Menschen, dass sie dauernd krank sind, einschließlich der Kinder, die sich verzögert entwickeln und in der Schule nicht aufpassen können.

Am 19. November ist Welttoilettentag.

Die Kanalisation in München ist jetzt rund 100 Jahre alt. Wir wissen nicht, ob wir die Kanalisation eher Pettenkofer oder Therese von Bayern(Theresienwiese) zu verdanken haben. Therese starb am 26. Oktober 1854 als Opfer der Cholera, nachdem sie in München an einem Dankgottesdienst für das Ende der Epidemie in München teilgenommen hatte, bei der 9000 Opfer(9% der damaligen Bevölkerung) zu beklagen waren.

Dass die Königin starb, die noch dazu in der Bevölkerung beliebt war, bewies, dass nicht nur die arme Bevölkerung davon bedroht war. Das führte dazu, dass das Thema und die dafür notwendige Aufmerksamkeit höher priorisiert wurden und die dafür notwendigen Gelder bereit gestellt werden konnten. --> Das scheint bei Würmern und vernachlässigten Tropenkrankheiten nicht der Fall zu sein.

"Um 1850 gibt es nur vereinzelt Abwasserkanäle in München, die beliebig verteilt waren. Wegen fehlender Abwasser- und Trinkwasserleitungen gilt München noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts als eine der dreckigsten Städte Deutschlands. Abfälle und Fäkalien landen in Abortgruben oder auf der Straße. Pettenkofer plant, die gesamte Stadt zu untertunneln. Das Abwasser soll aus der Stadt geleitet und eine zentrale Trinkwasserversorgung eingerichtet werden. Ein gigantisches Bauprojekt, das viel kostet und in der Bevölkerung deshalb nicht von allen befürwortet wird." 
Quelle BR 

Danach war Schluß mit der Cholera in München.





Daten aus:
1 aus Parasiten de Menschen, R.Ringelmann, B.Heyn, Steinkopff Verlag
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