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Die Legende vom Mikroskopiker

Begonnen von reblaus, November 25, 2009, 16:22:39 NACHMITTAGS

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reblaus

Es war einmal in Knabe, dessen größte Freude es war, durch eine mehrlinsige Röhre, die da heißt "Mikroskop" den Mikrokosmos zu bewundern: Um dessen Gesichtsfeld hatte der Schöpfer sein Versöhnungszeichen, den Regenbogen, gelegt und dem Knaben eingegeben nicht im Buch der Erkenntnis über dieses Gerät zu lesen und stattdessen die Schöpfung zu beobachten: Wimmelnde Paramecien und Flagellaten, zuckende Glockentierchen, kreiselnde Rotatorien, Blutkörperchen aus dem Finger und (später) generativen Zellen woanders her.

An der hohen Schule lernte der Knabe dann, dass man an einem teureren Gerät noch viel mehr - ja sogar bisher Unbekanntes - sehen konnte, wenn man an Irisblenden und einem Drehknopf unter dem Tisch richtig herumfummelte. Er lernte auch, dass das Vergnügen an diesen Erkenntnissen noch zu steigern war, wenn man sein Objekt notfalls in Scheiben schnitt und mit bunten Farben colorierte. Dem Schöpfer passte das nicht, und er reduzierte seinen Regenbogen um das Gesichtsfeld zu einem schmalen roten Ring, aber der unschuldige Knabe wusste nicht warum.

Später wollte der Knabe sein Vergnügen ausdehnen und anderen in Form von Publikationen zeigen können. Deshalb montierte er ein Rohr auf ein Loch in seinem Mikroskop und setzte seine Spiegelreflexkamera ohne Objektiv darauf und hatte viel Freude an bunten Dias. Später kamen jüngere Knaben und hatten auch Erfolgserlebnisse mit diesem Gerät. Und der Schöpfer hatte allen viele Jahre lang die Unschuld bewahrt.

Als der alte Knabe dann pensioniert war und er sein früheres Vergnügen mit einem alten Gerät wieder aufwärmen wollte, verführte ihn die Schlange in Form des Internets und zeigte ihm Fotos von Strichplatten und grellbunte Bilder im "Mikroforum" und er las im Buch der Erkenntnis, das da heißt ,, Mikrofibel", und er sah, dass er nackt war.

Da vertrieb ihn der Schöpfer aus seinem Kindheitsparadies und er durfte hinfort nicht mehr den Mikrokosmos bewundern und mit Dias festhalten, die in den Ecken das Zeichen des Regenbogens zeigen, sondern er muss fortan im Schweiße seines Angesichts Bildfelder ebnen, Farbrestfehler korrigieren, Abgleich- und Tubuslängen justieren, im Acker der Bucht Projektive ausgraben, nach dem heiligen Gral eines 1,7 fachen Kompensationsobjektivs suchen und Bilder stacken. Sein müdes Haupt kann er nicht mehr auf das Kopfkissen legen ohne dass ihm die jüngste Entdeckung der kissenförmigen Verzeichung von Zeiss KPl und CPl - Okularen den Schlaf raubt.

Vermutlich wird er nach seinem Tod als Geist weitermachen müssen und wünscht bis dahin allen das Beste

Rolf

Frank D.

Wahrlich, wahrlich,

aber bedenke: "Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar".
Verlerne es nie wie ein Kind zu sehen und trotzdem den Farbfehler zu kompensieren!

Genesis der Optik / Kapitel 3
Frank

Peter V.

 ;D

Ein weiterer Smiley fehlt leider - der für den Gsichtsausdruck "Nachdenklich".

Vielen Dank für diiese nette Geschichte!

Herzliche Grüße
Peter

Dieses Posting ist frei von kultureller Aneigung, vegan und wurde CO2-frei erstellt. Für 100 Posts lasse ich ein Gänseblümchen in Ecuador pflanzen.

Druse

... um so mehr freue ich mich, dass ein einfaches Handy-Foto auch Beachtung gefunden hat...

Danke Rolf für Deine Legende :)

Viele Grüße
Mila

Manfred Rath

Danke Rolf,
wirkt wie Balsam auf meine geschundene Seele...

Schönen Gruß
Manfred
Ich lebe in der Region "Steirisches Vulkanland" - bin aber kein Vulkanier sondern waschechter Steirer.

Dr. Jekyll

#5
Hallo Mikroskopiker,

eine sehr schöne Geschichte!
Ich werde daran denken, wenn ich einmal wieder nicht zufrieden bin mit meinen Mikroskopen und dem was sie mir bieten.

Gruß
        Harald
Beste Grüße
Harald

Jürgen Boschert

Hallo Rolf,

einfach herrlich und kreativ. Und ...

danke für die besinnlichen, nachdenken machenden Worte.

Gruß !

JB
Beste Grüße !

JB

Klaus Herrmann

Hallo,

das ist natürlich janusköpfig. Einerseits ist das Schielen nach dem immer Besseren ein wenig wie beim Fischer mit seiner Frau Sie war nie zufrieden.
Das Ende kennt der Märchenkenner.

Aber ohne das Streben nach weiterer Verbesserung würden wir noch immer in Fellen vor dem Lagerfeuer sitzen.

Im Hobby-Bereich soll die Freude am eigenen Erleben und Entdecken im Vordergrund stehen und man darf aber auch voller Bewunderung auf  begabte Tüftler schauen, die tolle Ergebnisse erzielen.

Nicht alle Frauen können wie Claudia Schiffer aussehen - und nicht alle Männer wie Quasimodo!  ;D
Mit herzlichen Mikrogrüßen

Klaus


ich ziehe das freundschaftliche "Du" vor! ∞ λ ¼


Vorstellung: hier klicken

reblaus

Hallo Klaus -
naja, beim Quasimodo wars, glaube ich, nicht Claudia Schiffer, sondern Gina Lollobrigida (gefiel mir eh besser); aber jetzt muss ich mich wieder meinen Optimierungsarbeiten zuwenden!
Gruß
Rolf

Nomarski

Zitataber jetzt muss ich mich wieder meinen Optimierungsarbeiten zuwenden!

Knarrende Geräusche aus dem Triebkasten und Krümel auf der Telanoptik können manchal störender sein als kissenförmige Verzeichnungen und falsche Tubuslängen. ;D